Somriags-eUager Attustrirtes SoimtagsöLan.
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Jl=. äIÖ Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder der« Raum 10 Psg. tSDltllfllfl 25 OffObCt 1903.
Reclamen: die Zeile 25 Pfg. »' _________________________
Erstes Blatt.
Die Gemälde in der Aula der Universität Marburg.
Bei b?nt Rektoratswechsel am 18. Oktober kam •er vom Amte scheidende bisherige Rektor der Ilni- »ersität, Prof. Dc. B i r t, in seiner Rede über die Ereignisse des Studienjahrs 1902/03 auch auf die wrade vollendete kiinjtlerische Ausschmückung der ilnla zu sprechen, die in den Händen von Professor Janssen in Düsseldorf lag.
Dieser Teil der Rede, welcher sich eingehend über die tiefere Bedeutung, die der Bildcr-Cyclns jiir die Geschichte der Stadt Marburg besitzt, aus- läfet ,wurde uns, einem allgemeinen Wunsche entsprechend, zur Veröffentlichung übergeben. Die Ausführungen des Redners lauteten:
Aber auch unserem Universitätsgebäude ist sie Fürsorge des Herrn Ministers zu Gute ge- *oinmen. Ich denke an die künstlerische Aus- jchmückung dieies Hauses und rede dabei nicht von peil alten Fürsteubildern und Prosessorenbildern, eic, seit langem verschwärzt und unscheinbar ge- vordeu, von einem geschickten Frankfurter Techniker nunmehr großenteils aufgefrischt sind. Die Kosten der Restaurierung dieser Bilder werden «ms dein Fond, der dein Rektor zur Verfügung steht, bestritten. Allerlei malerisches Detail ist dabei in seiner Feinheit erst jetzt zu Tage getreten. Dreizehn der Professorenbildnisse habe ich mir erlaubt zum Schmuck des Hauptslurgangs dieses Haines zu verwenden. Denn dieser Flur entspricht den .Oreuzgängen der alten Klöster, in denen man feit langem sinnig genug ist, denkwürdige Erinnerungen ausznsiellcn und allen sichtbar zu machen. So stellte auch der alle Römer die Imagines seiner Vorfahren im Atrium auf. Denk- würdig aber sind jene alten Gelehrtengesichtcr, wennschon wir ihrer in Wirklichkeit wenig geden- kcm und die meisten nicht einmal bei Namen zu neunen wissen. Ein deutlicher Namensinder unter den Bildern wäre daher für uns Bedürfnis.
Der besonderen Munijirenz der Regierung haben wir endlich Dank für die Auszierung dieser Aula zu sagen. Mit den farbenreichen Bildern, die hier zum ersten Mal dem Publikum gezeigt werden, bat das Ministerium in der Fürsorge für diesen Universitätsbau sein letztes großherziges Versprechen eingelöst. Dieser Festsaal hat schon manch feierlichen Akt beherbergt: aber der Saal war bi eher nur ein elegantes Provisorium: er ist jetzt erst wirklich er selbst geworden. Wir freuten uns schon immer an der Weite des Raums, seinen vornehmen Verhältnissen, seinem Lichtreichtum, der Schönheit der Paneele und deS Holzschnitzwerks, der Fensterbildnng und der Lichterkronen. Tie Wände selbst aber waren leer und stumm und suchten bisher nur durch einige höchst grell aufgelegte Farbenstriche in den Tvmpgna das Auge zu frappieren. Es war die Buntheit der Verlegenheit. Jetzt sind die Wände ein großes aufgcschla- genes Bilderbuch geworden, und sie reden zu Farbensinn und Phantasie in einer Weise, die das Gemüt festlich und harmonisch stimint, ohne es doch von dem, was hier die Hauptsache ist, vom Wort des Redners dauernd abzulenken.
Im Jahre 1895 wurde dem Wunsch des Senats entsprechend Herrn Professor Janssen in Düsseldorf die Ausführung der Malereien in Auftrag gegeben. Mitte Juli dieses Sommers tvurde mit dem Aufziehen der Bilder und der Ausführung der sonstigen Dekorationen begonnen. Vor drei Tagen, am 15. Oktober, endlich sind die Gemälde der Universität als Eigentum übergeben worden. Dank sei hiernach dem Genie des Künstlers 51tgerufen, der, indem er ein Lebenswerk von acht Jahren uns widmete, mit Marburgs Namen dauernd verwachsen ist: ausdrücklicher und wiederholter Dank aber auch unserm Herrn Kurator, der, selbst ein Freund des Künstlers, das Werden des Ganzen mit gespanntem Interesse begleitet hat.
Was sehen wir?
Mächtige wandhohe Flächen voll bewegter Menschengruppen: unter sich abgetrennt durch schöne, reich durchgoldete Teppichmuster und Wandfäulen in energisch schwer dunklen Farbentönen. Diese prachtvolle, ja, prunkende Umrahmung, die kein Rahmen ist, aber ihn ersetzt, isoliert die Bilder in dem Grade, wie sie dessen bedürfen. Denn Bilder sind wie Inseln in Fluß: die Umrahmung entspricht der Uferbildung. Die schöne Uferbildung gibt den Inseln den Reiz, der uns anlockt, sie zu betreten.
Hoch oben, in die Umrahmung eingestellt, ziehen sich im Fünfpaß 14 deutlich sichtbare monochrome Portraits berühmter Universitätslehrer hin, voin alten Ferrarius und Eobanus Hessns bis hinab zu Bunsen und Zeller.
Oberhalb des Festredners sowie über der Orgel finden sich Aufschriften mit Angabe über die erste Gründung der Universität und ihre erste Erneuerung in lateinischer Sprache, dein Gelehrten- deutsch jener Zeiten. Diese Aufschriften werden von geflügelten Ruhmcsgenieii gehalten.
Aber auch an der Fensterwand hat der Künstler nicht mit Schmuck gespart. In den hohen seitlichen Zwickeln ist dort die Geschichte von Otto dem Schützen dargestellt: ein hessischer Märchen- stoff, der gleichsam von außen her uns in das Fenster schaut. Leider sind jene Zwickelbilder ohne künstliche Beleuchtung ganz unsichtbar und ruhen in tiefstem Schatten. Otto der Schütz, der Troubadour und Liebesheld, trägt offenbar Scheu, sich in diesem Saal der Gelehrsamkeit zn zeigen. Oder sollen wir sagen, daß er mit uns auf baldige elektrische Beleuchtung hofft?
Der Hanptbildercvklus aber zerfällt in sieben Darstellungen: das ist die mystische Zahl der Kunst: auch die griechische Leier hatte ihre sieben Saiten. Und der Cyklus beschränkt sich nicht auf die Uiiiversitätsgeschichte int engeren Sinne, sondern gibt weiter ausholend die Hauptkultnrereig- nisse des 13. bis 18. Jahrhunderts, die mit Marburgs Namen verknüpft sind. Vorau eine Tri- togie: Elisabeth von Konrad von Marburg gezüchtigt: der Auszug der Ordensritter aus der Marblirger Ballet; die Begründung der hessischen Dynastie oder das Kind von Hessen, das von Sophie dem Voll Marburgs gezeigt wird. Diesen ersten drei Bildern entsprechen drei weitere, die der Reformation selbst angehören. Philipp empfängt die großen Reformatoren auf der Höhe seines Schlosses: die Schlacht bei Laufen, in der derselbe Philipp für die protestantische Sache den Sieg gewann: die Dominikanermönche, die eben jenes Kloster zu räumen im Begriff sind, auf
(Nachdruck verboten.)
Komödie.
Erzählung ans dem Grvßstadtleben von W. Schönau.
Herbstwoller! Heulend sagt der Nordwind durch die SI raßen, eine Wolke von Stand und dürren Blättern vor sich herwälzend. Ein Regenschauer prasselt hernieder. In wilder Hast flüchten die Spaziergänger in die Easäs und Restaurants. Die eben noch mäßig besetzten Straßenbahnwagen sind im Nu überfüllt. Die Halle- ftcllen gleichen wimmelnden. Ameisenhaufen. Bei jedem neu ankonuucnden Wagen dasselbe rück- fichtsloie Drängen und Stoßen der Menge. Unter ihr befindet sich eine ärmlich gekleidete, blasse Frau mit einem Säugling ans dem Arni an der andern Hand führt sie ein kaum zweijähriges Mädchen, ein etwa dreijähriger Bub' klammert sich ängstlich an ihre Rockfallen. Schon vier Wagen sind vorübergefahren, und noch ist cs ihr nicht gelungen, Platz zu finden, immer wieder ist sie zurückge- drängt morden. ?n endlich beim fünften erbarmt sich eine mitleidige Seele und hebt ihr die Kinder auf den Perron des Wagens. Es sind gerade noch drei Plätze frei. Unwillig rücken die Insassen zusammen, und eine elegante Dame zieht indigniert und mit bösem Gefichtsausdruck ihr Kleid an sich, als die geflickten, mit Riestern besetzten Schühchen des kleinen Knaben etwas zu sehr in ihre Nähe kommen. Erschreckt rückt der Flachskopf etwas beiseite, sich sichtlich Mühe gebend, die Nachbarin nicht zu berühren. An seiner Seite sitzt sein Schweflercheii und schaut nist den großen Blan- ciugcn neugierig im Wagen umher, während das kleinste auf der Mutier Arm jauchzend nach den
blanken Knöpfen an der Uniform de§ Kondukteurs greift, der soeben herantrift.
„Zwei zu zehn!" sagt die Frau und reicht ihm zwei Zehnpfennigstücke._ Er schüttelt den Kops und verlangt dreißig Pfennige.
„Aber sie sind doch unter vier Jahr!" stottert sie mit einem Blick auf die beiden neben ihr sitzenden Kinder.
„E i n Kind ist nur frei, die andern müssen voll bezahlen," erwiderte der Gestrenge unwirsch und sicht ungeduldig zu, wie die Frau mit der freien Rechten das Geldbeutelchen hervorzieht und nach längerem Suchen den dritten Zehnpfenniger herausnestelt.
Ein tiefer Leuszer hebt dabei die Brust der Frau und mit befümmertem Ausdruck irren ihre Äugen über die Gesichter ihrer Fahrtgenossen, die teils mitleidig, teils gleichgültig dem Vorgang Zusehen.
„Unbegreiflich!" sagt halblaut die elegante Dame zu ihrem Begleiter. „Die fährt vier Mann hoch mit der Elektrisckwn. und-dabei sicht die Not aus jeder Kleiderfalte." Dabei mustert sie kühl über die Schulter die ärmliche, vielfach geflickte, aber peinlich saubere Garderobe der Fran und ihrer Kinder. Diese mußte die herzlosen Worte verstanden haben, eine leichte Nöte überfliegt momentan die schmalen Wangen und in den Augen schimmert es feucht, als sie zu der Sprecherin gewendet entschuldigend sagt:
„O meine Dame, glauben Sie nicht, daß ich zum Vergnügen mit den Kindern fahre. Der Weg ist weit, die Kleinen schaffeicks nicht, dazu der schneidende Wind--"
„Na eben," unterbricht sie jene. „Bei solchem Welter gehören die Würmer in die wanne Stube.'
dessen Grund und Boden wir uns jetzt befinden. Das 7. Bild endlich zeigt uns Marburg selbst, das Marburger Stadtbild im Winter, und die Einholung Christian Wolffs, des seiner Zeit einflußreichsten Philosophen, dem Marburg im 18. Jahrhundert eine neue Blütezeit verdankte.
Wir bewundern und anerkennen gern den Geschmack des Künstlers, der alle Teile des Saals auf einen Gesamteindruck wunderbar gestimmt und abgetönt hat, sowie seine Erfindungsgabe und die Kunst seiner Palette. Denn ein bedeutender Gegenstand ist hier großzügig und ein- drucksvoll und in frischer Anschaulichkeit zur Darstellung gelangt. Die Figuren sind mächtig und weithin sichtbar, dieBewegiing derGrnPPen deutlich und einheitlich, der Aufbau klar, die Farbengebung maßvoll und nicht vordringend. Dazu lebt eine Geschichte der deutschen Trachten vor uns auf, und die Porträts Philipps, Luthers, Friedrichs des großen Hohenstaufen u. s. s. cheruhcn auf sorglichen Studien. Aber nicht dies halte ich für meine Pflicht hier hervorzuheben, Wohl aber den Grundgedanken, der nach des Künstlers Auf- fassnng den ganzen Cyklus znsammenhält. Er will uns auf den, Boden Marburgs die gefamte deutsche Geistesentwicklung zeigen, die drei Phasen durchlief: Scholastik und Askese des Mittelalters, protestantische Kirchlichkeit, freie Wissenschaft. Darum zuerst mittelalterlicher Geist und die Auswüchse der Askese, die in Konrad von Marburg vor uns stehen. Sie zn überwinden entstand die Reformation, die unsere Hochschule schuf. Aber auch diese Hochschule der Reformation war noch zn engen und spezifisch kirchlichen Geistes und wurde endlich überwunden von der reinen und freien Wissenschaft, die hier sich für uns in Wolff verkörpert. Mit Wolffs Einzug ist erst der Auszug der Dominikaner beantwortet. Die moderne Philosophie und Kosmologie rückte für immer an die Stelle der großen Scholastik des Mittelalters. Konrad der Anfang, Wolff da? Ende. Darum wird uns die studentische Jugend auch erst auf diesem letzten Bilde gezeigt: erst die freie Wissenschaft ist es, der sie zujubelt.
Itnb so verdeutlicht sich weiter die Anordnung der Gemälde. Wolffs Einzug und der Auszug der Dominikanermönche stehen eng zusammen gepaart, weil sie sich entsprechen. Demselben Einzug. Wolff? aber steht schroff jener Konrad von Marburg gegenüber, der fein geistiger Antipode ist. Eine malerische Entsprechung ist sodann auf der einen Schmalseite der Auszug der Mönche in ihren schwarzen Kutten, und ihm gegenüber der Auszug der Ordensritter in weißschimmernder Manteltracht. Sinngemäß endlich beherrscht Philipp der Großmütige das große Centralbild. Dies Mittelbild mußte ein Bild der Repräsentation und der Ruhe fein; und eben in seiner ruhevollen Haltung trennt es mit großem Effekt die beiden bewegtesten Schildereien von einander ab, die es umgeben; denn rechts und links daneben sehen wir die erregteste Volksszene und wilden Schlachten- tumiilt mit fliegenden Fahnen.
So fühlt sich, wer hier im Saale weilt, von großer, starklebiger Vergangenheit umgeben; er fühlt, daß auch hier in unserer kleinen Lahnstadt, dereinst und durch sechs Jahrhunderte, große Weltgeschichte geschah; er fühlt in treibenden Impulsen, daß er selbst und sein heutiges Wirken an dieser Stätte nur ein Nachhall verklungener
Wieder stiehlt sich ein Seufzer über die Lippen der Armen.
„Sie haben ja recht," nickt sie, „aber ohne Aufsicht können sie nicht allein zu Hause bleiben, und ich habe niemand, der nach ihnen sieht. Mein Mann---" Tränen ersticken ihre Stimme und
tief senkt sic das Haupt auf die Brust. Dabei berührt sic das Köpfchen des Jüngsten, der auf- blickend und die Tränen in den Augen der Mutter bemerkend, ihr schmeichelnd mit den dicken Händchen ins Gesicht patscht und „Mama dut fein" lallt, während da? kleine Mädchen zu ihrer Rechten zärtlich ihren Arm umklanimert. Der Aelteste. der sein Mitgefühl nicht handgreflich betätigen kann, rückt unruhig auf seinem Sitz hin und her, dabei uu- verwandt die Mutier ansehend und im blassen Gesichtchen einen so wehleidigen Zug, daß die gegenüber sitzenden Fahrgäste — eine alte Dame und ein junges, auffallend hübsches Mädchen — gerührt sich beriiberbeugen und dein kleinen Schelm liebkosend das Köpfchen streicheln.
„Weich' liebe Kinder!" sag! das junge Mädchen.
„Ja, es sind liebe, gute Kinder," bestätigt die Mutter und fährt sich verstohlen mit der Hand über die Augen. „Hub c? ist kaiun zu fassen, wie ein Vater so herzlos sein kann, diese Kinder dem Elend preis,zugeben und auf und davon zu gehen. Ich war eben deswegen auf der Polizei und beim Pfarrer, daß mau ihn zu seiner Pflicht anhält. Seit sechs Wochen ist er fort, ohne uns einen Pfennig zn schicken, und ich kann's nicht schaffen allein. Ich habe gearbeitet Tag und Nacht, und trotzdem steht die Not vor der Tür."
In hastiger, abgerissener Weite, mit tief geteuften Angen hat die Fran diese Worte hervorgefloßen. Teilnehmend lauschten die Fahrgäste der
starker Themen, nur ein Weiferwachsen des längst Gewesenen ist.
Sollen wir noch auf Details und Geringfügiges Acht geben? Soll ich im Scherz ermähnen, wie sinnig es ist, daß wir auf dem letzten Bilde, dem Bilde der Zopfzeit, just eine Schneelandschaft sehen? Die Studeiitenperrückeii sind hier weiß gepudert: da muß sich auch unsere Mnsenstadt, . die alma Mater selbst, im weißen Puder zeigen.
Oder sollen wir endlich auch sagen, was wir In diesen Bildern etwa vermissen oder gern anders sähen? Sollen wir gar in die Frage ei 11 treten, wie überhaupt ein Festsaal zu schmücken ist? ob wir etwa der Form des Frieses, allegorischen Figuren ober einer mehr symbolisierenden Stilisierung der Szene den Vorzug geben ? Sollen wir sagen, daß ein großes Geschichtsbild Gefahr läuft, ins Konventionelle und in das Theatralische des Bühnenbildes abzuirren? Wir wollen in dieser Stundevielmehr mit vollem und inigeteiltemDanke aceeptieren, daß die deutsche historische Malerschule dies große und großgeartete Denkmal uns übergeben und sich in unseren Wänden mitMeisterschaft bereinigt hat. Unsere Aula sst zu einem Schatzkasten und Kleinod, zu einer Sehenswürdigkeit geworden, wie sie sonst nicht leicht eine Landstadt von Marburgs Größe wird aufzMveisen hoben. Und mir einen Feind hat dieses Kleinod, einen Feind, der ihm Verderben droht. Das ist es klingt trivial genug — der BoPPsche Speicher Nr. 35 am Pilgrimstein, der, ein despektierlicher Anblick, hart neben unserem herrlichen Aulaslügel steht. Er bedeutet ständige Feuersgefahr, eine un- angezündete Brandfakel! ES liegt im dringenden Interesse nicht nur der Universität, sondern ebenso sehr auch der städtischen Verwaltung, diese Gefahr bald zu beseitigen und niederzulegen.
Ich breche ab. Denn Schildereien schildern sich selbst, und ich hatte hier nur Bericht zu geben. Eines hat der Maler nicht mit dargestellt, das Wiederauf blühen Marburgs unter den Hoben, zollern. Denn die Vertreter dieser neuen Blüte sind wir selbst; und wir wollen uns nicht im Bilde, wir wollen uns nicht im Spiegel sehen. Sorgen wir nur, daß mit von der Höhe, die wir gewonnen, nicht abjinken.
Umschau.
Beamte und Sozialdemokratie.
Es liegt auf der Hand, daß, nachdem die ~o- zialdeinokratie auf ihrem Parteitage in Dresden noch schärfer und unumwundener als bisher ihre grundsätzliche Gegnerschaft gegen die Monarchie und gegen die Staatsverfafsung knndgcgeberi hat. noch weniger als vorher die Rede davon sein kann. Elemeitfe im Beaintenstande zu dulden, die sich auch nur im geringsten eine direkte oder indirekte Begünstigung fozialdrmokratifchcr Bestrebnngcn zu schulden kvnnnen lassen. Dies gilt insbesondere natürlich auch, unbeschadet der Wahlfreiheit. von den bevorstehenden Landtagswahlen, an denen bekanntlich die Sozialdemokratie sich allgemein zu beteiligen gedenkt. Dieser Beschluß scheint allerdings nicht überall nach der Absicht der Parteileitung durchgeführt zu werden. Wenigstens mehren sich die Fälle, in denen lokale sozialdemo- kratifche Organisationen erklären, von der Teilnahme an den Wahlen Abstand zu nehmen unh zwar in der Regel, weil sich geeignete Walstniänner
Erzählung, die trotz der Alltäglichkeit solchen Elends doch immer wieder packt. Verschiedene Hände regelt sich, nm verstohlen das Portemonnaie zu ziehen und eine milde Gabe für die «er lassenen Kinder zn spenden. Das junge Mädchen ist die erfte, die dem kleinen Buben ein Geldstück in die Hand drückt, andere folgen dem Beispiel und bald kann die kleine Faust all' die großen und kleinen Münzen kaum noch fassen. Mit auf- leuchtenden Augen nimmt er sie in Empfang, um sie bann mit brolliger Wichtigkeit in den Schoß der Mutier zu legen, ihr dabei gönnerhaft und tröstend zugleich aufs Knie klopfend, als wolle er sagen: „Nun gräm’ Dich nicht weiter. Du siehst ja, wie ich für Dich sorge!"
„Bedanke Dich bei den gütigen Leuten." flüstert die Mutter und neigt dankend das Haupt gegen die Geber, wobei sie aber in seltsam scheuer Weise vermeidet, ihnen frei in8 Ange zn fehen.
Schrägüber au?- der Ecke des Wagens läßt sich plötzlich das fette Organ einer älteren, unendlich korpulenten Dame vernehmen:
„Warum wenden Sie sich nicht an den Armen- verein? Gerade hier bei uns wirb so viel für die Armut getan. Natürlich," fügt sie salbungsvoll hinzu, „nur für würdige Arme."
Das Wort „würdige Arme" scheint bei der armen Fran eine wunde Stelle zu berühren, noch tiefer senkt sie die Stirn, noch scheuer wird ihre Haltung. Bei der nächsten Haltestelle rauscht die starke Dame lmmus und legt im Vorbeigehen e ne Visitenkarte auf das Knie der Frau.
„Melden Sie sich morgen nachmittag um fünf Rhr bei mir; ich will sehen, ob ich für Sie etw-rs erreichen kann beim Elisabeth Verein. Aber oh'ir die Kinder, bittet"