SormtagsVeUager IMftvirtes SonntagsSlatt.
den kann. Sie haben es für richtiger gehalten, nicht unter Vorantragen der roten Sturmfahne in den Wahlkampf zu ziehen, sondern das liberale Fähnlein mit seinen verwaschenen und verblaßten Farben sich voranflattern zu lassen, in der Hoff- nung, daß das mixtum compositum „Liberale" — als da sind Wadenstrünihfler und Wasserstief- ler, Salonsozialisten und sonstige namenlose Linksliberale — diesem Banner folgen wird. Und siehe, diese Hoffnung scheint uidjt zu Schanden zu werden, denn ein der vorgenannten Kategorie angehörendes Blatt — nomina sunt odiosa — schreibt voller Entzücken bei der Besprechung des sozialdemokratischen Wahlaufrufes, , nachdem cs ausführlich den Inhalt desselben wiedergegeben:
„Man sieht, daß die Sozialdemokratie ihre Forderungen durchaus in den Grenzen des Möglichen hält. Sie stellt sich auf dcu Boden der ge- acbcnen Verhältnisse. Von der Proklamierung des kollektivistischen, Zukunstsstaats, der Aufhebung des Privateigentums, der Vcrgesellschaftlrchung aller Produktionsmittel, von dem Klassenkampf mit dem Endziel des großen Kladderadatsches ist verständigerwcise in dem Aufruf nicht die Rede. Jeder entschiedene Liberale kann daher im entscheidenden Moment, wenn es sich darum handelt, einen Reaktionär zu verdrängen, dem Sozialdemokraten seine Stimme geben, ohne daß man gegen ihn den Vorwurf erheben kann, den „llmsturz" begünstigt zu haben. Andrerseits aber, können die Sozialdemokraten in Kreisen, wo sie nicht selbständig vorgehen, einem entschiedenen Liberalen schon bei den Wahlmänncrwahlen ihre volle Unter- stützung leihen, da ihre Forderungen von ihm hinreichend vertreten werden."
Die Verschleierung ihrer Ziele — der Um- stur'bestrebunge» — hat man der Sozialdemokratie mit Recht als Unehrlichkeit vorgehalten, denn, obwohl man in dieser Hinsicht nie viel von den „Genossen" zu halten hatte, übertrifft tue neueste Leistung bedeutend alles Frühere, und bei diesem unehrlichen Spiel, das für die meisten Leute so klar zu erkennen ist,, findet die Sozial- demokratie anscheinend „Genossen". Da muß man sich doch fragen: „Ist das Absicht oder
Marburg
Freitag, 23. Oktober 1903.
diesen 8 modernen Schiffen von im ganzen 95 000 Tons verfügt das russische Geschwader noch über die beiden großen Kreuzer „Rossija" und „Rurik" (deren Wert im Seekampfe aber von englischen Fachleuten angezweifelt wird), ferner über 6 kleinere. Kreuzer, 14 oder 15 Zerstörer und 20 Torpedoböte. Soweit bekannt, besitzt keine der Flotten Unterseeböte. Das Stärkeverhältnis der beiden Flotten lvird wesentlich zu Gunsten der Russen geändert, wenn das neue Schlachtschiff „Zarewitsch" und dec große Kreuzer „Bayan", die augenblicklich auf der Ausreise nach dem fernen Osten sind, au Ort und Stelle eintreffen. — Daß die Japaner ihre Flotte zu gebrauchen wissen, hat der Krieg gegen China gezeigt. Wenn nun auch letzteres Land mit Rußland absolut nicht verglichen werden kann, so hat dieses aber doch die Gewißheit, mit einem tapferen und zähen Gegner zu tun zu haben, dessen Ueberwindung zur See Ivie zu Land ungeheure Schwierigkeiten rind Opfer kosten würde.
R e i ch s ftcue r n.
Die Frage einer Reform des Reichsstnanz- wesens ist eine brennende, und schon lange ist nmn auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, die das Reich von den Leistungen der Bundesstaaten unabhängig machen sollen, welche letztere ja selbst an diesen Leistungen meist schwer tragen. Beachtenswert in dieser Hinsicht sind die Ausführungen des Geh. Oberfinanzrat Tröper im badischen Finanzministerium, da sie gleichzeitig Wohl auch die Stellung der badischen Regierung bezeich- ueil dürften. Er hält die finaiiziellen Beziehungen des Reiches zu den Eiirzelstaaten für durchaus unhaltbar und vertritt die auch sonst schon oft ausgesprochene Ansicht, daß in einem gcsimden Haushalt die Körperschaft, welche Ausgaben bewilligt, auch für die Deckung der Ausgaben zu sorgen hat. Er hält es aber für völlig ausgeschlossen, daß dein Reich durch eine R c i ch s e i n k o rn - m e n ft e u e r die erforderlichen Mittel zugewiesen werden können. Die Einzelstaaten können auf
Umschau.
Absicht oder ... ?
Der Wahlaufruf der Sozialdemokratie zu den preußischen Landtagswahlen wird von fast allen Seiten als ein Machwerk charakterisiert, das auf grobe Täuschung berechnet ist. Die „Freis. Ztg.", die gewiß waschecht liberal ist, schreibt zu dem Wahlaufruf u. a.:
. Der Wahlaufruf treibt das alte Versteckspiel wie bei den Reichstagswahlen. Es werben in demselben eine Unzahl schöner Dinge anfgezählt, die zu einem sehr großen Teil auch von der freisin- uigen Volkspartei erstrebt Werben und von derselben int Abgeorditetenhailse stets vertreten wor- den sind. Versteckt aber wird das, worauf die Sozialdemokratie eigentlich hinaus will und Wofür sie auch durch die Agitation bei den Landtagswah- len neue Anhänger zit gewinnen trachtet.
Ferner schreibt sehr richtig die „Poft":
Ungleich interessanter als der Inhalt des Wahlaufrufes ist das, Wa3 er von sozialdemokratischen Bestrebungen zit verschweigen für nötig erachtet. Wir finden in dein sozialdemokratischen Wahlaufruf wohl heftige Angriffe gegen das Treiklajseuwahlshstein und noch heftigere gegen daS Herrenhaus. Aber die gegen die Monarchie gcnchtcteu Bestrebungen der Sozialdemokratie werden darin gänzlich totgeschwiegen. Es liegt in dieser Taktik die Anerkennung der Stärke der königstreuen Gesinnung int preußischen Volke, dem man im Interesse der Partei in deut Wahlaufruf das offene Bekenntnis zum Republikanis- 11111'5 und zur Feindschaft gegen das Königtum der Hohenzollem nicht zu bieten Wagt. Die Sozinl- deinvkrntie spekuliert dabei offenbar auf die Kurzsichtigkeit und Oberflächlichkeit gewisser linkslibc- raler Kreise, Welche sie auf diese Art für ihre Zwecke genau so cinzufangeu hofft, wie bei de» Reichstagswahlen zahlreiche linksliberale Mitläufer durch die Verhehlung ihrer eigentlichen Ziele.
r.. Der Aufruf der „Genossen" ist die reinste Komodte, die von uieiuaitd ernst genommen Wer-
ihre Einkommensteuern, welche das Rückgrat der gesamten Steuergesetzgebung darstelleit, nicht verzichten. Eine Reichseinkommensteuer als Zusatzsteuer zu den Landes einkommensteuern scheint ihm aber eine allzu große Belastung der Einkommen zu bringen. In Baden ist das Einkommen durch die Einkominenstener schon bis zu 3(4, in Preußen bis zu 4 und in Württemberg sogar schon bis zu 5 Prozent belastet, so daß Wohl kein Finanzminister einer Reichseinkommensteuer zu- ftimmen werde. Dagegen hält Geh. Oberfinanzrat Tröger eine R e i ch s e r b s ch a f t s st e n e r, welche auch die Deszendenten allerdings mit einer gewissen Freigrenze besteuert und progressiv auszugestalten Wäre, für ein durchaus gutes und gerechtes Auskunftsmittel. Eine solche Steuer würde auch einen erheblichen Ertrag abWersen und da in den Bundesstaaten die Erbschaftsbesteuerung noch ganz fehlt oder, wo sie besteht, noch wenig ausgebildet ist, so Wäre auch ihre Einführung ohne allzu große Opfer der Einzelstaaten möglich. Auch eine R e i ch s l o 11 e r i e st e n e r hält er für diskutabel uiti) würde sie. da die einmal bestehenden Staatslotterien zur Zeit wenigstens nicht zu beseitigen sind, im finanziellen und wirtschaftlichen Interesse für einen Fortschritt halten. Ans den zur Zeit bestehenden Staatslotterien, welche den betreffenden Staaten einen Reingewinn von 24 Millionen Mark abwerfen, zieht jetzt schon das Reich durch den Lotteriestempel eine Einnahme von 39 Million Mark. Bei einem Uebergcmg dieser Lotterien ans Reich wäre ein Verbot des Zwischenhandels, der Versendung der Lose ohne Bestellung und Aehnliches, wie dies in Preußen geschehe, leicht einzuführen.
Börsengesetzreform. f
Wie schon mitgeteilt wurde, ist bestimmt zu erwarten, daß dem Reichstage in seiner nächsten Tagung eine Novelle zum Börsengesetz zugehen wird. Aus glaubwürdigen Kreisen erfahren nun die „Leipz. N. N.", daß in der Borlage einige VerLuderungeu hinsichtlich der Auslegung des Börsentermingeschästes geplant sind, daß ferner in Zukunft auch solche Personen, die gewerbsmäßig Bank- oder Börsengeschäfte betreiben, bei der Börse zugelafsen oder als Kaufleute im Handelsregister eingetragen sind, eine rechtsgültige Verpflichtung bei Börsengeschäften eingehen können. Außerdem soll eine zeitliche Begrenzung bei Anfechtung von Geschäften auf Grund des Differenz- und Registereinwandes angesetzt Werden.
Verlängerung
des juristischen Studiums.
Die Ansichten darüber, ob es nötig und nützlich sei, die Zahl der Semester zu erhöhen, während deren die Studenten der Jurisprudenz die Universität zu besuchen haben, gehen auseinander. Dabei ist nicht zu bestreiten, daß es einiges für sich hat, wenn geltend gemacht wird, durch eine Verlängerung der Zeit des Studiums werde vielleicht gerade dem Nnfleiß derjenigen Studenten nicht gesteuert, denen es
£ie russische und japanische Flotte in Ostasien.
Bei der Möglichkeit des Ausbruches, eines Krieges zwischen- Rußland und Japan dürfte cs nicht uninteressant sein, einen Ueberblick über die gegenwärtige maritime Streitmacht beider Lander zu geben, da diese bei dem Ausbruch von Feind- Migfeiten sofort in Aktion zu treten hätte: Das Reuter-Bureau kommt, indem es die Stärkever- höltnisse „der beiden im fernen Osten zur Verfügung stehenden, vielleicht demnächst in Krieg geratenden japanischen und rnssischeir Flotten" vergleicht, zu dem Ergebnis, daß die Japaner zur Zeit noch etwas stärker sind als die Russen. Man darf jedoch nicht übersehen, daß die russische Flotte im fernen Osten permanent Verstärkung erhält, während Japan solche Verstärkungen nicht zugehen können. Tie hauptsächlich in Betracht kommenden gepanzerten Schiffe der japanischen Flotte sind die vier großen Schlachtschiffe „Mikasa", „Hatstise", „Asahi", „Scikifchima". ES sind dies ganz mo-, dorne Schiffe von 15 000 bis 15 200 Tons. Neben diesen 4 großen Schlachtschiffen besitzt Japan noch 2 Linienschiffe von 12 300 Tons, nämlich die „Vaschima" und die „Fuji". Diese beiden^Schiffe sind etwas älter als die vorerwähnten 4 Schlachtschiffe., Sie wurden im Jahre 1896 fertiggestellt. Die 4 großen Kreuzer von 9800 Tons „Asaina", .Tokiwa", „Jdsuino" und „Jwate" haben eine Geschwindigkeit von 22 Knoten und sind in den Jahren 1898 bis 1899 fertiggestellt Worden. Aus demselben Jahre flammen die beiden ebenfalls 9800 Tons großen Kreuzen „Jakumo" und „Adsuma". Diese beide» Kreuzer haben eine Geschwindigkeit von 20 Knoten. Neben diesen 12 modernen Panzerschiffen von im ganzen 142 000 Tons besitzt Japan nur 2 alle Panzerschiffe, 14 kleine Kreuzer, von denen einige sehr modern sind und eine große Geschindigkeit besitzen, 17 Torpedo- bölZerstörer und 50 Torpedobölc. Die Mannschaft bet japanischen Flotte besteht au5 2700 Offizieren v.nb 28 000 Mann. Die Reserve wirb auf 20 000 au:gebildete Leute berechnet. Tie niodernen ja panischen Schiffe sind fast alle in England gebaut und mit englischen Geschützen armiert. Tie zwölfzölligen Geschütze, von denen jedes der obenerwähnten 6 Linienschiffe 4 besitzt, schleudern ein Geschoß von 850 Pfund Gewicht. — Die hauptsächlich in Betracht kommenden gepanzerten Schiffs Schiffe des russischen (Geschwaders im fernen Osten sind die 3 Schlachtschiffe „Poltawa", „ Petropa W- lowsk" und „Sewastopol", die im Jahre 1894 bis 1895 gebaut wurden und einen Tonnengehalt von 10 950 Tons besitzen. Die Artillerie dieser 3 Schiffe entspricht ungefähr derjenigen, der japanischen Linienschiffe. Tie Linienschiffe „Pe- rcswjct", „Oslawja", „Pobjeda" sind Schisse von 12 674 Tons und etwa5 geringerer Artillerie als die japanischen Schisse. Diese 3 Schlachtschiffe stammen aus beit Jahren 1898 bis 1900. Ein weiteres ^cklacktschifi, die „Retvisan", hat 12 700 Tons und wurde im Jahre 1900 fertiggeslellt. Der große Kreuzer „Gronwiooi", der eine Gefchwindig- feit von 20 Knoten hat, ist ein modernes schiff von 12 256 Tons an? dem Jahre 1899. Neben
Erscheint wöchentlich sieben mal. , ,
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eJfQ, m 10 Insertion 3 gebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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3 (Nachdruck verboten.)
Im Schlosse der Ahnen.
Original-Roman von Otto König-Liebthal.
lFortlekung.)
Herr Horsten warf sich auf das Sopha und sah gedanlenvolt in den Park hinaus. Er liebte feine Fran, wie ein Manu nur sein Weib lieben, kann, aber dennoch waren ost Stunden gekommen, wo er sich tagte: Diese Fran mit ihrer Putzsucht und ihrem Adelsstölze wirb Dich zn Grunde rich- ten. Und er hatte Kraft genug, solchen unberechtigt eit Bitten seiner Fran ein festes „nein" enl-oegenz-tfetzen. Trotzdem hatte Frau Horsten reinen Grund zu klage,n sie bekam von ihm eine ziemlich hohe Summe, um ihre Bedürfnisse befriedigen zu könne!'.
„Ich muß hart bleiben," sagte er sich auch diesmal. Meine Frau wird doch Wohl mit der Zeit zur Vernunft kommen."
Stürmisch wurde die Tür aufgerisseit, sein Söhnchen trat ein. Das machte Horsten wieder h.itcr.
„Sag mal. mein Junge, was- willst Du Wer b.'.t, wenn Du groß bist?" fragte er freundlich uiib zog ihn zu sich auf bie li'niee.
„Ich möchte ein großer Mann werden wie Du, Papa, und auch reiie;:.**
„Tas ist recht, nicht Junget doch. Tn bist jetzt sieben Jahre alt und mußt nun nnfangyt zu kv HCIL' Tu Wirft recht fleißig sein, nicht wahr?"
Ter Junge nickte.
„Tein Lehrer wirb bald kommen." fuhr der Vater iort, „ec wohnt bei uns. Er wird Dir schöne Gnchichten erzählen und Dich rechnen, schreiben, lesen in'b noch manches andere kehren."
„Kommt vc bald, Papa?" “
„Ich denke, mein Junge. Du Wirst ihn lieb haben, nicht wahr? . Auch hübsch folgsam mußt Du fein, daun tat er Dich auch lieb."
„Sa, das Will ich alles tun," entgegnete Wer- itcr und stürmte ins Freie hinaus. ,
Herr Horsten verließ bald nach ihm das Zimmer. Auf dem Hofe fiel es ihm ein. die Viehställe zu besichtigen. Im Kuhstall traf er einen Schweizer, der erst vor Wenigen Wochen in seinen Dienst getreten War. Er sah ibn Weinen.
Warum weinen Sie?" fragte Horsten freundlich.
„Ach, gnäd'ger Herr, Sie können mir doch nicht Helsen," schluchzte er und wischte sich die Tränen ab.
„Warum denn nicht? Vielleicht kann idj'S doch. Erzählen Sie mir, -was sie bedrückt.,,
Der junge Manu fasste Mut.
„Die Leute wollen meiner Mutter ihr kleines Haus nehmen. Sie schrieb mir heute, daß es in acht Tagen verkauft werden soll. Als mein Vater lange Zeit krank war, da bat sich meine Mutter Geld borgen müssen, und nun will's der Manu ivieder haben, Und ich kann ihr doch kein Geld schicken."
Teilnahmsvoll hatte Herr Horsten zugehört.
. „Wieviel ist es denn?"
„Ach. gnäd'ger Herr," seufzte der Schweizer, „es sind vierhundert Mark."
„Das ist viel Geld. Ist der Vater wieder gesund geworden?"
Traurig schüttelte der junge Manu den Kopf.
„Das ist allerdings schrecklich," sagte Herr Horsten und, indem er schon wußte, was er tun wollte, fuhr er fort: „Bleiben Sie brav. Wer feine Ellern liebt und ehrt, den wird Gott nicht verlassen."
Herr Horsten ging nach seinem Zimmer zurück. Ans seinem Schreibtisch nahm er einige Papiere und blätterte darin. Endlich hatte er geftntden, was er suchte.
„Ja, es stimmt, der Vater ist tot die Mutter lebt in Warnsdorf."
Er öffnete ben Gelbschrank und zählte seinen Inhalt. Er nahm vier blaue Scheine heraus und verschloß dann den Schrank wieder. Sorgfältig versiegelte er den Brief und steckte ihn in seine Rocktasche, um ihn bei der nächsten Gelegenheit selbst ans die Post zn besorgen.
Jetzt trat der Inspektor ein.
„Nun, sind Sie fertig geworden, Herr Wegener?"
„Jawohl, Herr Horsten." erwiderte er, „morgen kann eingefahren werden und dann . . ."
„Und dann wird gleich gedroschen," nnterbrach ihn Herr Horsten. „Dann erst kommt der andere Schlag."
„Wie Sie befehlen, Herr Horsten," sagte der Inspektor und verabschiedete sich.
Ans dem Flur traf er Fräulein Frida, eine Verwandte von Frau Horsten. Sie war früh Waste geworden. Ihr Vater, der Rittmeister von Kultig, war in einem Manöver mit dem Pferde gestürzt und bald darauf gestorben. Die Mutter überlebte den Gatteit nicht lange, und so hatte sie Herr Horsten, ihr Vormmtd Zn sich genommen. Jetzt War Frieda von Kultig eine blühende Jungfrau von zweiundzwanzig Jahren. Sie war eine tüchtige Malerin, dazu eine ausgezeichnete Leiterin, bie bies Vergnügen leidenschaftlich liebte.
„Guten Tag, gnädiges Fräulein!" begrüßte der Inspektor das junge Mädchen und blieb stehen.
DaS Fräulein erwiderte seinen Gruß und sah ihn lächelnd an. Sie mochte schon ahnen, waS da kommen IvTirbe.
„Schon wieder ein Gedicht. Herr Wegener!" rief sie belustigend aus und nahm das ihr gereichte Papier an sich. „Hoffentlich haben Sie mich nicht wieder angedichtet!"
Herr Wegener wurde rot und sah verlegen vor sich nieder.
„Rur ein bischen, gnädiges Fränkin. Wissen Sic immer noch nicht, welche Gesühlc ich für . . iür . ."
Herr Wegener kam lviedcr ins Stottern, und dann war es ihm unmöglich, seine Gefühle auszn- sprechen, besonders aber bann, wenn er fe schelmisch angeblickt würbe, wie es Fräulein von Kullig eben tat.
„Nun, ich Weiß ja," unterbrach Fräulein Frida das Schweigen, „daß Sie, lieber Herr Wegener, ein gutes Herz haben, nnd ich werde Ihr Gedicht lesen. Ich danke Ihnen, Herr Wegener. Aber wissen Sie" — Herr Wegener horchte auf — „wisse» Sie. ich habe einen allerliebsten Hund — Wenn Sie den mal andichten würden . . .“
Sie ließ ihn nicht anZreden, sondern reichte ihm die Hand und verschwand.
Herr Wegener seufste und sah ihr gedankm» schwer nach. Schmerzlich berührte es ihn, daß feine Gefühle immer noch nicht verstanden wurden. „Ich will sie so lange andichten, bis sie mich endlich erhört," sagte er sich im Stillen.
Unterdessen saß Fräulein Frida schon in ihrem Zimmer und las die ihr gewidmeten Zeilen:
1. Wie eine goldene Sonne, Scheinst Du ins Herze mir; Tu bist nur meine Wonne, Mein Leven geb' ich Dir.
2. Und wie der Mond erhellet < Die dunkle Nackt, so traut. Ich hab' mein Herz bestellet Für Dich. Du meine Braut.
3. Und wie die Sternkin winken Aus hoher Fern' herab. Wird meine Liebe sinken,
*■ Hinein in? kühle Grab. —
„•<??, ha, ha! Das ist ja eine reine Licbes- crkii'irnug," lachte Fräulein Friso. hell auf. „Nein, mein Herr Wegener, Sie mögen ja ein guter- Mensch sein, aber Ihre Liebe lassen Sie ins Grab: sinken, ich werde es nicht hindern. Ihre Braut — nein — bie kann ich nicht werden."
(Foitfetzung sol.it.)