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r;M dem KveWlatt für die Kreise Marburg und KrrHhaku.

Sountagsbeilager Jttustrirtes Sonutagsblatt.

Jli 272

Vierteljährlicher Bezugspreis, ixt Der Expedition 2 M., bet allen Postämtem 2,25 M. <e$cL Bestellgeld).

Jnserttonsgebühc: die gespaltene Zeile oder Deren Raum 10 Pfg.

Neclmnen: die Zeile 25 Psg.

Marburg

Sonntag, 18. Oktober 1903.

i-Wiwni

38. Jalj

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdrucker« Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Erstes Blatt.

Humanitätsdusel.

Die demokratische Presse sucht mit mehr Be­hagen als Witz ihr Mütchen an einer Auslassung zu kühlen, die ein Gutsbesitzer ans dec Prenzlauer Gegend in derPrenzlauer Zeitung" bezüglich der Landstreichervlage und der Unzulänglichkeit unseres Strafverfahrens gegen diese nachgerade zur Landplage werdenden Strolche veröffentlicht hat. Die Zuschrift stellt die Wiedergabe einer Unterredung dar, die ein Gutsbesitzer mit einem Landstreicher gehabt hat und die etwa folgenden Verlauf genommen haben soll:

Der Gutsbesitzer: Nun sagen Sie mal, altes Haus, warum verbringen Sie dentt eigentlich die meiste Zeit Ihres Lebens im Gefängnis? Wäre es nicht besser, wenn Sie als ordentlicher Mensch in Freiheit lebten?

Der Landstreicher: Herr A., meint Sie unsere Verhältnisse näher durchschauten, so könn­ten Sie so nicht fragen. Wo kann man es denn besser haben als int Gefängnis? Sehen Sie, wenn man auf der. Landstrasse abgerissen ist, vielleicht auch bissige Gesellschaft (sogenannte Krammets- vögcl) auf dem Körper merkt, io stiehlt man ein bischen oder schlägt irgendwo die Fensterscheiben ein, damit man sich im Gefängnisse wieder als Mensch fühlt. Die Amtsrichter sind meistens wohl­wollende Herren und schnauzen selten einen an. Man wird gewaschen, gebadet, gekleidet, erhält eine leidliche Kost und geht spazieren. Die Arbeit ist Spielerei. An guter Gesellschaft fehlt cs selten, und wenn der Wärter von nobler Gesinnung ist, so drückt er auch ein Ange zu, wenn man einmal eine Flasche Bindfaden (Schnaps) oder ein Spiel Karten hincinschmuggelt, nm sich ein Vergnügen zu machen. Kurz, es lebt sich gut dort. Da fast zum Beispiel kürzlich ein junger Mensch mit mir zusammen, der hatte einem Bauern den Schäfer­hund, totgeschlagen und war hei seiner Ankunft ziemlich ängstlich. Als er entlassen wurde, hatten sich seine Ansichten geklärt, und ich bin überzeugt, dass er in nächster Zeit einen zweiten Hund tot­schlägt. damit er wieder sitzen kamt. Ja, wenn uns biim_ Zu- und Abgänge je 25 aus derArm- kasse" aufgezählt würden, so wäre die Sache miß­licher und man würde sich in acht nehmen; ober so wie die Verhältnisse heute liegen, halte ich jeden für einen Dummkopf, der sich für seinen Lebens­unterhalt abarbeitet.

Die demokratische Presse meint, das; diese An­schauungenauf dem eigenen Mist" de? Einsen­ders gewachsen seien. Sie bekundet damit nur, wie weltfremd sie den hier in Betracht kommen­den außerordentlich ernsten Tatsachen gegenüber- steht. Wer mit den ländlichen Verhältnissen einigermaßen vertraut ist,, weiß, daß die in der Prenzlauer Zeitung" gegebene Darstellimg höchstens darin von der Wirklichkeit sich unter­scheidet, daß die Landstreicher sich weniger zurück­haltend und gewählt in der Form auszttdrücken pflegen. Die Auffassung, daß die Arbeit immer noch ohne sie fertig geworden sei und daß die Bummelei eine süße Gewohnheit sei. bereit Unter­stützung zu den vornehmsten Ausgaben der Gesell- schäft gehört, bildet zweifellos das ABE ihrer

iSetbbrttd verboten.)

Maruschka singt!"

Lebensbild von Ida Großmann.

Im Hose ertönt ein Leierkasten, dem eine alte Frau herzzerreißende Töne entlockt.

Klein-Eischen ist auf den Stuhl gestiegen und lau;cht vergnügt der Musik. Die Mutter hält cs angitlich umfaßt, damit es nicht aus dem Fenster ous dem es sich beugt, um das kleine, etwa funfiahrtge Mädchen zu sehen, das unten neben der Alten steht.

Das fremde Kind hat ein zartes, blasses Ge­sichtchen mit dunklen, verängstigten Augen, die hilfeflehend nach den Fenstern sehen, hängt doch sein Wohl und Wehe von der Zahl der Pfennige ab, die ihm zugeworfen werden. Bis jetzt war der Morgen nicht einträglich gewesen, das arme Kind hat noch nichts zu essen bekommen, dafür umsomehr Puste und unfreundliche Worte.

Das Musikstück ist beendigt. Unsanft stößt die Frau die Kleine an, worauf sich Maruschka in die Sfhtte des Hofes stellt, die Händchen faltet und mit ergreifendem Sümmchen singt. Es ist kein deutsches Lied, es muß polnisch sein, einerlei, was t>ie Worte bedeuten, die Töne bringen tief zu Herzen.

Elschen Mutter drückt ihr Kind fest an sich, als wollte sie es vor dem Leid dewahren, bas aus die­ser Kinderstimme klagt.

Muttchen, laß mich der Kleinen etwas schen- fen", bittet Elschen. Ein Groschen wird einge­wickelt und hinuntergeworfen, das Kind fängt ihn auf und blickt dankbar nach der jungen Geberin.

Rauh tönt die stimme der Alten:Maruschka, finge 1" Die Angerufene hat sich vors Fenster ge­stellt, an dem Elschen, fest an ihre Mutter ge- icbmieot. liebt, iie liebt mit iebniücbtiaen Aua en

Lebensanschauung. Man muß nur gesehen haben, mit welcher Entrüstung und Empörung sie die Arbeit zurückweisen, wenn solche ihnen etwa im Drange der Erntezeit bei ihren Bettelgängen auf den Höfen angeboten wird. Und die Darlegung wie prächtig die Gefängnisse nicht nur für ihre körperlichen, sondern auch für ihre sonstigen Be­dürfnisse eingerichtet sind, wird mancher ergrimmte Landmann von diesen Strolchen schon gehört ha­ben. schon deshalb, weil sich niemand erdreisten soll, diese Herren etwa irgendwie unwirsch anzu­fahren, denn er würde bann leicht zur Antwort bekommen, baß ein richtiger Landstreicher sich der­gleichen nicht bieten zu lassen brauche und daß der Herr Amtsrichter vor Gericht und der Herr Ge­fängnisaufseher sich dergleichen nicht heraus- nebmen dürfte, widrigenfalls man im Wege der Beschwerde ganz gehörig sein Recht zu finden wisse! Nun beachte man aber, daß es sich hier nicht etwa um einzelne selten vorkommende verkommene Kerl bandle, sondern daß ausweislich unserer amtlichen Veröffentlichungen zurzeit 100 000 sage und schreibe: einmalhunderttausend Arbeitsscheue unsere Landstraße bevölkern. Man vergegen­wärtige sich: cinmalhunderttausend arbeitsfähige, im besten Lebensalter stehende Männer betteln vor allen Türen um Brot und werden im Winter in Wärmehallen mit Fürsorge verpflegt, im Som­mer aber von Verpflegungsstation zu Verpfleg» ungsstation weitergeschoben, während draußen auf den Feldern ans Mangel an Arbeitskräften das Getreide auf den Feldern fault, das der arbeit- samen Bevölkerung Brot geben soll! Einmal- hunberttaufenb arbeitsschene Männer im besten Alter: man vergegenwärtige sich einmal einhun­dert kriegsstarke Bataillone auf dem Tempelhofer Felde ober am Napoleonstein bei Leipzig in Front aufmarschiert, um zu begreifen, welch furchtbare Blage hier sich ausgewachsen hat. llnb man be­denke. um dies in seiner vollen Bebeutung zu er- inessen, baß die vier gegebene Ziffer in der letzten Zeit vielleicht schon wieder stark vermehrt fein wirb.

llnb gegen biefe Lanbplage giebt es keine Mittel. Wird ein solcher strolch wegen Arbeits­scheu verurteilt, so betrachtet er bies in ber Tat lediglich als eine gewisse körperliche und geistige Erholung von seinem an Strapazen reichen Da­sein. llnb man braucht um bas Lächerliche, um nicht zu sagen Verächtliche dieser unserer Zustände zu begreifen, nur einen Blick auf die Gesetzgebung anderer und zwar gerade erzdemokratischer Staa­ten zu werfen. Wir möchten unserer demokrati­schen Presse doch empfehlen, sich einmal im Lande der freien Bankers die Einrichtungen des Gesiing- niswefens und insbesondere die für die dortigen TramPS" wenig erquicklichen Gepflogenheiten der amerikanischen Volksjustiz anzusehen, um zu begreifen, welch kindischen Unsinn sie wieder ein­mal da zusammengeschrieben hat. Hoffnung auf Besserung dieser Sorte von blind darauf loS- schwatzenden Herren haben wir aber nicht, und bas ist das Schlimmste an der Sache.

Umschau.

Apotheken und Handelskammern.

Der Minister für Handel und Gewerbe hat an die Handelskammern folgenden Erlaß gerichtet: Der Apothekerkanuuerausjchuß ist in lieberem-

hinauf, als wollte sie sagen:Dürste ich doch auch einmal solche Liebe fühlen."

Maruschka, finge!" wiederholt die Alte barsch und giebt dem Kinde einen Stoß, daß es taumelt. Noch trauriger tönt das Sümmchen, die Fenster schließen sich; wohl jeder Zuhörer ist tief ergriffen von Mitleid für die kleine Sängerin.

Fünf Tage hintereinander bat Maruschka unter Elschen Fenster gesungen. Die Alte hatte sofort ihren Vorteil herausgefunden: das Kind, das in seinem dünnen Röckchen vor Kälte zittert, sieht immer elender aus, dafür kommt das Geld um reichlicher. Elses Mutter hat ber frierenben Kleinen ein Kleidchen bringen lassen, Ivo es ge­blieben, weiß tiiemanb; es wirb sich wohl in schnaps für bie Alte verwandelt haben.

Elschen freut sich alle Tage auf das Kommen der kleinen Sängerin, bas sie mit einem iubelnben Maruschka singt'" im Haufe tierfünbigt; alle hören gern dem lieben, traurigen Sümmchen zu.

Die Kleine denkt und spricht nur noch von Maruschka, sie erfüllt ganz ihr Herzchen, und viele Fragen hat sie an Mutter und Minna, das Kinder­mädchen, bie kaum zu beantworten finb.

Eischens Eltern finb für einen Tag verreist. Die Kleine wirb ber sorgsamen Pflege Minnas an- vertraut, ber man streng untersagt, mit bem Kinde auszugeben, wenn es windig ist; ber Monat No­vember ist gefährlich für bie zarte Jugend.

Nachmittags scheint die Sonne verführerisch; Minna zieht Elschen warm an und geht mit ihr spazieren, zu Hause ist cs doch zu langweilig, ein bischen frische Luft schadet nichts und ehe es dun­kelt, sind sie zurück.

Ans dem Heimwege begegnet Minna einer Freundin, die erst kürzlich aus benj gemeinsamen Heimatsort zurückgekehrt ist. Das ist eine Freude des Wiedersehens! Die beiden Mädchen haben

ftimmung mit der Mehrheit ber Apothekerkam­mern vorstellig geworden, die Äpothekenbetriebe aus der Handelskammerorganisation ausznschei­ben. Für bie Apothekenbesitzer wirb, wie ange­nommen werden kann, in der Regel die Zuge­hörigkeit zur Handelskammer begründet fein. Der Wunsch, aus dieser Organisaüon auszuscheiben, wird baniit begründet, baß ber Apothekerstand burch bie Königliche Verordnung vom 2. Februar 1901 eine besonbere Organisation in ben Apo­thekerkammern und bem Apothekerkammeraus- schuß erhalten habe. Bevor ich in der Angelegen­heit enbgiltig Stellung nehme, ersuche ich die Handelskammern, mir etwaige Bedenken, die von ihrem Standpunkt aus gegen bas Ausscheiden ber Apothekenbetriebe aus ber Handelskammer­organisation zu erheben sein möchten, mitzuteilen. Sofern bis zum 1. Dezember d. I. kein Bericht eingeht, nehme ich an, daß solche Bedenken nicht zu erheben sind.

B l i u b e u n d T a u b st u m m e in P r e u ß e n.

Der Mebizinalstatistiker Dr. Georg Hermann veröffentlicht in ber Deutschen Medizinischen Wochenschrift eine interessante Statistik über bie Zahl ber Blinden unb Taubstummen in Preußen. Die erstere hat in ben letzten Jahrzehnten sehr er­heblich abgenommen, besonders wenn man das Anwachsen der Bevölkerung berücksichtigt. Es wurden nämlich ermittelt im Jahre 1871 22 978 Blinde oder 9,3 auf 10 000 Einwohner. Für die Jahre 1880, 1895 unb 1900 ergeben sich die fol- geiiben Zahlen: 22 677 ober 8,3, 21 442 ober 6,7 unb 21 571 ober 6,2. Wenngleich biefe Ergebnisse nur auuähernb ben Tatsachen entsprechen, weil bie Beantwortung ber bei ben Volkszählungen auf ben betreffenben Karten gestellten Fragen nicht immer in zutreffender Weise erfolgt, so ist doch eine entschiedene Abnahme festzustellen, die auf bessere ärztliche Versorgung infolge der Zu» nahme der Aerztezahl und der Einsühning ber Krankenversicherung sowie auf bie Fortschritte ber Augenheilkunbe zurückznfiihren ist. Die Blinben- ziffer im Verhältnis zur Bevölkerung ist in den einzelnen Lanbesteilen sehr verschieben. Am höchsten stellte sie sich in ben Regierungsbezirken Aachen mit 10.3 auf 10 000 Einwohner, Gum­binnen mit 9,8 unb Königsberg mit 9,1, ferner in ben Bezirken ber Provinz Westpreußen und Posen, in ben Regierungsbezirken Stettin, Stral- funb, Breslau, Merseburg, Hannover: am niedrig- sten in Düsselborf, Trier, Arnsberg, Stabe und Münster. Daß hierbei bie Kulturstufe, bie Armut der Bevölkerung, bie schwierige Erreichbarkeit eines Augenarztes, bie Verbreitung des Trachoms von Bebeutung finb, liegt auf ber Hand. Die An­zahl ber Taubstummen in Preußen ist erheblich größer als die bei: Blinden. Es wurden gezähll im Jahre 1871 24 315 Taubstumme ober 9,9 auf 10 000 Einwohner. Die entsprechenben Zah­len ber Jahre 1880, 1895 und 1900 finb 27 794 ober 10,2, 28 548 ober 9 und 31 278 ober 9,1. Fast dieselben Landesteile, wofür die auf die Be­völkerung berechneten Verhältnisziffern an Blin­den hohe finb, finb es auch für bie Taubstummen, nämlich bie vier.Bezirke der beiden Provinzen Preußen, ferner die Regierungsbezirke Vrombcrg, Posen, Köslin, Oppeln, Stettin, Frankfurt und Kassel. Die Ziffern für die östlichen Provinzen sind wesentlich höher als bei den Blinden, niedrig

sich viel zu erzählen und Minna bemerkt nicht, daß sich Elschen von ihrer Hand losgemacht hat; die Nachrichten, denen sie da lauscht, sind gar wichtig, sie hat darüber alles um sich her vergessen.

Nun aber heim!" Mit Schrecken wird Minna jetzt erst gewahr, daß Elschen weggelaufen ist, daß es dunkel geworden, daß ber Wind eisig weht.

Elschen, Elschen!" ruft sie in wahrer Her­zensangst.

§ier bin ich, Minna, und sieh, wen ich ge* funbeit habe!" jauchzt ihr bie Kleine entgegen.

Elschen staub an einem Toreingang mit Ma- rufchka, beren starre Hände sie reibt. Kein Laut kommt von ben Kinderlippcn, sie haben sich nichts zu sagen, würben sie vielleicht gar nicht verstehen, nur stilles Glück liegt auf ben strahlenden Ge­sichtchen.

Minna nimmt ihren Schützling an bie Hand unb eilt nach Hause. Sie hat ein schlechtes Ge­wissen, es ist spät geworben, ber Weg noch weit, unb bas Kinb zittert vor Kälte.

Mit Hast bringt sie bas Abenbbrot, bann rasch mit ber Kleinen ins warnte Bettchen!

Elschen ist am anderen Morgen matt, sic mag gar nicht aufstehen. Erst als Mama ruft:Ma­ruschka singt!" springt sie auf, Minna kann sie nicht schnell genug anziehen. Sie hat sich heute ganz besonbers nach dem siugenben Kinbe gesehnt, es war gestern so schön, feine erfrorenen Händchen erwärmen zu dürfen.

Gent hätte sie von dieser Begegnung ihrem lieben Muttchen erzählt, ihr Herzchen trägt schwer an dem süßen Geheimnis, doch bie schlaue Minna hat ihr gesagt, wenn es bieselbe erführe, dürfe Maruschka nicht mehr int Hofe fingen.

Kaum ist ber letzte Ton Maruschkas verklungen unb ihr der Groschen zugeworfen, als Elschen ganz

biejenigeit für bie Provinzen Hannover und WeF» falen.

Wahlkreis-Aenderung.

Die Freisinnige Vereinigung hat bekanntlich wiederholt im Abgeordnetenhause eine völlige Nen- cintciluitg der Wahlkreise nach Maßgabe ber jetzigen Bevölkerungszahl beantragt. Auf dem gingst abgehaltenen Parteitage ist sodann die For- bentng hinzugetreten, daß in Preußen das gleich? unb geheime Stimmrecht eingefübrt werbe. End­lich ist auf diesem Parteitage zwar keine ausdrück­liche Verbrüderung mit ber Sozialdemokratie, wohl aber eine gegenseitige Unterstützung zwischen Liberalen und Sozialdemokraten zur Bekämpfung ber weiter rechts stehenden Parteien befürwortet worden. Um ben Wert dieser Vorschläge vom Standpunkte verständiger staatserhaltender Poli­tik aus voll würdigen zu können, muß man sich vergegenwärtigen, in welchem Maße durch die­selben die Wahlaussichten der Sozialdemokratie gefördert werden würden. Durch die befürwortete Neueinteilung der Wahlkreise würden den länd­lichen Distrikten, in denen bie Sozialdemokratie bisher so gut tote gar nicht Boden gewinnen konnte zahlreiche Mandate entzogen. Diese würden um­gekehrt den Großstädten und industriell hoch ent­wickelten Gebieten zugelegt werben, in denen die Sozialdemokratie ihre Hanptstärke besitzt. So ivürbe z. B. Berlin, das jetzt im Reichstage mit einziger Ausnahme des ersten Wahlkreises aus- schließlich fozialdemokraü'ch vertreten ist, anstatt 9 Ageordneten bereit 23 erhalten. Eine ebensolche Vermehrung würben Altona, Hannover, Magde­burg und viele andere jetzt im Reichstage sozial- demakratisch vertretene Großstädte sowie solche Gegenden erfahren, welche, wie das rheinisch-west­fälische Jndustrierevier. wenigstens teilweise bie Beute ber Sozialdemokratie geworben sind. ES liegt auf ber Hand, baß. wenn baS Reichswahlrecht in Preußen an Stelle des Dreiklasfenwahlsvstems eingefiibrl werben würbe, bas Ergebnis der Land­tagswahlen sich mit bem der Reichstagswahlen decken müßte, und man würde demzufolge mit der Einführung desselben in Verbindung mit der vor- gefchlagenen Neueinteilung ber Landtagswahl- freife erreichen, baß bie Sozialdemokratie zweifel­los bie stärkste Fraktion des Abgeorbnetenhanscs bilden Ivürbe. Ginge nun nach ber Absicht bet freisinnigen Vereinigung, welche ja auch in an- bereu liberalen Richtungen mehrfach Unterstützung finbet, ber Liberalismus bei ben Wahlen Hand in Hand mit der Sozialdemokratie zur Bekämpf­ung der weiter rechts stehenden Parteien, fo würde dadurch naturgemäß ein weiteres Anwachsen ber Sozialdemokratie bie Folge fein, und cs wäre selbst nicht ausgeschlossen, baß diese Partei bie Mehrheit im preußischen Abgeordnetenhaus ge­wänne. Angesichts dieser Aussicht, welche bie Wahlpolitik der freisinnigen Vereinigung und ber auf ähnlichem Boden stehenben liberalen Richt­ungen cröfnet, muß bnran erinnert werden, baß die Sozialdemokratie soeben erst ben bürgerlichen Parteien im Ganzen ben Fehdehandschuh Ijinge- ivorsen mfb speziell ihre entschieden nnfimo- narchische unb auf die Beseitigung der preußischen Staatsverfassung gerichtete Gesinnung ans baS Nachdrücklichste fuabgegeben hat. Die Wahlpolitik ber freisinnigen Vereinigung unb ber ihr in die­sem Punkte nahestehenden anderen liberalen Rich-

......' ! ......

blaß in die Arme ihrer Mutter sinkt, bie besorgt ausrust:

WaS ist Dir denn, mein Liebling, bist Du krank?"

Minna, die wohl Auskunft geben könnte, ver­hindert geflissentlich jede weitere Frage und Klein- Eischen kann nichts erzählen, es ist so müde, so müde!

Die Nacht kommt. Regungslos liegt bas kranke Kinb in seinen weichen Kissen, Vater unb Mutter stehen besorgt am Bettchen. Da öffnen sich die blassen Lippen:Maruschka singt!" Das Gesicht­chen verliert den matten Ausdruck und strahlt glück­selig, es muß eine schöne Melodie sein, die es hört.

Die Nacht und der folgende Tag haben Ver­schlimmerung gebracht, starkes Fieber ist gekom­men, der Arzt, der gerufen wurde, hat alle Hoff­nung aufgegeben, nur bie Elternliebe erwartet noch ein Wunder, bas ihr Kind retten soll.

Mit quätenber Unruhe unb keuchenbem Atem wirst sich bie Kleine von einer Seite auf die an­dere, alle Liebesworte der Eltern sind umsonst. Sie hat den ganzen Tag noch keinen Laut von sich, gegeben, nur manchmal schien es, als ob sie horch:,' bann kam ein seliger Ausdruck in das heiße, ab­gezehrte Gesichtchen und sie flüsterte ganz leise: Maruschka singt!" /

Es ist bald Mitternacht. Minna ist wieder zum Arzt gelaufen, wenn er auch nicht mehr helfen kann, fo ist es doch ein Trost, ben treuen Haus*, freuiib, ber Klein-Eischen lieb hat, in ber Nahe zu wissen.

Maruschka hat einen schlimmen sag gehabt. Ihre einzige Freude, für Elschen singen zu dürfen, ist nun auch dahin. Sie war nicht am Fenster; erschienen und morgen früh ziehen sie Wiebes weiter.