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38. Jahra.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck imb Verlag- Joh. Aug. Koch, UmvcrsttSts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

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Marburg

Dienstag, 13. Oktober 1903.

M dem KniMatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsberlager Jttustrirtes Sonniagsblatt.

Börsengesetz und Börsensteuer.

Man schreibt uns: Die Neubesetzung des Reichs, schatzanites wurde vielfach auch in ihrer Rückwirk- ung für die Börse zur Erörterung gebracht. Jetzt tauchen die Gerüchte von Reformgesetzen aufs neue in bestimmter Weise auf. Die Einsicht von der Notwendigkeit, die deutschen Börsen von der drückenden und zugleich unwürdigen Fessel zu be­freien, die das Börsengesetz auferlegt, ist nach­gerade Gemeingut aller verständigen Männer, na- mcntlich in dem Negierungsgebiet geworden, und ist mich in diejenigen Kreise gedrungen, die seiner­zeit für das Börsengesetz gestimmt haben. Auch der Börsenausschuß hat sich schon 1901 für eine Revi­sion des Börsengesetzes ausgesprochen. Die Tat­fache der traurigen Wirkung dieses Gesetzes ist zu klar, als daß sich ihr auch entfernter stehende Kreise verschließen könnten. Skandalöse Vorgänge in der letzten Zeit haben bewiesen, daß die Bestimmungen über das Börscnregister und das Börsentermin- geschüft geradezu eine Prämie auf die Nichtswür­digkeit darstellen. Mit Recht wurde im Abgeord­netenhaus darauf hingewiesen, daß Erscheinungen wie der Differenzeinwand, der viel schlimmere Regisicrzwang und namentlich die Möglichkeit­aufgrund des § 764 des BGB. Schuldanerkennt- nisse und Sicherheiten ohne weiteres zurückzu­weisen, Dinge von so bedenklicher Art sind, daß sie geeignet erscheinen, dem ganzen Geschäftsverkehr nicht nur die rechtlichen, sondern auch die morali­schen Grundlagen zu entziehen. Daß im deutschen Handelsstand Treu und Glauben Macht hat und ungeschriebene Gesetze bilden, hat die Rechtsprech­ung, bei Differcnzeinwänden erwiesen. Nicht ein einziger Bankier hat sich geweigert, den Gewinn hcrauszubezahlen. . Ein weiteres Beispiel dafiir ist, daß, als 1844 in Preußen eine Kabinettsordre erklärte, daß der Handel in Jnterimsscheinen und Eisenbahnaktien fein Schuldverhältnis bedinge, nur ein einziger und der war ein Outsider (Äijßenstehender, der sich Spekulationen anmaßt, von denen er keinen Begriff hat) den Differenz- cinwand erhoben hat. Man muß daher Professor Gareis zustimmen, der über das Gesetz sagt:Ein Gesetz, das die geriebenen Gauner in Schutz nimmt und die Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit preis­gibt, ein Gesetz, das den bisherigen anstän­digen Menschen geradezu verleitet, um schnöden Gewinnes willen feine feierlichen Versprechungen Zu brechen, ein solches Gesetz will uns niemals als vom Standpunkt der höheren Moral erlassen er. scheinen, der uachzueifern unserer Zeit besonders not tut. Einer geslisfentlichen Untergrabung von Treu und Glauben im Verkehr sollte man vielmehr mit alten gesetzlichen Mitteln entgegenarbeiten."

Nicht minder dringend ist eine Reform der Börseusteuer. Unter Börsensteuer versteht man Reichsstempelobgaben, die 1881 eingeführt worden sind auf für den Handelsverkehr bestimmte Ren- ten- und Schuldverschreibungen und auf gewisse Kauf- und Anschaffungsgeschäfte. Die Bezeich­nung als Börsensteuer gibt zu falschen Vorstell­ungen Anlaß, iueil diese Steuern sich nicht bloß auf Börsengeschäfte beschränken, sondern zum größten Teile Kreise treffen, die dem Börsenverkehr voll­ständig fern stehen. Diele Stempelabgabeii, be­sonders die für Wertpapiere, sind mehreremal er-

li5 (Nachdruck Verboten.)

Frau Lore.

Roman von I. Iob st. '

lFo.'ts ch?uns.i

Kannten Sie auch Herrn von Nordmann, Herr Assessor?"

Zum zweitenmale kam die Frage, es gab kein Ausweichen, und Schierstedt fühlte es schmerzlich, das; das Gespenst aus Lores Vergangenheit sich von neuem an deren Fersen heftete. Was hätte er darum gegeben, wenn er es hätte leugnen können!"

Ich kaitnte den Vater," antwortete er ge­drückten Tones. Wieblitz aber glaubte das böse Gewissen zu hören und ging rücksichtslos vor.

So ist Ihnen bekannt, daß der Vater ein Ver­brecher ist?"

Ich kann leider nicht widersprechen."

Wissen Sie, daß mir heute im Hotel Roland jou Herrn von Brenken im großen Kreise mitge­teilt wurde, daß Herr von Nordmann ein Zucht­häusler und Brandstifter sei?"

Woher hat Herr von Brenken denn erfahren, was vor so vielen Jahren auf Steinbrück ge­schehen ist?" fragte Schierstedt erregt.

Ja, das möchte ich Sie auch fragen, Serr Assessor. Mir, waren bis dato , diese Verhältnisse total fremd, was man von Ihnen nicht behaupten kann."

Vater, Du willst doch nicht sagen--"

Schierstedt war aufgesprungen und drückte dankbar die Hand des jungen Mädchens, das ihm beistehen wollte, dann sagte er schmerzlich, aber ganz ruhig:Herr Forstmeister, der Verdacht ist gegen mich, doch werde ich mich davon zu reinigen wissen. Ich bitte um Urlaub, um gleich morgen Srcuffn aufzusnchen."

höht worden. Aber die Hoffnung, aus der Er­höhung der Sätze eine bedeutende Vermehrung der Reichseinnahmen zu erzielen, schlug fehl. Diese Voraussetzung hat sich nicht erfüllt. Im Gegen­teil, es zeigte sich in den letzten zwei Jahren ein Rückgang in den Einnahmen bei wesentlich er­höhten Steuersätzen. Daraus geht eine außer­ordentlich große Verminderung der Umsätze an den deutschen Börsen hervor. Das fiskalische Interesse erfordert daher durchaus eine Herabsetzung der Börsensteuer. Dies hat auch der Reichsschatzsekretär Frhr. v. Stengel anerkannt, der in einer Unter­redung mit Bankbeamten erklärte, daß es beson­ders dem Reichsschatzamt nicht gleichgültig sein könne, daß die Erträgnisse der Börsensteuer so ge­sunken seien. Der gegenwärtige Zustand sei für die Interessen der Reichsfinanzen sehr bedauer­lich, und hier gingen die Interessen der nächst­beteiligten Kreise mit denen der Finanzverwaltung in gewissem Sinne Hand in Hand.

Wo man volkswirtschaftliche Gesichtspunfte für die Begründung der jetzigen Börsensteuer heran­gezogen hak, ist immer nur die Verhütung ver­meintlich schädlicher Spekulationsgeschäfte ins Feld geführt worden. Die Ansicht aber, daß hohe Borsensteuern unsolide Börsenspekulationen und Borsenspiele verhindern, ist ebeufo falsch, als wenn mau durch eine Erhöhung des Spielkartetistem- pels die Spielleidenschaft eindämmen ivollte. Wei­ter kommt in Betracht, daß diese Abgaben nicht von den reichen Börsenmännern getragen werden, son- bern ebenso wie alle Maklergebühren, Provisions- kosten und Porti auf den Kundenkreis abgeivälzt werden. So hat natürlich auch der kleine Mann, der seine Ersparnisse in einem Staatspapier an­legen will, die Stempelsteuer auf Kaufgeschäfte zu tragen. Dabei besitzt die Börsensteuer für die verschiedenen Geschäfte eine außerordentlich ver­schiedene Bedeutung. So ist die Wirkung auf den Verkehr mit Anlagewerten geradezu abschreckend. Alle diese Wirkungen, verbunden mit der Ungleich- heit, von der die verschiedenen Arten der Bänkge- schäfte getroffen werden, sprechen für die Not­wendigkeit einer nachdrückliche n Börsenreform. ____________________________Lothar Wende.

Umschau.

Die w i d e rl e g t e n F r e i h ä n d l er.

Die deutschen Freihändler loaren bisher in der Lage, sich zum Beweise für den praktischen Wert ihrer Grundsätze auf Englluid zu berufen. Jetzt droht ihnen der Verlust auch dieser letzten Stütze chrer längst als vor der Hand unhaltbar und wertlos erkannten Anschauungen. Balfour und Chamberlain sind sich darüber einig und haben in Wort und Schrift der Ueberzeugung Ausdurck ge- geben, öafe England unter dem Freihandel nicht fortbestehen könne, und es sind dieselben Maximen

® ercdmungen, die Fürst Bismarck im Jahre 18/9 bei der Jnargurierung feiner Zollpolitik aussprach, die gegenwärtig der ehemalige Han- öetsherr von Binningham seinen Vorschlägen zu Grunde legt. Seine zähesten und entschlossensten Gegner findet Mr. Chamberlain bekanntlich in den englischen Trabe-Unions, Gewerkschaftsvereinen

s. w., die eine Verteuerung der Lebens- haltung des Arbeiters befürchten, es

Das werden Sie gefälligst bleiben lassen, jun- ger Mann Die Sache braucht noch nicht unnötig aufgebauscht zu werden." ,

- Und der Verdacht soll auf mir sitzen bleiben?" brauste Schierstedt auf.

.Papperlapapp! Der Verdacht saß nur hier in meinem Dickschädel, Schierstedt, und so können

daimt zusi-ieden geben, daß ich alter Mann tue' Der Forstmeister streckte ihm seine breite Rechte hin, in die Schierstedt tief aufatmend die feine legte.

Ich glaub wahrhaftig, das Mädel da wollte mit dem alten Vater Krakelst anfangen," damit schloß er zärtlich Britta in seine Arme, die in hef­tiges Schluchzen ausbrach.Kind, Kind," tröstete er,meine nicht, wir wollen sie um so lieber haben, Ä^ere 8rau Lore. Und nun seh' Dich wieder, daß Schierstedt uns das Traurige mitfeilt, denn jetzt haben hur ein Recht darauf, alles zu erfahren." der wage Mann geendet hatte, blieb eine Welle alles still, bis Frau Grete fragte:Und er lebt noch der arme Manu?"

Ich weiß es nicht, aber ich glaube kaum."

Kinder, was gibt es für Elend in der Wett.- Gott behüte uns in Gnaden!" Der Forstmeister stand kopfschüttelnd auf.Aber mein lieber Schulz ist meinem Herzen noch teurer geworden. Das ist ein ganzer Mann!"

Das ist er," bestätigte Schierstedt, dann schritt er hinaus in den Garten, in die mondhelle Nacht er mußte allein fein.

Der Forstmeister blickte ihm kopfschüttelnd nach und wandte sich dem Saufe zu, gefolgt von feiner 5rau,_ sie hatten es beide nicht bemerkt, daß Britta dem jungen Mann mit traurigem Blick nach« schaute.

Gute Nacht, Kinds' und nimm es Dir nicht so zu Herzen. Für uns bleibt Frau Lore dieselbe und will die Welt sie es entge'-en lassen, daß ein Makel auf ihrem Namen ruht, so ist unser Assessor

aber nicht wahr haben wollen, daß der Uebergang zum Schutzzollsystem eine Steigerung der Löhne iigch sich ziehen werde. Mit derselben Behauptung suchen auch unsere Freihändler, nicht minder die Sozialdemokraten ihren Angriffen gegen die deutsche Schutzpolitik einen Schein des Rechtes zu geben.

Und doch ist tatsächlich das eingetreten, was Fürst Bismarck vorausgesagf hat, und ebenso wird die Wirkung nicht ausbleiben, die Mr. Chamber­lain von seiner Zollpolittk erwartet. Wen etwa die enorme Steigerung der Arbeitslöhne im eigenen Lande nicht überzeugen kann, darf nur auf die Schutzzöllner par excellence, auf Frank­reich und Nordamrika, blicken, um sich eines Bes­seren belehren zu lassen, wenn er eben der Belehr­ung überhaupt zugängig ist. Nach den Erhebungen des Office du Travail sind in Frankreich seit 50 Jahren die Löhne für Männer und Frauen um mehr als das Doppelte gestiegen und zwar am stärksten in den Jahren 1891 und 1893, in denen die Erhöhung der industriellen Zölle zuerst voll in Wirksamkeit trat. In denselben Jahren setzte ein kräftiger Aufschwung der nationalen Arbeit, eine erhebliche Zunahme der Aufträge ein, die den industriellen Unternehmern ermöglichte, höhere Löhne zu zahlen. Niemand wird ferner behaup­ten können, daß die Lebenshaltung des französchen Arbeiters sich verschlechtert habe. Das gerade Gegenteil ist der Fall, denn bei einer feit 1840 Zirka um 12 Prozent angetoadjfenen Bevölkerung sind die Preise für Getreide um 60 Prozent, für Kartoffeln um 100 Prozent, für Fleisch um 90 Prozent, für Zucker um 500 Prozent, für Tabak um 170 Prozent, für Wein um 90 Prozent und für Alkohol um 200 Prozent gestiegen, ohne daß der französische Arbeiter, wenn er nicht mutwillig eine Streik vom Zaune brach, veranlaßt worden wäre, sich Entbehrungen aufzulegen ober feine Ansprüche herabzusetzem Dieselbe Erscheinung, nur noch in vergrößertem Maßstabe und verschärf­ter Form in den Vereinigten Staaten. Aus gründ der Schutzzollpolitik haben sich Handel und In­dustrie enorm entwickelt, noch mehr aber hat sich Verdienst und Lebenshaltung des amerikanischen Arbeiters gehoben.

Auch das ist richttg, was in llebereinftiinmung mit den großen deutschen Staatsmännern soeben Mr. Chamberlain in seiner Vorrede zur Broschüre des Sekretärs des Neichstarifausschusses Vince ausgesprochen hat, daß durch den Schutzzoll den Interessen der breiten Volksschichten, den Annen tuel mehr als den Reichen gedient werde, denn mit dem Wachstum der Löhne geht eine fortbau- ernbe Verminberung ber Kapitalwerte unb ber Er- trage be§ arbeitenben Kapitals Hanb in Hanb. Vor biesen unwiderlegbaren Tatsachen werben sich die deutschen Freihändler, soweit sie noch nicht eine zeitgemäße Revision ihrer Anschauungen vor­genommen haben, ins Mauseloch verkriechen müssen.

Nationalsoziale Ansichten über die Sozialdemokratie.

D. Friedrich Naumann fragt in der letz- ten Nummer berHilfe":Was wird aus ber sozialbemokratie?" unb zieht bann nach einigen ^rtenmgen folgendes Bild von ber Lage ber Genoßen":

ber Mann dazu, feine Frau zu schützen. Wenn die beiden doch nur von dem Klatsch nichts er­fahren, aber da gibt es tausend Mittel und Wege nm ihn in krankender Form an das Ohr gelangen 3U lassem Und das: Man glaubt man glaubte um so größere Macht, weil das ganze aus Wahrheit beruht. Morgen fahre ich hinüber uno.^or kommt gleich mit, damit wir es deutlich aiisft'rechen was wir von diesen längst begrabenen Geschichten halten. Ich sage ihm selber, was die Spurnasen bet ihm gesunden haben, vielleicht kennt und'e- ;??' Sd,,u[? muß einen Feind haben und es ist immer gut, das zu wissen."

Du hast recht," fiel Frau Grete ein,aber mit nferer heben Frau Lore rede ich feinen Laut dar- über, das kannst Du nicht verlangkn."

Solltest Du auch gar nicht. Alte. Wenn es nach mir ginge, erführe sie überhaupt nichts davon. Doch nun komm, wir wollen schlafen geben, bin ich doch heute so müde, als wären mir die Knochen zerschlagen. Das macht der verfluchte Aerger und NUN muß ich zum Schluß noch dein armen Kerl bem schierstedt, Unrecht tun. Aber es freut mich dow' daß ich mich irrte. Wäre mir wirklich fatal geivefen, wenn ich recht behalten hätte. Hab, den tüchtigen Menschen lieb gewonnen na, und heute obends habe ich ihn noch mehr schätzen ge- lernt. Bist Du nun zufrieden. Kleine?"- chb.md kniff er Britta die Backen.Warst wohl ordentlich böse auf Deinen alten Vater, wie?"

Wortlos schmiegt sich das junge Mädchen an ^^Iorztmeisters Brust, während die Mutter kopffchiitfelnd ins Haus ging.

Geh nur, Vater," sagte Britta, sich aufrich­tend,Du bist müde unb ich räume noch auf!"

Gute Nacht, mein liebes Kind!"

Gute Nacht, Vater!"

Sie war allein mit ihren Gedanken, allein mit ihrem Schmerz. Ach, sie wußte es zn gut, daß

Die Lage ist heute weit ernster als Schlüsse der Dresdener Tagung, da den Scharf­machern in der Partei offenbar ihr nur äußer­licher Sieg nicht genügt. Bebel will jetzt, wie es scheint, in der Tat das tun, was er in Dresden nicht fertig bringen konnte: bestimmte Personen ruinieren! Seine Ankündigung, daß er vor den organisierten Berliner Genossen als Ankläger Heines auftreten unb bic Vertrauenskundgebung, bie biefer von ber Versammlung bes 3. Wahl­kreises in voriger Woche erhielt, in ihr Gegenteil umtoanbeln will, besagt, baß Bebel noch nicht aus ber Zeit seines Zornes herauSgctreten ist. Und das ist es^ wovon das Schicksal der Partei ab­hängt. . Sobald Bebel blasen läßt: Das Ganze Halt!, ist der Streit zu Ende. Er will aber den reinen Tisch. Es gelingt offenbar nicht, ihn zu beruhigen. Es rast ber See unb will sein Opfer haben, unb zitternb unb hilflos stehen bie zahl­losen Männer, deren Arbeit und Hoffnung ge­fährdet ist. Sachlich liegt zu einer tiefgehenden Störung ber Sozialbemokratie nicht ber geringste Grunb vor. Die Partei kann glatt unb mächtig weiter agitieren unb sich in ber bisherigen Weise am Parlamentarismus beteiligen. Die Revisio­nisten finb an sich schon bescheiden genug und durch Dresden noch vorsichtiger geworben. Die übertoältigenbe Masse ber Genossen hat gar keinen anbereii Wunsch als fortzufahren. Bebel aber will mit Gewalt bierevolutionäre" Partei. Wenn er aber biese schaffen will, muß er bie Massen­partei, die er selber, mehr als jemand sonst gesam­melt hat, zerbrechen. Er scheint heute entschlossen, es zu tun; er folgt seinem Stern, ber sehr wohl ein Unstern werben kann für ihn und alte seine Lebensideale. Falls Bebel nicht noch einlcnft, so ist die Frage bie: eutteeber hat Bebel bie Kraft, sich zum Diktator ber Sozialbemokratie zu machen unb alle ihm unbequemen Elewete still zu machen ober abzuschieben, ober er hat bie Kraft nicht. Im ersteren. Falle wird aus der Sozialbeinokratie ein neues Königreich Stumm mit allen Gefahren, bie ein solcher biktatorisch verwalteter Staat im Staate hat. Im zweiten Falle entsteht eine Anarchie, die jeden Tag zu Spaltungen führen kann. Beides ist sür^die Arbeiterbewegung, aber nicht nur für diese, sondern gleichzeitig für allen deutschen Liberalismus, höchst verhängnisvoll. Wir alle müssen ruhige Weiterentwicklung der Linken wün­schen. Wir alle Verlieren, wenn jetzt die Sozial­demokratie morsch wird, denn dann gibt es über­haupt kein Gegengeivicht gegen die kommende Zentrumsherrschaft mehr. Deshalb, wenn unsere guten Wünsche etwas helfen, so sind wir dafür, daß der Streit in der Sozialbemokratie aiffhört. Was aber finb Wünsche Draußenstehenber, wo selbst^ bie Wünsche ber Nächstbeteiligten Winb

Ein Kommentar zu bleiern frommen Wunsche ist überflüssig, er sagt an sich schon so biet!

Der Ausbau der sozialen Ver - sicher.ungsgefetze.

Ein bemerkenswertes Zeugnis für bie segens­reichen Wirkungen ber Reichsinvalibenversicherimg fmb bie Bestrebungen für bie Ausdehnung ber Einrichtung, namentlich in den Kreisen ber Privat­beamten und ber Kleingewerbetreibenben, beson­ders ber Handwerker. Aber vorläufig harren

Schierstedt sie mit flüchtigem Wohlgefallen be­trachtet, fein heißes Herz lag im Banne der alten Liebe unb biese hieß Sore. Das Mädchen hatte sein Geheimnis nur zu gut erraten. Aiffschluch- jenb preßte sie den Kops in das gefärbte Laub des wilden Weines, ber seine langen Ranken vom luf­tigen Dach ber Veranba herabhängen ließ, sie schwanken im frischen Abeubwinbe auf unb Weber unb legen sich kühlenb auf bie heißen Wangen bes weinenden Mädchens.

Fräulein Britta!" rief es leise von unten herauf.

Sie hörte es nicht.

Da kam Schierstedt mit leichten Schritten die Stilfeu empor und fegte innig den Arm um die Schultern der Schluchzenden:Britta, sagen Sie mir nur das eine, weinen Sie um Lore ober um mich?"

Sie schwieg, ober sie wehrte ihm ab. Die Monbesstrahlen warfen ein schimmerndes Gewebe silberner Lichter durch das hängende Gezweig auf die junge Gestalt, die in bemiitiger Dankbarkeit das tröstende Mitleid des Liebsten für ein kost­bares Geschenk entnahm.

Schierstedt fragte nicht mehr, sie selbst war ihm Antwort genug und als er sie schweigend auf bie Bank zog. bie ihnen zur Seite staub, zog burch seine Gedanken bie Gewißheit, daß Britta ihm ein treuer Kamerab fein wirb, ein Kamerad fürs ganze Leben. Was hatte Lore boch zu ihm gesagt: Wenn Sie nur wollen--"Ach, er wollte ja,

was sie wollte. Ihr Glück war auch sein Glück. Und jetzt, wo sich von neuem das Gespenst ber Ver, gangenheit, bas ibn in seiner Verblenbunng von ihr getrennt hatte, drohend neben ihren Pfad stellte, wollte er ihr beistehen unb bamit er dies konnte, ohne baß Verleumdung sie kränkte, gatt es, sich mit fester Hand von seiner Liebe zu scheibe«.