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Da die .Oberhessische Zeitung' in ständiger Verbindung mit dem größten deutschen, aus amtlichen Quellen bedienten telegraphischen Bureau steht und ein weitverzweigtes Netz von Korrespondenten in ihrem Verbreitungsbezirke und weit darüber hinaus unterhält, so ist sie in der Lage sicher für jedermann etwas zu bringen, was besten Interests besonders in Anspruch nimmt. Außerdem ist sie immer bemüht, die Zahl ihrer Nachrichten aus Stadt und Land zu vermehren, da der sich beständig vergrößernde Leserkreis der .Oberhesfischen Zeitung' dies erfordert und ermöglicht. Der Auswahl der zur Veröffentlichung kommenden Romane und Erzählungen werden wir erhöhte Anfmrrksamkeit widmen.
Das mit dem 1 Oktober beginnende Quartal wird sicher mit zu den ereignisreichsten der letzten Jahre gehören. Die preußischen Landtagswahlen, an denen sich zum er st en Male die Sozialdemokraten beteiligen werden, finden Ende November statt, und es ist nicht ausgeschlossen, daß der neue Reichstag noch vor Weihnachten ein- berufen werden wird. Gleich zu Beginn feiner ersten Session sind hitzige Debatten wegen der Präsidenten und noch mehr wegen der V i z e p r ä s i - dentenfrage zu erwarten, auf welche die Sozial- demokiaten Anspruch erheben, ohne doch die damit verbundenen Repräsentationspflichten auf sich nehmen z« wollen. Auch bei der Beratung des Reichsetats wird es zu scharfen Kämpfen kommen und ebenso bei den in Aussicht stehenden Militär- «nd Marinevorlagen sowie den Handelsverträgen. Denn die Finanzlage des Reichs ist so ungünstig wie bisher noch nie. Jnterestant für unsere Leser und Freunde wird dabei besonders die Haltung unseres Reichstagsa bge ordneten sein, der nun die Probe bestehen muß, ob er tatsächlich ein Freund der Bauern, kleinen Handwerker, Gewerbetreibenden und Beamten ist, wie er einst behauptet hat, oder nicht.
Auf dem Gebiete der ä u ß e r e n P o l i t i k bereiten sich ernste Dinge vor. Auf dem Balkan ist
84 ....(Nachdruck verboten.)
Frau Lore.
Roman von I. Iobst. “'7, (Fortsetzung.»
„Ach wie traurig! Und Sie wollen ihn jetzt zu sich nehmen?'
„Nein, Herr Baron, das möchte ich nicht gern, wenigstens vorläufig nicht. Der arme Mann hat nämlich vor Jahren schwere Schuld auf sich geladen und büßte sein Verbrechen im Zuchthause. Doch als der Irrsinn ausbrach, wurde er einer Anstalt überwiesen. Meine Frau hat ihren Vater seit ihren Kinderjahren, in welche das Verbrechen fiel, nicht wieder gesehen — sie wuchs bei ihrem Stiefbruder ihrer bald nach der Katastrophe vecstorbenen Mutier auf. Aber ich trage mich mit dem Gedanken, ihn in der Nähe unterzubringen bei braven Leuten, dort kann ich ihn immer unter Augen behalten. Und vielleicht, wenn dann sein letztes Stündchen schlägt, können wir Kinder ihm die Augen zudrücken. Er stirbt dann wohl leichter, der arme, alte Mann.'
Baron von Schulz hatte ihm in wachsender Erregung zu gehört, seine Augen ruhten" ernst auf dem Sprecher, jetzt trat er plötzlich auf ihn zu, ergriff seine Hand, um sie kräftig zu drücken, und sagte: „Sie sind ein guter Mensch, Schulz, gehen Sie mit Gott!'
Walter wehrte bescheiden ab: „Gut bin ich nicht, Herr Baron, nur mitleidig, denn die Kunde, daß Ihr früherer Oberinspektor Schäfer
tagtäglich der Ausbruch eines KriegrS zu erwarten, der mit Erbitterung und orientalischer Grausamkeit geführt werden wird. Auch für unS Deutsche stehen dabei mancherlei Jntereffe» auf dem Spiele. In Ungarn haben sich heute bereits die inneren Zustände so zugespiht, daß manche die Revolution nur noch für eine Frage der Zeit halten. Und in England find die Führer des Volkes an der Arbeit, um den Freihandel durch den S ch u tz z o l l zu ersetzen und den engeren Zusammenschluß des Mutterlandes mit den Kolonieen zu erreichen. Für unS Deutsche kann daS leicht den Verlust unseres besten Marktes zur Folge haben, was für uns schwere wirtschaftliche Krisen nach sich ziehen würde.
lieber all' diese Fragen wird die ,O b e r h e s s i sch e Zeitung' ihre Leser ausreichend orientieren, indem sie sowohl über die einzelnen Vorgänge referiert als auch zu ihnen im Sinne einer gesunden Mittelstandsund Heimatspolitik, die wir ja stets vertreten haben in unseren Artikeln, Stellung nimmt.
Zum Schluffe bitten wir unsere zahlreichen Freunde und Leser, in ihrem Bekanntenkreise zum Abonnement auf untere Zeitung aufzu- sordern!
Neu zutreteude Post - Abouueute« erhalten auf Auforder« an unsere Expedition die Zeitung schon von jetzt ad gratis und franko zugesandt.
Redaktion nnd Verlag der „Oberheffifche« Zeitung".
Die nächsten sozialpolitischen Aufgaben in Deutschland.
Der „Süddeutschen Land-Post' schreibt ein bewährter bayerischer Konservativer:
Deutschland steht, wie vom Auslande rückhaltlos anerkannt wird, mit seiner Arbeiterschutzgesetzgebung weitaus im Vord-rtreffen. Wenn im Januar dieses Jahres der Reichskanzler Graf Bülow in seiner Rede ausführte: „Seine Majestät der Kaiser und seine Regierung sind der Ueberzeugung, daß das 20. Jahrhundert dem Ausbau der sozialen Gesetzgebung gewidmet sein muß' — so wird man vom konservativen, christlichen Standpunkt zustimmen müssen, nur wird es sich fragen, was ist unter diesem Ausbau der sozialpolischen Gesetzgebung zu verstehen. „Ist darunter nur die einseitige Ausbildung der sozialen Gesetzgebung im Jntereffe der „Lohnarbeiter" zu verstehen oder soll der Grundsatz, den Kaiser Wilhelm I. und Fürst Bismarck im Jahre 1881 an die Spitze ihres bahnbrechenden inner- politischen Programms gestellt haben: Die Fürsorge für die wirtschaftlich Schwachen nach Maßgabe der christlichen Lebensanschaunng — soll dieser Grundsatz ausgedehnt werden auch auf die Klaffen der Bevölkerung, die jetzt zum Teil schon unter das Niveau von Lohnarbeitern gesunken find, auf die Kreise des mittleren und kleineren Besitzes, auf das Handwerk und Kleingewerbe, kurz gesagt auf den Mittelstand, der tn Stadt und Land auf das schwerste zu kämpfen
das schöne Rittergut Langendorf gekauft hat, versetzte mich noch vor Minuten in heftigen Zorn.'
„Schäfer hätte Langendorf gekauft, das Gut der verstorbenen Baronin von Wert her? Gehen Sie, Herr Affeffor, das sind Märchen."
„Nein es ist Tatsache. Christian brachte es aus der Stadt mit. Erdmann hatte vorhin einen förmlichen Wutanfall und zeterte: „Ehrlich währt am längsten und Diebstahl nährt seinen Mann."
Eine dunkle Röte stieg langsam die Stirn des alten Herren empor, in seinen Augen blitzte es auf, dann sagte er: „So bleibt der Kerl in der nächsten Nachbarschaft. Da habe ich auS Bequemlichkeit und der Scheu vor Konflikten unserem Kreise einen netten Insassen verschafft."
Eine kurzes Lachen, wie es so feine Art war, folgte, er blickte den Affeffor forschend an und setzte hinzu: „Ja, ja, ich sehe meine Schuld ein, Herr Affeffor, aber was hilft eS, wenn ich bereue, daß ich den Lump habe laufen lassen; nun werden wir ihn nicht wieder los."
„Man könnte aber doch ----* begann
Walter zögernd.
„Nein, man kann gar nichts,' unterbrach ihn der Baron ungeduldig, „denn man will nichts mit dem Gerichte zu tun haben. Aber wie der Schäfer mich genau kennen muß, daß er sich so sicher fühlt. So etwas wie Gewissen besitzt der Mann nicht. Na, mir wird er Wohl nicht unter die Augen zu kommen wagen."
Walter stieg der Zorn auf über diesen
hat" — so fragte auf dem großen Delegiertentage der deutsch-konservativen Partei in Berlin am 25. März d. I. Freiherr von Richthofen- Mertschütz in seinem vortrefflichen, viel zu wenig gewürdigten Referat über „Arbeiterfürsorge und Mittelstand".
Da der deutsche Reichstag in Bälde wieder Zusammentritt, ist eS wohl angezeigt, daß die Frage nach den nächsten sozialpolitischen Aufgaben wieder einmal besprochen wird. Wenn wir auf das deutsche Arbeiterschutzzesetz von 1891 und auf die große Organisation der Ar- beiterverficherungen Hinblicken, wie sie unter Mithilfe der Konservativen entstanden und unter deren Mitwirkung seither immer mehr verbessert wurden, so können wir stolz darauf sein. Kein Staat der Welt hat eS bisher gewagt, im Interesse der Lohnarbeiter den Arbeitgebern derartige Lasten aufzuladen. UnS ist es sicher, daß, wo sich diese Gesetze samt ihren Novellen noch verbesserungsbedürftig zeigen, sie auch entsprechend verbessert werden müssen. Andererseits muß aber doch gefragt werden, wie soll Deutschland in der Lage bleiben, alles das zu tragen und zu leisten, waS geschaffen wurde, wenn der Mittelstand immer mehr inS Sinken kommt. Es müssen alle überlegenden Sozialpolitiker sich fragen: ist es nicht jetzt die allerhöchste Zeit, auch einmal im deutschen Reichstag auf das eingehendste zu überlegen, wie man für den Mittelstand in Stadt und Land mehr als in letzter Zeit geschehen ist, etwas Ersprießliches tun kann.
ES muß in erster Linie versucht werden, dir Arbeiterversicherung auch auf den Mittelstand auszudehnen, für den Handwerker eine Krankenversicherung zu schaffen, eine Versicherung gegen Unfall, Alter und Invalidität, auch für den kleinen und eventuell für den mittleren Grundbesitzer baldtunlichst zu schaffen, gegen die Gefahren des wirtschaftlichen Lebens. Die von Handwerkern erfreulicherweise angeregte Selbsthilfe auf diesem Gebiet halten wir zwar für einen schönen Gedanken, der auch da und dort realisiert werden kann, aber im allgemeinen kaum zur Ausführung kommen wird. Wenigstens nicht in allernächster Zeit und gerade bei unseren Handwerkern ist rasche Hilfe doppelte Hilfe. Zu den sogenannten Aufgaben für den Mittelstand rechnen auch wir eine tatkräftige, umsichtige Förderung deS GenoffenschaftswesenS. Es gilt ferner, den kleinen und mittleren Besitz zu erhalten, den Real- und Personalkredit weiter auSzubilden, die Verschuldungsgrenze (auf dem Lande) zu ermitteln und festzusetzen, auf d-m Gebiete der inneren Kolonisation fortzufahren, ungerechte Steuernlasten (wie die Bodenzinse in Bayern) abzuschaffen, zum Schutze und zur Weiterbildung der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen beizutragen, nicht zum letzten auch durch entsprechende Handelsverträge die einheimische Arbeit der Werkstatt und der Fluren zu schützen.
Fürwahr ein reiches sozialpolitisches Pro
krassen Egoismus, der allem Lästigen kaltblütig auS dem Wege ging, und er warf hin: „Ihnen allerdings nicht, Herr Baron, aber ein Krebsschaden im Kreise wird er werden, dafür bürgt mir alles, was ich über den Mann bisher vernommen habe. Solch ein Mensch ist ein Unglück für die Gegend."
Baron von Schulz hörte diesem unverfrorenen Ausfälle zu mit gerunzelter Stirn, aber er stieß nur ein „Hm!" auS, welches alles bedeuten konnte, und Walter fuhr ruhig fort, es mußte einmal vom Herzen herunter: „Ich habe ja bedeutende Fälschungen in den Büchern entdeckt und dieselben kaufen sicherlich durch alle die Jahre hin, daß Schäfer hier seine? Amtes gewaltet hat, aber solche Summen sind es doch nicht, um den Ankauf eines großen Gutes zu ermöglichen."
„Sie vergessen, daß er auch die Einkünfte durch Diebstahl schmälerte," unterbrach der alte Herr, „und da nehme ich gleich die Gelegenheit wahr. Ihnen, mein lieber Schulz, meine Anerkennung auszusprechen für ihre Geschäftsführung. In allen Zweigen mehren sich die Erträge und dabei sind neue Maschinen ange- schafft, eS ist gebaut worden — na, ich will eS in die wenigen Worte zusammenfaffen: Sie find ein tüchtiger Beamter und ich danke Ihnen für Ihre Pflichttreue."
Wieder schüttelte der alte Herr Walter die Hand und seine Augen ruhten freundlich auf dem unbekannten Neffen, der ihm am liebsten alles verraten hätte. Doch nahm er sich gewaltsam zusammen und dankte in kurzen Wor-
gramm, das wir hier als die nächsten Aufgaben in kurzen Umrissen vorgeführt haben! Wir wollen auch mit vollen Segeln in bet Sozialpolitik Weiterarbeiten, allerdings weder inS Uferlose hinaus, noch inS Einseitige hinein! Wir tooHen nach Hilfsmittel sinnen, zum Schutz derjenigen, die das Fundament eines geordneten Staatswesens bilden. Ohne einen kräftigen Bauernstand, ohne einen leistungsfähigen Handwerkerstand ist die Gesundung unseres Volkslebens undenkbar. Gelingt e8 hier Hilfe zu bringen, so bietet die Konservative Partei, wie schon oben angedeutet, gerne die Hand dazu, daß auch die sozialpolitische Gesetzgebung im Interesse der Lohnarbeiter immer mehr verbessert und ausgestaltet wird. Hier wird in erster Linie die Frauenarbeit in den Fabriken und Werkstätten Gelegenheit geben, auf die schweren Schädigungen unseres Volkes hinzuweisen, welche durch dieselbe entst.hen. Hier muß auch die bessernde Hand angelegt werden, und zwar unter Umständen durch internationale Vereinbarungen. Hier berühren sich auch, wenn die Zerrüttung des Familienlebens durch die überhandnehmende Beschäftigung von Frauen in gewerblichen und industriellen Betrieben nur kurz angedeutet werden soll, die Ausgaben des Staates mit denen der Kirche auf dem großen Gebiet der inneren Mission. — Aber das Allernächste muß der Schutz des Mittelstandes von Stadt und Land in sozialer, ethischer, religiöser und auch politischer Hinsicht fein.
Deutsches Reich
Berlin, 29 Septbr.
— Unser Kaffer verbleibt noh bis Donnerstag oder Freitag in Rammten in Ostpreußen, wo er bereits eine stattliche Anzahl starker Hirsche, darunter einen Acht zehnen der, zur Strecke brachte. Tiermaler Prof. Friese malt die eileaten Tiere sofort. Am 3. Oktober werden beide Majestäten im Jagdschloß Hubertusstock unweit Berlin eintreffen.
— An der gestrigen Frühstiickstasel im Neuen Palais zu Darmstadt nahmen laut der »Darmstädter Zeitung' das rusfische Kaifirpaar, der Großherzog, Graf Lamsdorff, Staatsminister Rothe und das hiefige diplomatische Korps teil.
— Der bayerische Landtag tritt am heutigen Dienstag wieder zusammen. Die Regierung legt ihm zugleich mit dem Staatshaushaltsvoranschlag zwei Gesetzentwürfe betreffend Erhöhung der Erbschaftssteuer und der staatlichen Gebühren vor, weil es nicht gelungen ist, den Staatshaushalt zu balanzieren. Das ist nicht erfreulich und wird jedenfalls heftige Kämpfe verursachen. Der Wahlgesetzentwurf soll bald an den Landtag kommen.
— Gegenüber Klagen über Mangel an Silbergeld ist eine beschwichtigende Mitteilung erschienen. Nun wird aber aus Düffeldorf am Niederrhein berichtet, daß auch die dortige Handelskammer über den Mangel an Fünfmarkstücken und zugleich Zehnmarkstücken verhandelte. Es wurde eine Eingabe an die Reichsbank in Berlin und au das Reichsschatzamt beschlossen.
— 9hm soll auch auf Deutsch 9teuguinea in der Südsee Kakaokultur betrieben. Der frühere langjährige Direktor des Botanischen Gartens zu Viktoria in Kamerun Prof. Dr. Preuß begibt sich in diesen Tagen nach Neuguinea zur Anlegung ausgedehnter Galan
ten für das Vertrauen feines Herrn, dann verließ er das Zimmer.
„Ach Mama, mit Dir ist euch gar nichts anzufangen feit Vater fort ist." Diese altklugen Worte, die dem Munde Werners entfielen, riefen die sehnsüchtig in die Weite schauende Frau Lore in die Gegenwart zurück und der Kleine setzte hinzu: „Gut, daß wenigstens der Baron noch da ist, der hört mir immer zu und erzählt mir auch, watz ich haben will."
„Na, was willst Du mir denn erzählen?" rief die Mama und zog Bubi auf den Schoß, er aber machte sich heftig strampelnd los, er war nun mal nicht für Liebkosungen, so warmherzig auch sein kleines Herz schlug. Er schleppte sich einen Stuhl heran — fie saßen in der Laube im neu angelegten Garten, der Frau Lores ganzer Stolz war — und begann:
„Weißt Du, was heute für ein Tag ist?"
„Ja, heute ist Mittwoch und heute Abend kommt der Vater wieder."
„Das ist gut, daß Vater bald wieder da ist, sagt Erdmann, und es wäre gar nicht fertig zu werden, wenn Daker nicht da ist, sagte er, und ich finde, daß er Recht hat."
„So?" lachte Lore. „Doch Du wolltest mir waS erzählen."
„Heute ist der Tag, an dem das Kindchen vom Baron hat sterben müssen, da8 Grab liegt ganz voll Blumen, Mutti, und heute ganz früh, als noch keiner auf war, hat der Baron alle Blumen hingetragen.
(Fortsetzung folgt.)