mit dem KreWlati für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg .
Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg. Reklamen: die Zeile 25 Pfg,
Mittwoch, 23. September 1903.
’ •••y’3' Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, UnivrrsitätS-Buchdruckerel
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg.
Das Verkehrswesen
in der preußischen Monarchie.
Wenn auch infolge einer nicht gerechten Zollpolitik die landwirtschaftliche Bevölkerung seit 1890 wirtschaftlich keine Fortschritte gemacht hat, vielmehr schwer um ihre Existenz kämpfen must, so hat doch durch den Aufschwung von Handel und Industrie die Wohlhabenheit der Bevölkerung im ganzen zugcnommen und nicht zum mindesten die der Arbeitnehmer.
Abgesehen von der Steuereinschätzung und den Sparkassen tritt das zu Tage in der Entwickelung der Verkehrsmittel und des Verkehrs, — vor allem der Eisenbahnen. — Die preußische Eisenbahnverwaltung ist das großartigste, einheitlich geleitete Eisenbahn-Unternehmen der Welt und ist in steter Zunahme begriffen. Es umfaßte am 1. April 1890: 23 842,12 km, am 1. April 1900: 30 347,19 km und am 31. März 1902: 31 843 km.
Durch die kürzlich verabschiedete Vorlage werden alle noch bestehenden bedeutenderen Privat- bahncn verstaatlicht (Marienburg-Mlawka: Ost« preußische Südbahn, Dortmund-Gronaii-Ent- fchcde :r.). Dadurch wächst das Eisenbahnnetz der preußischen Staatsverwaltung um fernere 1183 Kilometer.
Die Zunahme des Verkehrs geht aus folgenden Zahlen hervor:
Es stieg die Verkehrsdichtigkeit auf 1 km Be- triebslängc von 290 608 Personenkilometer int Jahre 1899 und auf 452 503 Personenkilomcter im Rechnungsjahre 1901. —
Bemerkenswert ist die Entwickelung der vierten Wagenklasse. — Ursprünglich eingerichtet für den Vororts-Marktverkehr nach größeren Städten, dient sie jetzt dem Fernverkehr durch das ganze Land und ist durch Anbringung von Bänken eine billige Neisegelegenheit für die ärmerenKlassen der Bevölkernng geworden. — In der Tat hat der Verkehr, in der vierten Klasse im Verhältnis zu den drei ersten Klassen am meisten zugenommen.
Einen wesentlichen Vorteil hat das Staats- bahnshstem dem Lande durch die Möglichkeit gebracht, auch ärmere Gegenden dem Eisenbahnnetz anzuschließen, selbst wenn diese Bohnen sich schlecht rentierten. — Die Privatgesellschaften bauten nur gut rentierende Strecken. Während bei der Einleitung der Eisenbahnverstaatlichung gar keine Nebenbahnen bestanden, und 1879 die erste bezügliche Vorlage an den Landtag kam, bestanden am 1. April 1900: 10 182 km und am 1. April 1902: 11 240 km vollspurige Nebenbahnen.
Die Nebenbahnen sind wesentlich dem Güterverkehr förderlich gewesen. — Während im Jahre 1889 auf 1 km Länge 617 523 Tonnenkilometer gefahren wurden, beförderte die Eisenbahnverwaltung im Jahre 1899 auf 1 km Länge 792 619 < Tonnenkilometer.
Den wirtschaftlichen Vorteil einer großen einheitlichen Eiscnbahnverwaltung ersieht man am besten aus den finanziellen Erfolgen der Vereinigung der hessischen Bahnen mit den preußischen. — Als die hessischen Bahnen im Jahre 1896 in gemeinsame Verwaltung übergingen, war der Uebcr- schuß der Einnahmen über die Betriebskosten gering, die Zugverbindungen waren mangelhaft, die Beamten waren schlecht besoldet. Diesen beiden Uebelsränden ist abgeholfen und Hessen hat für das
28 (Nachdruck verboten.)
Frau Lore.
Roman von I. Jobst.
(Fortsetzung.)
„Sag das nicht. Nein Baron, das sag nicht," beschwor ihn das Kind. „Und wenn sie Dich alle nicht leiden können, ich hab Dich doch schon all die Zeit lieb gehabt. Aber ich durfte Dich ja nicht stören, sagte Vater, und was Vater sagt, mutz ich tun. Ich wollte schon so gern mal zu Dir kommen in das schöne Schloß und ich wollte auch schon nicht lachen, denn Christian sagt, da drinnen dürfte keiner lachen^ Ich lache ia so gerne, gerade Ivie Mama und Schwesterchen, ober wenn Du es nicht magst, dann lasse ich es schon, kannst mirs glauben. Sag mal Baron, lacht die Baronin auch nie mit Dir?" -
„Tu dürftest schon lachen, Klein-Werner," sagte feuchten Auges der alte Herr.
' »Und Du lachst nie? Keinmal im ganzen Jähr?" fragte das Kind eindringlich.
„Nein, Werner, ich habe viel weinen müssen mein Leben lang, da habe ich es verlernt."
„Ach das war. wie Dein liebes Kindchen gestorben ist, sogt die Mama.
Der alte Herr fand keine Antwort, aber zum erstenmal seit langer Zeit fielen Tränen aus den vergrämten Augen, sei es, als ob die alle Wunde wieder aufbräche, aber sie schmerzte ihn nicht. Da fühlte er plötzlich zwei weiche Kinderärmchen um seinen Nacken, und ein süßer, unschuldiger Mund drückte sich auf den seinen, während es leise in sein Ohr flüsterte: „Weine nicht. Baron, ich will jeden Abend beten, daß der liebe Gott Dir ein neues Kindchen schenkt. Der liebe Gott kann
Jahr 1901 9 885 532 Mark als seinen Anteil an den Ueberschüssen herausbezahlt erhalten. — Das Beispiel Hessens könnte andere Mittelstaaten locken, auch sich mit ihren Eisenbahnen der preußischen Verwaltung anzuschließen. Die Konservative Partei hat an einer Ausdehnung unserer Eisenbahnenverwaltung auf andere deutsche Staaten kein Interesse, da ein finanzieller Ge- winn für Preußen dabei nicht wesentlich tst, und die Erhaltung der politischen Selbständigkeit dieser Staaten durch die Selbständigkeit ihrer Eisenbahn- Verwaltung geförd^-: wird.
Das Anlagekapilcl der preußischen Staatsetsen- bahnen betrug am 1. April 1902: 7912 Millionen und wird durch die vor kurzem angenommene Verstaatlichungsvorlage vergrößert um fernere 145 218 000 Mark.
Die finanzielle Bedeutung der Eisenbahnen ist bei dem Artikel Finanzen beleuchtet worden. — Eine Herabsetzung der Tarife kann daher nur mit höchster Vorsicht in Angriff genommen werden. In keinem Falle darf die Reforni dec Personentarife zu einer Minderung der Einnahmen führen.
Bemerkenswert ist auch die Zunahme der Chausseen. Während am 1. Oktober 1891 79 143 Kilometer vorhanden waren, hatten sich dieselben bis zum 1. Oktober 1900 vermehrt auf 95 945 Kilometer, also in 9 Jahren um 16 802 Kilometer. — Abgesehen von ihrer Bedeutung als Zufahrtswege zu den Eisenbahnen, ermöglicht unser engmaschige s Netz von Kunststraßen die Entwickelung eines in den Anfängen begriffenen, aber sehr zukunftsreichen Verkehrsmittels: des Automobil. Mit der Vereinfachung und Verbilligung der Kraftwagen wird ihre allgemeine Benutzung zunehmen, und es wird Aufgabe der Gesetzgebung sein, einerseits die Gemeingefährlichkcit der übermäßigen Fahrgeschwindigkeit zu hindern, andererseits diese Motoren im Interesse der Chausseeverwaltung zu besteuern. ES dürfte sich empfehlen, diese Steuern dem Provinzialchausseefonds zuznführcn.
In der beendeten Legislaturperiode hat die Frage der Wasserstraßen und Flußregulierungen eine politische Bedeutung gewonnen, die sie an und für sich nicht hat. — Künstlich hat man aus der Erörterung, ob der projektierte Rhein-Elbe-Kanal wirtschaftlich und finanziell vorteilhaft ist, eine politische Machtfrage gemacht, ob die Regierung ihren Willen durchsetzen soll oder nicht. — Die Konservative Partei hat sich durch solche Erwäg- ungen nicht bestimmen lassen. Sie hat aus lediglich sachlichen Erwägungen im Jahre 1899, das Projekt des Mittellandkanals abgelehnt. Die Gründe, welche dazu führten, sind seinerzeit in einem Rechenschaftsbericht dargclegt worden, der das Urteil über dieKanalvorlage dahin resümierte: . 1. Es sind wesentliche technische Bedenken vorhanden, und die Anschläge sind unsicher.
2. Vom militärischen Standpunkt aus ist der Kanal keine Notwendigkeit, und er ist nie mit Eisenbahnen in seiner Wirksamkeit zu vergleichen.
3. Die Landwirtschaft erwartet von der Kanalanlage keine Vorteile, eher Schäden; indessen sind die Interessen der Landwirtschaft für die Ablehnung nicht maßgebend.
4. Die Kanalvorlage bedeutet einen Bruch mit unserer Verkohrspolitik und bevorteilt in außergewöhnlicher Weise einzelne schon bevorzugte Gegenden und das Ausland.
5. Sie gefährdet auf das schwerste unsere Finanzen und zwingt, eine sehr scharfe Anspannung der direkten Steuern in Aussicht zu nehmen.
alles, sagt Vater, und dann kannst Du auch wieder lachen."
Der von diesem Tage zählende Verkehr des alten Herrn mit dem warmherzigen, süßen Knaben blieb den Eltern nicht verborgen. Frau Lore war nicht wenig stolz auf den überraschenden Erfolg ihres Bubis. Was bedeutet aber ihr Stolz der Freude Walters gegenüber, und als dieser eines Tages heimlicher Augenzeuge wurde, wie vertraut und liebevoll sich die Beziehung des alten Herrn zu seinem Äeltesten gestalteten, ja. daß kein Tag vorüberging. an dem der Baron es nicht möglich machte, ein, wenn auch noch so kurzes Zusammensein mit Werner abznhalten, da füllte sich seine Lecke mit jubelnder Zuversicht, der Sieg war sein.
Der Welt blieb das innige Verhältnis des Barons mit dem kleinen Werner verborgen, so scheu barg jener seine Liebe zu dem Kinde, und Bub! redete auch nur zu den Eltern darüber, war in diesen seinen Mitteilungen höchst wortkarg. Er machte überhaupt nicht gar viele Worte über eine Sache, nur sagte er eines Tages kopfschüttelnd zu seinem Vater, als er gerade wieder mit seinem asten Freunde an einem versteckten Plätzchen im Pa> „Kessen hatte: „Merkwürdig, Vater, daß d.r B-.'ron mich nie zu feiner Baronin bringt. Er meint, daS stört sie."
„Ja, wenn das der Baron meint, so wird es wohl so sein, Bubi."
„Denk doch bloß Vater, heute mußte ich dem Baron einen Kuß geben, einen, als ich kam, und einen, als ich ging, und das sollt ich immer tun. Ick, tu es gern, Vater, denn ich habe den Baron sehr lieb, nun, wo ich ihn doch so gut kenne."
„Hat er Dich denn auch schon lieb, Bubi?"
„Der Baron sagt, er hätte mich schon so lieb, als ob ich sein kleiner Junge wäre und nicht Vater seiner."
Die erheblich erweiterte wasserwirtschaftliche Vorlage des Jahres 1901 kam nicht zum Abschluß, da die Königliche staatsregierung die Session des Landtags schloß, während die Vorlage noch der Beratung der Kommission unterlag. — Diese Vorlage war deshalb noch schwieriger als die erste von 1899, weil in ihr ganz verschiedenartige Dinge: die Regulierung von schiffbaren Strömen behufs Verhütung von Schädigungen der An- wohner, und die künstlichen Wasserstraßen zu einem einheitlichen Ganzen verbunden waren. — Die Konservative Partei hielt diese Verkoppelung für unbillig.
Es ist eine Verpflichtung der Regierung, nachdem die einseitigeBerücksichttgung derSchiffahrt bei den schiffbaren Flüssen die Schädlichkeit der Hochwasser vermehrt hat, diesen Schäden abzuhelfen, ohne daran die Bedingung der Bewilligung von künstlichen Wasserstraßen zu knüpfen. Die Konservative Partei wird daher im Interesse der Anwohner die Regulierung der Oder, Havel, Spree und Elbe nach wie vor mit Entschiedenheit verlangen, und sie wird eine Vorlage wegen des Baues von Kanälen unbefangen aus selbständigen wirtschaftlichen und finanziellen Gesichtspunkten prüfen, ohne sich durch rein politische Erwägungen bestimmen zu lassen.
Umschau.
Unser Kaiser im deutschen Osten.
Unser Kaiser traf, aus Wien kommend, am Montag Nachmittag in Danzig ein und wohnte der Enthüllung eines Denkmals für seinen Großvater bei. Auf dem Bahnhof erwies eine Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 128 die Ehren, ein besonderer Empfang fand nicht statt. Nachdem der Kaiser zu Pferde gestiegen, ritt er, geleitet von Leibhusaren, nach dem Denkmalsplatz. Das Publikum, das sich bei dem schönen Wetter zahlreich eingefunden hatte, begrüßte den Kaiser lebhaft. Auf dem Festplotz hatten sich die Spitzen der Behörden versammelt, darunter Oberpräsident Delbrück und General v. Braunschweig. Eine vom Grenadierreziment Nr. 5 gestellte Ehrenkompagnie trat ins Ge» wehr. Der Kaiser wechselte mit verschiedenen Herren freundliche Worte, dann ging die Enthüllung, Programmgemäß von statten. Ihr folgte die Besichtigung des Denkmals, worauf der Kaiser sich nach dem Generalkommando begab, vor dem er eine Huldigung von Arbeitern der Reichswerft entgegennahm. Der Kaiser dankte und beteiligte sich alsdann an einer Konferenz im Generalkommando-Gebäude. In dieser Konferenz, zu der auch der Reichskanzler, der Finanz-, der Kriegs- und der Landwirtfchafts- minister sowie der Oberlandstallmeister erschienen waren, sollte über Landespferdezucht im militärischen Sinne beraten werden. Für den Abend war ein Besuch des Kaisers bei den Leibhusaren in Langfuhr angesagt, hieraus die Abreise nach Rominten in Ostpreußen, wo der Monarch jagen will.
Werner war sehr erstaunt, als sein Vater ihn Plötzlich emporhob und jubelnd in die Arme schloß, Walter mußte der Freude seines Herzens stürmischen Ausdruck geben. Dann durfte Bubi auf Vaters Rücken reiten, und so galoppierten sie die Lindenallee entlang bis ins Haus, wo Frau Lore ihnen lachend entgegenkam und ihren Liebling in ihren Armen auffing.
„Frage Vater, ob Du mit darfst, Onkel und Tante Wieblitz haben Dich mit eingeladen zu heute Nachmittag."
„Darf ich Vater?" wandte sich Werner mit Puterrotem Köpfchen an Walter.
„Ich habe nichts dagegen Bubi", lachte dieser.
Der Kleine tanzte vor Freude im Flur herum: „Dann füttere ich das Reh, wovon der Onkel mir erzählt hat. O, und den Fuchs wollte er mir zeigen und den Dompfaff, der so schöne Lieder Pfeift, und das Eichhorn---" Werner war
ganz aus Rand und Band und konnte die Stunde nicht erwarten, bis der Wagen vorfuhr. Er durfte oben auf dem Bock bei Christian sitzen, mit welcher Erlaubnis beiden dieselbe große Freude bereitet wurde. Die Unterhaliung zwilchen ihnen ritz nicht ab, und als der Wagen an der Waldecke vorbeifuhr, ließ der Assessor ein Viertelstündchen halten, damit das Ehepaar Siegfried auch seinen Anteil an dem Besuch hatte. Frau Siegfrieds Gestalt hatte in der Zeit entschieden an Rundung gewonnen und Siegfrieds Beine waren nicht gerader geworden, sie hatten aber auch jetzt ein ganz ansehnliches Bäuchlein zu tragen. Er Pflegte selber sein bester Gast zu sein, und da er eine sehr gute Zunge hatte, wurde sein Keller berühmt. "Die Kochkunst der gewesenen Hummel tat ein übriges dazu und so stellten sich die Gäste, trotz der entlegenen Gegend, mit der wärmeren Jahreszeit
Graf Bülow über Handelsverträge und Orientpolitik.
Der Reichskanzler Graf Bülow ist in Wien den Ausfragern in die Hände gefallen und hat den verschiedenen Herrn etwa das folgende eröffnet: Was die Handelsverträge betrifft, so hat Deutschland alle Vorbereitungen für die Ausnahme der Verhandlungen mit Oesterreich Ungarn getroffen. Da es aber die inner politisch en Schwierigkeiten des befreundeten und Verbündeten Reiches nicht verschärfen will, hat es bis jetzt wegen Eröffnung der Verhandlungen nicht besonders gedrängt und den alten Vertrag nicht gekündigt. Allerdings kann der Moment kommen wo Deutschland nicht.länger warten kann. Bezüglich der deutschen Orientpolitik erklärte Graf Bülow: Die deutsche Politik verfolgt im Orient keine Sonderziele. Deutschland denkt nicht daran, die Türkei zum Widerstand gegen die Politik anderer Mächte zu ermuntern. Alle Schritte Oesterreich-UngarnS und Rußlands haben immer die volle bereitwillige Unterstützung Deutschlands gefunden. Im Orient stehen wir,erst in zweiter oder gar dritter Linie, da find wir die Triarier. Auf die Frage, ob es zum Kriege zwischen der Türkei und Bulgarien kommen werde, sagte der Reichskanzler: Heutzutage fällt man mit dem Wahrsagen leicht hinein. Auf die Frage eines anderen Korrespondenten, ob ein Zusammenhang zwischen den Besuchen Kaiser Wilhelms und deS Zaren bestehe, erwiderte Graf Bülow: Deutschland befinde sich im vollen Einvernehmen mit der Orientpolitik Rußlands und Oesterreich- UngarnS und überlaffe diesen beiden Mächten vertrauensvoll die Austragung der Balkanwirren.
Deutsches Reich
Berlin, 22. Septbr.
— Der Kaiser hat den österreichischen Thronfolger Erzherzog Ferdinand 4, la suite der deutschen Marine gestellt und dies dem Admiral v. Köster in einem Telegramm mitgeteilt, worin es heißt, die Marine werde die ihr zuteil gewordene hohe Ehrung mit dankbarem Stolze annehmen Zugleich ordnete der Kaiser an, daß daS Kieler Wachtichiff die öster- rsichisch-ungarische Flagge, welche von den im Hafen anwesenden Kriegsschiffen am Montag im Großtopp zu führen war, mit 21 Schüssen zu salutieren habe.
— In Wien hat es aus Auslaß der Kaiserbegegnung eine großartige Ordens Dekoration für zahlreiche hochstehende Persönlichkeiten gegeben. Nur Gras Bülow ging leer aus. Das hängt nach der »Voss. 3tg.* folgendermaßen zusammen: Da Gras Bülow das Großkreuz des Stefansordens bereits besitzt, blieb ihm nur noch der Orden vom Goldenen Vließ übrig, der indessen lediglich an Katholiken verliehen wird. Er konnte also keinen Orden erhalten, und Kaiser Franz Joseph wird sich zum Ersatz für den deutsche« Reichskanzler in Lebensgröße malen laffen.
— Dem Chef des Zivilkabinets v. LucanuS schenkte der Kaiser sein lebensgroßes Bildnis. — I« Wien hatte der Kaiser vor seiner Abfahrt eine Unterredung mit dem österreichischen Minister des Aeußere« Grafen Goluchowski und dem deutschen Botschafter Grasen Wedel.
— Kronprinz Wilhelm ist zur Jagd in Heydekrug in Ostpreußen angekommen. Er wird dort an Stelle des Kaisers auf Elche jagen.
immer zahlreicher ein. Ja, Frem Siegfried sprach es soeben aus, daß sie sich mit dem kühnen Gedanken trage, sogar Sommergäste bei sich auszu- nehmen, und der Assessor konnte den Plan nur billigen.
Als der Wagen weiter rollte durch die früh- lingsfrischcn Tiefen des Hochwaldes, lehnte sich Lore mit einem tiefen Atemzuge zurück uild sagte: „Wie kann man nur so glücklich sein!"
Walter sah sein liebliches Weib gedankenvoll an: „Ja Lore, es geht uns gut. Ter Himmel segnet uns mehr, als wir es verdienen. Was taten lvir denn besonders, daß wir ein solches Glück unser nennen? Und cs gibt doch so viele arme Seelen in der Welt."
„Du meinst den Baron?" fragte Lore.
„Nein Kind, ich meine ganz jemand anders."
Ein tiefer Schatten flog über Lores Gesicht und in die Augen trat ein harter Glanz. Es war gar nicht mehr die herzige Fran Lore, die da neben ihrem Manne saß, die Lore, welche sich mit einem Herzen voller Erbarmen zu dem geringste« Taglöhnerlveib herabließ. Traurig blickte Walter sie an, dann sagte er: „Ich habe gestern wieder Nachricht gehabt von dem beklagenswerten Manne.
Walter, ich bitte Dich, höre aus mich und laß den alten Schatten nicht in unser frohes Leben fallen. Seine Schande fällt auf Dich, und daä wäre mein Tod."
Der leise Ton, den Lore des Kutschers toege^ an schlug, ließ ihre Rede noch erregter klingen. -
„Wenn Du nicht willst, Lore, fo rna'gst Da hier bleiben, aber bei mir stehl es feit gefterw seft, ich reise."
'(Fortsetzung folgt.)