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mit -em Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage; Jllnstrirtes Sonntagsblatt.

M 249

Marburg

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Dienstag, 22. September 1903

Vierteljährlicher Bezugspreis; btt der Expedition 2 Mk., Btt allen Postämtern 2,25 Mk. (tjcU Bestellgeld).

Jnserttonsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reklamen: die Zeile 25 Pfg.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck imb Verlag' Iah. Ang. Koch, UnivcrsitLtS-Buchdruckerel , . Marburg, Markt 2L Telephon 55.

Eisenbahnwünsche.

Aus dem Kreise Kirchhain wird uns von ge­schätzter Seite geschrieben:

Wie man jetzt hört, soll die direkte Einführung der Ohmtalbahnznge itt den Main-Weser Bahnhof Kichhain durch besondere Beschleunigung der Ar­beiten auf dem bezeichneten Bahnhofe erfreulicher­weise noch diesen Herbst stattfinden. Bekanntlich enden jetzt und bisher die Ohmtalbahnzüge auf dem etwa 10 Minuten von dcmMain-Weser-Bahn- hofe abgelegenen besonderen Kleinbahnhofe in Kirchhain und sind die Wegcverhältnisse zwischen den beiden Bahnhöfen namentlich im Winter und bei der Dunkelheit die drnkbar ungünstigste«, worüber auch in diesem Blatte schon recht oft und sehr geklagt worden ist. Diesem Uebelstande würde also durch die bevorstehende Einführung der Obmtalbahn direkt in den Main-Wcser-Bahn- hof endlich ein für alle mal abgeholfen. Mit dieser Verbesserung müßte nun aber noch cineweitere ebenso notwendige und dringliche Erleichterung für das Publikum und den Verkehr cingefühä werden; dies sind die ebenfalls schon viel erörter­ten direkten Fahrkarten zwischen den Statioucu der, Ohmtnlbahn und den Stationeu der Mam- Weser-Bahn. Bis jetzt müssen bekanntlich bei Reisen von Stationen der Main-Weser-Bahn nach Stationen der Ohmtalbahn und auch umgekehrt, stets zwei Fahrkarten gelöst tverdcn und zwar eine für die Main-Weserstrecken und eine zweite für die Ohmtalbahnstrecken. Dieser recht unangenehme Mißstand besteht noch heute, obgleich die letztere Bahn sich bereits im vierten Jahre im Betriebe be­findet und obgleich der größte Teil des Personen­verkehrs der Ohmtalbahn sich zwischen den Sta­tionen der Kleinbahn und der Main-Weser-Bahn und besonders der Station Marburg ablpielt, ein dringliches Bedürfnis also unbedingt vorhanden ist. Außerdem dürfte es doch auch ein billiges Entgegenkommen gegen das Publikum sein. Jeder Reisende, der in Kirchhain von der Main-Weser- Bahn auf die Ohnitalbahn oder umgekehrt über­gehen will, muß in Kirchhain eine neue Fahrkarte lösen und and) sein Gepäck, sofern solches vorhan­den ist, neu abfertigen lassen, trotzdem beide Bahnstrecken von ein und derselben, der Staats­bahnverwaltung, betrieben werden und trotzdem die Ohmtalbahn doch eine Verbindungslinie und zwar eine notwendige, zwischen der Main-Weser- Bahn und der Oberhessischen Linie GießenFulda darstellt, also an ihren beiden.Enden an die Staatsbahiilinien unmittelbar anschließt. Außer­dem fehlt es natürlich auch an direkten Fahrkarten über die Ohmtalbahn hinaus, also von der Main- Weser-Bahn nach den Stationen der Strecken GießenFulda und weiter, namentlich nach Als­feld, Lauterbach, Fulda, obgleich doch die Ohmtal- bakn bis feist auch die einzige Verbindungslinie zwischen der Main-Weser-Bahn einerseits und der östlichen gleichlaufenden Hauptverkehrslinie, der FrankfurtBebraerbahn zwischen Gießen und Bebra anderseits ist, mit alleiniger Ausnahme der hier in dieser Beziehung kaum in Betracht kommenden, weil ganz in der Nähe von Gießen ge­legenen Nebenbahn LollarGrün berg. Wer von einer Station der Main-Weser-Bahn, von Mar­burg, Cölbe, Treysa, Neustadt usw. nack Alsfeld, Lauterbach. Fulda usw. reisen will, oder umge­kehrt, muß sogar stets drei Fahrkarten lösen und ebenfalls dreimal das Gepäck 'abfertigen lassen. Dies sind doch wohl Verhältnisse, die gar nicht mehr zur heutigen Zeit passen und schleuniger

27 (Nachdruck verboten.)

Frau Lore.

Roman von I. I o b ft

(Fortsetzung.)

Welch ein Frühling! Die bekannten ältesten Leute wußten sich eines solchen nicht zu erinnern. Flutendes Licht, wohlige Wärme, diunkelblauer! Himmel und die grünen Tristen leuchtend in ihrem netten Kleide. In den Wäldern wehten, grünen Schleier gleich, die zarten Blätter auf und nieder und ließen die goldnen Sonitenstrahlen zit dem smaragdenen Moosteppich himintergleiten, aus dem weiße, gelbe und blaue Bltimenattgen, für ihr bescheidenes Leben dankend, zit ihrem Schöpfer emporblicktett. Wie emsig die Insekten auf und nieder tanzten von fern her klang das Pochen des Spechtes durch den Forst, und in der dichten Schonung pfiff eine Drossel. Schön wars zit wandern durch die fröhliche, blühende Gottes­welt. Vergessen war der finstere Winterpalast mit seinen Nebeln, den kurzen Tagen und langen Nächten, vergessen die trüben Gedanken, des Lebens Jammer und Herzeleid, der Blick wurde hell, das Herz schlug rascher in versüngter Kraft und die Brust öffnete sich weit, um den Atem des Frühlings eindringen zu lassen in die kräftig arbeitenden Lungen.

So schritt der alte Herr einher in seinem Reich und den blitzenden alten Augen entging nichts von dem heimlichen Weben und Leben um ihn her. llnvermerkt ging der Wald in den Park über, in kurzer Zeit war er zu Hause. Jetzt bog er in die Lindenallee, ein leichter Wind spielte in den

Abhilfe bedürfen. Es wird anderseits heute auch soviel in direkten Fahrkarten nach allen Herren Ländern getan, daß man mitten im eigenen Lande solche Verhältnisse, wie die geschilderten, gar nicht mehr für möglich halten sollte. In dieser Beziehung wurden nun und das verdient be­sonders hervorgehoben zu werden bis etwa vor dreiviertel Jahren die Stationen der Kleinbahn- strecken KirchhainSchweinsberg (Landesgrenze) und die der Hessischen Nebenstrecken (Landes­grenze) Nieder-OfleidenBurg- und Nieder- Gemünden, also der gesamten Ohmtalbahnstrecke, völlig gleichmäßig behandelt. Attf allen Ohmtal­bahnstrecken gab es also damals nur Fahrkarten nach Stationen zwischen Burg- und Nieder-Ge- münden einerseits und Kirchhain anderseits. Jedenfalls so hatte es wenigstens den Anschein sollte kein Teil der Ohmtalbahn, weder der hes­sische noch der preußische, in dieser Richtung einen Vorzug genießen. Der Mangel wurde also auf der ganzen Linie gleichmäßig empfunden und mußte auch ebenso ertragen werden. Zu der vor­angegebenen Zeit (also vor etwa neun Monate») aber wurden den beiden Stationen auf hessischem Gebiet, Homberg a .d. O. und Nieder-Ofleiden, direkte Fahrkarte» nach etwa 20 wichtigeren Sta­tionen in südlicher Richtung, namentlich nach sol­chen der Strecke FuldaGießen, in dankenswerter Weise gewährt. Diese beiden Stationen der hes­sischen Nebenbahnstrecke der Ohmtalbahn befinden sich- also seitdem bezüglich der Fahrkarten in völlig normalen und befriedigenden Verhältnissen, we­nigstens in südlicher Richtung, nach Norden besteht auch hier der alte Zustand fort. Dagegen i$b*auf dem nördlichen Teil der Ohmtalbahn, also über die LandcSgrenze hin auf preußischem Gebiet, von Schweinsberg nach Kirchhain, leider alles ganz und gar beim Alten geblieben. Das ist für die Bewohner des preußischen Teils des Ohmtales doch recht schwer betrübend. Die im Kreise Kirch­hain belegens Strecke hat seitdem außer der nachteiligen Behandlung der Ohmtal- (Klein-) Bahn imGüterverkehr und zwar durch den Mangel durchgehender Frachtberechnung und des Durch­gangsverkehrs für Gütersendungen nun auch eine ungünstigere Stellung int Personenverkehr gegenüber den Stationen auf hessischem Gebiet erhalten. Unter diesen Umstäitdcn muß man sich erneut und immer wieder fragen: Soll denn das ohne jede Aendentug so weiter gehen? Will sich denn niemand an maßgebender Stelle der Sache endlich annehmen und geregelte und normale Ver- hältilisse auch für den preußischen Teil der Ohm­talbahn herbeiführen? Wenn man in Betracht zieht, daß namentlich in früherer Zeit über so manche Privatbahnstrecke und Strecken anderer Nachbarverwaltungen durchgehende, also direkte Fahrkarten bestanden und auch heute noch bestehen, ja. auch über bezw. nach Kleinbahnstationen sollen, dem Vernehmen nach, anderwärts vielfach dierekte Fahrkarten vorhanden sein, so muß man sich wirk­lich wundern, daß wir hier noch immer nur nach jahrelangem Bemühen mit diesen Misslichkeiten zu kämpfen haben, die doch so leicht beseitigt wer­den könnten. Es liegt doch wahrlich kein berech­tigter Grund vor, weshalb die Ohmtalbewohner aus preußischem Gebiet in dieser Beziehung immer ungünstiger gestellt fein sollen, als die auf groß­herzoglich hessischem Boden. Hoffen wir, daß mit der bevorstehenden Einführung der Ohmtalbahn­züge in den Main-Weser-Vahnhof Kirchhain auch endlich durchgehende Fahrkarten über Kirchhain zur Einfiihrung gelangen.

hellgrünen Blättern und ließ huschende Schatten und goldene Lichter auf den Wegen tanzen.

Dort vom Ende her näherte sich etwas Kleines, ein winziges Menschlein war es: Werner wollte seinem Vater entgegengehen, der versprochen hatte, auf seinem Wege zilrückzukomnten.

Nun er die hohe Mäimergestalt gewahrte, be­schleunigte er seine Schritte, aber er lief nicht wie sonst wohl. Jetzt waren sich die beiden so nahe, daß sie sich erkennen konnten, und zu des Barons Erstaunen machte der kleine Bursche Kehrt und schritt denselben Weg zurück, ohne von ihm Notiz zu nehnten. Diese kühle Nichtachtung des sonst jo warmherzigen, zutraulichen Knaben, den er schon oft belauscht hatte in seinem Tun und Trei­ben, reizte die Neugierde des alten Herrn, und er beschleunigte seinen Gang derart, daß er ihn bald eingeholt hatte.

Warum machst Du denn vor mir Kehrt?" fragte der Baron.

Weil ich Dich nicht stören soll," sagte Werner und blickte mit den sprechenden, dunklen Augen zu dem Frager empor, dann setzte er. wie aus seinen eigenen Gedanken hinzu:Den Großpapa Forstmeister störe ich nie und den Onkel Pastor auch nicht, aber alte Leute sind wohl verschieden."

Wenn ich Dir nun sage, daß Du mich nicht störst, Werner, dann leistest Du mir wohl etwas Gesellschaft?"

Das tu ich gern, Baron," lautete die "ernst­hafte Antwort.Ich hätte Dich schon lange gern was gefragt."

So dann frage nur, aber ich bin etwas müde, wir wollen uns hier auf die Bank setzen."

Ja, das wollen wir tun, ich bin auch schrecklich müde." - -

Umschau.

Die Kaisertage in Wien.

Unser Kaiser hat die Kaiserstadt an der Donau nach herzlichem Abschied vom Kaiser Franz Joseph und unter enthusiastischen Kund­gebungen der Bevölkerung wieder verlassen und wird am heutigen Montag Nachmittag in Danzig eintreffen, um der Enthüllung des Denk­mals für Kaiser Wilhelm I. beizuwohnen. Der greise österreichische Kaiser war recht wehmütig gestimmt, man weiß ja, 'wie innig, fast väter­lich er die Freundschaft zu unserem Kaiser auf­faßt. Und dazu stehen ihm in Ungarn nach wie vor reiche Sorgen bevor, die Krisis dort will trotz aller Beruhigungsversuche nicht an Schärfe abnehmen. ES ist bedauerlich, daß sich kein energischer magyarischer Politiker findet, der seinen Landsleuten einmal ganz gehörig den Text liest. Die Kaisertage selbst sind in un­getrübter Herzlichkeit verflossen. Durch den Besuch deS deutschen Kaisers in Wien ist die Festigkeit und Dauerhaftigkeit deS Bündnisses, daS Oesterreichs Ungarn und Deutschland um­schließt, aufs neue bestätigt und aller Welt kundgetan worden. Die große Herzlichkeit der bei dem ersten Galadiner ausgetanfchten Trink­sprüche hat auch die Wiener Presse aufs ange­nehmste berührt. Ganz besonders hat man eS dem deutschen Kaiser hoch angerechnet, daß er trotz oder vielmehr gerade wegen des Streites der Ungarn in der Armeeftage ausdrücklich der stolzen Regimenter deS Kaisers Franz Joseph gedachte. Die Besorgnis, daß infolge des Kon­flikts in der Heeresfrage die Bundesgenossen- schaft Ocsterreich-UngarnS an Wert verloren haben könnte, wird vom Kaiser Wilhelm also nicht geteilt. Im Gegenteil, der deutsche Kaiser blickt mit vollem Vertrauen auch auf die mili­tärische Macht seines hohen Verbündeten. Einen tiefen Eindruck machte eS auf alle Anwesenden, als sich die beiden Monarchen nach dem Trink- sprnch Kaiser Wilhelms herzlich umarmten und küßten und sich wiederholt die Hände schüttelten. Die Trinksprüche, so sagt dieN. fr. Pr.', werden in Oesterreich-Ungarn und in den deutschen Landen aufrichtig freudigen Widerhall finden und in ganz Europa als ein gewichtiges Zeugnis für die Unerschütterlichkeit dieses Bundes und als eine wertvolle Gewähr für den euro­päischen Frieden begrüßt werden. Daß wir den Bund mit Oesterreich-Ungarn und daß wir den Dreibund haben, danken wir Bismarck. Unser heutiges Geschlecht nimmt diese Errungen­schaften als etwas selbstverständliches hin und achtet die große Schöpfung deS ersten deutschen Kanzlers nicht immer noch teert. Da ist es doch angezeigt, sich einmal vorzustellen, Deutsch­land stände ganz allein und hätte nirgends so treue und zuverlässige Freunde, wie sie ihm durch den Dreibund geworden find. Wir würden uns ja auch dann behaupten, ater die Aufwendungen, die wir Jahr für Jahr zum Schutze unserer Sicherheit und Integrität zu machen hätten, würden ganz wesentlich größer sein müssen als jetzt. Und trotz höherer Auf-

Du bist müde?" fragte der alte Herr ganz erstaunt.

Bin ich auch sonst nicht, Baron, aber wenn Du den Rappen eine Stunde bewegt hättest, wärst Du auch steif. Alle Knochen tun mir weh." Wie ein gichtlahmer Mann ging Werner neben dem erstaunten Schloßherrn her.

Den Rappeil bewegt eine Stunde?" fragte der Baron.Aber Junge, wie alt bist Du denn?"

Fünf Jahre schon, Baron," antwortete der kleine Werner.Der Christian wollte es erst auch nicht, aber ich habe es durchgesetzt. Der Christian tut alles, was ich will, noch mehr wie der Siegfried."

Bist Du denn nicht heruntergefallen?" fragte der Gutsherr verblüfft.

Dafür habe ich doch meine Hände, um mich festzuhalten, so dumm bin ich nicht."

Bewundernd blickten die Augeit des alten Herr» auf den kleinen Knirps, der das alles so selbstverständlich fand.

Wissen Deine Eltern, daß Du reitest?"

Das ist nicht nötig, Baron, und ich bitte Dich, sag es nicht. Der Christian hat mich schon tüchtig mit Salbe eingeschmiert, daß ich morgen wieder reifen kann. Der Rappe wirst so toll, sagt Christian, und da ist die Haut ein bische» herunter. Morgen ist es schon wieder heil."

Halb belustigt, halb gerührt sah der alte Herr auf das mannhafte kleine Männchen herunter, bann seufzte er tief auf. So war fein Junge auch gewesen.

Werner hatte ihn forschend betrachtet, der Baron sah ganz aus tote ein Großvater, und wirk­lich, er glich auch ein wenig dem Großpapa Forst­meister, aber der seufzte nie. Leise stahl sich fein --- - - . > , v '-.M»--Lte ...

Wendungen würden wir doch niemals eine so starke Friedensgewißheit besitzen, wie wir sie jetzt genießen. Man muß auch einmal daran denken und sich die Folgen ausmalen, die ein­treten würden, wenn wir das Bündnis mit Oesterreich-Ungarn und Italien nicht besäßen, um des Besitzes recht von Herzen froh zu werden.

Der fozialdemokratifche Parteitag.

Der sozialdemokratische Parteitag in Dresden ist am Sonnabend voriger Woche mit seinen Beratungen nicht zu Ende gekommen, so daß der Parteitag erst am heutigen Montag ge­schlossen werden kann. Ein beispielloser Zeit­aufwand, und wa» ist geleistet worden. Außer geradezu brutalen Schipfereien hat die Welt von dem Dresdener Parteitage nichts zu hören bekommen. Aber man weiß nun wenigsten« ganz genau, was der in der Macht befindliche Teil der Sozialdemokratie ist und will. Der Abgeordnete Bebel hat auf dem sozialdemo­kratischen Parteitage im vollsten Umfange seinen Willen durchgesetzt, der revolutionäre, auf den Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung gerichtete Charakter der Sozialdemokratie ist in unzweideutiger, jedes Mißverstehen auSschließen- der Weise betont worden. Der Parteitag ver­urteilt auf daS Entschiedenste jedes Bestreben, die vorhandenen, stets wachsenden Klassengegen­sätze zu vertuschen, um eine Anlehnung an die bürgerlichen Parteien zu erleichtern; er fordert, daß die sozialistische Reichstagtzfraktion zwar ihren Anspruch geltend macht, die Stelle deS ersten Vizepräsidenten und eines Schriftführers durch einen Kandidaten auS ihrer Mitte zu be­setzen, daß sie es aber ablehnt, jegliche Ver­pflichtungen zu übernehmen, die nicht durch die Reichsverfassung oder durch die Geschäftsordnung des Reichstages begründet find. Das heißt, die Sozialdemokratie lehnt jeden Besuch eines etwaigen sozialistischen Präsidenten beim Kaiser ab, ein Beschluß, wie er auch gar nicht anders erwartet war. Endlich wurde noch über die Maifeier verhandelt, eine Diskussion, die ange­sichts der mit der Maifeier gehabten geringen Erfolge erst recht theoretisch ist. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt, doch erhielten Bebel und Auer weniger Stimmen, als die übrigen Mitglieder. DaS Mißtrauensvotum gegen Bernstein wurde zurückgezogen. Der nächste Parteitag findet in Bremen statt. In der Berliner Tgl. Rdsch." veröffentlicht Maximilian Harden eine Erklärung, daß der sozialistische Schriftsteller Mehring ihm gegenüber den ver­storbenen sozialdemokratischen Abz. Schönlank mit sehr drastischen Schmähungen belegt, ober trotzdem nachher für Schönlank's Blatt ge­arbeitet habe. Zum bevorstehenden Dele­giertentag der nationalliberalen Partei in Hannover erklärt deren offizielles Organ, daß die Partei entschieden an der Forderung deS Baues des Mittelland-Kanals festhalt, und der Parteitag eine Resolution in diesem ©inne fassen wird.

warmes Händchen wie tröstend in die alteMänner- hand, und dann saßen die beiden da und blickten, in tiefe Gedanken versunken, auf die spielenden Lichter dort auf dem breiten Wege. Es war sonst Werners Art nicht, fo still zu sitze», aber mochten es nun die schinerzendeii jungen Glieder sein oder ein seiner Herzeustakt des finge» Kindes, kurz, der Kleine störte das Sinnen seines Gefährten nicht.

Du wolltest mich doch etwas fragen Werner?" fragte das Stillschweigen unterbrechend der alte Herr.

Das hatte ich doch ganz vergessen, Baron, gut, daß Du mich erinnerst. Ich luollte Dich schon lange was fragen. Ist das wahr, daß Du gar keine» Menschen leiden kannst? Die Dorfleute fage» es und Iven» ich de» Erdmann frage, dann antwortet er nicht. Aber so was giebis doch gar nicht," schloß Werner mit feinem Lieblings­ausdruck.

Du hast wohl alle lieb, kleiner Werner?" antwortete der Baron ausweichend.

Alle die mich lieb haben, habe ich auch lieb," lautete die echte Kinderantwort.

-Ja siehst Du kleiner Man», Dich haben alle Menichen lieb, aber mich liebt keiner."

Nein, Baron, das sag nur nicht," tröstete bet Kleine.Vielleicht haben sie Dich nicht fo toll lieh wie der Vater die Mutter, oder wie ich den Vater gern habe und die Mutter ober den Siegfried und den Onkel Pastor und den Christian.und den*

So viele haben Dich lieb, kleiner Werner, und Du freust Dich darüber. Mich alten Mann aber kann keiner leiden."

.. (Fortsetzung folgt.-