mit dem KreMlatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Illustrirtes Sonntagsblatt.
M 248
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Marburg
Sonntag, 20. September 1903.
" Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck Md Verlag' Jo h. Au g. Koch, Universttäts-Buchdruckerel Marburg, Markt 21. — Telephon 55,
"38. Jahrg.
Zweites Blatt.
Der Kampf gegen die Reaktion.
Der Kampf gegen die Reaktion, zu dem die Linke sich mit allen Kräften rüstet, ist bei Licht betrachtet, nichts wefter als der Kampf gegen einen .Popanz, den man sich zurecht geniacht hat, um auf ihn losschlagen zu können. Bei den Opposiftons- parteien war es stets eine ausgemachte Sache, daß auch die Nationalliberalen zu beft Reaktionären gehören: heute marschieren die Naftonalliberalen — wenigsll-ns deren ..jungliberal" beeinflußter Flügel — gegen die Reaktion. Sie wollen vermutlich die eigenen Verfolger irreführen, indem sie auf deren Popanz kräftig mft losprügeln: aber sie werden nicht leugnen können, daß sie bei allen wesentlichen legislatorischenErrungenschaftev der letzten Jahre an der Seite der „Reaktionäre" und gegen die „fortschrittlich gerichtete" Linke gestanden haben.
Der reaktionäre Popanz wechselt also, wie es scheint, je nach Bedürfnis sein Aussehen. Herste wird er als „konservativ-klerikale Verbrüderung" Largestellt, weil sich für Agitaftonen im Interesse des Liberalismus noch immer konfessionelle Streitigkeiten am besten verwerten lassen. Daß aber ein konservativ-klerikales Bündnis nicht besteht und nicht bestehen kann, weiß man auf der Linken so gut wie bei uns. Soweit Zentrum uttb Konservative auf dem Boden des Christentums stehen, werden sich selbstverständlich immer Berührungspunkte zwischen den beiden Parteien ftnben: daß 'ober die Konservative oder die Zentrums-Partei ihre Selbständigkeit oder ihre eigenen programm- matischen Ziele dran geben wollten, um besondere „reaktionäre" Pläne zu verfolgen, davon kann keine Rede sein. Noch weniger ist natürlich daran zu denken, daß die Konscrvaftve Partei, um mit dem Zentrum kooperieren zu können, auch nur ein Jota von ihrem evangelischen Standpunkte ab, Weichen werde.
Die unüberbrückbaren konfessionellen Gegensätze zwischen Evangelischen und Katholiken haben auf die politische Stellung der Konfervaftven Partei zum Zentrum nur in besftminten Fragen Einfluß, sie können auf polistschem Boden überhaupt nicht ausgefochten werden. Der Liberalismus allein macht den konfessionellen Kampf zur Partcisache: aber er richtet sich dabei nicht gegen die katholische Kirche allein, sondern bekämpft in gleicher Weife die Grundlagen der römischen wie die der Evangelischen Kirche. Darum haben in vielen Fällen Konservative wie Zentrum die Linke als gemeinsamen Feind zu betrachten. Aus der Uebertragung des konfessionellen Kampfes, bei dem cs ein Paktieren nicht gibt, auf das politische Gebiet, entspringt Nutzen nur dem kirchlichen und politischen Liberalismus, und daher ist der Linken das Schlagwort „Reaktion" auch in dieser Bezieh- ung wertvoll.
, Sind aber die Konfervaftven tatsächlich Reaktionäre? Diese Frage ist auf das entschiedenste zu verneinen. Das Deutsche Reich steht in den meisten Richtungen als die vorgeschrittenste Nation -er Welt da: an den Grundlagen, airf denen das
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Fra ii Lore.
Roman von I. Jobst. *$'f‘***T
(Fortsetzung.)
r. ; „Jubeln Sie nicht zu früh, liebe Frau Lore, die Nackenschläge werden nicht ausbleiben, und eine mächtige Eiche fällt nicht auf den ersten Streich, aber den Anfang haben wir, und Sie junger Mann, haben den springenden Punkt erfaßt, gleich einem gewiegten Diplomaten, Sie gewannen sein Jägerherz."
„Das ist ihm nicht schwer geworden!" Lore lachte. „Auf den Weidmann Walter Schulz bin ich während meiner Ehe stets eifersüchtig gewesen, denn er raubt mir meinen Liebsten."
„Schadet nichts, Frau Lore, der Jagd tragen alle Frauen Groll, meine Alte auch, aber seis drum, wir können es nicht ändern. Und wenn die Frau klug ist, findet sie sich nicht nur in das Unabänderliche. sondern nimmt freundlichen Anteil an der Liebhaberei ihres Mannes, und so weste ich mit Ihnen, daß Sie den jungen Fasanen und munteren SäSchen, die der Assessor im Frühjahr kommen läßt, ihre mütterliche Fürsorge zuwenden werden."
Lore schlug in die freundlich dargebotencRechte: „Fasanen- und Hasenmutter, Herr Forstmeister? Tas ist wenigstens etwas ganz neues."
Herzerquickend klang das frische Frauenlachen Lurch bie heraufdämmernde Nacht und droben im schlösse stand ein alter, müder Mann an dem geöffneten Fenster seines Zimmers, horchte auf die hier so fremdartigen Töne, dann murmelte er vor sich hin: „DaS also ist Frau Lore."
Forstmeister von Wieblitz sollte recht belialten, diesem ersten Besuche, an den so viele fröhliche Hoffnungen geknüpft wurden, folgte keine Aus-
Deutsche Reich aufgebaut ist, haben aber die Konservativen redlich mitgearbeitet. Die Konservativen denken auch nicht daran, Rückschritte herbeifiihren zu wollen. Im Gegenteil. Sie wollen erhalten, was gut ist und auf dem geschichtlich gewordenen wefter bauend, die bessernde Hand anlegen, da wo es sich als notwendig herausstellt. Von den Konservativen sind auf diese Weise zahlreiche und segensvolle Fortschritte bewirkt worden. Wir sehen von der Verstärkung der nationalen Wehrkraft und anderen erheblichen Fortschritten hier ab, dagegen fragen wir: Ist dasjenige, waS zur Bekämpfung des unredlichen Wettbewerbs, deS Wuchers, des Hausier- und AusverkaufsschwindelS, der Verführung zum Börsenspiel u. a. m. geschehen ist, kein Fortschritt? Ist die Arbeiterversicherung, der Arbeiterschutz kein Fortschritt? Nun, die „Reaktionäre" sind es gewesen, die jene Fortschritte ermöglicht haben.
Wohin aber wären wir gekommen, toenn es nach der oppositionellen Linken gegangen wäre! Man braucht bloß an die Stellungnahme der damals sehr starken Fortschrittspartei zur Armeeorganisation in den sechziger Jahren zu denken, um wahrzunehmen, daß damals die Linke tatsächlich reaktionäre Politik getrieben hat. Auch auf dem GebiÄe der Sozialreform herrschte auf der Linken bis vor ungefähr einem Jahrzehnt die öde Reakfton, bis man sich aus Furcht vor der sozialdemokratischen Konkurrenz dazu entschloß, dem Progranmi einige Tropfen sozialpolitischen Oels zuzusetzen. In wirtschaftlicher Hinsicht kann ebenfalls die, Linke als reaftionörer Faktor angesehen werden, indem sie ohne Rücksicht auf das fortschreitende Schutzzollsystem des Auslands von Deutschland zollpoliftsche Abrüstung verlangt. So hat sich die Opposition recht oft als Hemmschuh für nationalen Fortschritt erwiesen.
Die Sozialdemokratie stellt sich vorzugsweise so an, als sei sie ein Bollwerk gegen die Reaktion. Es ist ihr aber sogar schon von freisinniger Seite nachgewiesen worden, daß sie die rückschrittlichste Partei im Lande ist: denn sie will in ihrem Zukunftsstaate jede persönliche Freiheit unterbinden, will schablonisieren und dekretieren bis ins kleinste hinein. Nun maßt sich aber gerade die Sozialdemokratie die Führung im Kampfe gegen die Reaktion an! Jeder dieser Mitkämpfer versteht also etwas anderes unter der „Reaktion": mithin kann man ermessen, was hinter dem reaktionären Popanz steckt.
Umschau.
-■s- Unser Kaiser in Wien.
Mit stürmischer Begeistei-ung ist unser Kaiser bon den Wienern empfangen worden. Von den Blättern aller Parteien sind dem kaiserlichen Gaste die herzlichsten Begrüßungsartikel gewidmet worden. Als der kaiserliche Hofzug mit dem Glocken- schlage 1/2IO Uhr auf dem Wiener Südbahnhof einfuhr, standen Kaiser Franz Josef und sämtliche männlichen Mitglieder des Hofes zum Empfange des hohen Besuches bereit. Ein Salut von 24 Kanonenschüssen dröhnte durch die weite Bahnhofshalle bei der Einfahrt des Zuges und entbot dem deutschen Kaiser den ersten Gruß. Die Begrüßung der beiden Monarchen war die denkbar herzlichste
forderung zu einem zweiten. Das alte Ehepaar erwiderte denselben an einem Tage, wo Assessors sich auf einer längeren Tour durch den Wald befanden, und so sah Lore sich auf den Verkehr mit der Pastorin beschränkt. Sie schalt sich wohl heimlich aus, wenn ihre Sehnsucht sie immer wieder zu dem lieben, alten Frauenbilde führte, das dort im Schlosse fein gespenstisch einsames Leben ver- brachte. Sie wußte es ans der Baronin Munde, daß sie sich nach Verkehr sehne, also konnte nur der alte Herr die Schuld an der Lage der Dinge tragen und sie grollte ihm tief und nachhaltig.
Walter redete zum Guten, aber das half nichts, und als der Zufall eine unverhoffte Begegnung im Walde herbeiführte, neigte Frau Lore den hübschen Kopf so stolz und der Blick ihrer Augen traf den alten Herrn in so stahlhartem Glanze, daß er der schlanken Gestalt betroffen nachsah. War das dieselbe Fran, die sich in liebevoller Sorgfalt um seine Gattin bemüht hatte? Der Baron mußte an diesem Tage des öfteren mt diese Begegnung denken, dann aber erblaßte die Erinnerung.
Ein langer, harter Winter brachte Eis und Schnee und beschränkte den Aufenthalt im Freien aus kurze Stunden. Zwischen der Pfarre und dem Kavalierhause tour der Verkehr ungemein rege und die Kinder waren bei Onkel und Tante Pastor so heimisch wie bei sich zu Hause. Werner und Klein-Ursel blühten und gediehen, daß es eine Lust war, und als nach langem Harren der Monat März warme, sonnige Tage brachte, da (prangen die Kleinen wie ein paar losgelassene Böcklein mit vielen Heinen Freunden auf der Koppel herum, wo es sich herrlich spielen ließ. Marie, das Kin- dertnädchen, führte die Aufsicht über die lustige Scbar. Frau Lore wollte nachkommen, sie mußte noch rasch zur Pfarre hinüber, um sich Rat zu erbitten wegen des Gemüsegartens. Ein Stück Land, das sick seitlich vom Kavalierhguse erstreckte, war
sie umarmten und küßten sich zu wiederholten Malen. Auf der Fahrt zur Hofburg kannte der Jubel der Massen keine Grenzen, wie Sturrnes- brausen setzten sich die Hoch- und Hurrahrufe durch die Straßen fort, die die beiden Kaiser und deren Gefolge passierten. Bei der Ankunft in der Hofburg erdröhnte wiederum ein Salut von 24 Kanonenschüssen, dann begaben sich die Monarchen in ihre Gemächer, nachdem Kaiser Wilhelm von den Erzherzoginnen begrüßt worden war. Des Abends um 6 Uhr fand ein Prunkmahl im großen Redoutesaal statt, an das sich eine Galavorstellung im Hofoperntheater anschloß. Das Wetter war dem Kaiserbesuch leider nicht günstig, es war kalt und regnerisch; trotzdem harrten die Tausende und'Abertausende, die dem deutschen Kaiser ihre Huldigung darbringen wollten, tapfer aus. Die erfte Ausfahrt unseres Kaisers galt der Kapuzinergruft, woselbst Kaiser Wilhelm auf den Särgen der Kaiserin Elisabeth und des Kronprinzen Rudolf prachtvolle Kränze niederlegte. Darauf fuhr der Kaiser bei den Erzherzogen und bei den Erzherzoginnen vor, um seine Karte abgeben zu lassen. — Der Reichskanzler Graf von Bülow konferierte am Freitag vormittags eine Stunde lang mit dem Botschafter Grafen Szögyenyi nnd hatte nachmittags eine eingehende Unterredung mit dem österreichisch - ungarischen Minister des Auswärtigen Grafen Goluchowski. Am heutigen Sonnabend findet zu Ehren des Grafen Bülow ein Frühstück im Ministerium des Auswärtigen statt, während Kaiser Wilhelm auf der Linzer Jagd weilt. Am Sonntag wird Kaiser Wilhelm dem Gottesdienste in der evangelischen Kirche beiwohnen. Einem daran anschließenden Familienfrühstück folgt um 6 Uhr nachmiittags die große Galaiasel in den Schönbrunner Galerien, an der ungefähr 120 Personen teil- nahrnen. Nach einer Theatervorstellung verabschiedet sich der Kaiser von seinem hohen Gastgeber und tritt deS Abends um 10 Uhr die Abfahrt vom Penziger Bahnhof an.
Aus den dem Deutschen Kaiser gewidmeten Be, grüßungSarftkeln der Wiener Blätter, die, wie schon bemerkt, ausnahmslos auf den herzlichsten Ton gestimmt sind, teilen wir folgende Einzelheiten mit: Von allen Blättern wird die llner- schütterlichkeit und Frieden erhaltende Kraft des Dreibundes gefeiert und auf die Wichftgkeit der gegenwärtigen Entrevue int Hinblick auf die Balkanwirrcn sowie auf, die Anwesenheit des deutschen Reichskanzlers hingewiesen. Ein Schirmherr des europäischenFriedens komme zum andern, mit durch ein 24jähriges, allen Schwankungen entrücktes Bündnis bereinigt. Es fei selbstverständlich, daß die beiden Herrscher die Tage des intimen Zusammenseins auch zu einer Aussprache über die politische Sage benützen würden, wozu genügender Anlaß vorliege, ebenso selbswerständ- lich sei es jedoch auch, daß der Meinungsaustausch zu einem Ergebnis führen werde, das den Welt- frieden sebst dann sichere, wenn Bulgarien und die Türkei aneinander geraten würden.
Aus demselben Anlaß schreibt die „Nordd. Allg. Ztg." amtlich u. a.: Auch in Deutschland weiß man jede neue Bekräftigung der unverbrüchlichen Freundschaft und Bundestreue, die die Oberhäupter der durch Geschichte, Ueberfiefentng und gemeinsameJnteresfen arg verknüpften mitteleuropäischen Kaisermächte umschließen, als Bürg-
Walter auf seine Bitten zu freier Benutzung überwiesen worden, und Lores Pbantasie erging sich schon in Rosenlauben, duftigen Erdbeeren und köstlichen, zarten Spargeln, deren Anpftaitzung aber zu ihrem Kummer erst in drei Jahren eine Ernte versprach. Frau Pastorin war nicht zu Hause, sie sei ins Dorf, fugte das Mädchen. Da mußte sie sich also selbst helfen und schritt wieder nach House zurück, um demArbcitsmmine, der das Land umgrub, Bescheid zu sagen.
Eine Weile sah sie zu, wie die Schollen des festen Erdreichs umgebrochen wurden und die Harke glättend über die Oberfläche fuhr: um liebsten hätte sie mitgeholfen. Na, ihr blieb ja nachher noch genug, wenn das Säen begann und sie dem Unkraut zuleibe gehen würde. Ein Mustergarten sollte es werden; Gaste freute sich auch schon aus die Draußenarbeit, sie kannte sich darin aus. Da kam sie görade eilig einhergerannt:
„Gnädige Fran, gnädige Frau, Sie möchten schnell zum Herrn Leutnant kommen!"
Lore beeilte sich, dem dringenden Wunsche ncich- zukommeu. Walter wollte doch heute morgen ins Feld reiten und erst zu Mittag wieder kommen.
„Sie sind da!" flüsterte Gilste geheimnisvoll, als Lore heran war.
„Wer?" fragte die junge Frau.
„Die wilden Tiere."
Lore lachte bell auf, die Fasanen und Hasen waren gekommen, und nun wußte Walter sicher nicht wohin damit. Im Flur trat er ihr entgegen, sie sah nicht, daß in der geöffneten Eßzimmertür Baron bon Schulz stund, der sich bei ihrem Erscheinen etwas zurückzog.
„Sie find alle gut angekommen, Walter?" fragte sie ganz atemlos bom raschen Lauf.
„Ja, Lore."
„Wo hast Du sie denn einqesperrt? Im Hühnerstall?"
„Aber Lore, die kostbaren Tiere darf ich doch
schuft des Friedens und der Wohlfahrt hoch einz»- schätzen und begleitet den Verlauf der Wiener Kaisertage mit dem zuversichtlichen Vertrauen, daß über ihnen wie über dem gesamten Wirken der beiden Verbündeten Herscher, der Geist rückhaltloser Friedensliebe ausgebreitet ist. Von der gleichen Tendenz werden, das dürfen die Völker Deutschlands und Oefterreich-Ungarns sowie ganz Europa gewiß sein, die Unterredungen der Monarchen und der leitendenStaatsmänner beherrscht bleiben, die von der hohen Mission des Bünd- niffes beseelt sind, das binnen wenig mehr denn Jahresfrist auf ein Vierteljahrhundert ungeschwächten Bestandes zurückblicken vermag. Di« gegenwärtige Begegnung unseres Kaisers mit den verehrungswürdigen Monarchen auf dem Thron« der Habsburger wird dazu beitragen, die Ueber- zeugung zu fefftgen, daß der Bund der Herrscher und der Völker Deutschlands und Oesterreich- Ungarns in unerschütterter Lebenskraft fortbauert zum Heile der Nationen, die er umfaßt und zum Segen aller Friedensbestrebungen.
Vom sozialdemokratischen Parteitage.
Auf dem sozialdemokratischen Parteitage m Dresden hat die Erörterung über die Stellungnahme einzelner führender Parteimitglieder zu den bürgerlichen Parteien die leidenschaftlichsten und heftigsten Zusammenstöße veranlaßt, die man sich nur denken tarnt. Das Hauptinteresse nahmen die je vierstündigen Reden der Abgeordneten Bebel und von Vollmar in Anspruch. Bebel meinte unter den heftigsten Ausfällen gegen die „Jungen" in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion habe die revisionistische Strömung eine solche Stärkung erfahren, daß die Führer der alten Sozialdemokratie endlich einmal an den Parteitag appellieren müßten. Auf die Schimpfereien und persönlichen Gehässigkeiten Bebels antwortete v. Vollmar in einer glänzenden Rede, in der er sachlich und ruhig die Bebelschen Anklagen zu entkräfte» suchte. Nur einmal wurde er heftig, als er sich gegen Bebel und besten Temperament, sowie gegen dessen Diktatur und Terrorismus wandte. Das Temperament Bebels sei kein Freibries für persönliche Verunglimpfungen. Um eine Beruhigung und Klärung herbeizuführen, sollte der Parteitag bestimmte Personen entweder zum Austritt aus der Partei oder zur Unterwerfung auffordern, die allgemeinen Angriffe aber bei Seite kaffen. Der Parteitag werde hoffentlich erkennen, daß die Dinge aufgebauscht worden seien. Es sei die höchste Zeit, da« Brudergezänk zu beenden. Wenn man sich ben Maulkorb in der Partei anlegen lassen solle, dann sei es nicht wert, ihr die Lebenskraft zu opfern. Es war nicht zu verkennen, daß auch die Vollmarsche Rede tiefen Eindruck auf die Partei machte, trotzdem ist es ganz selbstverständlich, daß die Forderungen Bebels mit großer Mehrheit zur Annahme gelangen werden, die dahin gehen, daß die Sozialdemokratie eine umstürzlerische und revolutionäre Partei bleiben
nicht aus ben Augen lassen, bis sie ausgesetzt werden."
„Sind sie etwa in der Speisekammer?" in- quirierte Lore boll Sorge.
„Nein im Wohnzimmer, da ist es warm und das Ziminer fönnen wir am besten entbehren."
Lore ließ sich aus einen Stuhl fallen und sah ihren Mann ganz entgleist au.
„Die Hasen und Fasanen sind in unserem Wohnzimmer?"
„Ich habe die Möbel rasch hiiwusbringen lassen und ben Teppich zusammengerollt."
Zuerst wollte sie böse werden, die kleine Fran, bann aber fiel ihr Wieblitz Rat ein und baß sie eigentlich schon barnals ber fonberbaren Einquartierung guten Empfang zugesichert hatte, und so tot sie bas Beste, was sie tun konnte, sie lachte, flog Walter um ben Hals und schalt noch immer lachend:
„Also die Wohnstube ist gerade gut genug für bas kostbare Wild! O. ihr edlen Jäger, was fite Schauderdinge werbe ich noch erleben! Nächstens nächtigen wohl gor noch kleine Frischlinge in unserem Hause. Aber nun komm. Liebster, damit ich die Eindringlinge begutachte."
Lore lief in bas Eßzimmer und stand bor dem Baron, ber ihr herzlichbie Hanb entgegenstreckte, inbem er rief: „Assessor, Sie sind zu beneiden um solche prächtige Waibniannsfrau." Lore wollt« zwar «richt, aber schon log ihre kleine Hond in bet Les Borons, dessen schönes Auge nbbittenb bas ihre suchte. Sagte er es wirklich, ober war e- Täusckung, leise wie in einem Hauch verklang es in ihrem Ohre: „Haben Sie Geduld mit einem einsamen, alten Manne, Frau Sore."
Seit bieser Stnnbe ging Lore burch bick uni dünn für ihren Baron, und Wolters Wünsche für die Zukunft wuchsen riesengroß heran, als wollt« sie ben Himmel stürmen.
(Fortsetzung folgt.)