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Erscheint wöchentlich sieben mal. 4

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Univcrsttäts-Buchdruckerei

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Vierteljährlicher Bezugspreis: bet der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 Mk. lexcl. Bestellgeld). > " JVlUlVUiy

Sonntag, 20. September 1903.

Die Sehmaschine im Dienste unserer Zeitung.

Bet dem Interesse unserer geschabten Leser für alles, was unsere Zeitung betrifft, dürfte es die­selben zweifellos auch interessieren, zu erfahren, daß der Satz für unser Blatt jetzt teilweise auf andere Weise hergestellt wird, als bisher. An die Stelle einiger Setzer, welche die einzelnen Typen aus den Fächern des Setzkastens herausnehmen, um sie zu Worten und Zeilen aneinander zu reihen ist die Zrilxnsetz- und Gießmaschine, kurz Setz­maschine genannt, getreten, welche die Buchstaben­formen zu Zeilen aneinanderreiht, automatisch die einzelne Zeile, sobald sie zusammengestellt ist, in Blei attsgießt und sodann die einzelnen Buchstaben-, formen ebenfalls automatisch wieder an ihre Plätze verteilt, um sie bei Bedarf sogleich von neuem herauszuholen. Der Setzer der die Maschine be­dient, hat nur nötig, die verschiedenen Tasten, von denen für jeden großen und kleinen Buchstaben des Alphabets, für jede Ziffer und jedes Inter- punktions- ?c. -Zeichen je eine vorhanden ist- Zu drücken, ähnlich wie bei der Schreibmaschine; olles übrige besorgt dann die Maschine von selbst bis zur Vollendung der einzelnen gegossenen Zeilen.

Die Anforderungen der neueren Zeit, die eine schnellere Herstellung des Salles einer Zeitung, die mit Schritt halten will, zur Pflicht und Not- tvendigkcit machen, haben dazu geführt, daß sich bereits eine sehr große Anzahl von Großstadt- Zeitungen die Setzmaschine dienstbar gemacht haben. Auch der Verlag unseres Blattes hat sich infolgedessen entschlossen, eine Zeilensetz- und Gieß- rnaschine aufzustellen, tvie wir eine solche neben­stehend unsern Lesern in verkleinerter Abbildung vorführen. Eine kurze Beschreibung derselben lassen wir ebenfalls folgen.

Die Sellniaschine ist ein wahres Wunderwerk der Mechanik und gehört zu den interessantesten Erfindungen der Neuzeit, ja, ein englisches Fach­blatt, der LondonerJngineer", bezeichnete sie direkt alsdas bemerkenswerte maschinelle Werk des 19. Jahrhunderts". Mit desto größerer @e< nugtuung können wir konstatieren, daß der Er­finder dieser Setzmaschine ein Deutscher war, näm­lich der am 10. Mai 1854 geborene Ottmar Mergenthaler, der Sohn eines württembergischen Landlehrers, der in Amerika nach 12 Jahren inühevollen Studierens und Probierens dieses schwierige Problem gelöst und ein Werk geschaffen hat, dessen Bedeutung einem erst dann genügend klar wird,, wenn man bedenkt, daß man es bis vor gar nicht langer Zeit einfach für unmöglich hielt, die Arbeit des Seüers in praktisch einwand­freier Weise durch Maschinen ersetzen zu können. Erne besondere Anerkennmig für die Vortresflich- keit seiner Erfindung erhielt Mergenthaler in der Auszeichnung mit dem großen Ehrenzeichen des technischen Instituts in Philadelphia für die be­deutendste Erfindung während eines Dezenniums und auf der letzten Pariser Weltausstellung wurde diefer Maschine derGroße Preis" und die goldene Medaitle verliehen.

So schiubar einfach die Funktionen der Setz­maschine sind, so kompliziert ist ihre Konstruktion. Das trttn dem Maße der Fall, daß es kaum möglich tst, durch eine bloße Beschreibung auch nur annähernd ein Bild von der überaus sinnreichen

Beschaffenheit einer solchen Maschine zu geben, von deren minutiös genauer Arbeit sich nur der Sachverständige einen richtigen Begriff machen kann. Es genüge, anzuführen, daß viele Teile der Maschine nach dem Mikrometermaß gebaut sind, daß von den 2500 Gußformen, d. h. Matrizen nicht eine mit der anderen um Haaresbreite in den Führungsteilen, d. h. den Zähnchen, differiert, daß ein Buchstabe der gegossenen Zeile in Reih und Glied mit den übrigen steht, die Zwischen­räume zwischen den einzelnen Worten einer Zeile ganz gleichmäßig verteilt werden usw.

Die Maschine nimmt einen Raum von ca. iy2 Quadratmeter ein und besteht in der Hauptsache

aus einem Matrizenmagazin, der Klaviatur, dem Schmelzkessel mit Gußrad und der Vorrichtung zum Ablegen der gebrauchten Buchstabenformen.

Die Klaviatur, ganz ähnlich der der Schreib­maschine, setzt sich aus kleinen Tasten zusammen, von denen, wie gesagt, für jeden kleinen und großen Buchstaben, fiir jede Ziffer und jedes Interpunktionszeichen je eine vorhanden ist. Durch leisen Druck auf eine Taste löst sich aus dem Ma­gazin, in dem sich die vorhandenen Buchstaben­formen befinden, die Buchstabenform (Matrize genannt) des angeschlagenen Schriftzeichens aus, gleitet durch einen Führungskanal und mittelst eines schnell laufenden Treibriemens nach der

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Sammelstelle, Winkelhacken genannt, wo sich die Zeile fast, blitzartig schnell zusammenbaut und durch keilföymige Ausschlußstücke zwischen den einzelnen Wörtern automatisch und gleichmäßig ausgeschlossen wird. Sobald dies gesthehen ist/ drückt der Setzer auf einen Hebel. Sofort wird nun, durch einen Kolben flüssiges Metall in den Schlitz des drehbaren Gußrades eingepumpt und gegen die unmittelbar davor sitzende Matrizeit- zeile gedrückt und der Guß der Zeile ist vollzogen. Der Gießkessel geht in seine vorige Lage zurück, und das Gußrad macht eine dreiviertel Drehung, wodurch die Unebenheiten am Fuß und an den

Seiten der gegossenen Zeile durch Schabmesser ab­geschliffen werden. Die gegossene Schriftzeile ist nun fertig und reiht sich ihren Vorgängerinnen an, indem sie durch einen Schlitz in den Raum für den fertigen Satz hineinfällt.

Ist auf diese Weise eine Zeile gesetzt und ge­gossen, so werden die Bitchstabenformen der Zeile geschlossen durch einen Hebelarm bis zum Maga­zin emporgehoben und hier durch einen Seiten­hebel in die Ablegestange geschoben. Die einzelnen Matrizen haben verschiedenartig geformte Zähne und Ausschnitte,, die sich an der Ablegestange fest­halten. Durch eine sinnreiche Vorrichtung werden

die Matrizen nun an der Ablegestange vorwärts geschoben, bis sie, jede an ihrem bestimmten Fach, sich auslösen und in das Magazin hinabgleiten.

Dieser Kreislauf vollzieht sich ohne Unter­brechung weiter, solange der Setzer an der Ma»; schine arbeitet. Der ganze Vorgang spielt sich der­art vor dem Auge des Setzers ab, daß derselbe in der Lage ist, jederzeit zu kontrollieren, ob er Fehler im Satz gemacht hat.

Die in unserer Druckerei im Betrieb befindliche Maschine ist eineZweibuchstaben-Linotype". Bei dieser neuen Maschine, die in allen ihren Haupt­teilen dem Bau der gewöhnlichen Linotype ent­spricht, tragen die Matrizen statt eines Buch­stabenbildes zwei solche Letternbilder, von denen das obere einen Buchstaben der gewöhnlichen Schrift verschiedener Gattung, das untere dagegen einen Buchstaben irgend einer gewünschten Aus­zeichnungsschrift darstellt. Diese Schriftformen werden nun in einem Magazin der Maschine so nebeneinander geordnet, daß man im Stande ist, je nach Bedarf entweder einen einheitlichen oder einen gemischten Schriftsatz entstehen zu lassen. In letzterem Falle wird durch die Bewegung eines Hebels eine Aenderung in dem Gange der Ma­trizen bewerkstelligt. Es schieben sich alsdann, wenn man die Letterntastatur, dein zu setzenden Manuskripte entsprechend, bewegt, diejenigen Manuskripte, welche die Auszeichnungsschrift wie- dergeben sollen, in eine über der gewöhnlichen Saminelstelle höher angebrachte Rinne. Hier­durch erhallen die unteren Letternbilder die gleiche Höhe mit den oberen Buchstabenzeichen derjenigen Formen, welche ohne die Hilfe des betreffenden Hebels in die Sammelstelle gelangen.

Der große Vorteil der Maschine besteht darin, daß sie mindestens die vierfache, bei guter fixer Be­dienung aber die 7- bis 8fache Arbeit eines Setzers zu leisten im Stande ist. Die Leistungs­fähigkeit der Maschine, die natürlich von der Schnelligkeit des Sehers abhäugt, ist innerhalb des dadurch gegebenen Rahmens fast unbegrenzt.

Während ein mäßig geübter Setzer mit der Setzmaschine stündlich 7000 bis 8000 Buchstaben in mustergültiger Beschaffenheit zu liefern vermag, könnte ein mit der Maschine ganz vertrauter gegen 10 000 bis 12 000 Buchstaben pro Stunde fertig­stellen. Was eine solche Leistung in Anbetracht der heute an die Schnelligkeit des Zeitungsbe- triebes gestellten Anforderungen bedeutet, bedarf wohl kaum einer näheren Erläuterung. Für die Zeitungsdruckereien liegen die Vorteile der Setz­maschine also in der schnelleren Herstellung des Satzes, für das zeitunglesende Publikum in der Verwendung stets neuer, scharfer, also leicht leser­licher Typen.

Nicht allein die Zeitung, sondern bei genügen­der Schriftenauswahl auch jede andere Druck­sache, wie der Satz von Werken, Statuten, Broschüren »sw. kann mit der Zeilensetz- und Gießmaschine hergestellt werden. Ein besonn derer Vorteil für uns ist, daß die Herstellung der­artiger Arbeiten ungemein schnell jetzt erfolgen kann.

Erstes Blatt.

Verfehlte Mauserungs-Hoffnungen.

Schon die Auseinandersetzungen, welche in der sozialdemokratischen Presse als Einleitung dem Dresdener Parteitage vorangingen, und die Verhandlungen des letzteren selbst lassen keinen Zweifel darüber zu, daß die Auffassung, als ob zwischen den Sozialdemokraten alter Observanz und bett Revisionisten tiefgehende, grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten be­ständen, in den Tatsachen keine Unterstützung findet. Aus diesen Auseinandersetzungen erhellt vielmehr mit voller Bestimmtheit, daß die Ziele beider Richtungen innerhalb der sozialdemo­kratischen Partei dieselben find und daß auch darin volle Meinungsübereinstimmung besteht, daß es vor allem darauf ankommt, den sozial­demokratisch beherrschten Proletariern die Macht im Reiche zu verschaffen, um so diese gemein­samen Ziele demnächst zu verwirklichen. Nur inbezug auf den Weg, welcher zur Erreichung der Macht zweckmäßig einzuschlagen ist, besteht eine Meinungsverschiedenheit. ES handelt fich also lediglich um Differenzen in der Auffassung über die einzuschlagende Taktik. Während die orthodoxe Sozialdemokratie den Schwerpunkt

darauf legt, daß auch in der Folge der Kampf ausschließlich als Klassenkampf geführt wird und von der revolutionären Energie der ihrer Fahne folgenden Massen den Sieg erwartet, halten es die Revisionisten für zweckmäßiger, in der Zeit, bis die Partei selbst die Mehrheit im Reichstage erlangt haben werde, sich durch Angliederung an bürgerliche Gruppen eine Mehrheit zu sichern. Während die orthodoxen Sozialdemokraten von einer solchen Taktik, deren Vorteile sie im übrigen ja sicherlich nicht ver­kennen, eine Abschwächung der Energie des Klassenkampfes befürchten, gehen offenbar die Nevisionisten von der entgegengesetzten Auf- faffun;- ans, daß in einer solchen Mehrheit die Sozialdemokraten da8 allein führende Element sein und demzufolge auch die mit ihnen zu- sammenwirkenden bürgerlichen Elemente der sozialdemokratischen Auffassung allmählich assi­milieren werden. Man würde alsdann nicht nur den Vorteil erreichen, schon als starke Minderheitspartei einen entscheidenden Einfluß auf die positiven Beschlüsse des Reichstages zu gewinnen, sondern auch den Kreis der Anhänger der Sozialdemokratie aus andernfalls ihnen schwer zugänglichen Schichten der Bevölkerung erweitern und die Erreichung der Mehrheit wesentlich beschleunigen könnnen. Man wird leider anerkennen müssen, daß nach den Er­fahrungen, welche inbezug aus die Umwandlung

der Mitläufer der Sozialdemokratie zu ent­schlossenen Gliedern der Partei in den letzten Jahren gemacht worden sind, diese Auffassung der Revisionisten eine große Wahrscheinlichkeit für sich hat und daß die von ihnen in Aussicht genommene Taktik, wenn die Partei sie sich an- eignen sollte, eine große Gefahr für den Be­stand unserer staatlichen Einrichtungen in sich schließt. Jedenfalls aber ist es sicher, daß die­jenigen bürgerlichen Parteien, welche sich durch die Illusion der Mauserung der sozialdemo­kratischen Partei in träumerische Sicherheit wiegen lassen, in dem Verhalten und den Aus­führungen des revisionistischen Flügels der sozialdemokratischen Partei, eine nachdrückliche Belehrung finden könnten, wenn sie sich nur entschließen wollten, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich find. Daran aber fehlt es, und so dürften für diese bürgerlichen Parteien schwere Enttäuschungen nicht ausbleiben.

Umschau.

Volksbibliotheken. ~

In der Gründung von Volksbibliothcken hat der Christliche Zeitschristenverein in Berlin SW. 13, Alte Jakobstraße 129, von jeher eine seiner wichtigsten Aufgaben erblickt; schon bevor sich die jetzt allgemein durchdrungene Erkenntnis von der sozialen Bedeutting der Volksbibliothcken Bahn

gebrochen hatte, hat er durch besondere Schriften dafür anregend und fordernd gewirkt.

Dank des ihm von den Behörden wie der Lehrerschaft entgegengebrachteu Vertrauens konnte der Verein zur Einrichtung Zahlreicher Kreis-, Wander-, Schul- und Jugend-, sowie anderer Bib­liotheken mithelsen; welchen Umfang seine Tätig­keit auf diesem Gebiete allmählich int Lause der Jahre gewonnen hat, veranschaulichen die alljähr, lich von ihm für Volksbibliotheken gelieferten Bücher, deren Zahlen für die letzten Jahre be­trugen:

1899: 30 120 Bände

1900: 44 124

1901: 45 192

1902:34 199

bis 1. Juli 1903: 22 827

Diefer Erfolg ließ den Christlichen Zeit- schriftenverein nicht rasten in seiner mühseligen aber freudebringeden Arbeit, spornte ihn vielmehr an, seinen Bestrebungen immer neue Freunde zu gewinnen. Das bezweckt auch seine jüngst in neuer Bearbeitung herauSgegebene Broschüre Volks­bibliotheken, die kostenlos jedermann auf Ver­langen zugesandt wird.

Diese bringt nach einigen einleitenden Worten über Wesen und Ziele der Volksbibliotheken Zu- sammenstellungen von solchen für Stadt und Land, jung und alt zu billigen Preisen; daran schließt sich ein Musterkatalog, der überall da alS Ratgeber dienen will, wo für Volksbibliotheks­zwecke größere Geldmittel zur Verfügung stehen.