•*->' Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck imb Verlag' Joh. Ang. Koch, Universitäts-Buchdrucker«!
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
mit dem Ktelsblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Souutagsbeilager Illustriries Sonntagsblatt.
Vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 Mk,
’ TT* O/f ß bei allen Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld). W- . /aWWUqj
e/f=. Insertlonsgebühr:^di- gespaltene Zeile^oder deren Raum 10 Psg. Fxeiltlg, 18. ©CptCtnÖCt 1903,
Die Reservisten.
Die um diese Zeit stattfindeude Entlassung der Reservisten aus der Armee stellt wieder Tausende von jungen Leuten vor die Entscheidung, ob sie in ihren Garnisonen verbleiben wollen, um nun im bürgerlichen Rock ihre Existenzmittel zu verdienen, oder aber ob sie für ihr ferneres Fortkommen den einstigen Aufenthaltsort wählen, an dein sie ansässig waren, bevor sie zur Fahne einberufen wurden. Sehr oft ist dieser frühere Aufenthaltsort der Geburtsort, es gilt also dann eine Heimkehr zu Vater und Mutter, ins Eltern- Haus, wenn auch vielleicht nicht mehr für lange Jahre, so doch für die nächste Zeit.
Wir verweisen mit Recht darauf, daß unsere deutsche Militärzeit keinem jungen Manne zum Schaden gereicht, sie fördert nicht nur seine körper- lime Ausbildung, sondern auch seine geistigeSelbst- släudigkeit, sie macht ihn aus dem Jüngling im ge- wissen Sinn zum Mann. So wertvoll das ist, so dürfen wir in unserem modernen Zeitalter doch nicht übersehen, daß den jungen Leuten, die vom Lande oder aus kleinen Städten in große Stadtgemeinden kommen, über manche Dinge, die sie zu Hause kaum kannten, neue Anschauungen be- kommen, die wohl imstande sind, ihre Zukunft wesentlich zu beeinflussen.
Die aus engen Verhältnissen herausgekom-, menen jungen Leuten sehen in den großen Städten so, vieles, was ihnen besonders reizvoll erscheint; wüßten sie, welcher Preis oft dafür gezahlt, welche Entbehrungen nicht selten dafür eingetauscht werden müssen, sie würden ihre Gedanken ändern. Aber diese Erkenntnis kommt ihnen während der aktiven Dienstzeit, in welcher ihr Unterhalt nach jeder Seite hin gesichert ist, am wenigsten, sie sehen somit nur das Außenbild, weil sie keinen Anlaß haben, den wahren Kern zu untersuchen.
Es kann nicht Wunder nehmen, wenn dies bestechende Aeußere vielfach den Wunsch für die jungen Leute entstehen und reifen läßt, in der bisherigen Garnisonsstadt zu bleiben, und ihrem frischen Mut stellt sich die Zukunft mit flotter Arbeitsgelegenheit und gutem Verdienst sofort rosenrot vor. Sogenannte gute Freunde, die etwaige Bedenken im Nu zu beschwichtigen ver- stehen,^finden sich ja immer, und alljährlich werden in dieser Weise Tausende von kräftigen jungen Männern veranlaßt, auf die frühere Heimat zu verzichten. Sie kehren wohl dahin für ein paar Wochen oder Monate wieder zurück, aber der Zauberbann der Großstadt geht mit und läßt sie nicht wieder los, so daß sie am Ende ihr Bündel schnüren und von neuem fortwandern, einer Zukunft entgegen, die oft ganz anders sich gestaltet, als sie gedacht haben.
Diese , jungen bisherigen Soldaten glauben während ihrer Dienstzeit den neuen Boden hinreichend kennen gelernt zu haben, aber in Wahr- heit besitzen sie, wie scholl oben betont, für das praktische Leben so gut wie gar keine Erfahrung. Sind sie Gewerbe-Gehilfen, so werden sie als Neulinge. die in großstädtische Arbeitsweise nicht ein- geweibt sind, für geraume Zeit immer mit den am schlechtesten bezahlten Stellen vorlieb nehmen müssen, sie haben auch alle Augenblicke mit der Gefahr einer völligen Brodlosigkeit im Falle eines
24 (Nachdruck verboten.)
Frau Lore. '
Roman von I. Job st. ;. 1 ; ■; ;;
(Fortsetzung.) -
„Das sind ein paar Menschenkinder, Alte, an denen wir noch Freude erleben werden," sagte der alte Herr befriedigt. „Gott segne ihren Ein- gang."
„Gib acht lieber Pastor, der junge Mann findet noch den Weg zu dem alten, einsamen Herzen da drüben im Schloß. Und Frau Lore, wie sie die Leute hier schon nennen, ist ja wie der lebendig gewordene Sonnenschein, den können wir hier gebrauchen."
„Magst recht haben, mein liebes, altes Weib," sagte der Pastor. „Da hat der Forstmeister einen guten Griff getan. Der Baron muß den Unterschied ja spüren, wenn er in die guten, ehrlichen Augen seines neuen Beamten blickt, nachdem er so lange den Spitzbuben, den Schäfer, um sich gehabt. Zehn Jahre hat der Kerl ihn auf die frechste Weise bestohlen, und dabei ging er sonntäglich zur Kirche, und Charfreitag zum Abend- mahl mit dem rotbackigen, dreisten Vollmondgesicht, als , ob sein Gewissen weiß wie Schnee ton re. Weiß Gott liebe Frau, es war mir manchmal, als ob ein kaltes Reptil über meinen Weg kröche, wenn meine Augen auf den heimlichen Sünder fielen. Die Faust ballte ost auf in der Tasche, wenn ich von seinen Betrügereien hörte, aber da war nichts zu machen, der alte Herr wollte von nichts wissen. Der lebt nur seinem verbissenen Trotz, der sich gegen Gottes Fügung auflehnt, und ich muß es entgelten. Ich bin ihm nicht angenehm, und das bekümmert mich tief. Ich kann es bis auf den heutigen Tag nicht überwinden, daß ich ihm als Seelsorger so fern stehe."
Streiks zu rechnen, denn sie müssen, wenn ein Streik entsteht, mitmachen, sie mögen wollen oder nicht. Dahingegen sind die Ausgaben größer; es treten im Arbeitsleben Auftvendungen an sie heran an die sie früher nie gedacht, nie für möglich gehalten haben. So stehen sie anstelle des einssigen sicheren Bodens in völlig schwankenden Verhältnissen, die ihnen leicht zum moralischen Verderben werden können. Und noch schlimmer kann es dem einssigen Landbewohner ergehen, der keine besonderen gewerbetechnischen Kenntnisse hat.
Es soll keinem jungen rüstigen, arbeitswilligen Menschen eine Aufbesserung seiner Lage verdacht werden, es ist auch eine Freude, die Menschen und die Welt kennen zu lernen, aber das soll nicht Hals über Kopf, unter Zeitverhältnissen geschehen, die wenig Angenehmes in sich bergen. Die Eltern und Verwandten der jungen Leute sollten da mit aller Macht ihren Einfluß geltend machen, um jene von unbesonnenen Schritten zurückzuhallen, die hinterher nur zu oft nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Wer geraume Zell großstädtisches Leben einmal geschmeckt, das Gift, welches im Schlendrian liegt, in sich ausgenommen hat, der ist für engere,, aber glücklichere Zustande verloren. Unter den „Rittern von der Landstraße", deren Zahl immer mehr anschwillt, befinden sich Tausende, die in der geschilderten Weise zu dem unstäten Leben gekommen sind.
Umschau.
Deutschsozialer Parteitag 1903.
Die „Deutschsozialen Blätter" veröffentlichen eine Einladung zu dem diesjährigen Parteitage der dentschsozialen Partei, der vom 3. bis 6. Oktober zu Hamburg stattfinden wird. Im Hinblick aus die wichtige Arbeit für die Zukunft wird zu regem Besuche ausgefordert. Die Tagesordnung sieht für Sonnabend 3. Okt. Empfang der auswärtigen Teilnehmer im Hotel „Lübecker Hof" vor, für Sonntag 4. Okt., vorm. 11 Uhr: Eröffnung des Tages im großen Saale der „Erholung" durch den Abg. Liebermann von Sonnenberg. Es werden, gerade wie Montag 5. Okt. von vorm. 9 Uhr ab ausgedehnte Beratungen stattfinden. Für Sonntag abend 8 Uhr ist Fe st ko mm er 8 in der „Erholung", am Montag 5. Okt., abends 9 Uhr: Große öffentliche Versammlung in der „Erholung" angesetzt. Redner sind: Liebermann von Sonnenberg und Graf Reventlow. Der Dienstag ist dann der Geselligkeit gewidmet. Bemerkt sei noch, daß auch für die Unterhaltung der Damen während dieser Zeit bestens gesorgt ist! ,, ■ 2.... T.
V ■ A'-iSJ"■' 's V-■ .....J_. '
Handwerker und Kunstgewerbe- schulen.
Staatliche Handwerker- und Kunstgewerbeschulen, keramische und sonstige besondere Fachschulen bestehen in Bunz- lau, Kassel, Hanau, Höhr (Hessen-Nassau)
Frau Hannchen faßte zärtlich tröstend nach der Hand ihres Mannes: „Der liebe Gott wird wissen, warum er es tut. Es ist noch nicht aller Tage Abend, und wer weiß, was noch geschieht." Ich verstehe die verbitterte Seele, die konnte sich keinen Trost in dem kinderreichen Pfarrhause suchen."
„Magst recht haben, Hannchen. Hast überhaupt immer recht. Du liebes treues Weib, und jetzt will ich die Predigt zum Sonntag machen. Sollst stolz auf Deinen Pastor fein."
Noch ein herzlicher Händedruck, ein schauen von Auge zu Auge, und die Tür des Studierzimmers fiel hinter der hohen Gestalt zu.
„Na, Baron, wie geht's? Ich mußte doch einmal nachfragen, ob mein Kandidat Deinen Beifall hat," klang Forstmeister von Wieblitz' kräftige Stimme in die Stille des Herrenzimmers hinein, wo der alte Herr grübelnd am Fenster saß.
„Sieh' da, Forstmeister. Heute kommst Du gerade recht, ich kann ein freundlich Gesicht brauchen. Es ist ja eine Ewigkeit, daß Du Dich nicht sehen ließest."
„Ein freundliches Gesicht?" antwortete Wieblitz, den Vorwurf scheinbar überhörend, „mich dünkt, das könntest Du hier jeden Tag haben. Der Herr Leutnant — ich hörte, so würde er hier genannt — und seine Frau sehen doch aus wie die gute Zeit."
„Das ist's ja, Forstmeister, die Leutchen find mir zu glücklich, das fällt mir auf die Nerven."
„Bin ich denn etwa nicht glücklich?" eiferte Wieblitz. Mich heißt Du aber willkommen."
„Das ist ganz was anderes, alter Freund. Mr kennen uns all die Jahre her, aber mit neuen Gesichtern will ich nichts zu tun haben. "
Wie gefällt er Dir denn?"
„Gut, sehr gut sogar, wenn ich der Wahrheft die Ehre geben syll.„
„Na, siehst Du, das freut mich mehr als ich sagen fonn." t
und Königsberg i. Pc. Sie wurden im Sommer- Halbjahr von insgesamt 897 Schülern besucht, von denen die größere Zahl, nämlich 544 auf die Tagesschulen, und 356 auf die Abend- und Sonntagsschulen entfielen. Vollschüler wurden 256, nicht Vollunterricht nehmende Schüler 285 gezählt. Den weitaus größten Zuspruch hat die Zeichenakademie in Hanau mit 343 und die Kunstgewerbe- und gewerbliche Zeichenschule in Kassel mit 302 Schülern. Es folgen die Provinzial-, Kunst- und Gewerk-Schule in Königsberg mit 110, die keramischen Fachschulen in Bunzlan und Höhr mit 72 bezw. 70 Schülern.
Die Gesamtzahl der Schüler auf den staatlich unterstützten Fachschulen betrug im letzten Sommerhalbjahr 11 006, wovon der größere Teil, 9768, die Abend- und Sonntagsschule, und nur 1238 die Tagesschule besuchten. Von der letzteren Zahl waren 858 Vollschüler, 380 nahmen nicht am Vollunterricht teil. Von den frier inbetracht kommenden Schulen bestehen je 2 in Aachen und Berlin, je eine in Altona, Barmen, Charlotten- burg, Cöln, Düsseldorf, Elberfeld, Erfurt, Essen, Frankfurt a. M., Halle a. S., Hannover, Magdeburg und Warmbrunn. Die größten Besnchs- zifsern weisen auf die Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Hannover mit 2476 Schülern, die Handwerkerschule I in Berlin mit 1798 und die Kunstgewerbe- und Handwerkerfchule in Magdeburg mit 1084 Schülern. Ferner wurden besucht die Handwerkerschule in Halle a. S. in ihren beiden Abteilungen, Handwerkerschule (855) und Maschinenbau-Abteilung (12), von 867, die gewerbliche Zeichen- und Kunstgewerbeschule in Aachen von 839, die Kunstgewerbe- und Hand- werkerschnle in Ebarlottenburg von 590, die Handwerker» und Kunstgewerbeschule in Elberfeld von 576 Schülern. Unter 500 Schüler hatten die Handwerker- und Kunstgewerbeschulen in Altona (464), Barmen (455), Erfurt (446) und Cöln (435); die Gewerbeschule in Essen mit ihren 3 Abteilungen für Maschinenbau, Vauhandwerk (246) und Dekorationsmalerei 274 Schüler, die Kunstgewerbeschule in Frankfurt a. M. 272, in Düsseldorf 158 Schüler, die gewerbliche Tagesschule in Aachen 188, die Holzschnihschule in Warmbrunn 52, endlich die Abteilung für Elektrotechnik in Berlin 32 Schüler.
Die Gesamtzahl der die staatlichen und staats sich unterstützten Handwerker-, Kunstgewerbeschulen usw. besuchenden Schüler betrug sonach in den Tagesschulen 1779, in den Abend- und Sonntagsschulen 10 125, zusammen 11903 Schüler.
‘ I o « Chamberlains Chancen.
Der englische Ministerrat ist der Chamberlain- schen Zollvorschläge halber nun schon zu einer zweiten Sitzung versammelt gewesen, ohne der Lösung des Problems in erkennbarer Weise näher gekommen zu sein. Die Hauptschuld an dieser auffälligen Erscheinung trägtder Umstand, daß das englische Kabinett int Grunde genommen eine kopflose Körperschaft ist. Der sogenannte Premier- Minister Balfour ist eine ganz große Null, dessen ganzer Ehrgeiz darin besteht, möglichst unbehelligt mit dem Strom zu schwimmen. Da er sich der Erkenntnis nicht entziehen konnte, daß es seine Pflicht sei, zu der ganz England aufregenden Frage Stellung zu nehmen, so hat er jetzt eine Broschüre erscheinen lassen, in der das System
Wieblitz lief, wie es seine Gewohnheit war, im Zimmer aus und ab, indessen die Augen des Barons verwundert diesem Dauerlauf folgten, doch äußerte er keinen Laut, er selbst war begierig, was nun kommen würde. Schon blieb der Forstmeister vor ihm stehen und blitzte ihn unter den weißen Augenbrauen so strahlend an, daß der alte Herr lächelnd sagte:
„Er ist Dir wohl sehr ans Herz gewachsen, dieser Assessor'von Schulz, und Du kennst ihn doch kaum."
„Ten Mann kennt nmn gleich, wenn man nur einige Stunden mit ihm zusammen gewesen ist. Jtn übrigen aber kennt ihn mein Freund Brann, der dieser Tage Oberforstmeister in Stettin wurde, seit Jahren und übernimmt jede Bürgschaft für ihn. Sage selbst, ist er nicht ein Kavalier?"
„Ich sage nicht nein."
„Und doch behandelst Du ihn nicht wie eben- bürsig."
„Wieso?"
„Durfte er etwa mit seiner Frau der Baronin Besuch machen?"
„Er konnte ja kommen."
„So unaufgefordert? Nein, dazu ist er viel zu stolz." __
„Ja, dann kann ich ihm nicht helfen. Warum nimmt er denn solche Stellung an, die immerhin doch eine abhängige bleibt?"
„Weil ich ihm so zugeredet habe, denn ich will den tüchsigen Menschen für Dich gewinnen," log Wieblitz unverfroren.
„Hm, glaubst Du denn, daß er sich hier wohl fühlt?"
„Seine Stellung gefällt ihm, der Forst ist schon sein Schoßkind und in der Landwirtschaft hofft er sich auch durchzufinden. Aber denke Dir blos, Baron, der Mann grämt sich, daß er Dir zuwider ift"3
des insularen Freihandels wissenschaftlich dargelegt wird. Der Inhalt dieser Broschüre ist kostbar und so deutungsfähig, daß ans ihm sowohl die Notwendigkeit des Rücktritts Chamberlains wie der sichere Sieg des Kolonialministers herausgelesen werden kann und tatsächlich herausgelesen worden ist. — Unsere Leser werden vollständig genug haben, wenn wir ihnen von der wäfferigen Limoitade de§ Herrn Balfottr nur ein ganz bescheidenes Gläschen vorsetzen: Also, die Reformer vor 50 Jahren, Cohden und Genossen, konnten nicht Voraussehen, daß die Welt einmal den Freihandel verwerfen würde, sie konnten auch nicht die für das britische Reich zu erwartenden handelspolitischen Möglichkeiten voll inbetracht ziehen. Der englische Außenhandel habe zwar absolut zu- genommen, sei aber relativ zurückgegangen, da fein Wachstum-Verhältnis hinter dem der Be- völkerung und des Wohlstandes des Reiches zurückgeblieben fei. Daran trügen die feindlichen Tarife des Auslandes, jedoch kein Gesetz, dem man sich nicht entziehen konnte, die Hauptschuld. Anzeichen der Besserung seien nicht vorhanden, Deutschland, Nordamerika und Frankreich ließen keine darauf gerichteten Absichten erkennen.. Die . Süßigkeiten für Chamberlain waren damit erschöpft, der Wermutstropfen kam nach, es werden im zweiten Teil der Broschüre die schweren und zahlreichen Uebel des Schutzzollsystems erörtert, die England zu mindern suchen müsse. — Die Londoner Blätter sind denn auch.,wie oben schon angedeutet, durchaus geteilter Meinung über den eigentlichen Sinn und Zweck der Balfonrschen Veröffentlichung. Wir meinen, ihr Zweck bestehe im wesentlichen darin, Zeit zu gewinnen. Balfour möchte sich die nicht ungefährliche Lösung der schwierigen Zollfrage resp. eine',unzweideutige Stellungnahme zu ihr so lange wie mtr irgend möglich vom Leibe halten. Deshalb das viele Wasser und so wenig Wein. Am Ende aber wird Herr Balfour sich doch zu den Chamberlainschen Plänen bekennen, denn man darf wohl keinen ernstlichen Zweifel darein setzen, daß der Kolonialminister seine imperialistische Politik zum,Siege führen wird. Denn im letzten entscheiden in der Politik ebensowenig akademische Erörterungen toie im Kriege. Der Mann, der über die stärksten Nerven und die rücksichtsloseste Energie verfügt, wird den Sieg davontragen, schon weil er der großen Masse unendlich imponiert.
Der sozialdemokratische Parteitag zu Dresden.
Auf dem sozialdemokratischen Parteitage ,in Dresden führt Bebel das große Wort, feine Ausführungen finden stets fast einhellige Zustimmung. Und da hatte manch einer im Stillen gedacht, der gegenwärtige Parteitag könnte schon die Entthronung dieses hartnäckigen Parteipapstes bringen! Dahin kommt es, in absehbarer Zukunft überhaupt nicht. Die Sozialdemokratie spaltet sich nicht, dafür fliegen einige Revisionisten hinaus, die große Masse ist unge- , jährlich. Scharf zog der Gewaltige gegen die Akademiker her, die sich an die, Partei herandrängten, eine Verbeugung erhielten dafür die großen Massen, aus deren Tiefe die Empörung und Entrüstung gegen die „lumpige Vizepräfi-
„Er ist mir gar nicht zuwider. Was will er denn noch anders? Ich gebe ihm Vollmacht, lasse ihm freie Hand in allem und er verlangt noch mehr?" brummte der Schloßherr.
„Das macht nichts alter Freund, und darum rate ich Dir im Guten, willst Du den vorzüglichen Beamten behalten, so tue ein übriges und fordere ihn zu einem Besuch auf."
„Jetzt, nachdem vier Wochen vergangen sind? Das nimmt der Assessor erst recht übel und kommt nicht. Was dann?"
„Ich sage Dir, er kommt. Der Baronin wird es auch gut tun, mit einer gebildeten Frau zu reden."
„Wozu? Die hat doch mich. Wir sind uns all die Jahre genug gewesen und das sage ich Dir in allem Ernst, Forstmeister, bei dem einen Besuch bleibt es."
„Meinetwegen, ich kann Dir keine Vorschriften machen, bist selbst alt genug, um zu wissen, was Du tutft."
„Dann mag es gleich heute sein, Wieblitz, und damit es einen natürlichen Anstrich hat, können wir gleich die Jagd ansetzen."
„Gut, alter Freund, und laß es mich nicht entgelten, wenn ich Dir etwas grob wurde, aber ich meine es ja gut mit Dir." , .
„Weiß ich, Forstmeister, und Du siehst ja, ich pariere."
Wieblitz lachte. .
„Also auf heute nachmittag. Ist Dir vier Uhr recht?" . *
„Wie Du willst; ich werde meine Frau benachrichtigen."
„Gut, und ich werde dem Assessor übermitteln, daß fein Besuch willkommen ist." "
Der Forstmeister ging und der alte Herr sah ihm nach. Ungehört verhallten die Worte, bie er grollend zwischen den Zähnen hervorstieß:
(Fortsetzung folgt.)