MrWW JÄM mit dem Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain.^
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Der Krieg ist erklärt.
Der Freisinnigen Volkspartei ist, tote es scheint, den Barthschen Drängeleien gegenüber der Geduldsfaden geriffen. Im Grunde genommen machte das ohnmächtige Poltern der Wadelstrümpfler, das ein Echo nur noch in der jüdisch - demokratischen Presse fand, nur noch einen komischen Eindruck. Wenn Barth Woche für Woche in seiner „Nation" das ewige Thema von einem Zusammenschluß mit der Sozialdemokratie erörtert, obwohl er wahrnehmen muß, daß sein politischer Kredit selbst unter den eigenen Gesinnungsgenossen dadurch immer mehr geschädigt wird, so kann daS eigentlich nicht mehr als ernsthafte Politik angesehen werden. Einen solchen Parteiführer kann man getrost seine Wege gehen lassen; er wird — insonderheit nach der „Fusion" mit bett nationalsozialen Opportunisten — bald abgewirtschaftet haben.
In der Freisinnigen Volkspartei faßt man aber offenbar die Sache ernster auf und empfindet das Bedürfnis, zwischen sich und der kaum noch den bürgerlichen Parteien zuzurechnenden Barthschen Gruppe reinen Tisch zu machen. Den äußeren Anlaß hierzu bot ein Artikel in dem Wadelstrümpfler- prgan „Liberale Korrespondenz", in dem wieder einmal verkündet wurde, die Intelligenzen der Freisinnigen Vereinigung, verstärkt durch die pisher noch nicht sozialdemokratisch gewordenen Führer der Nationalsozialen würden nunmehr ernsthaft die Regeneration des Liberalismus in die Hand nehmen. An dieser Regeneration hat bereits Rickert jahrelang gearbeitet, und Barth war ihm dabei behilflich. Wie weit es dabei diese Herren gebracht haben, lehren die zerfahrenen Zustände, in denen sich die ehedem recht zahlreichen Sezessionisten, späteren Fufio- nisten und dann wieder der Sezession anheimgefallenen Wadelstrümpfler felbst befinden.
Die Führer der freisinnigen Vereinigung halten sich aber vermutlich gerade dieser ihrer „Erfolge" wegen für qualifiziert, als Regeneratoren des gesamten Liberalismus aufzutreten, und demgemäß verkündet die „Liberale Korrespondenz", die nunmehr vereinigte» Elemente der Freisinnigen Vereinigung würden in verstärkter Arbeit zu Gunsten eines vorurteilsfreien und unberknöcherten Liberalismus sowohl in organisatorischer wie in agitatorischer Beziehung mehr als bisher zu leisten bestrebt sein. Man kann wohl sagen, daß in Anbetracht seiner Unbedeutendheit der weibliche Freisinn in organisartorischer und auch in agitatorischer Beziehung schon sehr viel geleistet hat. Die Organisationen der WadelstcüMpfler, die allerdings meist unter irreführender Flagge als allerlei Hilfstruppen ihr Wesen treiben, die verhetzenden Agitationen, die von ihrer Seite entfaltet werden, haben manche Spuren hinterlassen. Aber sie sind am letzten Ende nicht dem wadel-
i® (Nachdruck verboten.)
Frau Lore.
Roman von I. I o b st.
lFortsetzung.I
„Was Du sagst! Du solltest den Administra- tor suchen?" fragte Braun überrascht.
„Mein damaliger Vorschlag wurde später noch von einem leichten Schlaganfall unterstützt, der allerdings ohne weitere Folgen uorüberging," sagte Wieblitz. - "Der Arzt warnte aber meinen Freund ernstlich vor jeden heftigen Erregung. Na, und eine kräftigere Beweisführung für die .Notwendigkeit der Anstellung eines Administrators gab es doch nicht. So erhielt ich den einen Brief, der mich wieder nach Hoffelde rief und als illi von dort abfuhr, hatte ich meine Ordre in der Tasche und der ungetreue seine Entlassung. Aus alter Freundschaft übernahm ich nun die Aufgabe, öen Passenden Mann — möglichst mit der Passenden Frau —- das letztere ist meine Privatsache — su findey und daher reise ich morgen nach Berlin, ■orf; habe dort etwas in Aussicht, aber unbesehen nehme ich den Mann nicht.,,
,, Braun batte zuerst aufmerksam und ruhig zu- (jeuort, geriet aber nach und nach in immer größere Unruhe und rief jetzt: „Und was gibst Tu mir ,wenn ich den Mann habe?"
„Ach, Unsinn, wo solltest Du den so rasch her- bekommen? Du weisst ja gar nicht, was ich leisten muß."
„So höre 'mal zu. Er muß etwas von der Landwirtschaft verstehen, viel vom Forslfach und am meisten von der Jagd. Er muß fein gebildet ,seist, fröhlichen Herzens, langsam zum Zorn.- Er Müsste eine tüchtige, herzliebe Frau baden und einige süße Kinder."
Heber des Assessors Gesicht zoa eine jähe
strümpfl»rischen Unternehmen, sondern der Sozialdemokratie zu gute gekommen.
Wollen nun die Herren Barth und von Eerlach u. s. w. wirklich zu Gunsten eines „vorurteilsfreien" Liberalismus wirken? Das wird man gerade ihnen nicht zutrauen dürfen. Die „Freisinnige Zeitung" hat also Wohl recht, wenn sie den Hinweis auf die Vorurteile und Verknöcherungen im Liberalismus, denen der Barthschen Gruppe entgegenwirken will, auf die freisinnige Volkspartei und speziell auf den Abgeordneten Eugen Richter bezieht. Die Vorurteilsfreiheit soll sich vermutlich nur oder doch in erster Linie auf die Haltung zur Sozialdemokratie beziehen. Der erste Widerstand, den die Richtersche Partei in dieser Hinsicht bietet, soll von den vereinigten nationalsozial-freisinnig- liberalen Regeneratoren zu Gunsten der Sozialdemokratie beiseite geräumt werden.
Die „Freisinnige Zeitung" versteht aber keinen Spaß. Sie schreibt zunächst sehr zutreffend, als ernsthafte Regeneration des Liberalismus hätten die Wadelstrümpfler stets nur betrachtet eine Unt erwerfung anderer, selbst größerer und einflußreicherer liberaler Parteien unter der Führung des Herrn Barth, Schrader usw. Zu diesem Zweck sei seit Jahr und Tag keinerlei Jntrigue unversucht geblieben, um Spaltungen, sei es innerhalb der Freisinnigen Volkspartei oder der Nationalliberalen, hervorzurufen. Durch diese Worte wird nur bestätigt, was wir schon immer über das „großliberale" Wirken der Herren Barth und Genossen gesagt haben.
Nach dem Fiasko der Obstruktionskampagne von Singer und Barth ist die offene Feindschaft der Wadelstrümpfler gegen die Wafferstiefler und namentlich gegen Eugen Richter zum Ausbruch gekommen. Es wurde mit sozialdemokratischer, nationalsozialer und jüdisch-demokratischer Hilfe ein richtiges Kesseltreiben gegen den Führer der Volkspartei veranstaltet; aber auch dieses endete mit einer verdienten Niederlage. Nach solcher Einleitung war es — so schreibt die „Freisinnige Zeitung" — vorauszusehen, daß mit dem Wiederbeginn der politischen Saison alles, was Herrn Barth untertan, hold und gewärtig ist, sich auf dem Kriegspfav gegen die Freisinnige Volkspartei begeben und daß man zu diesem Zwecke auch die neu angeworbenen Naumänner mobilisieren werde. Die „Liberale Korrespondenz" eröffnet mit ihrem Trompetenstoß diesen Feldzug.
Die Freisinnige Volkspartei ist nun, wie ihr Hauptorgan erkennen läßt, nicht willens, diesem Kampfe auszuweichen. Die „Freisinnige Zeitung" schreibt vielmehr: „Mit dem Ungeschick, welches den Abgeordneten Barth stets kennzeichnet, wird dieser Feldzug noch vor den Landtagswahlen inszeniert, also vor Wahlen, bei denen gerade die Freisinnige Vereinigung auf die Unterstützung der Freisinnigen Volkspartei mehr als angewiesen ist." Die „Liberale
Röte, während Wieblitz den Redner verwundert anblickte, dann aber unbefangen sagte:
„Wenn Du mir ein folches Wunderkind so rasch herbeizaubern kannst, so bist Du in Wahrheit ein Taufendkünstler."
„Da sitzt er!"
Braun legte feierlich die Hand auf des Assessors Schulter und sah Wieblitz ernst ins Auge.
„Antworte noch nichts, Freund, auch Sie nichts, Schulz, hört mich an. Es ist wie die Fügung des Himmels, die Dir lieber alter Freund, die Möglichkeit gibt, allen Zwist zu enden. Niemand weiß hier etwas von Schulz' glänzender Zukunft, Frau Lore ist auch nicht eingeweiht. Der Name Schulz verrät Dich ja nicht und bist Du geschickt, so fordert der alte Herr, der Dir in jeder Beziehung unbegrenzte Vollmacht gegeben, nicht 'mal die Papiere des vorgeschlagenen Kandidaten ein."
„Die würden auch nichts verraten, da sie auf Walther von Schulz lauten, obgleich ich Udo Walther heiße," unterbrach ihn der Assessor. „Mein Vater war ganz einverstanden damit, daß meine Eigenschaft als künftiger Majoratserbe weiteren Kreisen möglichst unbekannt blieb, damit der Familienhader nicht in aller Welt kund würde. Er litt schwer unter der Entfremdung mit seinem Bruder. Der neidete ihm wohl das Glück, daß er einen Sohn besaß. Merkwürdigerweise bin ich auch das einzige Kind meiner Eltern, zwei Brüder starben im zartesten Alter. Da mein Vater eine Pachtung im entlegcntften Teil Ostpreußens inne hatte, so fiel mir es nicht weiter auf, daß er seine Heimat nicht besuchte. Nur zur Beerdigung des unglücklichen Knaben war mein Vater dort und dann nicht wieder."
„Hätten sie Lust, die Rolle als Administrator zu spielen?" fragte Wieblitz.
„Ich kann es iticht leugnen, Herr Forstmeister, daß mich die Sache reizt."
Korrespondenz" halle nämlich geschrieben, die „Regeneratoren des Liberalismus" würden von mancher übertriebenen Rücksichtnahme Abstand nehmen gegenüber denjenigen, die sich seit Jahr und Tag bemühen, jede ernsthafte Regeneration des Liberalismus durch kleinliche Nörgelei und hämische Kritik zu erschweren. Auf diese gegen die Richtersche Partei gemünzte Kriegserklärung erwiderte die „Freisinnige Zeitung": „Wir können hiernach unsere Parteigenossen nur ersuchen, auch ihrerseits von jeder übertriebenen Rücksichtnahme gegenüber der Freisinnigen Vereinigung und ihren Kandidaten Abstand zu nehmen."
Der Krieg ist also auf beiden Seiten erklärt. Man wird mit Spannung der weiteren Entwickelung entgegensehen.
Umschau.
Aus dem Kaisermanöver.
Die großen Kaisermanöver haben am Montag ihren Anfang genommen, nachdem in der Vor- Woche die Parade über die beteiligten Armeekorps stattgefunden haben. Das Wetter ist den Manö- vern günstig. Die Manöver — an denen — wie bekannt — das 4. und 11. preußische Armeekorps unter ihren Führern von Beneckendorf und von Wittich, sotvie die beiden sächsischen Korps Nr. 12 und Nr. 19 unter dem Kronprinzen Friedrich August und General von Treitschke beteiligt sind, spielen sich in einem Viereck ab, Gera und Erfurt den Städten Halle, Ellenburg, Gera und Erfurt begrenzt wird. Teilweise wird um die lieber- gänge der Saale, Unstrut und Elster gekämpft. Schon zweimal hat diese Gegend eine bedeutende Nolle gespielt: im Kriege 1866 und besonders im Jahre 1806. An interessanten und lehrreichen Scheinkämpfen fehlt es nicht, so daß das große Interesse, daß man den diesjährigen Kaisecmanö- vern schon wegen der Masse der bei ihnen mitwirkenden Truppen entgegenbringt, vollauf grecht- fertigt wird . Auch eine sehr wichtige Frage sollen die Manöver entscheiden: Diejienige des Nohr- rücklaufgeschützes.
Wie der „B. L.-A." melde, hat der Kaiser vor dem diesjährigen Kaisermanöver die Führer ermahnt, beider Befehlserteilung lediglich die Kriegsmäßigkeit im Auge zu behalten, es seien keinerlei andere Rücksichten maßgebend.
Der Kaiser, der am Sonntag Halle a. d. S. besuchte, fuhr gestern früh 6 Uhr im Viergespann von Merseburg in das Manövergelände. Die Kriegslage ist folgende: eine rote Armee, welche über Eisenach. Weimar, Naumburg vormarschierte, ist östlich von Leipzig von einer über Dresden vorgegangenen blauen Armee geschlagen und zum Rückzüge in der Richtung auf Halle-Merseburg gezwungen worden. Von der roten Armee standen am Montag das 4. Korps und die Kavallerie- Division a nordwestlich von Weißenfels, das 11. Korps nordwestlich von Merseburg. Von der blauen Armee gingen das 12. und 19. Armeekorps sowie die Kavallerie-Division b aus einer Linie Groß-Tölzig-Krautmannsdorf-Groitzsch nach Westen vor, überschritten teilweise die Saale und bedrohten den rechten Flügel der Roten mit Um«
Wohlgefällig ruhte das kluge Auge von Wieblitz auf dem frischen, männlichen Gesicht seines Gegenüber, dann murmelte er: „Aehnlichkeit ist keine da."
„Nein, ich bin kein echter Schulz-Hoffelde, ich soll aussehen wie mein Großvater mütterlicherseits. Aber mein Junge wird desto unverkennbarer die Familienzeichen tragen, das sieht bis jetzt aber nur mein Vaterauge," lachte der Assessor.
„Ich will es mir bis Morgen überlegen," sagte Wieblitz ernst, „denn ich muß doch schließlich für alles haften wenn es schief geht. Und bei dem.Hartkops, mit dem wir es zu tun haben, könnte mich das die alte Freundschaft kosten. Ich könnte es ja schließlich ertragen, aber dann würde er ganz einsam werden, der arme unglückliche Mann."
Die letzten Worte verloren sich fast in dem statlicben weißen Bart, der Wieblitz bis auf die Brust herabhing.
„Wenn ich müßte, daß mein Onkel nicht unglücklicher werden kann, als er schon ist, so würde ich an die Sache garnidjt Herangehen," versicherte Schulz treuherzig. „Aber ich möchte ihm gern so wieder zu etwas Sonnenschein verhelfen."
„Und den brächten Frau Lore und die Kinder mit. Gerade weil Lore ganz unbefangen ist, wird sie die beste Helferin sein in dem Kampf gegen das erbitterte, alte Herz. Lerne sie nur erst kennen, unsere liebe, kleine Frau, und dann unseren Jungen."
„Was soll die kleine Fran, Onkel Forstmeister, und ihr Junge?" fragte eine lachende Stimme vom Garten her. Da stand die rosige, junge Frau, und niemand hatte sie kommen sehen.
„Sie sollen einen alten Herren wieder fröhlich machen," neckte Bxaun, „dqrin hast Du ja Hebung, kleine Hexe."
Schon stand Lore oben und verbeugte sich an-
faffung Außer dem Kaiser wohnten König Georg von Sachsen und die anderen Fürstlichkeiten der Aktion bei. Die Umfassung gelang. General von Treitschke, der Führer der Blauen konnte sei« nen energischen Vorstoß durchführen. Die 23. Division erschien überraschend bei Dehlitz und überschritt dort die Saale. Genral von Wittich, dec den Oberbefehl über die Roten hat, ließ sich nach einem Berichte verleiten, die Höhen östlich von Roßbach nach Osten zu verlassen, wahrscheinlich, um den Feind am Ueberschreiten der Saale zu verhindern. Dazu waren aber die Bewegungen von Blau schon zu weit gediehen. Rot wurde zurückgeschlagen. Der Kaiser bivakierte nachts bei Gosek, westlich von Weißenfels und übernimmt wahrscheinlich am heutigen Dienstag die Führung der roten Armee.
, Ihre Majestät die Kaiserin traf gestern vormittag 10 Uhr 30 Minuten in Magdeburg ein und wurde am Bahnhofe vom Oberpräsidenten von Bötttcher und Gemahlin, dem Regsernngsprä- deuten von Brandenstein und vom Oberbürgermeister Schneider empfangen. Vom Bahnhofe begab sich die Kaiserin durch die reich geschmückten Straßen zum ßuifengarten und besichtigte das Denkmal der Königin Luise. Die Damen des Denkmalskomitees wurden der Kaiserin vorgestellt. Hierauf wurde die Fahrt nach der Augustaschule in der Listemannstraße angetreten. Die Hälfte der Schuljugend bildete auf dem Wege dorthin Spalier. ___________
Sozialdemokratische Parteikonferenz für Berlin und die Provinz
Brandenburg.
Auf der sozialdemokratischen Parteikonferenz, die am Sonntag in Berlin tagte, kam auch der Streit Bebel-Bernstein zur Sprache, und zwar ging der Abgeordnete Stadthagen mit der revfo- nistischen Gruppe Bernstein-Vollmar u. Gen. w'cht etwa zart ins Gericht. Er sprach sich gegen die Mitarbeit von Sozialdeiitokraten an bürgerlichen Blättern aus und kritisierte die Stellungm<hme des „Vorwärts" gegenüberBebel und der of fiziellen Parteileitung. Dann fuhr Redner fort: , Bebel ist genötigt gewesen, in der „Leipziger Volkszeit- ung", die vom „Vorwärts" behandelt wird, wie kaum ein gegnerisches Blatt, Zuflucht zu suchen. Der„Vorwiirts„ emfahl auch den Genosien in Marburg, bei der Stichwahl für den Reaktionär v. Gcrlach zu stimmen. Genosse Heine hatte nichts Eiligeres zu tun, als dies seinem Freunde v. Ger- lach zu telegraphieren, damit sein Freund davon Gebrauch machen könne. Die Reden von Aner. Sottmar, Heine usw. müssen notwendigerweise Verwirrung anrichten. Ich habe absichtlich nicht über denVizePräsidentenvosten gesprochen, ich will nur bemerken, daß die Partei als solche mit dieser Frage nichts zu tun habe. (Stürmischer Beifall.) Eilte Partei, die gegen die wirtschaftliche Ausbeutung und politische Knechtung unentwegt kämpft, für die ist es geradezu ein Hohn, wenn man ihr zumutet, nicht nur mit dem Reichskanzler und der Regierung zu unterhandeln, sondern allernntertänigst vor dem König von Preußen einen Buckel zu machen. Die Zumutung, zu Hose zu geben, ist der größte Schimpf, der uns angetan werden kann. Ich habe gegen Leute, die der Partei eine solche Erniedrigung zumuten, mir die größte Verachtung. (Also für Bernstein,
mutig zu dem Fremden hin, der sie mit großem Wohlgefallen anblickte. #
Doch im Laufe des Abends steigerte sich dies Wohlgefallen so sehr, daß Wieblitz sich ihrem Zauber nicht mehr entziehen konnte und der ihm vorher so kühn erschienene Plan zum festen Entschluß wurde. Dies süße Geschöpf mußte ja alle Herzen gewinnen, nicht auch das des alten einsamen Mannes. Sein Freund hatte recht, eine dosiere Helferin konnte man gar nicht finden, und so wanderte er denn nach dem Abendessen noch lange mit ihr in den stillen vom Mondschein taghell beschieneneii Wegen des Forstgartens umbet und bewegte alle Tiefen eines warmen, mitleidigen Frauenherzens durch die Schilderung des Unglück- lichen alten Mannes, der trotz allen äußeren Glanzes fein Leben in Groll gegen Gott und die Menschen verbrachte.
„Von dem Umgänge mit Ihrem lieben, frischen Gatten hoffe ich alles, meine gnädige Fran," fchloß er zuletzt, „und das Zeugnis meines alten Braun bürgt mir dafür, das ich in dem Assessor den richtigen Mann gefunden habe."
„Wird es denn feiner Karriere nicht schaden, Herr Forstmeister?" fragte Lore besorgt, deckn sie war eine kleine, ehrgeizige Fran, die bewundernd und gläubig zu der Tüchtigkeit ihres Mannes einporsah.
Wieblitz lachte über ihren Eifer.
„Nein, meine Gnädigste, es ist nur ein Nutzen für ihn, wenn er wieder in neue Verhältnisse kommt. Die Zeit bis zum Oberförster wird ihm noch lang genug werden, und Ihnen erst recht 1* setzte er nickend hinzu. „Ich glaube gar, Sie sind ehrgeizig?"
„Muß ich auch sein, Herr Forstmeister, denn meinem lieben Manne fehlte diese Eigenschaft gänzlich, und da sich ein Ehepaar in allem et»