Vorschläge gemacht: a)" Pflug unb Wagen gibt Me Regierung dem betreffenden Ansiedler van den auf den Stationen stehenden zu billigen Preisen gegen Abzahlung durch jährlich für die Station ju leistende Arbeiten, wie Schottern von Straßen oder Bauholzsahren. Oder aber die Regierung übernimmt für den Ansiedler die ZahlungS- Sarantie gegenüber einer auf Verzinsung mit 4 is 6 Prozent liefernden Fabrik, b) Ackerboden und Weideland, sowie Gelände zum Aufforsten erhalt der Ansiedler zu 2 Rupie den Hektar. Die Kaufsumme ist erst nach 5 Jahren mit 4 Prozent ku verzinsen, c) Im Erkrankungsfalle erhält der Ansiedler Medizin und ärztliche Hilfe unentgeltlich von den Stationen oder aber aus den bestehenden Wohltättgkeitsfonds. d) Kommt der Ansiedler unverschuldet in Not, so bemüht sich die Regierung ihm für 1—2 Monate Arbeit bei Wegebauten und bergt, gegen 3 Rupie täglich zu geben, e) Die betreffende Station stellt dem Ansiedler eine Anzahl Kühe und Mschensistuten und dazu einer Gruppe von Ansiedlern einen Maskathengst Siegen Ratenabzahlungen zur Verfügung, auch ollen die Zahlungen durch Straßenbauten und andere Arbeiten für die Station geleistet werden können, f) Die Negierung übernimmt die Zahlungsgarantie für landwirtschaftliche Hltt^mittÄ wie Dreschmaschinen und bergt, gegen Verzinsung g) Gewerblichen Einwanderern soll seitens der Regierung zur Beschaffung gewerblicher und in- imstrieller Hülfsmittel zwecks Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte verholfen werden, h) Anerkennenswerte Leistungen der Landwirte und GÄverbetreibenden sollen je nach Verdienst mit Geldmitteln alljährlich prämiiert werden, i) Den europäischen, Ansiedlern soll auf den Aemtern und Stationen Gelegenheit gegeben werden, sich nebenbei Geld zu verdiene und zwar tz. B. durch die Ausübung der Funktionen als Gerichtsvollzieher, Steuereinnehmer, Straßenaufseher, Wegebauer, Postagent, Markthalleninspektor oder -Pächter ic., für welche Stellungen sonst im allgemeinen teuer bezahlte Beamte ober aber Farbige zur Verwendung gelangen.
Gewerbliche Fachbildung für Frauen.
Zu dieser Frage wird der „Köln. Ztg." getrieben : Die Erwerbsfähigkeit unserer Frauen, die soviel zur Lösung der sozialen Frage beitragen kann, würde erheblich durch eine gründliche Ausbildung der Frauen in ihrem gewerblichen Berufe gesteigert werden. Dem Handwerker stehen nach der gründlichen Lehrzest Fach- und Fortbildungsschulen offen, die besucht werden müssen. Für die Frauen gibt es in Deutschland nur eine ganz beschränkte Zahl von Anstalten, worin sie einen Fachunterricht genießen können, der größeren Mehrzahl ist die Weiterbildung völlig verschlossen. Es müßten darum die Fortbildungsschulen auch den Frauen zugänglich gemacht fein, ja, sie müßten obligatorisch für sie gemacht werden. Würde z. B. einer Stickerin Gelegenheit geboten, sich nebenher auch zeichnerisch in einer Fct- odet Fortbildungsschule wetterzubilden, so könnte sie weit mehr verdienen. Einer Modistin könnte da» Skizzieren eines Modellhutes eine große geschäftliche Erleichterung sein und jedenfalls tom» bei ihr die Ausbildung des Farben- und Formen« sinn» sehr notwendig. Auch für das Schneidern könnte eine Frau in einer Zeichenschule sehr viel lernen zur praktischen Verwertung. Der Frau ist überhaupt viel Gelegenheit geboten, ihr astheti- icheS Empfinden zur Wirkung zu bringen, sei e» in ihrem Berufe ober in ihrer nächsten Umgebung, ihrer Häuslichkeit. Da nun die Einrichtung von Fortbildungsschulen auch für Frauen wohl nur allmählich durchzuführen zu sein wird, so hat der Kölner Verein weiblicher «ngefteöter sich der Sache insoweit angenommen, daß er am 1. Oktober Kurse jur Fortbildung erwerbsfähiger Frauen einzurichten gedenkt. Außerdem beabsichtigt der Ver- ein Unterweisung im Lithographieren und tech- mschen Zeichnen zu geben, wodurch es den Frauen ermöglicht werden soll, in lithographischen und technischen Geschäften Anstellung zu finden.
Man entschuldigt sich damit bei der letzt«, Jllu- unnation, daß das Rathaus bn Dunkeln war, während alle Häuser illuminiert waren, man hätte die Illumination des Rchauses so lange verschieben wollen, bis Paris kapituliert habe. Am 27. Fe- bruar waren Tausende von Landleuten in Marburg, die allgemein glaubten, die Friedensdepesche fri eingetroffen, sie wollten der Friedensfeier und Illumination mit beiwohnen, aber sie hatten getäuscht. Irregeleitet waren sie durch eine Depesche vom 26. Februar „Versailles, 26. Februar 1871: „Mit tiefbewegtem Herzen mit Dankbarkeit gegen Gottes Gnade zeige Ich Dir an, daß soeben die Friedens-Präliminarien unterzeichn« sind. Rur ist noch die Einwilligung der Nattonalver- sammlung tn Bordeaux abzuwarten. Wilhelm.*
Am 1. März wurden die Friedenspräliminarien in der Nattonalversammlung zu Bordeaux mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Von dem Jäaer-Bataillon erhielten Feldwebel Storbeck und Behrens, Oberjäger Rausch, Plaumann, Schaberik und Knorz, sowie die Gefreiten Beitzel, Bausch und Keppler, Jäger Kreß, Cornelius und Kemer und Hauptmann v. Heidebreck das etferne Kreuz »weiter Klasse.
Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden verkündete folgendes Telegramm:
Der Kaiserin-Königin in Berlin.
Versailles, 2. März 1871.
Soeben habe ich den Friedensschlutz raüfizieri, nachdem er gestern schon in Bordeaux von der Na- tionalversammlung angenommen worden ist. So- weit ist also das große Werk vollendet, wekhes durch siebenmonatliche siegreiche Kämpfe errungen wurde. Dank der Tapferkeit, Hingebung und Ausdauer des unvergleichlichen Heeres ht allen feinen Tellen und der Opferfreudigkett des Vater- landes. Der Herr der Heerscharen hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen ehrenvollen Frieden tn seiner Gnade gelingen lallen. Ihm sei die Ehre! Der Armee und dem Vaterlande ntit tief erregtem Herzen meinen Dank! Wilhelm.
Vorstehende FriedenSdepesche traf am 8. März abends um 6 Uhr in Marburg ein. Glockengeläuts in allen Kirchen und Böllerschüsse verkündeten^ ^das frohe Ereignis allen B.ewohnern der Stadt,
Deutsches Reich
Berlin, 5. Septbr.
e- Der König hat genehmigt, daß den feit mindestens sechs Jahre« vei dem Magistrate bn Haupt- unb Residenzstadt Berlin angestellten juristische« Hilfsarbeitern (MagistratSasiesioren) bei ihrer A» siellung auf Lebenszeit der Amtstitel.Magrstratsrot' beigelegt werd«.
— Zufolge Allerhöchster Genehmigung habe« die im Ministerium für Landwirtschaft, Domäne« mtb Forsten angestellten forsttechnischen vortrageuden Rätt 8. Klaffe fortan bi« Amtsbezeichnung »Landforstmetster^ zu führen.
— Die zehnte Jahresversammlung deS Zentra^ Verbandes von Orts-Krankenkaffen im Deutschen Reich wll am 13., 14. und 15. September tu BreSlau abge- halten werdm. Außer dem Bericht der geschäst». Mrenden Kaffe über die Tätigkeit t* abgelaufene« Geschäftsjahre stehen auf der Tagesordnung em Vortrag über das Themar Jnwieweit können dieKranksr- käffen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten beb tragen, ein Vortrag über das Thema: Die Aufgabe« der Krankenkassen in Vergangenheit, Gegenwart unb Zukunft, sowie Anträge aus Abänderung des Kranken- versicherungs-, des Gewerbe-llnfallverficherungsgesetzes, de» Jnvaltdenverficherungsgesetzes. Zur Frage der Abänderung des Krankenverstcherungsgesetzes liegen von nicht weniger als von 15 Kaffen mehr oder weniger wettgehende Auttäge vor.
Ausland.
Oesterreich-Ungar«. Kaiser Franz Joseph hat zwar vo seiner Ernennung zum englischen Feldmarschal dem Oberstkommandierenden der englischen Armee, Earl Roberts, in einem herzlichen Telegramm Mitteilung gemacht; ob er sich aber über diese Ernennung wirklich recht aufrichtig gefreut hat, etwa in demselben Matze, wie zu feinet Ernennung zum deutschen Feldmarschall, darf doch Wohl bezweifelt werden. Der Kaiser ist sich darüber nicht im UnAaren, daß seine Ernennung zum englischen Feldmarschall in weiten Kreisen des österreichischen Bolles als eine besondere Ehrung keineswegs ausgefaßt wird. Nennt, doch da» Wiener „Deutsche Volks- blatt' diese Ernennung geradezu eine Beleidigung des Kaisers.
Deutsche Koloniren- Mit der Landverweigerung in Deutsch-Südwestafrika besaßt sich eine Eingabe, die im Auftrag der Setltnei Ortsgruppe deS Alldeutschen Verbandes soeben an ben Reichskanzler abgeschickt wurde. Nachdem betont tootben ist, daß daS für die Besiedlung von Natur vielfach wertvollste und bequemste Land sich in den Händen zumeist ausländischer, englischer Gesellschaften befindet und daß nifit nur durch die Forderung übertriebener ßanbptwfe die Ansiedlung dort erschwert, sondern auch durch Verweigerung jedes Land» Verkaufs direkt unmöglich gemacht Wird, heißt a weiter, Darum scheint uns jetzt der Augenblick gekommen zu sein, wo die Kolonie des direkten Umgreifens der Hand Eurer Exzellenz bedarf. In den Anlagen werden ste dis naneren Nachweise finden, inwiefern dis schädlichsten unter den Konzessionsgeselkschasten ihrs Kon^sstos von rechtswegen verwirkt haben. Sie werden ferner «sehen, wie nach der Meinung weiter stilonialpolittscher Kreise deS deutschen Volkes auch aus dem glimpflichsren Wege allgemein« Sandesgesetzgebung Itn Grundsteuer- fachen de« passiere Widerstand d« die Besiedlung hindernden Gesellschaften gebrochen werden kann. Mr hoffen, daß Eure Exzelleuz in daS Beben der bisher einzigen EiedlungS- kolonie des Reichs mit einem kräftigen Impuls einzugreifen nicht zögern werden, sobald sich die Notwendigkeit davon ergibt.
Südafrika. Aus Südafrika schreibt ein Neffe des früh«en vräfidenten, Baumeister Otto Krüger: Vieles ist ja in der letzten Zeit ^fchehen, aber viele Wunden bluten noch weiter.
die in großer Anzahl sich alsbald auf dem Markt- Platze rinfanben und daselbst unter Musikbegleitung das Lieb „Nun danket alle Gott" anftimmten. Professor Dr. Krause verlas hierauf die feifert Botschaft und gedachte in erhebenden Worten des großen und wichtigen Ereignisses und schloß seine Rede mtt einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser.
Hieraus wurde von ben Versammelten gesungen .Sin feste Burg ist unser Gott". Unzählige Freu- venschüsse ertönten bis zur späten Nacht hinein. Am Sonnabend, dem folgenden Tag, sollte abends Illumination und Fakelzug stattfinden. Der Verkehr auf dem hiesigen Bahnhof nahm jetzt eine entgegengesetzte Richtung an, indem am 2. März der letzte Zug rntt Truppen nach Frankreich hiet durch gekommen war, traf am 8. März bet erste Bug ein, der in Frankreich gefangen gehaltene Matrosen, 440 Mann, in ihre Heimat brachte. Täglich kamen jetzt Züge durch, wriche Kriegsbeute auS Paris brachten. Die Friedensfeier wurde am 4. März in unserer Stadt mtt einer großartigen Illumination begonnen. Auf dem Schloß wurden We Böller äbgefeuert und 101 Schuß abgegeben. Jedes Haus war mtt Fahnen, Transparenten und Guirlanden geschmückt. Der zum Schluß arrangierte Fakelzug hatte eine zahlreiche Beteiligung aus allen Ständen erhalten und war Wohl der größte von allen bisherigen. Bei dem Verbrennen der Fackel auf dem Kasernenplatze vor dem damaligen Reservelazarett brachte Professor Mbelohde ein Hoch auf den Kaiser aus. Aus der Umgegend hatte sich eine große Anzahl Landleute etngefunben. Das Programm bei dem Fackelzug war folgendes: 1. Turner, Kreuzfackelträger, 2. Knabenttommlerkorps, 8. Schuljugend, Bürger, Realschule, Gymnasium, 4. Musik, 6. Studenten, 6. Universität und Beamte, 7. Bürgerschaft, 8. Turnerfeuerwehr, 9. Gesangvereine, 10. Schützenixreine. Die Aufstellung war in der Elisabethen- Kraße. Infolge der Truppentransporte wurde aM 25. März der Frachtgüterverkehr auf ben Eisenbahnen gänzlich eingestellt. Am 10. März wendet sich der Schatzmeister der freiwillige« Hülfsveretne Dr. Wolff abermals cm die Bewohner Marburgs um freiwillige Gaben, da alle Mittel zur UniW stützung der Kranken erschöpft waren.
.(Fortsetzung folgt)
ES kann keine Fed« beschreiben, wie schändlich hier gehaust wurde. Ich habe nur Trümmerhaufen hier gefunden und ich kann die Gefühle welche mich übermannten, als ich das alles sah, nicht schildern. Ich wohne jetzt in der Kap- kolonie, da im früheren Oranjestaat daS Leben sehr schwer ist. Es herrscht fast Hungersnot.
Vom Balkan. Die Türkei hat der bulgarischen Regierung noch fein Ultimatum zugestellt, ihren Truppen auch noch nicht den Befehl erteilt, die Grenze zu überschreiten. Daß die Kriegserklärung aber an einem seidnen Faden hängt, steht fest. Die Türkei hätte sicherlich auch schon längst die Kanonen sprechen lassen, wenn ihr dazu die Mächte nur frei Hand ließen. Schlimm genug steht eS nach wie vor auf dem Balkan aus. Ganz Mazedonien stcht in Flammen, die von Bulgarien nach Möglichkeit ««gefacht werden. Den Behörden in Adrianopel gingen Drahtbriefe zu, die ganze Stadt würde durch Dynamit in die Lust gesprengt werden. Auch in Konstantin- chrel selbst und dessen Umgebung mehren sich die Unruhen. In einer Kirche fand man eine Höllenmaschine, die eine entsetzliche Katastrophe angerichtet haben würde, hätte man sie nicht rechtzeittg entdeckt. Von Sofia und Belgrad, auch von griechischer Seite aus, werden dagegen die Anklagen gegen die türkische Regierung, sie wende gar zu grausame Maßncchmen gegen die Aufständischen an, lebhaft fortgesetzt.
Marburg und Umgegend
Marburg, 5. Septbr.
8 AuS tat Tagebuch eines Marburgers bei 1870/71. Die von unserem Mitbürger L. Müller unter obiger Rubrik in unserem Blatte mttgeteilten Erinnerungen haben, wie nnS verschiedene Zuschriften beweise«, ben lebhaften AnAang unter den Lesern gefunden. Wir werde« gebeten, ergänzend zu bemerken, daß auch ebte Anzahl Gymnasiasten Tag und Nacht bei den Krankenträgern unb bei bet Ex- frischungskolonne mit tätig waren, so z. B. Emil Grimm, Sohu des Justizrat» Dr. Trimm; Friedt. Henze, Sohn des Bahuhofs- Restaurateurs Henze; Oscar Ehrhardt, Sohn des Universitäts-Buchhändlers Ehrhardt; Daul Wigand, Sohn deS Professor» der Botanik Wigand. Leider wurden nur zweien derselben die KriegSdenkmünze verliehen. Der Sanitätskolonne gehörte ferner an Hermann Eichelberg, welcher auch mit in Frankreich war. Fetntt haben der Turner-Sanitätskolonne, wie UN» mitgeteilt wird, noch angehört: Christoph Barth, Kaufmann und dessen Bruder Rudolf Barth, 8- 3t. in Amerika; bei Jacob Dörr fehlt *), derselbe hat die Denkmünze; Konrad Damm f 1603 nicht 1893; Wilhelm Nu«kel,Jnstituttsdiener mußheitzenWilhelm uttlel, JnstitutSdiener.
# Stenographisches. Für den Stenogravhen- tag der Schule Stolze-Schrey im Oktober o. I. In Frankfurt a. M. hat Se. Hohett Prinz Friedrich Karl von Hessen, Schwager Sr. Majestät Kaiser Wilhelm n., das Protektorat zu übernehmen geruht.
* Die letzten Erntearbeiten werden jetzt mit fieberhaftem Flsiße betrieben, seitdem in ben lebten Tagen Sonnenschein eingetreten war. DaS Einfahren de» Getreides ist fast beenbet, und nur hier und da steht man noch einzelne Fruchthausen. Allerorts sind jetzt die Dreschmaschinen in Tätigkeit. Der Körnerertrag ist erfreulich, da» anhaltende Regenwetter hat zum Glück weniger geschadet als man annahm, ,nur der Hafer hat manchmal eine schwärzliche Farbe erhalten. Dagegen ist das Stroh zum Füttern fast wertlos geworden. Die bisherigen Er- aebntffe sind vom Normalmorgen 8—10 Ztr. Körner und 18—20 Ztr. Stroh. Die Sommer- frvcht bleibt im Strohertrag sehr zurück, liefert aber gute Kvrnererträge. Der Regen hat auf die Fluren günstig eingewirkt, die Hackfrüchte und Futterpflanzen (Klee, Erbsten, Rüben) haben sich gut entwickelt, die Grummeternte wird sehr gut.
* Zwangssparkassen. Neuerdings ist von verschiedenen Setten der Einrichtung von Zwangs- sparkassen für jugendliche Personen das Wort geredet worden. Die Anregung ist zu begrüßen. Das Wort von der zunehmenden Genußsucht unserer Jugend sst durchaus keine einer mürrischen Auffassung enffpringende Redensart, sondern leider eine nur allzu sehr begründete Wahrhett. Die Versuchung ist gewachsen und hat mit den übrigen Krllturfortschritten zum mindesten gleichen Schritt gehalten. Schon an das Kind tritt die Versuchung in der Gestalt von Automaten, die gegen einen Nickel Schokolade, Bonbons und andere schöne Sachen spenden, heran. Diesen verhältnismäßig harmlosen Verlockungen folgen raffiniertere, und wenn heute so ein Junge eingesegnet worden ist, dann hat er schon Bedürfnisse, wie sie die ältere Generation überhaupt nicht kennen gelernt hat. Und nach der Konfirmation verdient sich das Bürschchen selbst ein kleines Wochengeld und spiell dann auch mit Vorliebe, Eal wenn es schon etwas Großstadtluft genossen den Protzen. Seine Ansprüche an daS m flehen dabei im umgekehrten Verhältnis zu feinen Leistungen. Daß unter solchen Umständen oie elterliche Autorität häufig genug vollkommen verloren geht, der junge Bursche vielmehr vor- zeitig her Eltern entbehren und sich auf eigene Füße stellen zu können glaubt, ist eine allgemeine vÄannte Erscheinung. Leben und leben lassen hütet die Losung. Der Wochenverdienst acht zu einem unverhältnismäßig hohen Prozentsatz für Genuß- und Veranügungszwecke darauf, von einer rationellen Saffenführung ist nirgends etwas zu bemerken. Dv wäre ein Zwangssparsystem durchaus angebracht. Jugendliche Personen müßten, wenn sie es freiwillrg zu tun verschmähen, poangsweise dazu angehalten werde«, ihre« Vo-
'chenlohn verständig anzuwenden und nicht bloß bei Vergnügungen zu verttm. Es würde nach unserer Ueberzeugung durchaus segensreich wirken, wenn auf junge Burschen in Fabriken und fonftigen industriellen Betrieben ein heilsamer Zwang nach der Richtung hin angewendet würde, daß sie sparen müßten. Spare in der Zeit, dann hastdu in der Not. Es kann mit dem Sparen garnicht früh genug begonnen und garnidjt 'rüh genug darauf gedrungen werden, daß Jünglinge tote Mädchen sich vernünftiger Mäßigkeit befleißigen, anstatt sich für die Zukunft zu verwählten unb threm Gelüste nach sinnlichen Genüssen lricht- finnig nachzugehen. Den Wert des Geldes aber lernt nur der schätzen, der ein paar Groschen sein Eigen nennt. Das Zwangssparsystem würde auch ben Leichffinnigen zum Besitzenden machen und in ihm die Lust am Sparen und die Freude am Erwerbe erwecken und nähren. Der Gedanke sst also zweifellos und zettgemäß; es ist leider nur ftaglich, ob er sich ohne die Anwendung eines" großen Apparates ausftihren lassen wird. Jeden« falls sollte die Einführung des Zwangsspar- fystems für jugendliche Personen nicht mehr aus ben Auge verloren werden.
§ Strafkammer. Im weiteren Veriolg der gestrigen Sitzung erschienen zwei ältere Schwälmev- tnnen im Gerichtssaal. Die eine von ihnen, die Ehe« frau Katharine Elisabeth Wiegand aa8 Niedergrenzebach, stand unter der Anklage der Mißhandlung, der Röttgung und deS Hausfriedensbruchs. Bei ihr im Hause wohnte auf Miete die Frau des Mamers Dinges. Aus der guten Freundschaft, die jedenfalls anfänglich zwffchen den beiden Frauen geherrscht hatte, tourte später bittere Feindschaft und die Folge war, daß die Haustottttn ihrer Mieterin das Logis kündigte. Diese zog aber einfach in der Meinung, daß bal Jahr auSgehalten werden müsse, nicht auS und ließ es einmal barauf ankommen. Die kluge Hauswirtin wußte sich zu Helsen. Eines Tages ver« sthafste sie sich ben Stubenschlüssel ihrer Mieterin und benutzte dann eine kurze Abwesenheit derselben, um ihr die Fenster auszuhängen. Als sie so ziemlich mit
ihr die Fenster auszuhängen. Als sie so ziemlich mit dieser Arbeit fertig war, kam die Mieterin dazu und WaS mm erfolgte, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Der Darstellung der Mieterin nach, die diese in bet gestrigen gerichtlichen Auseinandersetzung gab, war fU von der Hauswirtin auch noch geprügelt worben. Die Hausbesitzerin wollte nicht geschlagen, sonbern nur bie Fenster ausgehängt haben, well sie meinte, in ihrem Eigentum nach Belieben schalten «nb walten zu können. Sie versicherte im Gegenteil «och, baß sie von ber Mieterin unb beten Tochter tätlich angegriffen tootben fei; bie letztere habe ihr forttoäbrenb gegen bie Beme getreten. Die Fran gäbe sie (die Angeklagte) sogar deS Diebstahls be- schulbigt unb überall erzählt, sie melke heimlich beten Stege. Das Gericht sprach bie Angeklagte wegen Mißhanblung frei unb erkannte wegen Nötigung unb Hausfriedensbruchs auf 15 Mk. Geldstrafe. Als die Verurteilte dieS hörte, bebantte sie sich sreudestrahlenb für bie geringe Strafe, indem sie versicherte, sie habe jo furchtbar Angst 'gehabt, da ihre Gegnerin überall «zählt habe, unter 2 bis 8 Jahren Zuchthaus käme ne nicht davon. Mit einem Gesicht, als wenn sie das große Los gewonnen hätte, verließ die Schwäl- meritt dann den Gerichtssaal. — Zum Schluß erschien der wegen Holzdiebstahls angeklagte, schon mehrmals vorbestrafte Zimmermann Friedrich Schneider auS Schwarzenborn, jetzt in Klafelb wohnhast. Im April b. I. enttoenbete er im Schwarzenborner Wald mehrere Scheite Holz. Das Gericht verurteilte ih« deshalb zu 8 Monaten Gefängnis.
x Ellershausen, 4. Sept. Gestern abend um $9 Uhr schlug der Blitz in die Scheune des Schreiners Herrn von Drach Bier. Trotz der rasch herbeigeeilten Feuerwehr konnte dieselbe nicht gerettet werden und wurde em Raub der Flammen. Das Feuer sand reichliche Nahrung durch ben bereits eingeerntete« Roggen. ----------------------- " ---
Hessen-Nassau und Nachbargebiete
:|: Homberg, 4. Sept. Heute Morgen gegen 6 Uhr haben sich über unserm Kreis mehrere sehr starke Gewitter entlaben. Die meisten Leute wurden draußen auf dem Felde überrascht, wegen des sehr starken Nebels dachte niemand an so nahe Gewitter. Mehrfach hat es eingeschlagen, in Frielendors an vier Stellen, ohne zu zünden. Auch in Beisheim und anderen Orten hat es eingeschlagen, genauere Nachrichten darüber fehlen noch. — Zwei an der Trichinose erkrankte Personen sind nach Marburg in die Klinik ttansportiert. Auch einige Präparanden und Seminaristen sind jetzt erfrantt.
Ans dem Großherzogin« Hesse«, 8. Sept. Das gewerbliche Unterrichtswesen ist z. Z. in Hessen ein sehr ausgedehntes. Nach, der soeben erschienenen statistischen Zusammenstellung gibt eS in Hessen z. Z. 167 gewerbliche Unterrichtsanstalten mit 511 Lehrkräften und 11887 Schüler. Die Gesamtausgaben dafür betrugen im abgelaufenen Jahre Mk. 443,361, darunter Mk. 594 878 Gehalt für die Lehrer.
Heiligenstadt, 4. Sept. Ein verheerendes Unwetter wütete über dem Untereichsfeld. In Duderstadt, Rollshausen und Westerode hat der Orkan starke Bäume entwurzelt und Hagel die Fenster zertrümmert. Die Tabakfelder sind verwüstet. In Steinbach hat der Blitz dreimal eingeschlagen.
Verwischtes
Da» Anspreche« vo« D««e« «f der Streße seitens ervberungslustiger unbekannter Herren hatte in der Frankfurter Zettung einen lebhaften Widerstreit der Meinungen hervorgerufen. Die einen verfehmten diese Takttk der Herrenwelt grundsätzlich, andere warfen sich zu ihrem Verteidiger auf. Jetzt kommt ein Schalk mit folgender hübschen Zuschrift, durch die er hofft, alle zu befriedigen:
Kumm Dir e freindlich Kind entgeche,
E herzich sißer, netter Käser,
Dann frag net lang: warumk weswechet
Mach Dich getroscht zu ihrem Schäfer.
Doch wenn des Ding net lache tarnt, Die Hot gewiß schun Ujren Mann;
Drum lieber Hinz un Kunze:
Bleib vun se!
Eine Mutter do« 12 Kinder» wurde, wie österrrichische Blätter mitteilen, bei der achthundertjährigen Jubelfeier der Stadt Brauna« !>cm Kaiser Franz Josef vorgestellt und vo» diesem mit einer wertvollen HÄSkette beschenkt^ Die Zwölf find sämtlich Soldat gewesen uw bilden jetzt eine Musikkapelle.