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mit -em Kreisblatt für -ie Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Mlustrirtcs Sonntagsblatt.
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Marburg
Mittwoch, 19. August 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Ang. Koch, Umversitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg.
Die Jahrhundertfeier von Wismar.
Morgen den 19. August feiert Wismar seine Jahrhundertfeier. Dazu werden Se. K. H. der Großherzog von Mecklenburg, II. HH. die Herzöge Paul Friedrich, Johann Albrecht, Adolf Friedrich und Paul eintreffen. In Begleitung der hohen Herrschaften befinden zsich der Ministerpräfident Graf Baffewitz, die StaatSräte v. Amsberg und Preffentin, der mecklenburgische Gesandte von Oertzen, der schwedische Staatsminister v. Lagerheim usw. Die Fürstlichen Herrschaften nebst Gefolge werden an dem Gottesdienst teilnehmen, worauf eine Parade der Garnison stattfindet. Nach einer Fahrt in See defiliert vor dem Groß- herzog der Festzug auf dem Marktplatze. Die Einweihung des Denksteins wird abends um 7 Uhr auf dem Festplatze in Gegenwart der Eroßherzoglichen Familie erfolgen. Hierauf schließen fich Volksbelustigungen, Konzert und Illuminationen.
Der nunmehr wieder vorbehaltlos in deutschen Besitz übergegangene Hafen WiSmars ist von Alters her berühmt, denn er besitzt nicht nur hinreichend Tiefe und Größe, sondern kann auch leicht verteidigt, ja mit geringen Mitteln ganz gesperrt werden. Er steht dem Kieler Hafen in dieser Hinsicht kaum nach, möchte ihn aber in anderer Richtung sogar übertreffen. Daß die nordischen Mächte ost genug versucht haben, sich der Stadt und des Hafens zu bemächtigen, ist daher erklärlich. Selbst die Russen waren unter Peter dem Großen im Begriff, ihre schwere Hand auf beide zu legen; bet ihrer bekannten, bis in die neueste Zeit reichenden Zähigkeit, würden sie den wertvollen Besitz weit nachdrücklicher veiteidigt haben, wie die durch blutige und unglückliche Kriege stark geschwächten Schweden, zumal fie für ihre sich erst entwickelnde Marine einen geeigneten Ostseehafen nicht besaßen.
Als Wismar von den Schweden am 20. April 1716 nach langer, verzweifelter Belagerung an preußische, hannoversche und dänische Truppeu übergeben werden mußte, erschien auch unvermutet morgens 6 Uhr vor den Toren der Stadt ein Oberster von der Kavallerie der Moskowiter — so wurden die mit den Belagerern Verbündeten Russen damals genannt — um von Festung, und Hafen ebenfalls Besitz zu nehmen. Dieses Vorhaben mißlang indeffen, denn der Generalmajor v. Pentz, der mit vier hannoverschen Regimentern an der Belagerung lebhaft mitgewirkt hatte, rückte sogleich mit drei Schwadronen heran und bedeutete dem moskowitischen Obersten, „er möchte sich mit seinen beh sich habenden Leuten wieder zurückmachen, oder, wo nicht, so wollte er ihm was anderes weisen. Als marschierten die Moskowiter wieder zurück." So lautet ein zeitgenössischer Bericht.
18 (Nachdruck verboten.)
Zum Glück.
Roman von Margarete Böhme.
(Fortsetzung.)
... 11 *u Hebungs Lippen flog ein schmerzliches Lächeln. Sie wußte nicht, weshalb der Gedanke Mariental demnächst verlassen zu müssen, ihr ) lötz- lich so nahe ging und ihr so wehe tat.
„Ich habe versprochen, bei Mrs. Berkholtz aus- zuharren," erwiderte sie, „und dann--sch
habe in meinen früheren Stellungen schon Schlimmeres erfahren. In solchen Fällen muß man immer furchten, vom Regen in die Traufe zu kommen."
Buttler wollte etwas sagen, aber das ihm auf den Lippen schwebende Wort blieb unausgesprochen ,da er in diesem Augenblick gerade abgerufen wurde.
Am Tage vorher hatte Hedwig beim Anf- ramnen ihrer Habseligkeiten ein kleines Tagebuch ans ihrer Mutter Mädchenzeit gefunden, und beim Durchblättern der vergilbten Blätter hatte sie aus einer Auszeichnung gesehen, daß ihre Eltern sich m Mariental kennen gelernt hatten. Das Haus und seine Umgebung waren ihr daher plötzlich doppelt interessant, nach den im Tagebuch eingc- tragenenNottzen konnte sie genau die verschiedenen Plätze auffinden, wo sich irgend etwas auf die Entwicklung der Herzensangelegenheit ihrer Eltern Bezügliches und für diese Bedeutsames zugetragen hatte. Es schien ihr ein so wunderbarer Zufall, der sie gerade in dieses Sanatorium ver- schlagen hatte —fast wie das Walten einer höheren Vorsehung.
Als sie nach jener kurzen Unterredung mit Doktor von Buttler in Ediths Zimmer zurück- kehrte, fand sie diese in schlechtester Laune. Nach-
Auf diese Weise war, allerdings wenig diplomatisch, aber doch tatkräftig verhindert, daß Peter der Große, welcher damals gerade Deutschland bereiste und auf den Erwerb deutscher Ostseehäfen besonders eifrig bedacht war, Rechte an Wismar und deffen Hafen erwarb, die im Laufe der Zeit ohne Zweifel zn den lästigsten Weiterungen mit dem deutschen Staate geführt haben würden.'
Umschau.
Vom Kaiserhofe.
Der Kaiser und die Kaiserin haben ihre Reise nach Kassel angetreten, der Reichskanzler sucht in Norderney weitere Erholung in seinem noch nicht beendeten Urlaub, wenn auch während desselben die Arbeit nie ganz ruht. Der Verkehr mit dem Reichskanzler-Amt in Berlin ist ein unausgesetzter, der erste StaaSmann kann wohl fern von seinem Amtssitze sein, aber nie fern von seinen Geschäften. Ist die Arbeitslast zur Zeit auch wohl keine erdrückende, die Fäden der Politik spinnen sich unablässig weiter, die Besprechungen und Vorbereitungen für den Abschluß der neuen Handelsverträge beanspruchen fortgesetzt die regste Aufmerksamkeit. Und selbst bei größter Mühe dürfte noch mancher Monat vergehen, bis es heilt, wir sind einig. Der Kaiser wird von Kassel aus mehrfach Mannöverreisen unternehmen, bis die eigentlichen Kaisermanöver zwischen dem 4. und 12. Armeekorps die volle Tätigkeit und die Anwesenheit des Monarchen in Anspruch nehmen. Heute findet in Kassel ein Diner zu Ehren des Geburtstages des Kaisers Franz Joseph von Oesterreich (geb. 1830) statt. Der greise Monarch, dem das Leben so viele herbe Schicksalschläge gebracht, hätte wohl verdient, daß ihm an seinem Lebensabend, die ost kleinliche Zänkeeerei unter den österreichisch-ungarischen Politikern erspart blieben, die ihrem persönlichen Ehrgeiz über die wirkliche Staatswohlfahrt stellen. Die Zustände in Budapest, die durch die fortwährende Obstruktion der Kossuthpartei in wichtigen nationalen Fragen herbeigeführt worden find, find doch mehr wie trübselig.
Zum Oberpräsidenten der Provinz Schlesien.
Die Ernennung des Grafen von Zedlitz- Trützschler zum Oberpräfident von Schlesien ist nach der „Nordd. Allg. Ztg." der gegenwärtige Oberpräsident von Hessen-Nassau, Staatsminister a. D. Graf von Zedlitz-Trützschler ernannt worden. Graf Zedlitz ist 1837 geboren und widmete sich zunächst der Militär-Karriere. 1881 wurde er, nachdem er die Bewirtschaftung seines väterlichen Gutes übernommen und verschiedene Ehrenämter in der Provinzial-Der- waltung bekleidet hatte, Regierungs-Präsident in Oppeln, 1884 Mitglied des Staatsrates,
dem die junge Frau ein halbes Dutzend unmögliche Befehle gegeben, in nörgelndem Tone allerhand Ausstellungen gemacht und schließlich seufzend über Hedwigs Begriffsstutzigkeit und Rücksichtslosigkeit lamentiert hatte, fragte sie Hedwig plötzlich unvermittelt, wie ihre Vaterstadt eigentlich heiße.
Arglos gab Hedwig Auskunft, aber kaum hatte sie den Namen genannt, als die jähe Veränderung in Ediths Zügen sie darauf aufmerksam machte, daß diese mit der Frage einen bestimmten Zweck verbunden hatte.
„Merkwürdig," sagte sie kurz und rasch atmend, „das ist ja auch Mr. Berkholtz' Geburtsort. In einem so kleinen Orte pflegen die Leute einander doch zu kennen, zumal diejenigen, welche dort geboren wurden und ziemlich in einem Alter stehen. Weder Sie noch Mr. Berkholtz haben mir aber gesagt, daß Sie einander kennen. Das ist sehr seltsam und läßt allerhand Schlüsse ziehen."
Hedwig errötete dunkel. In ihrer Verwirrung undBefangenheit stand uewirklich wie eine ertappte Sünderin vor den durchhohrend auf ihr ruhenden Augen der zornbebenden Frau.
„Mich täuschen Sie nicht," fuhr Edith fort, „ich habe längst erkannt, welch eine doppelzüngige Rolle Sie mir gegenüber spielen, und daß Sie geheime Beziehungen zu meinem Manne unterhalten. An jenem verhängnisvollen Tag, als Mr. Berk- Holtz mich bei Tisch insultterte und ich darauf in mein Zimmer flüchtete, hörte ich, wie er zu Ihnen von einer Scheidung sprach und daß Sie dann die Seine würden---Ich mache Ihnen aber
einen Strich durch die Rechnung; jetzt lasse ich mich nicht,scheiden, jetzt erst recht nicht--Und
sterben will ich auch nicht, den Gefallen tue ich Euch nicht. . . So, nun wissen Sie, wie wir beide zueinander stehen, damit Punktum —"
Hedwig hatte während der sich überstürzenden Rede der jungen Frau allmählich wieder ihre
1886 Oberpräfident von Posen. Im März 1891 wurde er preußischer Kultusminister im Ministerium Caprivi, trat aber schon nach Jahresfrist zurück, als das von ihm eingebrachte neue Schulgesetz zurückgezogen wurde. Zum Ober- präfidenten von Hessen-Nassau wurde er im Dezember 1898 berufen.
Seit dem 4. Januar 1899 steht Graf Zedlitz an der Spitze unserer Provinz, hat er mit ernster Pflichttreue seines Amtes gewaltet zum reichen Segen des ihm unterstellten HeffenlandeS. Doch fein reges förderndes Interesse, daS er allen öffentlichen Angelegenheiten entgegenbrachte und das sich wenn erforderlich bis in die geringsten Details erstreckte, sowie durch sein liebenswürdiges Auftreten hat er sich die Sympathien aller Kreise erworben. Seine Berufung nach Schlesien bedeutet für ihn eine besondere Anerkennung seiner Tüchtigkeit durch seinen kaiserlichen Herrn, Dort, in den — nach jeder Richtung hin schwierigen Verhältnissen, bedarf man einer leitenden Persönlichkeit von größter Sachkenntnis, Arbeitskraft und diplomatischer Geschicklichkeit die aber im gegebenen Augenblick doch keinen Augenblick zögert energisch und rücksichtslos einzugreifen. Graf Zedlitz ist der Mann dazu. Er ist ein zweifellos tüchtiger Verwaltungsbeamter und als früherer Oberpräfident von Posen mit den Verhältnissen der Ostprovinz gut vertraut. Unsere Provinz sieht ihn ungern scheiden. _____________
Auch ein Geschäft.
Was Rußland von uns kauft und was wir dorthin liefern, steht im ziemlichen Gegensatz zu einander. Deutschland hat im Vorjahr russische Produkte im Werte von 830 Millionen Mark rund erhalten, während wir für 500 Millionen weniger dorthin lieferten. Daß die Petersburger Negierung also das größere Interesse am Abschluß eines neuen Handelsvertrages hat. liegt aus der Hand. Wenn wir der starken russischen Einfuhr nach Deutschland Tür und Tor immer weiter öffnen, unserer Ausfuhr nach Rußland aber neue Schwierigkeiten erwachsen ., . so ist das in der Tat kein Geschäft mehr. Rußland schöpft das Fett ab, wir behalten den Bodensatz. Ohne billige Konzessionen von russischer Seite geht es nicht weiter, und wenn der Finanzminister van Witte darauf nicht eingehen will, wird er hoffentlich sehen, wie weit er kommt; d. h. wenn unsere deutschen Unterhändler nur einigermaßen die realen Verhältnisse beachten und sich n ich den Rezepten unserer Freihändler richten, denen es ganz gleich ist, ob unsere Industrie etwas in's Ausland abzusetzen vermag, wenn dieses nur mit seinen Waren die deutschen Märkte überschwemmen und die deutsche Produktion ruinieren kann. Nur billiges Brot für den Konsumenten, mag auch der Staat darüber zu Grunde gehen, so lautet da8 Rezept, nach dem die Liberalen ihre Geschäste machen.
Fassung zurückgewonnen. So schmerzlich sic ailch die zornig hervorgesprudelten Beschuldigungen trafen, so tief verletzt sie sich durch Ediths Verdächtigungen fühlte'— sie sagte sich doch, daß Ediths Mißtrauen in gewisser Hinsicht nicht unberechtigt war. Es war ihr ja selber so schwer geworden dies Verheimlichen und Vertuschen, zumal sie schon länger instinktiv den in der jungen Frau aufkeimenden Argwohn herausgefühlt hatte.
In dem Augenblick, als sie antworten'wollte, klopfte cs und das Zimmermädchen trat mit dem Thecgeschirr ein. Während das Mädchen die Decke über den Tisch breitete, machte Hedwig sich an dem Serviertisch zu schaffen; ihre Hände, die das Porzellan ordneten, bebten heftig, und ein scheuer, ängstlicher Blick streifte Edith, die totenblaß, mit verzerrten Zügen in ihren Sessel zurückgefallen war. Obwohl sie sich selber keines Unrechts bewußt war, zitterte Hedwig dennoch vor den nächsten Minuten. Wie würde Edith ihr Bekenntnis aufnehmen? Würde es sie beruhigen, oder einen neuen Exzeß Hervorrufen? Bei dem wechselnden Temperament der Kranken mußte man immer auf alle Eventualitäten gefaßt sein. Dabei fiel es Hedwig ein, daß Doktor Buttler ihr eben vorhin Beruhigungstropfen für die Kranke gegeben hatte. Zehn Tropfen in Thee, Wein oder Milch sollten sofort eine beruhigende Wirkung auf die erregten Nerven hervorbringcn. Mechanisch zog sie das Fläschen aus der Tasche und goß einige Tropfen in die von Edith gewöhnlich benutzte Tasse. Als das Mädchen gegangen war, schenkte sie den Thee ein und stellte die Tasse vor Ediths Platz hin. In diesem Augenblick geschah etwas völlig unerwartetes : Edtth schnellte von ihrem Platz empor, schleuderte mit einem schrillen Aufschrei die Gefüllte Tasse nach Hedwig, die über deren Schulter hinwegfliegend an der Wand in unzählige Scherben zerschellte.
Ein neuer Eisenbahnunglück.
Zu dem schwere« Eisenbahnunglück bei Rothen» kirchen. im sächsischen Vogtland wird noch gemeldet, daß die Zahl der Toten 3 und die der Schwerverletzten 26 beträgt; 34 Personen wurden leichter verletzt. Das Unglück ereignete fich an einer Kurve hinter der Station Rothenkirchen auf freier Strecke. Die Lokomotive stürzte den zwei Dteter hohen Damm hinab und blieb auf einem Haferfelde liegen. Der Zug bildete einen groben Trümmerhaufen. Die Verunglückten find sämtlich Mitglieder eines Gesangvereins, welcher etwa 70 Mann stark von einem Ausfluge heimkehrte. Nachdem der Zug sich etwa fünf Minuten in Bewegung in Bewegung gesetzt, erfolgte die Katastrophe. Au» den Trümmern des entgleisten Zuges vernahm man Stöhnen und laute Hilferufe. Infolge der herrschenden Dunkelheit gingen die Rettungsarbeiten nur sehr langsam vorwärts. Die drei Toten und die meisten Verletzten stammen aus Planitz. Die verwundete« Personen wurden in den Krankenhäusern von Kirch- berg und Zwickau untergebracht.
Minister von Rheinbaben und die Beamtenbau-Vereine.
Wir haben im deutschen Reiche bekanntlich eine ganze Reihe von Vereinen, die fich die Errichtung von Heimstätten und Wohnungen für Beamte zum Ziele gesetzt hat. Der preußische Finanzminister von Rheinbaben hielt an den Beamten-Wohnungs-Verein in Berlin bei einer Festlichkeit eine Ansprache, worin er nach dem „Berl. Tgbl." u. a. ausführte: „Es heißt zwar, daß preußische Beamte etwas langsam arbeiten, was im allgemeinen nicht bestritten werden soll. In der „Fixigkeit" mögen gewiß andere Beamte den preußischen über fein, nicht aber in der „Richtigkeit." Und doch hat der Beamten-Wohnungs-Verein bewiesen, daß Fixigkeit und Richtigkeit vereint sein können. Wenn man sieht, wie schnell und zweckmäßig in ihrer Anlage die Bauten des Vereins entstehen, muß man über die geleistete Arbeit staunen. Sie schaffen Niemandem zu Leide, aber Vielen zur Freude. Niemandem zu Leide, auch den Hausbesitzern nicht, die erfreulicherweise schon an- fongen, den Vereins-Bestrebungen Verständnis entgegenzubringen. Ich darf sagen, meine Herren, daß Ihre Arbeiten allgemein vorbildlich geworden find. Wir werden, soweit wie irgend möglich, die Mittel geben, Ihre Bestrebungen zu unterstützen."
Der Prozeß Humbert.
Das Ergebnis der Schwurgerichts-Verhandlungen über die Affäre Humbert ist nach Abschluß der ersten- Woche sehr gering und wird e8 allem Anschein nach auch bleiben. Niemand scheint fich über den Mißerfolg der Therese klarer zu sein, als ihr Mann Fredsric Humbert selbst; nach einigen Versuchen, sich als harmlose Künstlernatur zu geben, verbreitete er fich bald über die verwickelten Prozeß- und Geldgeschichten der Therese mit einer solchen Sachkenntnis und Gewandtheit, daß fich die Meinung über seine Teilnahmlosigkeit rasch in8 Gegenteil verkehrte; heute zweifelt wohl kaum mehr je*
„Mord! Mörder! Zu Hilfe! Sic wollen r.üch vergiften---"
Wie eine Rasende schrie sie und drückte auf den Knopf des elektrischen Läutctvcrks. Kaum 'wer Minuten später war das Zimmer voll Menschen, von denen allerdings keiner die zusan"?"-''"'ang- losen Ausrufe der vor Aufregung halb wahnsinnigen, jedenfalls unzurechnungsfähigen Frau verstand. Hedwig war selber vor Schreck und Entsetzen wie gelähmt, erst als nach einer kleine« Weile Doktor Buttler auf der Bildfläche erschien und die Leute hinauswics, kam sie zur Besinnung und gab eine kurze Erklärung de? Voro"^l^neil.
Ter Arzt schüttelte den Kopf. „Unglaublich," sagte er in strengem Tone zu der jungen "rau, „ivcnu Ihre Exaltation nicht ein Ausfluß Ihrer Krankheit wäre, und Ihre momentane Unzurech* nungsfähigkeit Ihr Verhalten einigermaßen entschuldiget, wüßte ich nicht, wie Sie die unerhörte Beleidigung, die Sie Ihrer selbstlosen, aufopfernden Pflegerin zufügen, überhaupt je sühne« könnten. Sie sind nicht in der Verfassung, als daß man sich zirr Stunde mit Ihnen vernünftig aus- einandersetzeu könnte. Ich werde Ihnen vorläufig eine doppelte Dosis der vermeintlichen „Gifttropfen" geben und dann werden wir Sie allein, lassen. Aber eins möchte ich Ihnen noch sagen, meine gnädige Frau: Mit meiner Geduld ist e$| nachgerade zu Ende. Ich weiß nicht, weshalb. Sie überhaupt zu uns gekommen sind, wenn Sie meine Anordnungen konsequent mißachten wollen. Ich tverde Ihre Angehörigen, die Sie uns anver- traut haben, schreiben, daß Mariental kein Sanatorium für Kranke Ihrer Art ist, und Ihnen gleich- zeittg die Nervenanstalt eines mir befreundeten Kollegen, des Dr. Brenzlau in Thüringen für Sie empfehlen. Dorthin schicke ich die Pattenteu, deren Zustand bereits in ein Stadium getreten ist, das sie für uns, die wir nur geistig Gesunde auf*