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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und

Soimiagsveilager Jllirstrirtes Somrtagsblatt.

Kirchhain.

JH 217

Bierteljährlichcr Bezugspreis: btt der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 M. <c$cL Bestellgeld). wUUVUVy

te *«.. io w,. Sonnabend, 15. August 1903.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

38. Jahrg".

Dr. von Levetzow f.

Die Konservative Partei steht an der Bahre eines ihrer besten Männer, ihrer verdientesten Führer und ihrer bewährtesten Berater. Der Wirkliche Geheime Rat Dr. von Levetzow ist in der Nacht zum 12. August zu Goffow seinem Leiden erlegen. Der Entschlafene war das Muster eines echt konservativen Mannes. Bon tiefer Gottesfurcht beseelt, seinem Könige mit unS«chrüchlicher Treue ergeben, hat er für des Vaterlandes Wohl gewirkt, so lange seine Kräfte ihm dies erlaubten. Albert von Levetzow hat sich als Führer und Mitglied der Konser­vativen Partei unvergeßliche Verdienste er­worben. Ihrem Vorstände gehörte er seit dessen Bestehen an, auch hier allezeit die konser­vative Sache mit Eifer und Erfolg fördernd. Aufrichtige herzliche Dankbarkeit wird ihm in der Konservativen Partei ein dauerndes und ehrendes Andenken bewahren.

Berlin, den 13. August 1903.

Der engere Vorstand der Deutschen Konservativen Partei.

Freiherr von Manteuffel-Krossen, Freiherr von Durant, Tr. von Hehde- brand und der Lasa, Dr. Jrmer, Dr. Klassing, von Kroecher, Graf zu Limburg-Stirum, von Loebell, Dr.Mehnert.GrafMirbach-Sorquitten, von Norm an n, Graf Sch lieb en.

* * , *

Die Konservative Partei hat einen schweren, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Der Wirk­liche Geheime Rat Dr. von Levetzow, der lang­jährige, an Zuverlässigkeit und Hingebung un­übertroffene Führer der konservativen Neichs- tagsfraktion, der um unser Vaterland wie um unsere konservative Sache hochverdiente Politiker ist zu Gossow am 12 d. M. nach langwierigem, schwerem Leiden entschlafen.

Albert von Levetzow hatte feine Feinde. Sein persönliches Wohlwollen für jedermann, sein Freimut und seine Ehrlichkeit, seine Gerad­heit, Gerechtigkeit und Zuverlässigkeit gewannen ihm selbst die Herzen der politischen Gegner. Länger als ein Jahrzehnt waltete er als Prä­sident des Reichstages seines Amtes und zeich­nete sich durch Unparteilichkeit, Geschästsgewandt- heit und Unerschrockenheit in hohem Maße aus.

Der Entschlafene war ein Mann von tiefer Religiosität und unverbrüchlicher Königstreue. Sein politisches Wirken war allezeit dem Schutze von Thron und Altar gewidmet. Leider ist es dem Verewigten nicht vergönnt gewesen, dem Vaterlande und der Partei bis zu seinem Lebensende in alter Frische zu dienen. Die tückische Krankheit, die ihn dahinraffte, hat ihn schon vor Jahresfrist gezwungen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Aber auch von seinem Schmerzenslager aus brachte er

15 (Nachdruck verboten.)

4^- Sum Glück.

'We4totmm von Margarete Böhme.

(Fortsetzung.)

Seit anderthalb Jahren habe ich meine Frau nicht gesehen. Wann sie znrückkehrcn will, mag der Himmel wissen. Was mich anbelangt, so muß ich gestehen, daß die Erinnerung an dies trostlose Jahr unseres ersten Zusammenlebens noch zu lebendig in mir ist, als daß ich persönlich viel Sehnsucht nach ihr empfinde; aber wenn unsere Ehe überhaupt noch fortbestehcn soll, muß wenigstens nach außen hin eine Aenderung eintreten. Ediths flilchtähnliche Abreise hat ohne­hin zu allerlei wenig schmeichelhaften Deutungen llnd Klatschereien Anlaß gegeben; ich werde täg- lich mit Fragen bestürmt, luic es meiner Frau geht, wann sie zurückkommt und so weiter, ohne daß ich Antwort darauf geben kann, weil sie cs nicht der Mühe Wert hält, mich über ihr Befinden und ihre Intentionen zu informieren. Wenn ihre Mutter mich nicht etwas auf dem Laufen­den gehalten hätte, wußte ich nicht einmal, wo sic sich überhauvt aufhält. Bezeichnend für unser Verhältnis ist es. daß sie nicht einmal meinen Namen führt. Siouefield ist der Mädchenname ihrer Muter. Ein Onkel von ihr, Bruder von Mrs. Bronvcr, ein Hagestolz mit dem englischen Nagel im Gehirn, setzte Edith zu feiner Univer­salerbin ein unter der Bedingung, daß sie feinen Namen, also den ihrer mütterlichen Familie, dem ihren anbänge. Da es sich um ca. eine Million Mark nach deutschem Geld handelte, ging sie natür­lich gerne die Bedingung ein. Als^ich sie heiratete, hieß sie Miß Edith Brouver - Stonefield; jetzt würde sie sich Mrs. Berkholtz-Stoncfield nennen, wenn sie es nicht Vorzüge, den Namen ihres Gat-

allem, was des Vaterlandes Wohl und Wehe und die von ihm so tatkräftig geförderte konser­vative Sache anging, lebhaftes Jntereffe ent­gegen.

Als Angehöriger des Deutschen Reichstages wie des Preußischen Herrenhauses hat Dr. von Levetzow die ihm obliegenden Pflichten stets ge- wiffenhaft in mustergiltiger Weise erfüllt. Da8 allgemeine Wohl war ihm die oberste Richt­schnur, die Erhaltung der Machtstellung des Staates und der Monarchie seine größte Sorge. Die Lucke, die sein Hinscheiden hinterläßt, ist nicht nur für alle konservativen, sondern für weite nationale Kreise schwer fühlbar.

Mit Albert von Levetzow scheidet einer der treuesten, verdientesten Führer, einer der zuver­lässigsten Vorkämpfer für Thron und Altar, einer der zielbewußtesten Streiter für unsere gerechte Sache aus den Reihen der Konservativen Partei. Die Konservativen des ganzen deutschen Vaterlandes werden dem Entschlafenen ein stets dankbare« Andenken bewahren. Die Konser­vative Partei aber wird den Heimgegangenen nicht bester ehren können, als indem sie gelobt, seinen Geist auch weiter in ihren Reihen walten zu lasten.

Umschau.

Was wird mit den Nationalsozialen?

Darüber scheint noch ein starkes Dunkel zu herrschen. In der judenfreundlichen Preste be­gegnet die geplanteFusion" zwischen der Nau- mannschen und Barthschen Gruppe entschiedenem Widerstand, und dieser ist im Wadeistrumpflager nicht leicht zu nehmen. Aber auch in anderen Blättern der Freisinnigen Vereinigung sieht man dieserFusion" nicht gerade mit Behagen entgegen. Was die Nationalsozialen selbst be­trifft, so wissen diese wie gewöhnlich selbst nicht, was sie wollen. Bisher folgte man wider­spruchslos Herrn Naumann; diesmal aber scheint sich diese Gefügigkeit nicht in dem gewohnten Maße einzustellen. Ein Teil willselbständig" bleiben, ein anderer der Sozialdemokratie bei­treten und der Nest zur Barthschen Gruppe abschwenken. Als Ueberbleibsel aus einer besseren Zeit" soll dieHilfe" weiter er­scheinen. _____________

Die rumänisch- österreichischen Kon­ferenzen in Ischl.

lieber die Konferenzen, die während der Anwesenheit des Königs Carol von Rumänien in Ischl stattfanden, wird derVoss. Ztg." aus zuverlässiger Quelle geschrieben: Die Besprech­ungen waren teils diplomatischer, teils mili­tärischer Natur. Das Grundthema bildete die Lage auf dem Balkan und die Möglichkeit eines kriegerischen Zusammenstoßes zwischen Bulgarien und der Türkei. Von Seite Rumäniens wurde

teil ganz zu streichen. Tas ist mein kurzer, wenig erbaulicher Eberoman. Ich denke. Sie werden die Ebaraktercigcnfchafteu meiner Frau bereits hin­reichend kennen, um mich zu verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß ich totunglücklich an ihrer Seite bin . . ."

Hedwig hatte sich während seiner in halblautem Flüsterton gegebenen Mitteilungen allmählich wiedcrgesunden. Mit vollständig objektivem In­teresse betrachtete sie den Manu vor sich, diesen Mann, den sie einst mit allen Fasern ihre-? Her­zens geliebt hatte, und der ihr jetzt als der Gatte einer anderen Frau gegenübertrat.

Sic hatte sich in den verflossenen Jahren oft vergegenwärtigt, daß sic Willi einmal an der Seite einer anderen wieder begegnen würde, und jedeSmal hotte ihr die Vorstellung ein brennendes Wehgefühl verursacht. Zu ihrer Erleichterung spürte sie in diesem Augenblicke durchaus keine schmerzlichen Empfindungen. Deutlicher wie je zuvor ward es ihr bewußt, daß ihre Liebe zu dem Gespielen ihrer Kindheit erloschen war, und dies Bewußtsein machte ihr das Herz leicht und die Augen klar; sic begriff cs Plötzlich kaum, daß sie den Mann überhaupt einst geliebt hatte. Er schien ihr so fremd--selbst ihre Teilnahme

für ihn tocr nur um ein weniges intensiver, als für einen wildfremden Menschen, der ihr zufällig feine Schicksale erzählt hätte. Furchtbar verändert schien er ihr überdies; fein Zug an diesem ele­ganten Herrn mit bett weltmännisch sicheren Allüren, dem blassen, nervösen Gesicht, den bren­nenden, unruhig slackerudenAugen und den ver­einzelten Silberfäden in dem schon stark gelich­teten Haiipthaar erinnerte an den frischen, kraft- strotzenden Willi von ehedem. Auch die Art und Weise, wie er von seiner Fran sprach, berührte sic peinlich . . .

Ich habe an Mrs. Stoneficld nur. liebens-

kein Hehl gemacht, daß bei dem revolutionären Charakter der bulgarischen Ausdehnungsgelüste und der Propaganda der macedonischen Komi­tees selbst in den rumänischen Uferstädten die Schaffung eines neuenSüdbulgarien", wenn auch bloß vorläufig in Form einer autonomen türkischen Provinz, als eine bedrohliche Ent­wicklung angesehen werden müßte. Rumänien könnte unmöglich zugeben, daß eS solcher Art, wie in einer Zange, plötzlich fest fitze. Sollte sich Bulgarien von den zum Kriege treibenden Elementen fortreißen lasten, so würde sich Ru­mänien genötigt sehen, eine teilweise Mobili­sierung herbeizuführen, um Bulgarien von einem aussichtslosen Kriege abzuhalten. Zum Zwecke eines solchen Truppenaufmarschcs sind bereits ganz bestimmte Pläne ausgestellt worden. Es wäre vielleicht am Besten, wenn den bul­garischen Hitzköpfen in dieser Art klargestellt würde, daß man wohl viel wollen kann, aber darum noch lange nicht viel zu erreichen braucht.

Der orientalisch-europäische Hexen­kessel.

Während die Türkei hartnäckig bestreitet, daß der Aufstand in Macedonien ihr gefährlich zu werden beginne, es geschieht das selbst­verständlich zu dem Zweck, ihr die unerwünschte europäische Intervention vom Halse zu halten, kann es doch nicht zweifelhaft fein, daß es wirk­lich drunter und drüber geht, daß die Räubereien und Bluttaten einen reichlich großen Umfang gewannen. Wenn die Rebellen diesmal Aus­dauer genug besitzen, dann käme die orientalische Frage in§ Rollen, mag die Türkei nun wollen ober nicht, wenn eben, was noch sehr zweifel­haft ist, Rußland heute bereits gewillt wäre, die Erbschaft anzutreten. Vorläufig hat sie aber dazu keine Heizung. Die Volksstimmung in der Türkei, die bis jetzt von der Regierung noch künstlich niedergehalten wurde, scheint aus Anlaß der jüngsten Ereignisse allmählig in Gärung zu geraten. Bei den Türken hat die Entscheidung der Konstantinopeler Regierung gegen den Gendarmen von Monastir, der den russischen Konsul erschoß, einen recht schlechten Eindruck gemacht. Es bestätigt sich, daß der russische Konsul den Täter zunächst mit den gemeinsten, für einen Türken empfind­lichsten Schimpfworten belegt und, als der Täter ihm ein Scheltwort zurückgab, ihm mit dem Stock über den Kops geschlagen hat; dabei rief er:Wartet nur noch einige Wochen, dann kommen nur Rusten hierher!" Worauf der Türke zur Antwort gab:Ich warte nicht so lange!" und den Rusten niederschoß. Natürlich wird er dafür hängen müssen, immerhin.

Hat der Vorfall wieder den brodelnden Topf eetwa« näher zum überlaufen gebracht. Bald ebenso so trist, wie der Sultan, ist König Peter von Serbien dran. Seine erste Minister­krisis, entstanden aus den weitgehenden und

würdige Charaktereigenschaften beobachtet," jagte sic zurückhaltend.Allerdings ist Ihre Gemahlin leidend und mit den gelegentlich hervortretenden Symptomen ihres liebel« muß man natürlich rechnen. Sie wird übrigens jetzt erwacht fein . . . ich werde sie von Ihrer Anwesenheit unter­richten"

Bcrkholtz sprang auf.Nein, nein," bat cr dringend,lasten Sie »sich Hineingehen . . . Und noch eine große Bitte, Fräulein Vickamp, sagen Sie meiner Frau nichts von hm nun, daß wir uns von früher her kennen. Ich weiß, wie Edith ist . . . Ihre Eifersucht und ihr abscheu­liches Mißtrauen würden sofort rege werden und uns allen bas Leben vergällen. So hat sie es mit mir schon unzählige Male gemacht, und genau so würde sic cs jetzt wieder machen. Nehmen Sic mir meine Bitte nicht übel ich weiß, es klingt sonderbar, und im Grunde ist cs ja traurig, baß ich mich zu einem solchen rnerfmiirbigen An­sinnen beginnen muß ober nicht wahr. Sic er­füllen mir meine Bitte und verraten nichts"

Hedwig zuckte die Achseln. . Wenn Sie es durchaus wünschen," sagte sie zögernd,aber offen gestanden, ich begreife nicht, weshalb Sic eine so harmlose Tatsache wie die, daß wir Gespielen in der Kinderzeit waren, verheimlichen möchten. Fast scheint es mir, als würden Sie Ihre Gattin, die ich wahrhaftig nicht als eine kleinliche Natur kenne, verkennen--"

Und ehe Hedwig antworten konnte, hatte er die Tür geöffnet und sie eben so rasch wieder hinter sich zugezogen.

VII.

Auf beit ausdrücklichen Wunsch ihres Gatten, der in diesem Falle mehr einem Befehle glich, mußte Edith ihre Abreisepläne vorläufig fallen lassen. Das Wiedersehen der beiden Gatten hatte im ersten Augenblick eine Szene heraufbcschworen; bis in Hedwigs Zimmerchen, wohin diese sich ge-

völlig unzutreffenden Ansprüche der Königs­mörder, welche schon begannen, die Minister wie dumme Junge zu behandeln, hat er auf dem Hals. Aber neue Minister findet er für die nächste Zeit schon noch in Serbien. Schlimmer aber ist, daß er keinen Kredit findet: Ein Abgesandter von ihm suchte in Pest und Wien um eine Million Wechselkredit nach, aber die Bankiers fanden die Geschichte zu un­sicher und wiesen ihn ab. Und so wird es dem Herrn auch wohl in anderen Städten ergehen, vorausgesetzt, e« müßte jemand königlich serbischer Geheimer Hofbankier werden wollen. Und die Würde steht nicht in solch hohem An­sehen! Im übrigen heißt es, der König wolle zurücktreten, wenn zu den bevor­stehenden serbischen Wahlen die einzelnen Parteien sich nicht einigen könnten. Ob die Drohung indessen sonderlich viel nützen wird, erscheint uns sehr fraglich und so hat eS den Anschein, daß auch in Serbien wieder neue Verwickelungen in Ansicht stehen. Berücksichtigt man dazu auch die erfolgreichen zentrifugalen Bestrebungen in Oesterreich-Ungarn, die eben­falls für die Zukunft keine erfreuliche Perspek­tive ergeben, so kann man sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß der allgemeine Kladdera­datsch da unten lediglich eine Frage der Zeit ist. Wenn Rußland wollte, wäre es heute schon da, wenn auch nur in den Balkanstaaten. Ob eS mit der Liquidation warten will, bis erst Kaiser Franz Joseph tot ist und es reine Tafel machen kann?

Erörterungen anläßlich her Kata­strophe zu Paris.

Daß die Untergrundbahnen eine ziemlich kritische Sache sind, zeigen Betrachtungen von fachmännischer Seite in der BerlinerPost", die gewiß volles Jntereffe beanspruchen können. Es heißt da:lieber die erste direkte Ursache des Unfalls gehen die Meinungen noch aus­einander. In Paris glaubt man die Schuld für das Unglück auf Kurzschluß zurückführen zu müssen, die deutschen Fachleute vermuten, daß da« zur Umhüllung und zur Isolation der Leitungen verwendete Material bei den Pariser Wagen nicht feuersicher genug war, und machen darauf aufmerksam, daß bei den Berliner Wagen nach dieser Seite hin ausreichende Vorsichts­maßregeln getroffen seien. Man wird gern annehmen, daß unsere deutsche Industrie, wie schon oftmals besser gearbeitet hat, als die fremde, aber für absolut ausgeschlossen können wir trotzdem einen Brand auch der deutschen Wagen nicht halten. Denn dabei kommt e« zu oft auf gar nicht übersehbare Kleinigkeiten an. Und ob dann da« feuersicher imprägnierte Holz, aus dem die Fahrerstände hergestellt sind, und der feuersichere Asbestschiefer, mit welchem die Innenwände der Wagen bekleidet sind, schlechter brennen werden, als die Pariser, bei

flüchtet, drangen die lauten Stimmen besonders Fran Ediths bis zur schrillen Höhe auffteigende Diskant.

Auch ein wenig scharf beobachtendes Auge ver­mochte im flüchtigen Verkehr mit dem Paare zu erkennen, daß diese Ehe tatsächlich eine totunglück- lichc Ivar. Auf wessen Seite die Schuld lag, konnte Hedwig nicht unterscheiden. . Daß die einzige Ursache zu dem Unglück nur in Ediths Launen oder gar in ihren Charaktereigenschaften zu suchen sei, glaubte sic Willi nicht. Offenbar waren hier zwei Menschen guf am meng ef o inrnen, die in ihren beiderseitigen Anschauungen, über- Haupt in ihrem ganzen Wesen grundverschieden waren, zwei Akkorde, die zusammenklingend eine Disharmonie ergeben. Was Edith an ihrem Galten auszufetzcn hatte, konnte Hedwig nicht er­gründen; sic hatte ihn doch ans freien Stücken, unbeeinflußt von ihren Eltern gewählt, und wie Willi selbst zugegeben, batte sie ihn damals doch sehr geliebt. Fast bedauerte Hedwig es, daß Edith ihr in dieser Beziehung kein Vertrauen schenkte und sich nie über diesen Punkt zu ihr aus- sprach. Sie hätte so gern im versöhnenden Sinne zu vermitteln gesucht. Tief in dem Grunde ihres Herzens lebten die alten schwesterlichen Gefühle für den Jugendst-eund wieder auf ; immer mäch­tiger wurde der Wunsch in ihr, die beiden Menschen die sich doch nun einmal fürs Leben gehörten, zu versöhnen, eine glückliche Wendung des tatsächlich für beide Teile unerträglichen Verhältnisses herbei­zuführen. Wie sie dies anstellen sollte, war ihr freilich vorderhand selbst ein Rätsel.

Seltsam genug halte sie Willis Wunsch, Edith gegenüber ihre früheren Beziehungen abzuleugnen, ongemutet. Ihrer schlichten, geraden Natur war dieses Komödienspielen, dieses Vertuschen uni Verheimlichen in der Seele zuwider; sie schämte sich, Willi ihr Wort gegeben zu haben, nannte sich selbst eine Heuchlerin und bezichtigte ihr Verhalten