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Die Reorganisation des Getreide­handels

bildete bei dem jüngst in Berlin abgehaltenen Kursus der Vertretet: der deutschen Kornhaus- 1 genossenschaften den Gegenstand eingehender Erörterungen. Die hierbei gefaßten Beschlüffe und aufgestellten Vorschläge verdienen das regste Jntereffe aller an der Getreideproduktion und am Getreidehandel beteiligten Kreise. Die ; Vorarbeiten, die seitens des von den landwirt- : schaftlichen Korporationen in Berlin errichteten BureausGetreidemarkt' in dieser Richtung bereits geleistet worden sind, lasten die möglichst baldige Durchführung der vorgeschlagenen Maß- . regeln erwarten. Die Beschlüffe deS KornhauS» kursus lauten in den Grundzügen:

1. Für die praktischen Bedürfniffe der Korn» hausgenoffenschaften genügt eS nicht den gestern und heute tatsächlich bezahlen Preis für Ge­treide aus der Umgegend zu kennen. Sie be­nötigen gleichzeitig möglichst zuverlästige An- ' Haltspunkte zur Kritik dieser Lokalpreise hin­sichtlich der Frage: sind diese Lokalpreise der Preishöhe des Weltmarktes entsprechend oder nicht? Den praktisch besten Anhaltspunkt hierfür bieten die täglichen Offerten de« Aus­landes im Jnlande. Es kommen hier speziell in Betracht die Getreide-Offerten deS Aus­landes in Antwerpen, Rotterdam, Hamburg, Königsberg und Passau. Durch Telegraph und Telephon könnte den Kornhäusern eine gute Uebersicht dieser Offerten des Auslandes deS betreffenden Tages schon am Nachmittag zwischen 3 und 4 Uhr zugänglich gemacht werden, so daß die KornhauSgenossenschaiten täglich ebenso frühzeitig die die allerersten Getreidehandels­firmen über eventuelle Preisänderungcn im Weltmärkte unterrichtet wären.

Das Bureau der Wochenschrift .Getreide­markt' ist bereit, die Organisation dieses Nach­richtendienstes zu übernehmen und eine Spezial- anleitung zur richtigen Verwertung dieser Ziffern zu liefern. Unter der Voraussetzung einer Be­teiligung von 100 Interessenten würden die Kosten ab Berlin pro Geschäststag und Lager­haus voraussichtlich 75 Pfennig nicht übersteigen. Dabei wäre cs jedoch nötig, mit Hilfe der ge» noffenschaftlichen Verbände ein bestimmtes Nach­richtennetz über Deutschland (und Oesterreich, dessen Vertreter den gleichen Antrag gestellt haben) einzurichten, nach Maßgabe deS Wohn­sitzes der Abonnenten für diese Nachrichten.

2. In dem Bureau der Wochenschrift .Ge­treidemarkt" gehen fortlaufend vertrauliche Nachrichten ein, welche für die Beurteilung der voraussichtlichen Bewegung der Getreidepreise oft große Bedeutung besitzen, bei dem wöchent­lichen Erscheinen der Zeitschrift aber dann eine Reihe von Tagen unbenutzt liegen bleiben, wenn eine neue Nummer gerade erschienen ist. Für

M, (Nachdruck verboten.)

Zum Glück.

-xsee.:, Roman von Margarete Böhme.

Nortfehung.)

Hedwig hatte sich in den verflossenen sechs Jcckrcm sehr aber nicht zu ihrem Nachteil- verändert. Sie war bleicher und schmäler gewor­den; der Ernst des Lebens hatte ihren Zügen 'jenen edel durchgeistigten Ausdruck eingeprägt, den man in jungen Gesichtern äußerst selten begegnet, der aber einem zarten, jungen Antlitz etwa? außerordentlich Liebliches, beinahe Rührendes verleiht.

Seit einem Jahre weilte sie im Hause eines reichen Fabrikanten in Frankfurt als bonne supcrieurc der beiden Kinder von sechs und sieben Jahren. Sic hatte schon schlechtere Stell­ungen gehabt, als diese ,ide verhältnismäßig gut bezahlt und nicht sehr schwer war; dennoch sah sie sich gezwungen, zu kündigen und wieder einmal .nach einem neuen Zufluchtsort auszuschauen.

Die Dame, Frau von Edöll, kümmerte sich wenig um ihre Kinder und noch weniger um das ^Mädchen, dem sie ihre Kinder anvcrtraute. Sie j hatte so viel mit ihrer Toilette und ihren gesell­schaftlichen Interessen gu tun, das; ihr nickt viel Zeit für ihre Familie übrig blieb. Die Bonne war in ihren Augen nichts mehr uni) nichts weniger als eine Maschine, die für Geld und Unterhalt in iifjrcni Interesse zu wirken hatte.

Hedwig wurde wenig gekränkt dadurch. Sie hatte auf ihren Wanderungen so viele hochmütige, (launenhafte, tyrannische Herrinnen kennen gelernt, daß die Teilnahmlosigkeit der jetzigen sie weder überraschte noch besonders unangenehm berührte. Auch in Bezug auf ihre Zöglinge war sie wenig sverwöhnt, so boshaft, verzogen, eigensinnig und ungehorsam, wie sie früher einige gehabt hatte.

die Praxis bedeuten bekanntlich all diese Nach­richten um so mehr, je rascher sie übermittelt werden. Um deshalb den KornhauSgenosten- schaften diese Nachrichten tunlichst bald zugänglich zu machen, würden sich zunächst Telegrammbriefe empfehlen, die persönlich an besonders namhaft zu machende Vertrauensmänner der Genossen­schaften vom BureauGetreidemarkt' zu senden wären. Zur richtigen Beurteilung und Ein­schätzung dieser Nachrichten wird im September einLehrbuch über die Preisbildung für Ge­treide' im Buchhandel erscheinen. Gleichzeitig soll die Ausarbeitung eines speziellen Tele­grammcode für diese Kornhausnachrichten in Angriff genommen werden, damit streng ver­trauliche Mitteilungen auch durch den Tele- praphen möglich find.

Weil aber die verschiedenen Anregungen vom Weltmärkte erfahrungsgemäß in den verschiedenen Teilen von Deutschland und Oesterreich unter dem Einfluß lokaler Verhältnisse ganz ver­schiedene Preiswirkungen Hervorrufen, die noch längst nicht genügend bekannt sind, soll ein fortgesetzter Austausch von Marktmeinungen und Marktbeobachtungen zwischen den führenden Kornhäusern und dem Bureau desGetreide­markt" eingerichtet werden, um dadurch im Laufe der Jahre die Erfahrungen bester zu sammeln und eine immer zutreffendere Be­urteilung der Marktlage -zu ermöglichen.

3. Um die richtige Einschätzung des Wertes der Offerten des Auslandes zu ermöglichen, wird das BureauGetreidemarkt" den führen­den Kornhausgenoffenschaften, die fortlaufend die täglichen Auslandsofferten erhalten, nach jeder neuen ausländischen Ernte eine offizielle Probe der wichtigen Getreidethpen übermitteln. Um gleichzeitig über den qualitativen Ausfall der heimischen Ernte bester als bisher unter­richtet zu sein, wäre es wünschenswert, durch Vermittlung der Genossenschaften aus allen Teilen des Landes typische Proben auch des heimischen Getreides zu sammeln. Der Leiter des staatlichen Versuchskornhauses in Berlin ist bereit, an der Aufstellung und Bearbeitung dieser Typen für heimische« Getreide mit zu arbeiten und es würde gewiß nur im Jntereffe einer besteren Verwertung der heimischen Ernten liegen, wenn die Proben dieser Typen auch auf den großen heimischen Märkten ausgestellt würden. Auf der Basis solcher Vorarbeiten wäre daun nach und nach eine rationellere Preisnotierung auch für das heimische Getreide möglich.

Im Jntereffe einer besseren Verwertung der neuen Ernte wurde von den Teilnehmern des Kornhauskursus allseitig der Wunsch zum Aus­druck gebracht, die Genossenschaftsverbänd^ möchten diese Anregungen einer baldigen Er­ledigung zufahren.

waren diese kleinen Edölls immer noch nicht. Die jetzige Stellung wurde ihr vielmehr durch die Aufdringlichkeitc» eines Angestellten im Kontor der Firma Edöll verleidet.

Einmal hatte sie sich deswegen bei Fran von Edöll beklagt. , Trotzdem sie den Mann wieder- holt energisch in seine Schranken gewiesen, ließ er nicht nach, sie mit seinen unverschämten Liebes­erklärungen auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Ihre Schöbest ivar schon mehr als einmal die Klippe gewesen, a» der ihre Stellungen scheiterten so ging cs auch diesmal.

Die Dame sah das junge Mädchen eine Weile prüfend an, dann zuckte sie die Schultern.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen da helfen soll. Wenn sie selber nicht genug Energie besitzen, um sich den Menschen voin Halse zu schaffen--

ich, mische mich grundsätzlich nicht in die Angelegen, heiten meiner Leute, auch nicht, wenn diese es wünschen," sagte sie fall.Wenn Ihnen der Mensch allzu lästig fällt und Sie keine Aenderung herbeizuführen vermögen, stelle ich es Ihnen an- heim, sich einen anderen Platz zu suchen. Uebri- gens sind Sie für ein junges Mädchen, das sein Brot bei fremden Leuten suchen muß, eigentlich viel zu hübsch."

Hedwig wandte sich mit leise zuckenden Lippen ohne ein Wort zu entgegnen ab. Etwa acht Tage später hatte eine Nummer der Frankfurter Zei­tung sich in das Kinderzimmer verirrt, in der ein Inserat sofort ihre Aufmerksamkeit fesselte.

Ich suche für meine nervenkranke Tochter eine junge, gebildete Dame sanften Gemüts, mu­sikalisch, nicht unter 25 Jahren, zur Gesellschaft und Pflege. Adressen beliebe man einzusenden an Mrs. Brouver, z. Z. Bad Nauheim, Hotel Bristol."

Wie ein Wink des Schicksals erschien Hedwig diese Annonce, noch am selben Abend schrieb sie

r Somttagsvettager JUriftrirtes Somrtagsvlatt.

M 213

Vierteljährlicher Bezugspreis; bet der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 Mk. lepl. Bestellgeld).

Jnsertronsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Dienstag. 11. August 1903.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag- Joh. Aug. Koch, Nnibersitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

38. Jahrg.

Umschau.

Die Krönung des Papstes.

Die feierliche Ceremonie der Krönung Papst PiuS X. mit der dreifachen Krone hatte eine gewaltige Menschenmenge nach dem Peters- Dome gelockt, 'doch wurden die Gläubigen zum nicht geringen Teil enttäuscht, da im Hinblick auf die Sicherheit des Verkehrs nur einer ge­wissen Zahl der Zutritt gewährt wurde, weil der Hauptteil des verfügbaren Platzes schon durch die zahlreiche offizielle Welt, durch die Geistlichkeit, die fremden Vertreter und deren Begleitung in Anspruch genommen war. Ernste Zwischenfälle find, soweit bisher bekannt, auch vor dem Petersdom nicht vorgekomme. Der Papst bot im vollen Schmuck des Nachfolgers Petri ein majestätisches Bild, begeisterte Ova­tionen wurden ihm beim feierlichen Einzüge in die Kirche, wie bei der Rückkehr in den Vatikan zu Teil. Alle Pracht, die bei solchen hohen Festlichkeiten im Petersdom aufgewendet zu werden pflegt, war diesmal im reichsten Maße entfaltet, doch richtete sich die allgemeine Auf­merksamkeit natürlich in erster Reihe auf die Person des Papstes, der am Schluß, mit der dreifachen Krone auf dem Haupt, die An­wesenden in tiefer Ergriffenheit segnete. Die meisten Kardinale verlassen in diesen Tagen Rom, zum Kardinalstaatssekretär für Rampolla wird der Kardinal Vincenz Vanutelli ernannt werden. Die italienische Regierung hatte, wie bestimmt versichert wird, die offizielle Nachricht von der Wahl des neuen Papstes aus dem Vatikan erwartet. Als sie nicht erfolgte und damit also bewiesen wurde, daß der neue Papst feine Haltung dem Königreich Italien gegen­über nicht zu ändern gedenke, erfolgte dann der Erlaß des Ministerpräsidenten, welcher allen italienischen Beamten die Teilnahme an irgend­welchen Feierlichkeiten für das neue Oberhaupt der katholischen Kirche verbot. Wie die Franks. Ztg." mitteilt, besteht das Vermögen des verstorbenen Papstes als Inhaber der höchsten geistlichen Würde der katholischen Kirche aus Kapital - Grundbesitz im Werte von 1415 Millionen. Dazu kommen Jubiläums- und andere Geschenke im Werte von etwa drei Millionen.

Diegroße Therese" vor Gericht.

So ist es also doch Tatsache geworden, was mancher schon bezweifelt, diegroße Therese" ist vor ihren Richtern erschienen. Im Betrugs­prozeß gegen Frau Humbert, deren Gatten und Brüder zeigen sich die Hauptangeklagten als Schwadroneure ersten Ranges, die so unschuldig sein wollen, wie ein neugeborenes Kind. Nament­lich Therese Humbert bringt das meisterhaft fertig, stellt sich als Opfer von Wucherern hin, behauptet steif und fest, sie werde schon noch

beweisen, daß ihr die Crawford'sche Erbschaft von 20 Millionen zugedacht sei, und läßt sich selbst durch Hinweise deS Schwurgerichtspräfi« deuten auf handgreifliche Unwahrscheinlichkeiten nicht aus der Fassung bringen. Sie besitzt so­gar die Unverschämtheit, den Präsidenten, bet ihnen, den Humberts, seine ganze Karriere verdanke, zu tadeln. Wie sie sich aufspielt, be­weist am besten folgende Deklamation, welch« sich dieVoss. Ztg." telegraphieren läßt:Wit alle sind die ehrlichsten Leute Frankreichs, e* gibt vielleicht wenige, die so gearbeitet haben wie ich. Ich war immer die erste wach, die letzte im Bette, ich habe nie gelogen, ich hab« nie einen Pfennig geborgt, ich bin nie jemand das Geringste schuldig geblieben. Ich bin schwer leidend, ich will aber doch die Meinen ver­teidigen. Ich esse seit Monaten ein Ei täglich, manchmal noch ein Hammelrippchen dazu, aber nicht immer, und dazu trinke ich Wasser. Ach, sehen Sie mich an, meine Herren Geschworenen, sehen Sie mich an, ob ich die Frau bin, die man Ihnen seit Monaten angeschwärzt, die Diebin, die Fälscherin, die Schwindlerin. Das alles ist Lüge und Verleumdung." Hält ihr der Vorsitzende vor, daß sie sich gegen ihren Geburtsschein verjüngt, daß ihr Vater ein Ehe­vermittler und wenig skrupelvoller Geschäfts« Agent war und sich zuerst den Adel, dann den Grafentitel zugelegt, daß sie früher durchaus arm waren und wegen Nichtbezahlung von kleinen Schulden gerichtlich verurteilt wurden, so ruft sie:falsch, durchaus falsch!" Obwohl der Präsident sie darauf hinweist, daß sie als Mädchen die Erbin einer unauffindbaren alten Jungfer, als junge Frau die Erbin eines ebenso unsichtbaren Portugiesen und später die Erbin der sagenhaften Erawfords sein wollte, so ante wartet sie, ob die Erbschaft in Frankreich oder in Portugal oder in Amerika war, das sei ganz gleich und sie habe sie bekommen. Auch die Frage:Wo find die Erawfords: Wo ftnb die von ihnen zu bekommenden Millionen?" er« wiedert sie in höchster Emphase:Die Craw- fords find vorhanden, die Millionen sind vor­handen: ich werde alles sagen und sie werden staunen, aber erst am Schluffe, wenn alle Zeugen mich angeschwärzt haben!" Ihre dreisten Deklamationen wirken aber nicht so, wie sie erwartet, sie werden fast mit ausnahmslos mit schallendem Gelächter auf genommen. Wegen der schwindelhaften Versicherungreute viagere", mit welcher sie so viele kleine Leute hineingelegt, sagt sie, diese Anstalt würde die glänzendste Unternehmung in Frankreich geworden sein, wenn die brutale Dazwischenkunst der Behörden nicht alles vereitelt hätte. Pikant wird die Verhandlung allem Anschein nach erst durch die Zeugenvernehmungen werden. Manche hochge­stellte Persönlichkeit hat mit den unglaublich dreisten Schwindlern in Verhandlung gestanden und sich von ihnen narren lassen.

an die Dame, schilderte ihren bisherigen Lebens­lauf und legte ihre Photographie bei. Postwen­dend traf die Antwort ein; man erwartete sie so- bald als möglich zur persönlichen Vorstellung.

Am Nachmittag des folgenden Tages beur­laubte Hedwig sich von Frau von Edöll uizd fuhr nach Nauheim.

Ein Bediensteter des voruehuieit Hotels an der Bahnhofsallee führte sie in die im ersten Stock ge­legenen Zimmer der Mrs. Brouver. Eine ält­liche Person, tvie sie nachher erfuhr, die Kaminer- frau der englischen Dame, empfing sie hier und bat sie, einige Minuten im Salon zu warten.

Nach einer Weile trat Mrs. Brouver, eine stattliche Dame anfangs der Fünfziger mit vollem energischem Gesicht und leicht ergrautem Wellen- scheitel, herein.

Sie sind Miß Viekamp! Freue mich, daß Sie gekommen sind; persönlich läßt sich alles besser er­örtern," begrüßte sie Hedwig und winkte ihr, sich wieder zu setzen. Sie selber nahm dem jungen Mädchen gegenüber auf dem Sopha Platz.

Ich habe viele Briefe auf mein Inserat be­kommen," begann sie nach einer kleinen Pause, aber Ihre Offerte interessierte mich mehr als die ,der andern Damen. Sie haben viel Leid erfahren und eine herbe Lebensschule durchgemacht. Die Lebensschule macht im allgemeinen innerlich reifer, und wer selbst Schweres und Bitteres er­fahren hat, pflegt durchschnittlich sanfter und duldsamer gegen andere zu sein als der, dessen Da­sein nie von Schicksalsstürmen bewegt wurde . ."

Und nachdem sie Hedwig noch eine Weile hin und her examiniert und über ihre Erfahrungen in den bisherigen Stellungen ausgefragt hatte, machte sie ihr in halblautem Flüsterton einige auf ihre künftigen Obliegenheiten als Pflegerin und Gesellschafterin bezügliche Mitteilungen.

Mrs. Brouvers Tochter war seit drei Jahren verheiratet, aber ein vorgeschrittenes Herzleiden, dem sich eine übergroße Nervosität zugesellt< zwang sie schon seit zwei Jahren, von ihrem Haushalt und Gatten fern zu fein und in den her« schiedeusten Kurorten Heilung.zu suchen. Die Kranke litt an periodischen Schwermutsauwand- luugen; in solchen Zeiten versank sie in Apathie und verhielt sich völlig teilnahmslos gegen ihre Umgebung, aber wieder zu andern Zeiten war sie launenhaft und äußerst reizbar ein Zustand, der bisweilen die höchsten Anforderungen an die Geduld und Energie ihrer Pflegerinnen stellte. "Sie werden verstehen, daß es mir unter diesen Umständen darum zu tun sein muß, eine wirklich zuverlässige, vertrauenswürdige Persönlichkeit zn finden, der ich die Pflege meiner Tochter anver­trauen kann," fuhr Mrs. Brouver fort,die Same, welche für uns in Betracht kommt, muß den Ernst ihrer Aufgabe erfassen, gleichzeitig aber auch meine arme Tochter durch ihre Gesellschaft zu erfrischen und zu erheitern suchen. Sie muß zielbcwußt und bestimmt genug sein, die Anord­nungen des Arztes, auch wenn diese nicht mit bey, Wünschen meiner Tochter im Einklang stehen, durchzuführen und wiederum muß sie Sanftmut mit Diplomatie genug besitzen, diese persönlichen Wünsche der Kranken mit den ärztlichen Verord­nungen möglichst in Einklang zu bringen, vor allem die Kranke nie durch Widerspräche zu reizen. Ich gebe zu ,daß der Posten kein ganz leichter ist und eine ganze Kraft beansprucht. Wer­den Sie sich der Stellung gewachsen fühlen?"

Hedwig errötete unter dem durchdringenden Blick der Dame.Wenn sie es mitjnir versuchen wollen ich werde mein möglichstes tun, Ihre Zufriedenheit zu erwerben, gnädige Frau,« sagte sie schüchtern«

' Wortsetzung folgt.)'