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Marburg Sonntag, 9. August 1903.
Erscheint wöchentlich sieben :nal.
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Univcrsitäts-Buchdnickerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg,
Zweites Blatt.
Bahnprojett Frankenberg-Main-Weser Bahn.
Dem Protokoll der dritten öffentlichen Gesamtsibung der Handelskammer zu Kassel vom 19. Juni 1903 entnehmen wir folgenden Verhandlungsbericht: Der Vorsitzende, Herr Kommerzienrat Pfeiffer berichtet, das; der Magistrat in Gemünden die Handelskammer ersucht habe, für das Projekt einer Bahnverbindung von Frankenberg über Gemünden nach Kirchhain einzutreten. Bei der Begründung seines Antrages geht der Magistrat von dem schlechten Zustand der jetzigen Verkehrs-. Wege zwischen Frankenberg und Kirchhain aus: die an dieser Strecke gelegenen Ortschaften zeigten keine Zunahme der Bevölkerung, im Gegenteil wanderten viele Bewohner ab. Die gewünschte Bahnverbindung würde das Gebiet industriell heben können, der Landwirtschaft den Bezug und Versand erleichtern und namentlich der Verfrachtung von Bau- und Brennholz aus dem großen Waldreichtum der Kreise Kirchhain und Franken- bcrg zu Gute kommen. Nach Ansicht des Redners kann und muß diese Eingabe unterstützt werden. Durch Erkundigung bei'dem Herrn Landeshauptmann hat Redner erfahren, daß Vertreter der zuständigen Behörden aufgrund einer Bereisung sich vorläufig über die folgende Linienführung geeinigt hätten: Frankenberg, Geismar, Haubern, Mohnhausen, Herbelshausen,Moischeid,Gilserberg, Sebbertcrode, Jesberg, Gilsa, Zimmcrsrode. Dem Anträge des Magistrats von Gemünden würde dadurch teilweise entsprochen werden und zwar insofern, als die fragliche Linie nahe an Gemünden vorbeiführen und dadurch der Stadt eine Bahnverbindung schaffen würde. Es handelt sich nun darum, ob auch für die Wünfche .Kirchhains in dieser Hinsicht eingetretcn lverden kann. Die Linie Frankenberg-Gemünden-Kirchhain würde allerdings in gewisser Beziehung eine Parallellinie zu der Strecke. Warburg-Marburg bilden: andrerseits ist das hier in Frage kommende Gebiet etwas fruchtbarer als die nördlicher gelegene Gegend und mit dieser Linie würden auch etwas größere Ortschaften, wie namentlich Rauschenberg, berührt werden können. Redner ist daher der Ansicht, daß es zweckmäßig sei, den gleichzeitigen Ausbau der Strecke Gemünden-Kirchhain mit der in Aussicht genommenen Linie über Jesberg nach Zimmersrode zu erstreben.
Herr Schäfer erklärt, sich der Linienführung Frankenberg-Haina-Jesberg anschließen zu können. Was aber die Abzweigung nach Süden an- bcträfe, so sei wohl eher die Liliieiifiihruiig über Rosenthal »ach Cölbe und Marburg zu empfehlen. Denn Marburg sei als Sitz der Universität, des Landgerichts u. s. m. ein Mittelpunkt des Verkehrs. Die Strecke sei überdies auch kürzer.
Herr Helmerich lveist darauf hin, daß seit dem Jahre 1894 in wiederholten Eingaben die Linienführung über Jesberg nach Treysa empfohlen worden sei und daß deren Verwirklichung als hoffnungsvoll erscheine. Es sei deshalb unzweckmäßig, allzuviel andere Projekte vorzuschieben. Die Strecke Hersfeld-Treysa sei bereits in Angriff
genommen, ihre Weiterführung bis Frankenberg wäre namentlich mit Rücksicht auf den Fernverkehr, besonders von Thüringen (auch wohl Schmalkalden) nach Westfalen, als besonders wichtig anzusehen.
Herr Helmerich bemerkt noch weiter, daß so auch die Wünsche von Gemeinden erfüllt werden könnten. Denn die Station Ellnrode, die auch in dem Projekt nach Zimmersrode vorgesehen worden sei, wäre nur wenige Kilometer von Gemünden entfernt. Jedenfalls sei es wünschenswert, etwas zu erstreben, was auch den größeren und weiteren Zwecken de§ Fernverkehrs dienen könne als kleine Strecken von lediglich lokaler Bedeutung.
Der Herr Regierungspräsident bemerkt,, daß die bisher zur Geltung gebrachten Wünsche eingehend geprüft worden ivären. Dem Anschluß an Treysa stellten sich indessen so große Terrainschwierigkeiten entgegen, daß davon wohl abgesehen und vorläufig die Eininünduug in Zimmersrode in Aussicht genommen werden würde. Die Stadt Gemünden solle durch die geplante Station Ellnrode Anschluß an die Strecke erhalten. Der wünschenswerte Aufschluß des Wohratales werde dagegen wohl einer 5tlcinbahnunterneh- mung überlassen bleiben. Da durch die Linie Warburg-Marburg das Gebiet teilweise bereits in südlicher Richtung mit der Maiu-Wefer,Bahn verbunden sei, empfehle es sich um so mehr, den Anschlußpunkt für die neue Strecke mehr nach Norden zu rücken: dadurch würde auch ein weiteres Gebiet aufgeschlossen werden. Wenn auch der Bahn Hersfeld-Treysa eine nicht unerhebliche Ver- kehrsbedeutung znkomme, so sei doch nicht anzn- nehmen ,daß sich hier ein durchgehender Güterverkehr in großem Maßstabe einstellen werde.
Der Herr Oberpräsident führt folgendes aus: Die Linie Hersfeld-Treysa befindet sich im Bau. Für die Verbindung von Frankenberg mit der Main-Weser-Bahn ist neuerdings das Projekt der Linienführung iiber Mohnhausen-Gemünden-Je§- berg nach Zimmersrode in den Vordergrund gestellt worden. Hierzu sind nun in der Handelskammer folgende Abänderungsanträge geltend gemacht worden: 1. Die Führung der neuen Linie in südlicher Richtung mit Einmündung in Cölbe (Marburg). 2. Die Abzweigung von Gemünden durch das Wohratal nach Kirchhain. 3. Die Linienführung von Gilserberg nach Treysa zur Herstellung einer direkten Verbindung mit der neuen Linie Trcysa-Hersseld.
Zu diesen Wünschen ist folsgeudeS zu bemerken. Die fragliche Bahn ist vom eisenbahntech- uischen Standpunkt aus als eine sogenannte M e- liorationsbahn anzusehen, d. h. sie soll die anliegende Gegend dem Verkehr aufschließe» und namentlich die Verfrachtung von Rohmaterialien erleichtern. Um eine große durchgehende Verbindungslinie soll es sich dabei nicht handeln. DieStaatsregierung ist nur bei einem eminenten allgemeinen Interesse, namentlich auch in militärischer Beziehung, zum Ausbau solcher Bahnen geneigt. Es ist daher zu empfehlen, derartige zu- weitgehende Forderungen nicht zu stellen. Dagegen wird man in den fraglichen Instanzen bereit sein, die Ausführungsmöglichkeit einer Meliora- tionsbahn zu prüfen. Bei einer solchen kommt es, zumal vom Standpunkte der Provinz aus, darauf an, möglichst viel Ortschaften zu berühren und dadurch ein möglichst großes Terrain zwischen dem Ausgangspunkte und dem Endpunkte
10 «Nachdruck verboten.)
Zum Glück.
Roman von Margarete Böhme.
«Fortsetzung.)
Sonst plauderte sie gern mit Herrn Müller, dessen schlichtes, freundliches Wesen sie sympathisch berührte, als er aber jetzt zu ihr auf den Balkon trat und einen Sessel neben den ihren zog, empfand sie sein Kommen wie eine unwillkommene Störung.
Sie sprachen eine Weile über gleichgültige Dinge, dann stockte die Unterhaltung. Doktor Müller betrachtete seine Hände, und während Hedwig fleißig weiterstichelte, nahm sie bei dem Hinzutreten des Oberlehrers den abgerissenen Gedankenfaden wieder auf. Im Augenblick hatte sie die Gegenwart des Hausherrn ganz vergessen: erschrocken ftthr sie zusammen, als er plötzlich wieder 'das Wort an sie richtete.
Seine ersten Sätze verstand sie nicht: erst als er weiter sprach, in merkwürdig gehaltenem, von innerer Bewegung durchbebtem Tone, begann sie zu ahnen, worauf er hinauszielte.
Doktor Müller sprach von seiner Jugend in dem einfachen Elternhause, von seiner arbeits- und entbehrungsreichen Studienzeit: während der er seine nachmalige Frau kennen gelernt hatte. Er hatte sie innig geliebt und in glücklicher Ehe mit ihr gelebt, ihr Tod hatte eine furchbare Lücke in der Familie gerissen, seitdem führte er ein freudloses, einsames Leben, die anstrengende Berufsarbeit war seine einzige Zerstreuung und Erholung.
Er liebte seine Kinder zärtlich, aber sie konnten ihm doch keineswegs die, verstorbene Gattin er
setzen; einesteils ivoren sie noch zu klein, und aii- dernteils sah er sie nie in den sporadischen Freistunden, die ihm sein Beruf ließ: abends schliefen sie schon, wenn er frei war und sich seiner Familie widmen konnte.
Er hatte eigentlich nie daran gedacht, sich wieder zu verheiraten. Wenn feine Kollegen ein- mal den Gedanken anregten, batte er ihn weit von der Hand gewiesen. Erst seit Hedwig da war, erhob sich oft die Frage in ihm, ob er mit seinen achtunddreißig Jahren wirklich schon auf jedes Glück endgültig verzichten müßte. Sie hatte es ihm angetan, er hatte sie lieb gewonnen, er konnte sich ein ferneres Leben kaum mehr ausdenken ohne ihre liebliche anmutige Erscheinung, die wie ein freundlicher Geist in den Räumen seiner Wohnung waltete. Ob sie es mit ihm versuchen wolle. Es sei ja kein glänzendes Los, das er ihr biete. Ein vermögensloser Oberlehrer, Witwer mit drei unversorgten Kindern, ein Mann mit grauem Haar, das sei gewiß keine sehr begehrenswerte Partie für ein junges blühendes Mädchen, vor dem noch das ganze Leben läge, — — aber sie — Hedwig — sei eben so ganz anders als die Mehrzahl der jungen Mädchen in ihrem Alter, soviel ernster und durch schwere Schicksale gereifter, und die Hauptsache, die ein Mann einem Mädchen geben könnte, seine treue, hingebende, selbstlose Siebe, die werde ihr in unbeschränktem Maße zuteil werden. Auf den Händen werde er sie durchs Beben tragen, sie vor jeder Widerwärtigkeit, jedem rauhen Windstoß des Lebens schützen. Seiner Mutter werde er eine kleine Wohnung in Berlin ober in einem der Vororte mieten; seine Frau solle in seinem Hause die einzige, unnm- jchränkte Herrin feig ....
der Bahn aufzuschließen. Von diesem Gesichtspunkte aus kann es an sich gleichgiltig erscheinen, ob die Einmündung in Zimmersrode oder in Treysa stattfindet; den Ausschlag für Zimmers- rode wird indessen die Tatsache geben, daß die Einmündung in Treysa wegen der dort vorhandenen Terrainschwierigkeiten den Bau erheblich verteueru würde. Deshalb ist es ratsam, daß die Handelskammer bei ihrer Stellungnahme sich auf das bereits im Gange befindliche Projekt beschränkt, sogern auch ich sonst den verschiedenen sonst geäußerten Wünschen volle partikulare Berechtigung zuerkennen und für dieselben Erfüllung erhoffen möchte.
Herr Helmerich bemerkt, daß er im großen und ganzen den gleichen Standpunkt vertreten zu haben glaube. Er persönlich bebaute, die Wünsche des Magistrats zu Gemünden auf Abzweigung nach Kirchhain zur Zeit um so weniger unterstützen zu können, da nach den soeben vernommenen dan- kenswerten Erklärungen des Herrn Oberpräsidenten und des Herrn Regierungsprsidenten die alten Bestrebungen der Kammer für einen Eisen- bahimufschluß nach Zimmersrode eine erfreuliche und begründete Aussicht auf Erfüllung hätten.
Die Herren Pfaff und Schäfer schließen sich gleichfalls der durch den Herrn Oberpräsidenten vertretenen Ansicht an.
Der Herr Vorsitzende faßt die Ansicht der Kammer dahin zusammen, daß es zur Zeit nicht richtig oder zulässig erscheine, den Ausbau der Strecke Gemünden-Kirchhain zu fordern und daß es auch nicht rätlich sei, statt der Einmündung bei Zimmersrode eine andere Linienführung vorzuschlagen. Dem Magistrat von Gemnüden sei in diesem Sinne zu erwidern. Dagegen stimme die Kammer dein Projekt in der vorgeschlagenen Fassung, Endpunkt Zimmersrode, zu und werde in einer Eingabe an den Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten das zum Ausdruck bringen.
Die Kammer ist einverstanden.
Ein von Herrn Helmerich überreichter Brief des Bürgermeisters von Kirchhain, der um Befürwortung des Wohratalbahnprojekts ersucht, ist durch diese Beschlußfassung erledigt.
Umschau.
Der Kaiser und die staatliche Hilfsaktion für die Ueberschwemmten.
Ein Kronrat, d. h. also eine Sitzung des preußischen Staatsministerinms unter dem Vorsitze des Kaisers, wird unmittelbar nach der Rückkehr des Monarchen von der Nordlandsreise in Berlin stattfinden. Dieser Kronrat wird im Anschluß an den persönlichen Vortrag stattfinden, den der Reichskanzler und preußische Ministerpräsident Graf Bülow dem Kaiser über die Hochwasserschäden in Schlesien halten wird. Mit diesem Krvnrat wird auch die Reise des Chefö der Reichskanzlei, Geheimrat Conrad, zum Vortrage beim Reichskanzler auf Norderney in Verbindung gebrach!. Aus mancherlei Anzeichen, sonamentlichausderMitteilungdesReichskanzlerS, daß die Kaiserin aus einen persönlichen Wunsch des Kaisers sich in daS lleberschwemmungs- gebiet begeben wird, toilL man schließen, daß der Kaiser mit der Haltung des Siaats-
Dr.. Muller sprach noch vieleS mehr: seine anfangs schwankende Stimme gewann mit jeder Minute an Festigkeit und Wärme. Wie in dumpfer Betäubuim saß Hedwig ihm gegenüber und horte ihm zu, ohne mehr alS den eigentlichen <stnn seiner Rede zu verstehen. Nur. das eine war ihr klar: dieser Heiratsantrag seitens des braven, gebildeten Mannes, der ihr alles, was er besaß sein Herz und eine Heimat bot, und der an sich eilt ehrendes Vertrauensvotum bedeutete, raubte ihr daS Asyl, das sie hier gefunden hatte. Da sie Dr. Müllers Werbung nicht annehmen konnte und wollte, durfte sie nicht länger in seiner Familie bleiben.
Dr. Müller wurde sehr blaß, als sie mit wenigen Worten feinen Antrag freundlich aber bestimmt ableynte; feine momentane Fassungslosigkeit verriet, daß er sich wohl Hoffnungen gemacht hatte, und die Entäuschung ihn völlig bestürzte.
Hedwig zog sich an diesem Abend etwas früher als gewöhnlich aus ihr Zimmer zurück; Dr. Müller und feine Mutter unterhielten sich noch längere Zeit im Wohnzimmer. Als Hedwig am andern 1 Morgen Frau Müller begrüßte, fiel es ihr sofort auf. daß die alte Frau wieder viel freundlicher zu ihr war. Ohne Zweifel hatte Frau Müller gefürchtet, daß Hedwig sie von ihrem Platze als Alleinherrscherin verdrängen könnte; die Gewißheit, daß diese Sorge überflüssig gewesen, stimmte sie offenbar wieder milder gegen das junge Mädchen. Dennoch schien es sie nicht unangenehm zu berühren, als Hedwig im Saufe des Tages ihre Stellung zum 1. Oktober kündigte. Sie äußerte ein paar wohlwollende Worte des Bedauerns und erklärte dann eifrig sich bereit, Hedwig beim Suchen nach einer neuen Stellung behilflich zu sein.
Ministeriums in dieser Angelegenheit, soweit sie die Unterstützungsaktion betrifft, durchaus nicht einverstanden sei, und daß einige der Herren Minister der Kronratssitzung daher mit recht gemischten Gefühlen entgegensähen. Wie weit daS zutrifft, wissen wir nicht, aber möglich ist es. Jedenfalls wird daS energische, landesväterliche Eingreifen des Königs zu gunsten einer schnellen und ausreichenden staatlichen Unterstützung der durch die. Wassersnot Geschädigten, von dem gesamten Volke ihm hoch angerechnet werden.
Mangel an Offizieren?
Von militärischer Seite wird der „KgSbg. Hartg. Ztg." geschrieben: Nicht nur bei der Infanterie, sondern auch bet der Kavallerie ist ein Rückgang in der Anzahl des Offfzierersahes in den letzten Jahren festzustellen; denn es betrug der Zugang an Offizieren für diese Waffe im Jahre 1900 : 190 Offiziere, 1901 : 148 und 1902 nur 119. Ebenso verminderte sich der Offizierszugang beim Train in diesen drei Jahren von 18 auf 16 und 13 Zugänge. — Das wirksamste Ausgleichsmittel erblickt der Verfasser in der Annahme eines neuen Pensionsgesetzes. — Wir möchten indessen bezweifeln, ob dadurch ein nachhaltiger Wandel geschaffen wird. Denn auch ein Pensionsgesetz, das alle unter den heutigen Verhältnissen überhaupt durchführbaren Verbesserungen den pensionierten Offizieren bringen würde, könnte die Lage von mehr als der Hälfte derselben nicht nennenswert günstiger gestalten. Denn es handelt sich bei diesem Teile der ehemaligen aktiven Offiziere in erster Linie um ethische und soziale und erst in zweiter Linie um wirtschaftliche Faktoren, unter denen sie weit härter als die Angehörigen anderer Berufe zu leiden haben. Darüber', ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Doch wäre e8 ein schwerer Irrtum, die Frage deS zurückgehenden Offizierersatzes nur von diesen Gesichtspunkten aus zu beurteilen. Man wird dafür unschwer noch weit andere Ursachen finden können.
Von Pius X.
Papst PiuS X. wird also am Sonntage bereits die feierliche Krönung in der Peters-' kirche vollziehen, an welcher sämtliche Kardinäle teilnehmen werden, die im Konklave bei einander waren. Am Montag darauf wird dann ein geheimes Konklave stattfinden, in dem mehrere Kardinäle, wahrscheinlich auch der noch jugendliche Konklave-Sekretär, Merrh del Val, ernannt werden dürften. Die Zahl der Kardinäle kann bis auf 70 steigen, da es gegenwärtig nur 64 Kardinäle giebt, so könnten am Montag noch 6 ernannt werden. So reich wird der Segen jedoch voraussichtlich nicht sein. Am Donnerstag wird bann ein öffentliches Konsistorium stattfinden, in welchem den im Juni von dem bereits schwer kranken Leo XIII. ernannten Kardinälen der Kardinalshut in feier-
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V.
Sechs Jahre waren verflossen, seitdem Hedwig die Famielie des Oberlehrers in Friedenau ver- ließ und ihre zweite Stellung, als Gesellschafterin einer gidjtfranfcn alten Dame in Charlottenburg augeireten hatte. Das Glück war ihr seitdem nicht besonders hold gewesen; die Bitternisse der Fremde, des Kampfes um das tägliche Brot, mit den vielen kleinen Sorgen und Widerwärtigkeiten des Werktaglebens, hatte sie in vollem Maße kennen gelernt.
Ihre zweite Stellung war weder lickrattv noch angenehm, da die leitende Dame hohe Ansprüche an die Kräfte ihrer Gesellschafterin stellte, aber sie hatte vor ihren späteren Plätzen doch manche Annehmlichkeit voraus gehabt, und Hedwig hätte auch voraussichtlich darin ausgeharrt, wenn die alte Dame nicht nach dreiviertel Jahr plötzlich gestorben wäre
Die Erben bewilligten Hedwig „ das volle Jahresgehalt und eine kleine Entschädigung für die letzten drei Monate des Jahres, da der Haushalt der Verstorbenen sofort aufgelöst wurde und Hedwig sich bis zur Erlangung eines neuen Enga-. gemente ein anderes Unterkommen suchen mußte.
Seitdem war sie wie eilt abgerissenes Blatt, daS der Herbststurm vor sich hertreibt, hin und her gewirbelt worden; aus einem Ort, von einem Haus zum andern. Sie hatte nacheinander Stellungen als Gesellschafterin, Erzieherin, Stütze und Reisebegleiterin innegehabt, ohne daß ihr eine darunter ein bleibendes Heim geböte« hätte.
. ' (Fortsetzung fofotii