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mH dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Jttnftrirtes Sonntagsblatt.

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Vierteljährlicher Bezugspreis: bet der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 Mk. Zcxcl. Bestellgeld).

Znserttonsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reklamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonnabend, 8. August 1903.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Univcrsitäts-Buchdruckerei 38. Jahrg.

Marburg, Markt 21. Telephon o5.

Deutsche im Auslände.

Deutsche Mitglieder des Nährstandes haben sich in fremden Ländern oft zu recht einfluß- reichen Positionen emporgeschwungen. Wir zählen eine bedeutende Zahl deutscher Kaufleute in allen Erdteilen, die es durch energische Zähig- .keit verstanden haben, ganze Handelsbranchen an ihrem Wohnsitz in die Hände zu bekommen und sich für diesen Geschäfts-Verkehr zur leiten» ^«kPerfSnlichkeit aufzuschwingen. Wir brauchen in dieser Beziehung gar nicht einmal aus Europa hinauszugehen, wir haben genug Hafenplätze und größere Handelsstädte in unserem Erdteil, wo die deutschen Firmen eine Macht sind. Nicht immer wird diese bahnbrechende Tätigkeit mit dem rechten Dank belohnt, ein Beispiel dafür ist das Verhalten des Präsidenten Castro in Venezuela gewesen, aber im allgemeinen ist die Anerkennung nicht ausgeblieben. Auch die 'jungen deutschen Kaufleute erfreuen sich im Auslande eines ausgezeichneten Ansehens. Vor­urteilsfreie Engländer und auch Franzosen haben recht gern junge Deutsche engagiert, die mehr Eifer, Pünktlichkeit und Unverdrossenheit zeigen, wie Angehörige anderer Nationen. Es hat nun allerdings auch an regelrechten Fremden­hehen gegen diese deutschen kaufmännischen Angestellten, wie gegen deutsche gewerbliche Arbeiter im Auslande nicht gefehlt, die Pariser und Londoner Konkurrenten haben sich nament­lich darin ausgezeichnet, aber seit einem halben Jahrzehnt ist davon wieder viel vergessen. 1900 hat mancher französische Aussteller in Paris gern seine deutschen Hilfskräfte behalten wollen, aber die Deutschen, namentlich die älteren Leute, haben doch die Rückkehr in die Heimat vorgezogen.

Die Welt steht heute tüchtigen Leuten über­all offen, dahin sind wir, wie erfreulicherweise zu konstatieren ist, heute wirklich gelangt. Es giebt Ausnahmen, ganz gewiß, aber sie be­stätigen doch nur die Regel im großen und ganzen. Aber es soll die Vorsicht nicht außer Acht gelassen werden, die bei einem entscheiden­den Schritt ja stets und ständig obwalten muß. Die deutsche Autorität hat ihr Gebiet in über­seeischen Gebieten weiter und weiter ausgedehnt, die Ausgestaltung unserer Flotte führt tausende in weit entfernte Städte, deren Name früher kaum bei uns genannt wurde. Die Berichte über alle diese Tatsachen beflügeln die Phantasie und lassen bei vielen den Entschluß reifen, es in der Fremde zu versuchen. Aber es kommen auch noch mancherlei Lockrufe, und diese gelten namentlich jungen deutschen Ingenieuren, Tech­nikern und industriellen Arbeitern. Sie gehen sowohl von fremden Regierungen, wie von privaten Unternehmern aus. Manche Landes­regierung, deren eigne Untertanen für zielbe- wußte geistige und körperliche Tätigkeit weniger geeignet sind, sucht sich Deutsche für die Ein-

9 «Nachdruck verboten.)

Zum Glück.

Roman von Margarete Böhme.

Kortfetzungl

Spät abends, als sie die Kinder zu Bett ge­bracht hatte, schrieb sie in ihrem engen Zimmer- chen bei dem gelben zitternden Schein einer Kerze einen langen Bries an Willi. Sie bat ihn betritt, e§ sich^wohl zu überlegen, ab er auch wirklich an ihrer Seite ein dauerndes Glück zu finben hoffe, ob seine Liebe zu ihr auch wirklich für ein Men­schenleben ausreiche. Int anderen Falle sollte er cs ihr unumwunden sagen: Lieber ein Leid als ein Leiden ohne Ende. Nichts schrecklicher, als eine liebeleere Ehe---Noch vieles schrieb sie

ihm, ihr ganze Seele lag in beit schlichten, innigen Warten, mit denen sie ihn beschwor, dach ben furchtbaren Zweifeln, die sie seit lange quälten, so oder so ein Ende zu machen.

Etwa acht Wochen später antwortete- er auf den,Brief. Furchtbar schmerzlich habe ihn anfangs ihre' Zuschrift berührt, anfangs sei er sich wie von Gott und aller Welt verlassen vorgekommen, dann aber habe er sich ernstlich geprüft, und je länger und tiefer er in fein eigenes Herz hinabgeblickt habe, desto klarer sei es ihm geworden, daß feine kluge, geliebte Hedwig nicht so ganz Unrecht ge­habt habe, als sie ihrem eigenen Empfinden--

beim bas sei doch wohl in erster Linie ber Fall> die Sonde anlegte, und ihr durch bereit Ergebnis auch Zweifel an der Echtheit seiner Gefühle für sie getagt hätten. Sie habe es zwar nicht in Worten ausgedrückt, aber aus ihren Zeilen lese er deutlich, daß sie ihn nicht so liebe, wie ein Mädchen ben Mann, bent sie sich fürs ganze Leben zu eigen geben wollte, lieben müsse. Und es sei ja auch so---jetzt fühle er es selber

die Liebe, die sie beide miteinander verbinde, und

führung ihr geeignet erscheinender Jndustrieen zu sichern, und erst recht suchen Unternehmer deutsche Arbeitskräfte, die etwas leisten können und Kenntnisse mit praktischer Erfahrung ver­binden. Wenn es gilt, solche Kräfte zu ge­winnen, dann wird natürlich das Blaue vom Himmel herunter versprochen, oft gehalten, zu­weilen aber auch nicht, und die Vertrauens­seligen, vereinsamt in fremdem Lande, kommen dann in unliebsame Verhältnisse, die sie jeden­falls nicht verdient haben.

Verschiedene Vorkommnisse im Auslande, in welchen den deutschen Angestellten und Arbeitern die gemachten Versprechungen nicht gehalten worden find und erst ein Einschreiten der deutschen Vertretung zu Gunsten der be­nachteiligten Landsleute erfolgen mußte, lasten die obige Mahnung besonders angebracht er­scheinen. Bei uns in Deutschland ist die herein­gebrochene Jndustriekrifis noch nicht überwunden, und wagelustige junge Leute mögen da wohl die Ohren spitzen, wenn ihnen von den Leitern neuer Unternehmungen in weit entfernten Gegenden hohe Versprechungen gewacht werden. Sie haben auch wohl Recht, wenn sie sagen: das deutsche Reich steht hinter uns, was kann da groß passieren? Aber immerhin: die Vor­sicht ist heute zu empfehlen und die Erlangung einer sicheren Auskunft ist geboten: Das Bei­spiel Venezuela's zeigt im großen, was im kleinen möglich ist, und wenn es auch gelingt die ge­rechten Ansprüche im Laufe der Zeit durchzu­setzen, es ist keineswegs für alle Fälle sicher, und ein langes Warteumüssen ist durchaus nicht angenehm. So erfreulich der gute Ruf ist, welchen sich die deutsche Arbeit und ihre Träger erworben haben, darüber darf nicht außeracht gelassen werden, daß erstens baar Geld lacht, und daß zweitens die Redlichkeit keineswegs allenthalben in demselben Maße vertreten ist, wie bei uns. Dem Deutschen steht heute die ganze Welt offon, aber er muß darauf halten, daß ihm eine gerechte Bezahlung seiner Tüchtig­keit gesichert ist.

Umschau.

Vom neuen Papste.

Pius X., der Papst aus dem Volke, wird bereits an diesem Sonntage die feierliche Krön­ung in der Peterskirche vornehmen, um den auswärtigen Kardinäleu Gelegenheit zu geben, dem Akte möglichst sämtlich beizuwohnen. Bisher ist der neue Papst in allen Stücken die Wege seines Vorgängers gewandelt, und es fragt sich mehr und mehr, ob er je die Kraft haben wird, sich über die gewaltigen Einflüsse, die im Vatikan maßgebend sind, hinwegzusetzen. Leo XIII. hat wiederholt einen kräftigen Anlauf genommen, die Versöhnung mit dem Quirinal herbeizuführen. Seine ersten drei Staatssekretäre gehörten der Partei der Versöhnlichen an. Sie

die noch aus ber Kinberzeit datierte, fei die echte, rechte Gefchwisterliebe. Er liebte seine Hedwig mit einer Zärtlichkeit, einer Innigkeit, einer Hin­gabe. wie inan sie eigentlich nur für ein vergötter­tes Schwesterchen hegt. Auch die Gefchwisterliebe kenne ja eine Art Eifersucht, und so sei es ge­wesen . . . ber Gedanke, daß sie sich einem anderen verloben könne, der ihn ans ihrem Herzen ver­drängen würde--er batte gehört, daß etwas

von einet Verlobung int Werke sei - habe ihn furchtbar erregt, und in der Exaltation darüber fei et irre an sich und feinen Empfindungen ge­worden. Sein geliebtes, Schwesterchen bleibe sie aber alletocge;--fein höchster Wunsch sei es,

daß sie zu feiner Mutter ziehe, und er ihnen beiden ein molliges, behagliches Heim, in das er auch dann und wann zurückkehrett werde, schassen dürfe---

Hedwig erhielt diesen Brief mit ber Abendpost. Als sie am anderen Morgen aus ihrem Zimmer kam, sah sie geisterhaft blaß, übernächtigt unb ver­weint ans, unb an dem Ringfinger ihrer linken Hand fehlte der schlichte, goldene Reif.

Sie hatte schwer an dieser ersten, großen Ent­täuschung zu fragen. Obgleich sie sich gewaltsam zu beherrschen suchte, und ihren Kummer in sich verschloß, konnte sie sich doch kaum mit diesem Schicksalsschlag abfindeu. Immer wieder erhob sich die bittere Frage in ihr, ob Willi die Irrung feiner Gefühle erkannt hätte, wenn ihr Vater am Leben und alles beim alten geblieben wäre. Sie wollte ja nicht so niedrig von dem Gespielen ihrer Kindheit denken, aber ihr schmerzverdüster- fes Herz rang umsonst gegen die finsteren Ge­danken, die es umrankten und sich fester und fester an ihre Seele klammerten.

In dieser Zeit empfand sie die Arbeit wie eine Wohltat, tote eine Erlösung, eine befreiende Ab­lenkung von ben schmerzlichen Gedanken, die sie

starben aber teils so plötzlich, daß man sogar von Gift sprach, teils wurden sie durch Palast- intriguen beseitigt, so daß keiner von ihnen zum Ziele gelangte. Nach den Erfahrungen, die Leo XIII. in Bezug auf seine drei ersten Staatssekretäre gemacht, gab er jeden Gedanken, es noch einmal mit einem »Versöhnlichen" zu versuchen auf und berief Rampvlla. Aehnlich wird es auch Pius X. ergehen. Dieser soll z. B. entschlossen gewesen sein, den Segen urbi et orbi von der äußeren Loggia des PeterS- domes herab zu spenden, um damit anzudeuten, daß er die Fiktion von dem Gefangenen des Vatikans aufgebe, soll aber durch den Sekretär des Konklaves Marry del Val überredet worden sein, die Benediktion von der inneren Loggia auS vorzunehmen. Pius X. hat seine Wahl zum Papste zwar allen Regierungen des Aus­landes offiziell mitgeteilt, nur nicht der italie­nischen Regierung. Er hat sich in dieser Frage an eine ihm von seinen beiden nächsten Vor­gängern überkommene Weisung gebündelt er­achtet. Die Zweifel, ob Pius X. als Papst werde dasselbe sein können, was er als Kardinal gewesen, werden daher mit jedem Tage stärker. Sehr gespannt ist man darauf, ob der neue Papst ein ihm zugegangenes BeglückwünschungS- telezramm des Königs Victor Emanuel beant­worten wird. Sollte auch dies nicht geschehen, dann würde sich Papst Pius doch keineswegs so versöhnlich zeigen, als man es nach den Handlungen des Kardinals Joseph Sarto glaubte erwarten zu dürfen. Von der körperlichen Rüstigkeit des neuen Papstes legt die Tatsache Zeugnis ab, daß er die Benutzung der Sänfte beharrlich zurückweist, auf die sich Leo XIII. lange Jahre hindurch vollkommen angewiesen sah. Die Ablehnung der Sänfte ist jedoch nicht nur ein Beweis der kräftigen Konstitution des neuen Papstes, sondern zugleich auch ein solcher seiner Abneigung gegen allen Pomp und Prunk. Pius X. ist eben der schlichte Sohn aus dem Volke geblieben, ob man ihm auch die höchste Würde in der katholischen Kirche verliehen hat. Sein einfaches gerades Wesen, seine Abneigung gegen Glanz und Macht, sein versöhnlicher und friedfertiger Sinn gestatten trotz alles Vorauf­gegangenen noch immer die Hoffnung, daß sich die Beziehungen zwischen Vatikan und Quirinal unter dem Pontifikate des zehnten Pius bessern werden.

Kardinal Kopp telegraphierte derTägl. Rundsch." zufolge dem Berliner Vertreter eines amerikanischen Blattes auf dessen Anfrage, tote sich Papst Pius X. gegen Deutschland und Italien verhalten werde:Gegen Deutschland freundlich, friedlich, gegen Italien schonend, nicht reizend." Das wäre ja eine Politik, von der immerhin auch für Italien erfreuliche Früchte zu erwarten wären. lieber den neuen Papst schreibt ein deutscher Katholik derNat. Ztg." u. o.: Nicht nur, daß die kühle Luft des pro-

erfütiten. Fast schien es ihr eine frcunblidic Füg­ung ber Vorsehung, daß sie gerade zu dieser Zeit mit Arbeiten überbürdet war, und ihr tagsüber keineZeit blieb, ihrenBetrachtungen nachzuhängen.

Frau Müller war Ende Juni an einer Lungen­entzündung erkrankt, die sie wochenlang ans Bett fesselte. Aber auch später, als die unmittelbare Lebensgefahr längst überwunden, blieb sie fchon- ungsbebürftig und konnte sich nur wenig an bett Hausgeschäften beteiligen. So lag beim bic Sorge für das Hauswesen, ebenso wie die Pflege ber Kranken unb bie Aufsicht ber Kinder allein Hedwig ob, da bie Hütte ber sehr jungen, direkt vom Lande kommenden kleinen Magd kaum anznschlagen war. Hedwig kam von inurgett-'- bis abends kaum zu Atem, ihre wenigen freien Minuten nahmen die Kinder in Beschlag und erst spät abends, wenn sie totmüde in ihr Zimmerchen kaut, durfte sie sich selber angehören. Die körperliche Ucbermübung verschaffte ihr bic Wohltat eines festen, fromm losen Schlafes, aber hin unb wieder wachte sie doch nachts ein paar Stunden, und in ber Stille unb ber Dunkelheit, bie bann sie umgab, überwäl­tigten ihre traurigen Gebanken sie oft so, daß sie laut aufschlrichzte. Das Gefühl ber Verlassen- , beit lastete in solchen Augenblicken mit erdrückender Schwere auf ihrer Seele; bieZukunft lag so grau, so trostlos, so wolkenverhangen vor ihr . . . . nirgends ein Lichtblick .... nirgends Sonne

Die Sommermonate vergingen, ohne daß be­sondere Ereignisse ben gleichmäßigen Werktag­gang ihres gegenwärtigen Daseins unterbrachen. Dennoch war es Hedwig bisweilen, als trete in ihrem Verhältnis zu den Hausgenossen allmählich eine Wandlung, eine fühlbare Veränderung ein, ohne daß sie direkt wußte, worin dieselbe bestand unb worin sie sich äußerte.

Fran Müller beobachtete tatsächlich ein anderes Benehmen gegen sie als im Anfang. Obgleich sie

vinzialen Lebens ihm den Kopf klar erhalten hat, seine Laufbahn fern vom Jntriguenspiel der Kurie hat ihm auch eine den bis­herigen römischen Machthabern nicht sehr erfreuliche Unabhängigkeit erhalten, auch während der zehn Jahre, da er den römischen Purpur trägt. Der Neuertoählte steht all den Parteistörungen, die seit Jahr­zehnten die Kräfte der römischen Prälatur zer­splittern und ihre Aktionsfähigkeit lähmen, in kühler Ruhe gegenüber und hat vor den Diplo­maten, die früher als Papabili genannt wurden, den Vorzug, sein früheres Leben nicht dem Dienste theokratischer Ideen, sondern seinem Vaterlande gewidmet zu haben. Die, erste Spende des Papstes betrifft den Kampanile in Venedig, für deffen Wiederaufbau Pius X. eine sehr erhebliche Geldsumme gestiftet hat.

Zu den russisch-deutschen Handels­vertragsverhandlungen.

Ueber die russischen Bedingungen für An­nahme unserer Minimalzölle auf Getreide sind von verschiedenen Seiten Mitteilungen gemacht worden. Rußland verlangt danach zuvörderst, da e8 die erhöhten Getreidezölle, welche ihm nunmehr als Mindestzoll bewilligt worden, nur mit wenigen anderen Staaten zu teilen hat, daß die übrigen Staaten ihr Getreide zu dem noch höheren Generaltarif verzollen müssen, und daß jedenfalls Argentinien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika von der Begünstigung der Vertragszölle ausgeschloffen bleiben. Al» zweite Bedingung verlangt Rußland Erleichte­rung im Verkehr mit Vieh und anderen ani­malischen Produkten sowohl durch Zollermäßigung als durch Milderung der veterinär-polizeilichen Bestimmungen. Während dieVoff. Ztg/ die erste russische Forderung kurzer Hand für unannehmbar erklärt, schreibt dieKrenzztg/ in einer Entgegnung auf die Ausführungen der Voss. Ztg/: Rußland kann un8 selbstverständ­lich nicht zwingen, Meistbegünstigungsverträge zu kündigen. Aber e8 ist in Rußland nicht unbekannt geblieben, daß unser Meistbe­günstigungsvertrag mit der nordamerikanischen Union ein sehr einseitiger ist, und daß in Deutschland große Neigung herrscht, ihn behufs Erlangung befferer Bedingungen zu kündigen. Nach dieser Richtung hin einen sanften Druck auSzuüben, und zwar im eigenen Jntereffe so­wohl wie in unserem, liegt für Rußland außer­ordentlich nahe. Außer dem Direktor im Reichsamt deS Innern Dr. v. Körner nehmen noch der vortragende Rat im Reichsschatzamt Meuschel, sowie die Herren Kopp, Lusenskh und Müller an den Verhandlungen in Petersburg teil. Die Geheimräte Dr. v. Körner unb Lusensly sind derDeutsch. Tagesztg/ nicht genehm, sie werden von ihr für ausgesprochene Freihändler erklärt.

bic alte grau während ihrer Krankheit in auf­opfernder Weise gepflegt hatte, und obwohl sie ihr jetzt noch jeden Wunsch von ben Augen abzu- leseil suchte, hatte sie sichtlich biet, von Frau Müllers anfänglichem Wohlwollen eingebüßt.

Im Gegensatz zu früher verhielt Frau Müller sich Hedwig gegenüber jetzt sehr einsilbig und re­serviert, erteilte ihreAiitoeisungen in einem kurzen knappen Imperativ und ließ öfters Anspielungen fallen, daß man niemals verwöhnte junge Damen, bie ihre Lebenstage bisher müßig vertändelt hätten, alsStützen" aufnehmen sollte; auf bie Dauer tue so cttoa-5 doch nicht gut--räche sich

immer . . unb jo weiter.

Hedwig verstand zwar nicht, worauf bie An- spielungen der alten Frau zielten, da sie sich be­wußt war, voll und ganz ihre Pflicht zu erfüllen, aber sie weckten doch bic Angst in ihr, baß man mit dem Vorsatz umginge, ihr zu kündigen. Unb wohin sollte sie sich dann wenden, sie, bie Heimat­lose, die in ber Welt feinen Zufluchtsort mehr hatte! Wenn sie nur gewußt hätte, was an ihr plötzlich Frau Müllers Mißfallen erregte . > , i

Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Eines Nachmittags es war am Jahres­tage von Herrn Diekamps Tobe war Frau Müller zu einer Bekannten nach Berlin NW. gefahren. Sie hatte bas jüngste Mädchen mit­genommen, unb bic beiden älteren Knaben spiel­ten auf ber Straße, Hedwig hatte also ein, paar ihrer seltenen freien Stunden. Mit einer Näherei beschäftigt, saß sie auf dem Balkon unter ber herabi gelassenen Persiene. An diesem ersten traurige« Gedenktag stürmten hundert wehmüttge,Erinner­ungen auf sie ein, die, so schmerzlich sie an sich waren, ihr in dieser stillen einsamen Stunde doch liebe, willkommene Gesellschafter waren, da sie ihr für Augenblicke das verlorene Paradies ihr et; glücklichen Kindheitt zurückzauberten. sFors. f.) -