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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

S-imtags-eilag,- JUuftrirtes Lonntagsblatt.

JV1199

Bicrteljährlicher Bezugspreis: btt bet Expedition 2 Mk., bet allen Postäuitcrn 2,25 Mk. <t$cL Bestellgeld).

Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Rcclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonnabend, 25. Juli 1903.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, llnibersitätS-Buchdruckerrt Marburg, Markt 21. Telephon 55.

38. Jahrg.

Bestellungen

für die Monate August und September auf die

Oberheffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch­hain und Neustadt, sowie von allen Post­anstalten und Landbriesträgern entgegen- genommen.

Militärdienst und Landentvölkerung.

Es muß entschieden als feststehende Tatsache angesehen werden, daß die Ableistung ter Militärdienstpflicht als die einflußreichste Ursache der Massenabwanderung unserer rüstigen, länd­lichen Jugend nach den Großstädten zu gelten hat. Das hat man auch in andern unter dem­selben Uebel leidenden Ländern bereit« klar er­kannt; so konnte kürzlich dieNational-Zeitung" aus einem französischen, militärischen Fachblatte folgende Stelle hervorheben:

Wie oft schon hat man auch in Frankreich die Klage gehört, daß die Landbevölkerung immer mehr nach den Städten auswandert, weil diese ihr neben größerer Zerstreuung leichtere, einträglichere Arbeit zu bieten scheinen. Gerade der Militärdienst trägt viel zu dieser Abwanderung bei. Die jungen Leute kommen in die Städte hinein und lernen deren Vergnügungen und Annehmlichkeiten kennen, und wenn sie den bunten Rock wieder ausgezogen, haben sie keinen andern Wunsch, als für immer in der Stadt zu bleiben. Bei der Verwirklichung dieses Wunsches erlebt aber mancher eine Enttäuschung. So lange er Scldat war, erschien ihm das Leben in den Städten in rosigem Lichte. Er hatte stets eine Stätte, wo er abends sein Haupt hinlegte, und der Staat gab ihm Essen und Trinken. Anders aber sicht dies Leben ohne einen solchen Rückhalt aus. Die Konkurrenz in den Städten erschwert und verbittert den Kampf ums Dasein. Daher haben schon viele, die mit großen Hoffnungen in die Stadt zogen, darin Schiffbruch gelitten."

In Frankreich, wo eigentlich alle Parteien bis zu den dort ebenfalls noch patriotisch fühlen­den Sozialdemokraten hin in verständnisvoller Fürsorge für das landwirtschaftliche Gewerbe .einig sind, will man nach dem ton Italien und Belgien gegebenen Beispiel dieser bedrohlichen Landentfremdung der Soldaten durch Er­teilung landwirtschaftlichen Fach­unterrichts während der Dienstzeit .entgegenarbeiten. Bei einem Regiment sollen damit angeblich bereits so günstige Erfahrungen

45 (Nachdruct verboten.)

Gefesselt.

.ww» Raman von Jenny Hirsch.

Kortsehung.)

Der Amtsrichter brauchte nur kurze Zeit zu warten, Ernst von Hildach war bereits aufge­standen und angekleidet; sein bleiches, über­nächtiges Aussehen bewies, daß auch er die Nacht schlaflos zugebracht habe.

Der Amtsrichter ging ihm einige Schritte entgegen und sagte, die Augen niederschlagend: Herr Assessor, ich habe Ihnen Ihre Entlassung anzukündigen; der Mörder des Marquis von Maleville ist entdeckt und geständig."

Ernst stieß einen Ruf der Ueberraschung aus.Wer?" fragte er, unterbrach sich aber sogleich: »Weiß sie e8 schon?"

Nein," antwortete der Amtsrichter,ich wollte erst Ihnen die Mitteilung machen und die junge Dame nicht so früh stören."

Zuviel der Rücksicht!" rief der Assessor nicht ohne Vorwurf im Tone,man muß des Gefängnisses gewohnt sein, um darin schlafen zu können. Bitte, senden Sie sogleich zu ihr."

Der Amtsrichter willfahrte diesem Wunsche Md auch Annie bewies durch ihr schnelles Er­scheinen, daß sie das Lager längst verlassen gehabt haben mußte. Greger hatte Ernst erst ganz oberflächlich mit den Ereignissen bekannt gemacht, welche die Entdeckung des wahren Täters bewirkt, da öffnete sich schon die Tür ,unb Annie trat ein.

Als sie neben dem Amtsrichter Ernst von Hildach bemerkte, stieß sie einen leisen Schrei aus und wurde noch bleicher, als sie es obne-

gemacht fein, daß der Landwirtschaftsminister jetzt sämtlichen Korpskommandeuren landwirt­schaftliche Fachlehrer für Unterricht in den Kasernen zur Verfügung gestellt hat. Vom Kriegsminister ist allen Regimentskommandeuren die eifrige Förderung der landwirtschaftlichen Unterrichtskurse in den Kasernen anbefohlen worden.

Wir müssen es dem Urteil unserer Heeres­leitung überlassen, ob eine Nachahmung deS von Frankreich gegebenen Beispiels auch bei uns durchführbar erscheint. So nützlich der Empfang landwirtschaftlichen Fachunterrichts während der Militärdienfljahre für einen Teil unserer Soldaten in Bezug auf ihr späteres Fortkommen werden könnte, einen weitgehenden Erfolg in der Richtung des angestrebten Zieles Verminderung der' durch die Soldaten zeit veranlaßten Land­entfremdung resp. Landflucht können wir uns davon leider nicht versprechen.

Solange man bei uns das System beibe­hält, die körperlich und moralisch besten jungen Männer aus allen Landkreisen zur Ableistung ihrer Militär-Dienstpflicht nach Berlin (und anderen Landeshauptstädten) zu ziehen, werden die Folgen der trügerischen Lockungen des Großstadtlebens niemals durch landwirtschaftlichen Fachunterricht auch nur einigermaßen p ara lhsiert werden können. Während der Militär­dienstjahre lernen die jungen Männer die Ver­gnügungen und Genüsse des Großstadtlebens, für welche sie gerade in ihrem Lebensalter be­sonders empfänglich sind, eingehend kennen. Sie lernen sie, wie das französische, militärische Fachblatt ganz richtig hervorhebt, kennen, ohne das Gegengewicht der Sorge um Bestreitung des Lebensunterhaltes. Unter diesen Umständen muß sich ganz natür­lich das Verlangen, für immer in diesem anscheinenden Paradiese zu bleiben, beiden jungen Landleuten oder Kleinstädtern festsetzen.

E§ wäre wirklich ernstester Erwägung wert, ob diese fortdauernde zwangsweise Ver­pflanzung der rüstigsten ländlichen Jugend nach den Großädten, wo sie nicht nur dem Lande für immer entfremdet, sondern auch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von sozialdemokratischem Umsturzgeiste infiziert werden muß, notwendig ist. Unseres Erachtens müßte sich die militärische Ausbildung ebenso gut und in mancher Beziehung vielleicht noch besser bewerkstelligen lassen, wenn man nach und nach die Kasernen für unsere Soldaten aus sämtlichen Großstädten entfernte und nur noch Mittel- und K l e i n st ä d t e als Garnisonorte wählte. Dieser Shstemwechsel könnte sich ohne große Kosten durchführen lassen, da durch Verkauf der Kasernen und Exerzierplätze in dem Rayon der Großstädte bei den dortigen hohen

hin schon war. Der Assessor sprang auf sie zu und umfing die Wankende, und ohne sich um den Amtsrichter zu kümmern, rief er ihr zu: Annie, wir find frei; man hat uns hierher beschieden, um uns unsere Entlassung anzu­kündigen."

Sie blickte ihn mit ihren großen Augen hilflos an, als verstehe fie den Sinn seiner Worte nicht.

Ter Amtsrichter glaubte, beiden zu Hilfe kommen zu müssen, und fügte hinzu:Der Mörder des Marquis ist entdeckt; es war einer seiner Genossen, mit denen er in Streit ge­raten war."

Jetzt schloß Annie die Augen, ihr Kopf sank auf Ernsts Schulter, der fie noch immer fest- hielt; die Ueberraschung war überwältigend.

Der Amtsrichter und Ernst führten sie nach dem bequemsten Stuhl, der sich im Zimmer befand, es wurde schnell Wasser und Wein gebracht, und unter den Bemühungen und dem milden Zuspruch des Geliebten erholte sie sich bald wieder.

Der Amtsrichter fragte, ob fie fich stark genug fühle, seine Mitteilungen zu vernehmen.

Sie bejahte es und dann lauschte sie und Ernst mit angehaltenem Atem der Erzählung des Beamten.

Als er geendet, war Annie noch lange keines Wortes mächtig, und auch Ernst blickte schweigend vor fich hin. Endlich sagte er:An wie dünnen Fäden hängt das Schicksal des Menschen! Wären die Bruchstücke der Rechnung nicht als Umschlag für die Karten benutzt worden, hätte ich nicht zufällig in demselben Geschäft ein eben solches Paar Stiefel wie jener Warkoß

GrundstückSpreisen wohl reichlich die Mittel zur Beschaffung der notwendig werdenden Neu­anlagen in paffend gelegenen Reineren Orten aufgebracht werden könnten.

Wenn unsere Regierungen fich zu einem solchen Systemwechsel in der Truppendislokation verstehen könnten, so würde das sicher überall auf dem platten Lande mit großer Freude be­grüßt werden. Unsere Bauern und Kleinstadt­bürger würden dann mit viel freudigerer Opferwilligkeit jeder notwendig toetbenben Heeres- Verstärkung zustimmen, wenn sie wüßten, daß ihre Söhne ihnen durch ben Militärbienst nicht mehr für immer geraubt unb in ben Großstabtsumpf verpflanzt werden, wenn fie hoffen könnten, dieselben nach beendeter Dienstzeit aus der naheliegenden Gar­nison in den Schoß ihrer Familie und ihres Berufes zurückkehren zu sehen.

Umschau.

Aus dem Vatikan.

Mit der Ausstellung der Leiche im Peters- dome haben die sogen. Novemdialien, die neun- tägigen Totenfeierlichkeiten ihren Anfang ge­nommen. Wie übrigens auS Rom gemeldet wird, ist die Leiche deS Papstes, entgegen früheren Brauch, so aufgebahrt, daß die Füße nicht aus dem Gitter der Kapelle hevauSragen, es infolgedessen auch unmöglich ist, sie zu küssen. Auch bei der feierlichen Ueberführung der Leiche in den Petersdom sind eine Anzahl von Zere­monien unterlassen worden, die man früher beobachtete. Wie schon bemerkt, hat auch die Feststellung des Todes nicht durch Berührung der Stirn des Verstorbenen mit dem silbernen Hämmerchen stattgefunden. Trotz der überaus großen Hitze, die gegenwärtig in Rom herrscht, drängen sich die Massen, sobald die Tore der PeterSkirche geöffnet werden, in fürchterlicher Enge. Am Donnerstag Morgen defilierten allein in den beiden Stunden von 6 bis 8 Uhr mehr als 15 000 Personen an der Leiche Leos XIII. Die 6 Trauergottesdienste der Novemdialien finden nicht tot dem Leichnam des Papstes, sondern vor einem prächtigen Katafalk statt, der nur ein Symbol des päpst­lichen Sarges darstellt. Am Freitag Abend, das ist der 31. Juli, treten die Kardinäle zum Konklave zusammen.

Diel beachtet wird die Antwort, die der Kardinalkämmerer Oreglia im Auftrage des Kardinalkollegiums auf die Beileidsdepesche Kaiser Wilhelms erteilt hat. Es heißt darin: Die Kardinäle, denen die zwischen Eurer Majestät und dem verewigten Pontifex gepflegten guten Beziehungen wohl bekannt sind, werden sich stets von denselben Gesinnungen leiten lassen, um die Freundschaft zwischen dem heiligen Stuhl und dem deutschen Reiche zu

gekauft, der Täter wäre vielleicht unentdeckt geblieben und ich"

Verzeihen Sie mir, Herr Assessor," sagte der Amtsrichter, ihm die Hand bietend,unb auch Sie gnäbige Frau," fügte er zu Annie gewenbet hinzu, deren bleiches Gesicht eine dunkle Röte überflog, als fie sich mit diesem Titel anreden hörte.

Sie haben nur Ihre Pflicht getan," er­widerte der Assessor freundlich,wie die Dinge standen, konnten Sie gar nicht anders handeln, gegen mich lagen wirklich ganz schwerwiegende Verbachtsgründe vor, unb was diese junge Dame anbetrifft," fügte er mit einem Anfluge von guter Laune hinzu,so hat sie Ihnen ja gar keine Wahl gelassen."

Ich danke Ihnen," sagte der Amtsrichter, ihm die Hand schüttelnd.

In Annies Augen standen große Tränen. Ich war sehr töricht, sehr kindisch," flüsterte sie,ach meine Angst war grenzenlos!" Sie rang in der Erinnerung daran die Hände.

ES ist alles vorüber," sagte der Amts­richter teilnehmend, während Ernst der Ge­liebten nur stumm die Hand zu drücken ver­mochte.

Das Protokoll über ihre Entlassung war schnell aufgesetzt und unterschrieben, und dann wanderten beide hinaus in den frischen Herbst­morgen, durch die herrlichen Gärten und Park­anlagen, wo an den mit buntfarbigem Laube bedeckten Bäumen bet soeben von der Sonne zerstreute Nebel in Millionen glänzender Tropfen hing.

Lange gingen fie schweigend nebeneinander, zu viel, zu bang, zu süß war eS, waS ihre

erhalten. Zur Papstwahl selbst wird von unterrichteter Stelle geschrieben; Italien, ebenso tote Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Eng* land werden dem Konklave gegenüber absolute Neutralität bewahren. Sonderbar ist nur da» Verhalten der Franzosen, die in grundlosester Weise Deutschland durch die Behauptung zu verdächtigen suchen, dieses beabsichtige durch seine beiden Kardinäle Kopp und Fischer Ein­fluß auf das Konklave zu gewinnen. Dem­gegenüber verlohnt es fich, auf die Zusammen- setzung des Konklave hinzuweisen. Dasselbe besteht auS 64 Kardinälen, von denen allein 40 Italiener find. Die 24 Ausländer verteilen sich folgendermaßen: Frankreich 7, Spanien 5, Oesterreich-Ungarn 5, Deutsch'and 2, da der Jesuit Steinhuber, der in Rom weilt, nicht als deutscher Kardinal mitgezählt werden kann, Großbritannien, Belgien, Portugal, Amerika und Australien je 1. Bei dieser Zusammen­setzung ist doch auch die Möglichkeit eines deutschen Einflusses ausgeschlossen. Nach der N. Fr. Pr." ist man in Wien überzeugt, daß auch der künftige Papst nicht Frieden mit dem Quirinal machen werde, hält es aber für möglich, daß die Spannung zwischen Italien und dem Papsttum einem erträglicheren Ver­hältnis Platz mache, namentlich in zwei Punkten. Der Papst könnte die sogenannte vatikanische Gefangenschast modifizieren, wenn er den Sommeraufenthalt außerhalb des Vatikans ettoa in der Papstvilla Gendolfe im Albaner Gebirge nehmen würde, da diese Villa, im Garantiegesetz als exterritorial erklärt ist. Ferner könnte der Papst eine Aeuderung in dem Verhältnis zu den katholischen Souveränen eintreten lassen, die zum Besuch des Königs von Italien nach Rom kommen. DerKöln. Ztg." zufolge ist der Tod deS Papstes am Montag nicht erst um 4 Uhr nachmittags, wie amtlich bekannt gegeben, sondern bereits um 2 Uhr 50 Minuten eingetreten. Man verheimlichte jedoch den Tod aus Vorsicht, weil doch vielleicht ein Irrtum bei den vielen voraufgegangenen Schwankungen möglich war. Da die amtliche Anzeige des Todes Papst Leo XIII. unterblieb, so hat die italienische Regier"ng ihre Anordnungen über die öffent­liche Trauer in Rom w'eder aufgehoben.

Die Hochwasserschäden und die Regierung.

Zn der furchtbaren Hochwasserkatastrophe in Schlesien hat die preußische Regierung erklären lassen, daß sie Vorbeugungsmaßnahmen treffen »volle. Die erste Hilfe' ater überläßt sie der Privatwohltätigkeit. Das wird allenthalben be­mängelt. Selbst regierungsfreundliche Blätter sagen, für öffentliche Ordnung und Volksgesund­heit habe der Staat zu sorgen; dies fei in keinem gesitteten Lande Sache privater Mild­tätigkeit. Auch zur Linderung der augenblick-

Herzen bewegte, als daß sich eines von beiden getraut hätte, das erste Wort zu sprechen; dieses Alleinsein inmitten einer lieblichen Landschaft war so entzückend, daß keines den holden Zauber zu zerstören wagte. Sie hatten bereits die Russische Kolonie" erreicht, als Ernst endlich sagte:Annie, wie konnten Sie sich als die Mörderin des Marquis angeben?"

Sie blickte still vor sich nieder und ant­wortete nicht.

Annie," wiederholte erbringender,warum taten Sie das?"

Weil ich fürchtete Sie Sie hätten den Marquis getötet," sagte sic mit abgewandtem Gesichte.

Sie wollten sich für mich opfern!" rief er lebhaft.

Konnte ich weniger tun für den Mann, der sich für mich opferte?" fragte sie einfach.

Er zog ihren auf dem seinigen rubenden Arm noch dichter an fich, beugte fich zu ihr nieder und flüsterte ihr ins Ohr:Du wußtest, daß ich Dich liebe, darum trautest Du mir jedes Opfer für Dich zu, und Du, wolltest Dich für mich opfern, weil Du mich liebst."

Sie schwieg.

Annie, sage, ist eS nicht so?"

Ein leises Kopfnicken war die Antwort.

Warum zögerst Du, das beseligende Wort auszusprechen?" tief er bittend und vorwurfs­voll, indem er ihr tief in die Anyen sah. Nichts trennt uns mehr; Du bist frei!'

(Fortsetzung folgt.)