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Vierteljährlicher Bezugspreis. <et der Expedition 2 3)1?., bet allen Postämtern 2,25 M. <c$cl. Bestellgeld).

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Nieelamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Donnerstag, 25. Jnni 1903.

mit dem Krersvlatt für die Kreise Marburg und Kirchham

Sountagsveilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

-Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Unwcrsttäts-Vuchdnickerei 38. Jahrg.

Marburg, Markt 21. Telephon »5.

Wählt Pappenheim!

Eine einzige Stimme knnn den AnSschlag gelten!

Darum, Freunde, sucht die Lauen undBequemen auf und bringt sie zur Wahlurne.

11 ' 1 " ......

Bor der Entscheidung.

Wir können uns nicht verhehlen, daß das Resultat der diesmaligen Hauptwahl nicht erfreulich für unser deutsches Volk ist, ein trauriger Beweis für den Tiefstand seiner politischen Reife und Einsicht. Aber auch wenig erfreulich im besonderen war das Wahl­resultat in unserer Stadt Marburg selbst. Nur wenige Stimmen mehr wie der sozialdemo­kratische, nur halb soviel Stimmen als der national-soziale hat der Kandidat der Ordnungs­parteien, Herr v. Pappenheim erhalten, ein Mann von bewährter Tüchtigkeit und er­probter patriotischer Gesinnung, von hohen Verdiensten um das Allgemeinwohl in unserer Heimatprovinz, der Gegenstand allseitigster Hoch­schätzung.

Tief bedauerlich und befremdend sind die zahlreichen Stimmen, die für den nationalsozialen Kandidaten abgegeben wurden. Weder seine Person noch die von ihm vertretene Sache konnten doch auf unsere Wähler eine solche Anziehungskraft ausüben, die uns diese Erscheinung erklärlich macht. Niemand hat ihn gerufen, aus eigener Machtvoll­kommenheit hat er sich hier installiert und in Person und durch seine Zeitung eine eifrige und leider auch erfolgreiche Agitation für seine Kandidatur im hiesigen Wahlkreise betrieben. Sonst hat er keinerlei Verdienste aufzu- weisen.

Auch das national - soziale Programm kann niemand bestechen. Was die Nationalsozialen wollen, haben sie uns bisher verschwiegen, uns nur immer^vorgepredigt was sie nicht wollen, so daß angenommen werden muß, daß sie überhaupt nicht wissen, was sie wollen. Groß waren sie nur im Ver­sprechen von Allem und Jedem, was von ihnen verlangt wurde. So sind sie denn auch verdientermaßen in der Hauptwahl überall in die Versenkung verschwunden das ist das einzig Erfreuliche wa8 von ihnen zu sagen ist und nut UttfCt Wahlkreis hat den zweifelhaften Vorzug, sich in der Stichwahl, der einzigen in die sie gekommen sind, mit den National­sozialen auseinander setzen zu muffen. Geleistet haben sie politisch nichts, geschadet dagegen unendlich viel durch die Konfusion, die sie in unklaren Köpfen angerichtet, durch die Verwirrung, die sie in unser

19 lNachdruck verboten.)

Gefesselt.

" Roman von Jenny Hirsch.

Fortsetzung.)

Richtig, ich werde Fräulein Wilson morgen ganz wohl antreffen. Ich hoffe, die gnädige Frau gestattet mir, mich morgen nach Ihrem Befinden und dem Befinden der jungen Damen zu erkundigen."

Sie werden uns stets willkommen fein," antwortete Frau von Hildach huldvoll

Dank, tausend Dank, sagte der Marquis, ihre Hand an seine Lippen führend.Auf Wiedersehen, Fräulein Wilson; ich hoffe mit Bestimmtheit, Sie morgen ganz wohl zu finden."

Es wollte Ernst bedünken, als hätte in den letzten Worteu'eine versteckte Drohung gelegen, und als sei Annie unter dem Blick, der sie be­gleitete, zusammengezuckt; doch konnte seine sehr erregte Phantasie ihm auch Dinge vorgegaukelt haben, die nicht da waren. Als sich jetzt die Tür hinter den Freundinnen schloß, .hatte der Marquis Frau von Hildach bereits wieder in eine Unterhaltung verwickelt und machte keine Miene, so bald aufzubrechen, zur Verzweiflung Joachims.

Er mußte zu einer frühen Stunde nach der Stadt zurück und sah sich jede Möglichkeit, eine ernste Unterredung mit dem Obersten unter vier Augen zu haben, abgeschnitten. Es war sogar fraglich, ob er Elisabeth noch einmal zu sehen bekommen würde.

Als sich der Marquis endlich empfahl, be­gleitete ihn der Oberst; der Abend versprach

ohnehin so verworrenes Parteileben, und die demagogische Verhetzung, die sie in die Mafien getragen haben. Wir brauchen dem Nationalsozialismus keine Träne nachzuweinen, dieser rückständigen Erfindung be8 em. Pfarrers Naumann.

Bei dieser Lage der Dinge wäre e8 doch geradezu widersinnig, wollten wir für eine so völlig verlorene Sache uns ins Zeug legen; wir würden uns ja geradezu lächer­lich vor aller Welt machen, wenn wir durch die Wahl des Herrn v. Gerlach ein neues Fähn­lein, einen ganzen Mann stark, schaffen würden!

Wir müffen uns darüber klar fein, daß eine weitere Folge der Wahl des Herrn v. Gerlach nur die Vermehrung der Zahl der in­transigenten Stimmen im Reichstag be­deuten würde. Denn die Nationalsozialen sind leider nur mit einem ganz winzigen Tropfen deutschnationalen Oels gesalbt, und wenn Herr v. Gerlach erklärt hat, im Fall feiner Wahl sich der freisinnigen Ver­einigung anschließen zu wollen, so berechtigt daß zu dem Schluffe, daß er in allen nationalen Ehrenfragen bei der grundsätzlichen Opposition zu finden fein wird.

Unzweifelhaft haben in unserer Stadt eine nicht geringe Zahl gerade der gebildeten Klaffe angehörigen Wähler füt Herrn v. Gerlach gestimmt. Dies ist UUt dadurch erklärlich, daß Herr v. Pappenheim, dem sie sonst in jeder Hinsicht ungleich näher stehen wie jenem, ein Agrarier ist das genügt, um ihn unmöglich für sie zu machen. Allerdings diesem Be­kenntnis stehen wir vollkommen fassitngs- los gegenüber! Es herrscht leider in manchen gebildeten Kreisen noch eine geradezu naive Unkenntnis der Landwirtschaft und ihrer Notlage, und wenn gar einer Großgrundbesitzer, noch dazu von Adel ist, dann ist er natürlich: Junker und Reaktionär! Und solchen Mann soll man wählen? Nimmermehr!

Zunächst: was wollen denn die Agrarier oder sagen wir lieber: was ist und was will der Bund der Landwirte? Der Bund der Land­wirte ist eine wirt sch aftlicheVereinigung, geschaffen zu dem Zweck, die Landwirtschaft, das Rückgrat unserer Nation, wieder zu einem lohnenden Erwerb zu machen, was sie längst nicht mehr ist. Ein Jeder, vom höchsten Staatsbeamten bis herab zum einfachen Arbeiter, will doch einen angemessenen Lohn für seine Arbeit ernten; warum darf diesen nicht auch der Landmann verlangen, der mehr wie jeder andere Be­rufsstand mit des Lebens Not zu kämpfen hat, der bei Jahr für Jahr steigenden Produktions­kosten keine Hoffnung sieht, für seine Produkte auch einen entsprechenden höheren Preis zu er­zielen?! Wenn er sich jetzt endlich wie andere auch organisiert, sich zur Wehre setzt und wohl mal grob zufährt, dann fällt das den Stadt­

wenig gemütlich in der Villa Hildach zu werden, er zog es daher vor, mit dem neuen Freunde nach Berlin zu fahren und noch einige Stunden im Kasino zuzubringen.

Auch Joachim blieb jetzt nichts übrig, als sich zu empfehlen. Als er, von Ernst begleitet, zögernd den Weg nach dem Gittertor zuschritt, kam Elisabeth leichten Fußes herbei geflogen.

Annie hatte darauf bestanden, allein zu bleiben," sagte sie,aber ich habe sie doch nur so lange verlassen, um Dir Lebewohl zu sagen, Joachim." Das Wort war ihr kaum entfahren, so wurde sie dunkelrot und blickte erschrocken auf Ernst.

Dieser aber nahm ihre und Joachims Hand. Ich konnte mir es denken, daß es vor der Trennung zwischen Euch zum Aussprechen kommen würde," sagte er herzlich;ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück."

Wie gut Du bist," antwortete Elisabeth, sich an seinen Arm hängend, während Joachim ihm warm die Hand drückte.

Wären wir nur bei Ihren Eltern auch erst so weit!" seufzte er.Es ist mir nicht gelungen, Deinen Onkel allein zu sprechen, Elisabeth."

Sie wollten heute sogleich Ihre Werbung anbringen? Das nenne ich einen schneidigen Husaren," lachte der Affeffor; ernster fügte er hinzu:Ich glaube, es ist bester, daß dies unter­blieben ist; eine regelrechte Belagerung dürste hier mehr am Platze sein, als ein noch dazu unvollkommen vorbereiteter Sturm."

Ich habe aber keine Zeit dazu," grollte der Leutnant

Herrn gleich gewaltig auf die Nerven, die bisher gewohnt waren, ihn den Pflichtkarren geduldig und duldend weiter ziehen zu sehen.

Aber Herrv. Pappenheim ist gewiß nicht einmal extremer Agrarier, er will nur die Jnteresten der Landwirtschaft nach Möglich­keit fördern und schützen wie Jeder der es gut mit dem Vaterlande meint. Er ist auch fein extremer Konservativer, sondern ein Mann frei von allerParteivoreingenommen- heit, der ein gleich w arm es Herz und offenes Verständnis für alle Berufsstände hat. Und einem solchen Manne sollten unsere mtttelpLrteiliche« Wähler die Nationak- soziale« vorziehen?

Wir brauchen feine importierten Größen, wir haben hier in unserem engeren Heimat­lande tüchtige Männer genug und für einen der der tüchtigsten und besten halten wir eben Herrr v. Pappenheim, dem wir vollstes Vertraue«» entgegenzubringen Ursache haben und der der richtige Mann für uns ist.

Wir Deutschen sind leider immer geneigt, unsere privaten Schmerzen, Verstimmungen, unverschuldetes und selbstverschuldetes Mißge­schick an der Regierung, an der Nation zu rächen. Wir feiern patriotische Feste, Sänger- und Schützenfeste, wir bauen Bismarcktürme, berauschen uns in patriotischen Liedern, singen: Deutsch­land, Deutschland über Alles, und dann gehen wir mit dem Wahlzettel für den Nationalsozialen in der Tasche zur Wahlurne! Wenn dies Verhalten manche Bismarckverehrer z. B. Bismarck miterleben müßte! Er würde ganz sicher eine sehr fräftige Bezeichnung dafür finden! Oder wir bleiben zu Hause und wählen überhaupt nicht, aus angeborener deutscher Siebenschläferei und allenfalls mit der Ent­schuldigung:es nützt ja doch Alles nichts." Machen wir dieser elenden Schlaffheit endlich einmal ein Ende! Die ist eine Schmach für unser Volkstum und die Haupt­ursache des jammervollen letzten Wahlausfalles. Wenig mehr wie die H ä l f t e unserer hiesigen Mitbürger sollen am 16. ihr Wahlrecht ausge­übt haben!

Ist es nicht geradezu eine Versündigung an der Nation, hinter dem Ofen sitzen zu bleiben, wenn das Vaterland ruft? Wie viel Zeit vergeuden, vertrödeln wir Tag für Tag mit Sitzen hinter dem Biertisch, Kegeln, Skalspielen und dergl. und wir sollten in 5 Jahren nicht ein einzigesmal eine Viertelstunde übrig haben, wenn dar Vaterland uns zu unserer Pflicht aus- ruft? Der allgemeinen Mißachtung sollte der verfallen, wer sich dieser Pflicht entzieht!

Kann eS für den patriotischen und loyalen Wähler eigentlich noch einen Zweifel

Hildach legte ihm die Hand auf die Schulter. Lieber Röber, Sie sind noch sehr jung und haben viel Zeit. Ihre Abwesenheit währt nur wenige Wochen."

Und wer bewahrt mir während deffen mein Kleinod?"

Ich selbst," antwortete Elisabeth munter, obwohl ihr daS Weinen nahe war.

Und ich," rief Ernst, hier meine Hand!"

Joachim schlug fräftig ein, indem er warm sagte:Ich danfe Ihnen."

Sie verabredeten noch, wie sie unter des Affeffors Vermittelung einander Briefe zusenden wollten, dann kennten sich die Liebenden nach einem furzen zärtlichen Abschied.

Elisabeth, wie steht eS mit Annie?" fragte Ernst als er an der Seite seiner Cousine wieder der Villa zuschritt. Elisabeths trotz der Tränen­spuren glückstrahlendes Gesicht nahm plötzlich einen traurigen, belämmerten Ausdruck an.

O, ich bin eine schlechte Freundin," tief sie,in meinem Liebesglücke habe ich nicht mehr an Annie gedacht. Ernst, ich fürchte, es steht gar nicht gut um sie."

Du hältst sie für ernstlich front?" fragte der Affeffor mit großer Besorgnis.

Nicht körperlich, obgleich auch ihre Gesund­heit gefährdet werden tönnte, aber seelisch. ES drückt sie ein schwerer Kummer, den sie vor allen Augen und selbst vor mir verbirgt; ich habe sie einige Male im Schlafe belauscht, und immer hat sie gestöhnt und abgeriffene Worte gemurmelt, als ob sie vor einem Verfolger fliehe. Auch heute, als sie aus der Ohnmacht erwachte, sagte sie, sie habe so entsetzlich gebäumt

Wählt Pappenheim!

Soll benn gerade unser Wahlkreis das im allen politischen Farben schillerndes national- soziales Monstrum aus der Taufe heben?!

geben: Wem er in der bevorstehenden Stich­wahl seine Stimme zu geben hat? Und must eS unserem Wahlkreise nicht Ehrensache fein, den Nationalsozialen entschieden und end- giltig abzuschütteln und ben Konser­vativen, zugleich Kandidaten bet Ordnungsparteien, auf den Schild zu erheben? Weuu Jeder seine Schuldigkeit tut, wird und must morgen Herr v. Pavvenheiur mit grotzer Majo­rität gewählt werde»! s.

Umschau.

Wähler!

Unter dieser Ueberschrift tierbretten die Nationalsozialen ein Flugblatt, daß von Verleumdungen ihrer Gegner geradezu strotzt.

Tie Konservativen sind keine Gegner der Sicherung des Wahlgeheimnisses k Denn gerade die größte Sicherung des Wahlgeheimnisses kommt ihnen zugute, wie der Ausfall der Wahlen beweist, in denen 37. Konservative im ersten Wahlgange glatt aewählt wurden, von den heilen srei- sinniren Parteien und den National- sozialen aber auch nicht ein einziger Mann!

W-l Konservativen beabsichtigen gcurzrmd gar nicht, das allgemeine gleiche, direkte nnd geheime Wahlrecht anzntasten! Tie gegenteilige Behauptung ist lediglich t»«C Ek» findnng unserer Gegner, um das Volk gegen die Konftrvrtivrn auszuhetzerr.

Wir Konservative sind zum Teil Gegner von Diäten für Rkichstaqsabseord- nete. weil wir nicht jedem charakter­losen, arbeitsscheuer» Schwätzer das Wohl «Ud Wehe «Useres Volkes an­vertraut sehen wollen, sondern Männern, die mitten im praktischen Leben stehen, in ernster Arbeit erprobte« und ge- sestigten Charakterr«. Sollte f ü r s olche Männer einmal der Mangel an Diäten ein Hinderungsgrund sein, sich um ein Reichstags» Mandat zu bewerben, werden wir Konser­vative« auch «ndediugt sür Diäte« zu Haden sein. Solange aber sich eine solche Unmenge von Kandidaten wie bei der diesmaliaen Wahl um Neichstagsmandcrte auch yh«k Diäteu bewirbt, halten wir es für verwerflich, das arbeitende Volk mit Millionen «euer Steuern zwecks Zahlung

Hast Du eine Ahnung, was die Beranlaffung zu dieser Ohnmacht war?"

Annie ist so schreckhaft; ich denke mir, der unerwartete Anblick des Fremden im Salon war die Ursache."

Glaubst Du, daß sie den Marquis kennt?

O, nicht doch, dann würde er sie doch be­grüßt haben," erwiderte die arglose Elisabeth.

Der Affeffor war anderer Meinung, aber er hütete sich, seiner Base etwas davon mitzu­teilen. Der Marquis hatte ihm den Eindruck eines Vogelstellers gemacht, der einen Vogel, welcher seinem Netz entschlüpft ist, durch die Macht seines Blickes wieder bannt.

Welche Macht besaß der Franzose aber über Annie? Lag hier der Schlüffel zu dem Ge­heimnis, daS ihre Seele bedrückte und auch al» Scheidewand zwischen ihr und ihm stand? Drohte der Geliebten von diesem Manne Gefahr? Ernst beschloß, auf der Wacht zu stehen, um sie zu schirmen und zu verteidigen wenn es sein Müsse mit dem eigenen Leben.

Frau Oberst von Hildach befand sich in einer bei ihr nicht häufig vorkornrnenden guten Laune; die Dinge gestalteten sich sehr nach ihren Wünschen, und wenn ihr davon etwas nicht recht schien, so war eS, daß dies zum größten Teile ohne ihr Zutun geschah.

Joachim von Röber war jetzt vierzehn Tage von Potsdam entfernt, und so scharf sie auch die Korrespondenzen der Villa Hildach beauf­sichtigte, hatte sie doch nicht daS ©ermgfte be­merkt, was auf einen schriftlichen Verkehr zwischen dem Leutnant und ihrer Nichte Elisa­beth schließen ließ. (Fortsetzung folgt.