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seine Schulter.

Der Leutnant, Elisabeth und auch der Oberst eilten erschrocken herbei, man trug Annie zum Sopha, Elisabeth beschäftigte sich um sie und erzählte dabei klagend: .Das kommt davo^ daß sie heute an dem heißen Tage sich gleich nach Tische in ihr Zimmer gesetzt und ge-

,Sie kommt zu sich!" rief Elisabeth, welche Annies Haupt mit ihren Armen un erstutzte ! .Liebe Annie, hast Du Dich erholt?" fragte sie zärtlich, als das junge Mädchen bte großen Augen aufschlug.

.Ich habe so entsetzlich geträumt," flüsterte Annie und schaute sich um, offenbar erschrocken und verwundert, sich im Salon zu finden. Plötzlich schloß sie die Augen wieder und be­deckte sie mit der Hand, wie jemand, der einen Anblick gehabt, der ihm Furcht einfloßt. Nur Ernst hatte bemerkt, daß ihr Blick auf den Marquis gefallen war.

O mein Gott, sie wird von neuem vhn» mächtig!" klagte Elisabeth, jetzt aber richtete sich Annie empor, man sah, daß sie ihre ganze Willenskraft aufbot.

Marburg

Mittwoch. 24. Juni 1903.

Brotwucher?

Herr v. Gerlach scheut sich nicht, diejenigen Leute, welche zum Schuh unserer Landwirtschaft einen höheren Getreidezoll fordern, mit dem entehrenden Namen.Brotwucherer" zu belegen. Er und seine Eideshelfer, die Herren vom Handelsvertragsverein, jüdische und andere Börsenmänner und Getreidespekulantcn suchen durch ungeheuerliche Uebertreibungen, durch theoretische Berechnungen, die von der Praxis längst widerlegt sind und täglich widerlegt werden, das Volk durch dieses Schlagwort zu verhetzen. Daß sie damit bei dem mit der Landwirtschaft nicht oder wenig in Berührung

gang verfallen sein. Außerordentlich empfind­lich aber würde der Staatssäckel den vielen , Millionen betragenden Ausfall an Zolleinnahmen verspüren. Der Industriearbeiter und der Stadtbewohner würde sein Brot v i e l l e i ch t (? ?) um eine Kleinigkeit billiger haben; aber, aber wer soll das Riesendefizit der Staatskasse decken, Ihr Herrn National- sozialen ?

Armee und Marine sollen doch nach Eueren Aussagen auf ihrer Höhe erhalten bleiben, die Beamtengehälter erhöht werden, wo- her bann aber nehmen? Neue Steuern sind die unausbleibliche Folge und bas wirb bann I von allen Kreisen ber Bevölkerung bitterlich empfunden werden.

Doch die Folgen sind noch viel weitgehender, die Landwirtschaft verliert ihre Kaufkraft, die städtischen Läden stehen leer und warten ver­gebens auf die sonst so kaufkräftigen ßanbleute, I die Handwerker werden es ebenfalls merklich I spüren, die landwirtschaftlichen Löhne muffen I finken, viel Landarbeiter werden die Stadt aus­suchen und dem Industriearbeiter I schwerste Konkurrenz machen, auch seine Löhne drücken, ja viele arbeitslos machen.

I Der gesamten Industrie, die in einem kauf­kräftigen Landvolk einen vorzüglichen Abnehmer

I batte, wird es an Absatz mangeln, gar mancher Betrieb wird eingeschränkt, vielleicht gar ein­gestellt werden muffen, die Arbeitslosigkeit wird eine immer größere Ausdehnung annehmen. Was wird denn dem Arbeiter das billige Brot nützen, wenn er kera Geld hat, um es zu kaufen?

Und nun die Heinen Landwirte, bte nach v. Gerlach u. ©en. kein Getreide verkaufen und also keinen Gewinn von höheren Getreide- preisen haben, und die er jetzt verleiden will, ihn, den Zollgeaner zu wählen, werden sie bte Erhöhung der Steuern, die infolge des Zoll- ausfalles unbedingt kommen muß und die auch ganz gewiß gerade sie am schärfsten treffen wird werden sie aus lauter Liebe zu Herrn v Gerlach diese Steuererhöhung mit Vergnügen auf sich nehmen, um den Nichtlandwirten billigeres Brot zu verschaffen!? Man sieht also daraus, daß entgegen der Behauptung des Herrn v. Gerlach auch der Landwirt, der fein Getreide verkauft, dennoch indirekt wohl einen Vorteil von diesem Schutz- und Finanzzoll hat.

Nun begehen aber Herr von Gerlach und Gen. noch andere Fehler, sie verwechseln B. zunächst, daß Getreide- und Brotpreis durchaus nicht identisch sind, nicht einmal m einem festen Abhängigkeitsverhältnisse stehen, tote man es allerdings erwarten sollte. Da machen sie eben die Rechnung ohne den Wirt, und der ist in diesem Fall das internationale Jobbertum, der Börsenjude, der Getreidespekulant, der in der Gegenwart das Mühlenmonopol anstrebende.

j. 3t. Kassel, Jordanstr. 12.

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.Nein, nein, es ist schon vorüber, eS war nur eine augenblickliche Schwäche. ^r ist schon wieder ganz wohl," versicherte sie.

.Ihr Aussehen ist nicht darnach, Sw find erschrecklich bleich, Fräulein," sagte d^Leutna^, während Ernst, keines W°r es mächtig fern Auge auf Annie gerichtet hteltundesvon dort verstohlen zu dem MarqmS schweifen ließ, der den Vorgängen anscheinend als unbeteiligter Zuschauer beiwohnte. ,

Ich habe nur etwas Kopfweh, brachte das junge Mädchen mit Anstrengung hervor.

Laß Dich auf Dein Zimmer führen, meine arme Annie," sagte Elisabeth, sie umfaffend,

I mit weicher Stimme; .Du entschuldigst, liebe I Tante, wenn ich heute meines Amtes am Kaffee- tische nicht walte," fügte fi-, zu Frau v°n $1«

I dach gewendet, hinzu, gleichzeitig suchte ihr I Auge wie abbittend Joachims Augen.

I Ich darf Dich Deinen FreundschastSpflichten I nicht entziehen," erwiderte Frau von Hildach I mit ironischer Freundlichkeit, .unser ©ast muß I jetzt mit einer älteren Mundschenkin furlteb I *1 meine gnädigste Frau, womit habe ich I soviel Huld verdient," beeilte sich der Marquis! I zu sagen; .meine Damen," fuhr er, sich an Elisabeth und Annie wendens fort, .ich bm untröstlich über den unglücklichen Zufall, hoffe aber, die Krankheit wird schnell voruberge^n

I und ich werde Miß - Miß - tote sagten Ete

I Waltete MI-teth ei«

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Erscheint wöchentlich sieben mal.

Dntck und Verlag- Joh. Ang. Koch, Umverfitäts-Buchdrnckerei 38. Jllhl'si.

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Roman von Jenny Hirsch. : I (Fortsetzung.) I

Der MarquiS schien davon nichts zu be- . merken. Lebhaft nahm er das bei dem Eintritt des jungen Offiziers unterbrochene Gespräch wieder auf und schilderte in seinem gebrochenen Deutsch den Eindruck, welchen Potsdam auf ihn

* gemacht hatte. I

.Schöner als Versailles, ich muß es ge- ! stehen," sagte er mit seiner eigentümlich ver­schleierten Stimme und sein dunkles, für ge­wöhnlich recht durchdringend blickendes Auge nahm einen melancholischen Ausdruck an, .unser armes Versailles ist eine trauernde Königs­witwe, Potsdam ist eine gebenedeite Königs­und Kaiserfrau." . .

Frau von Hildach lächelte wohlgefällig, das Wesen des Marquis übte einen Zauber auf sie aus, dem sie sich nicht zu entziehen vermochte.

.Den Kaiser haben Sie doch noch nicht ge­sehen," fragte sie.

Nein, aber ich werde ihn sehen, versetzte der Marquis mit Bestimmtheit.

Der Kaiser reist Ende der Woche.ab , warf der Leutnant hin. -

Wir sind jetzt erst am Anfang der Woche, erwiderte der Franzose,ich werde alle Tage nach Potsdam kommen, vielleicht bleibe

Wo der Marquis bleiben wollte, erfuhren die Zuhörer für dieses Mal nicht, denn die Lür öffnete siL und Elisabeth erschien auf der

Ibonnements-Einladung.

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Da die .Oberhesfische Zeitung' in ständiger Ver­bindung mit dem größten deutschen, aus amtlichen Quellen bedienten telegraphischen Bureau steht und rin weitverzweigtes Netz von Korrespondenten in ihrem Verbreitungsbezirke und weit darüber hinaus unterhält, so ist sie in der Lage sicher für jedermann etwas zu bringen, was dessen Interesse besonders in Anspruch nimmt. Außer- dem ist sie immer bemüht, die Zahl ihrer Nachrichten aus Stadt und Land zu vermehren, da der sich be- ständig vergrößernde Leserkreis der «Oberhesfischen Zeitung" dies erfordert und ermöglicht. Der Aus­wahl der zur Veröffentlichung kommenden Romane und Erzählungen werden wir erhöhte Ausmerlsamkeit widmen.

Zum Schluffe bitten wir unsere zahlreichen Freunde und Leser, in ihrem Bekanntenkreise zum Abonnement auf unsere Zeitung auszu- sordern!

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Redaktion und Verlag derOberhefsische« Zeitung".

sendet uns folgenbe Erklärung zur Veröffentlichung.

Auf mehrfache Anfragen aus bem Wahlkreise Marburg erkläre ich, daß meines Er­achtens für keinen Antisemiten ein Zweifel darüber sein kann, daß er gegen die National- so ialen stimmen muß, damit dieser Spuk endgiltig aus unserem politischen Leben verschwindet.

MchM MMilg

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg «nb Kirchham.

Sonntagsbeilage: Illnstrirtes Sonntagsblatt.

K. Herr Landtagsabgeordneter Otto Hirschel ein früherer Freund Dr. Böckels und ein im hiesigen Wahlkreise nicht unbekannter Mann bittet uns ebenfalls um Veröffentlichung folgender Erklärung:

Ich halte es für Ehrenpflicht eines jeden Landwirtes, daß er alle Anstrengungen macht, damit jenes Parteigebilde, bem Herr v. Gerlach anzehört nicht zum^ ersten Malel eine parlamentarische Vertretung erhält und noch dazu in einem fast rem landwirtschaftlichen Wahlkreise. Offenbach, 19. Juni 1903.

Der Schriftführer des Hessischen Bauernbundes:

Otto Hirschel, Landtagsabgeordneter."

i Herr Liebermann von Sonnenberg

*'.1 Mitglied des Reichstages.

kommenden Teil ber Industriearbeiter einen I niedrigsten Zolles sind die höchsten Getreidepreise niitptt ffrfnla erri-len ist ja nicht sehr zu I erzielt worden. Es soll damit keineswegs em verwundern Daß aber auch gebildete Leute, die Einfluß des Zolles, auf den Grtrndepreis ge- auf^dem Lande wohnen, als Pfarrer und Lehrer, leugnet, oder gar eine gegenteilige Wirkung det ja, daß sogar Bauern selbst auf diesen groben Zölle bewiesen werden, aber ^eser Einfluß ist Schwindel reinfallen, ist eine geradezu erstaun- nur ganz öern;a nur uebensach icher Art licke und kaum zu erklärende Erscheinung. m der Hauptsache hangt die Gestaltung des j liege uno taum zu tu. iw B Getreidepreises vorn Weltmarkt ab, von der

Im folgenden erlaubt sich einmal ein Nicht- Gesamtaetreidev^oduktion der Welt und von landwirt seine» Gedanken darüber Ausdruck zu eigentlichen

ße6terr von Gerlach und seine Kampfgenoffen Br°twucherer" an der Börse behaupten, die Erhöhung der Getreidezölle bringe DerZollmuß «l»» unbedingt hShe^re mit Naturnotwendigkeit eine Erhöhung der t r e tb eD r -

Brotvreiie mit sich unb damit eine Der- I wir an, die hauptsächlichsten GettkideproduMons LmÜgdeswichtigsten Teiles der Ernährung gebiete,, wie. Rußland, Amerika u. a haben

des gesamten Volke? sie bestreiten dagegen die gleichzeitig eine vorzügliche f^e, sie haben

Notwendigkeit der Erhöhung der Getreidepreise viel mehr geerntet, als sie. blbst verbrauch n

für den Landwirt, sie behaupten, daß nur wenige lönnen. Daher sind sie genötigt den Neberfluß

Prozent der landwirtschaftlichen Bevölkeruno, um jeden Preis abzustoßen. Was nutzt nun in

die 5Junker und Manschettenbauern" Vorteil solchen Zeiten unserem Getretdeproduzenteii der

von höheren ©etreidepreisen hätten, da der mitt- Zoll? Offenbar schützt erf P^Y^Mabnitfit

lexe und Heine Snntoirt lein Getreide nertafe. ?»<?>»;. « l'jlfeÄH

D-b die hdheren Me auch «ödere S e- ^khÄern^'L

trerdepreise bkdingen. behauptet ^rr^.®. aber hat aus den hohen Zolleinnahmen

und wunschen auch die Agrarier Schreiber . f' ©etoinn.

bicfcT teilen ift inbßAuci Qitf bic Sc^ciuptunö I " x cm 5X

anderer Meinung; den Wunsch teilt er indessen: Wie wäre eS aber, toenn nach Wunsch der

Seine langjährigen Beobachtungen stimmen I Zollgegner fein ober mir em sehr adriger mit der Statistik, die schon zum Ueberdrutz ver- Zoll vorhanden wäre? Der deutsche Getreide- öffentlicht worden ist, überein, woraus hervor- I markt würde mit billigem auSlanbifäen ©e aebt daß die niedrigsten Getreidepreise in | treibe überflutet, ber beutle Produzent wurde d e Zeit fallen in denen wir den höchsten nur mit schwerstem Verlust verkaufen können,

Zoll Chatten und umgekehrt, zu Zeiten des also den Getreidebau aufgeben m er bem Unter-

Schwelle, in geringer Entfernung hinter ihr schriebeii^hat,^ich fand sie schon ganz bleich, als ^Frau""von Hildach, die über der Unter- .Willst Du nicht klingeln und das Mädchen baltunq mit bem Marquis vergessen, daß die I herbeirufen, damit sie das Fräulein auf ihr Kaffestunde bereits überschritten war, besann I Zimmer führt?" sagte Frau von Hildach zu sich beim Anblick der jungen Mädchen darauf I ihrem Sohn. Sie hatte sich nicht von ihrem und fagte mit ihrem kalten Lächeln unb feier- I Platze gerührt, und auch der Marquis war an lichen Ton: .Wo bleibst Du denn, liebe Elisa- I ihrer Seite geblieben. Semem fragend> auf sie beth? Ich fürchte, das Wasser im Kessel ist I gerichteten Blicke begegnete sie mit der E - bereits verdampft und wir haben einen ©ast." I klärung:Die junge Dame ist eine Engländerin, O, ich bitte sehr, meine Gnädigste," er- | Miß Wilson. ..

widerte ber Marquis galant,ich habe bis jetzt I .Eine Hausgenossin? fragte ber Marquis, nicht an Speise und Trank zu benten vermocht,Nur vorübergehend. ..

wenn freilich eine solche Hebe ihn kredenzt |Leidet die junge Dame oster an solchen darf ich bitten, mich bem gnädigen Fräulein -" Zufällen?" .. b

Er vollendete den Satz nicht, fein Auge -Möglich; ich habens aber noch nicht blickte mit seltsamer Starrheit über Elisabeth mertt^auf jeden Fall hinweg nach ber Tür, in beten Rahmen jetzt 1 -----r,A

I Annie erschienen war.

Der Herr Marquis von Maleville meine Nichte Elisabeth von Hilbach," stellte Frau von Hildach vor, aber auch sie warb unterbrochen.

Mit bem Ausruf:Fräulein Wilson, was ist Ihnen?" stürzte Emst vorwärts unb fing die Wankende in feinen Armen auf. Toten- I bleich, mit geschlossenen Augen unb zuckenden | Lippen lehnte bas junge Mädchen beji Kops an

Liebermann von Sonnenberg

M. V. R."

(Nachdruck verboten^

Gefesselt.

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