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mit -em Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sontttagsbeisage: Jklitstrirtes Sonntagsblatt.
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Vierteljährlicher Bezugspreis; bet der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 Mk. <e$cl. Bestellgeld).
Jnserttonsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Rcclauien: die Zeile 25 Pfg.
Marburg
Freitag, 12. Sunt 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Umvcrsitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg.
Freisinnige Liebenswürdigkeit gegen Bauern.
Die Herren Freisinnigen wollen es nicht wahr haben, daß sie von feindseliger Gesinnung gegen unsere Bauern beseelt wären. Diese Heuchelei steht freilich in schroffem Gegensatz zu dem Eifer, mit welchem von freisinniger Seite nicht nur die Korn-, sondern auch die Vieh- und Schweinezölle, und alle veterinären Grenzsperren zum Schutze der bäuerlichen Viehbestände gegen Verseuchung durch ausländische Vieheinfuhr bekämpft werden.
Dies ist auch seiner Zeit seitens der nationalsozialen Herren Naumann und von Gerlach geschehen, die im vorigen Herbste in Berlin große Volksversammlungen abgehalten haben, in denen sie gegen Viehzölle «nd gegen Grenzsperre« Stimmung z« mache« suchte«. Damals hatten die Herren Großstädter sich gegenüber. Heute, wo H. v. Gerlach unseren Kleinbauern gegenüber steht, scheint er sich seiner früheren Reden nicht mehr zu entsinnen. Wenn er aber wieder nach Berlin kommt, wird es ihm schon wieder einfallen und er wird weiter gegen Viehzölle sprechen und gegebenen Falls die Oeffnung der Grenzen fordern. Denkt daran, ihr Bauern, wenn ihr zur Wahlurne schreitet!
Beim Fleischbeschaugesetz hat sich ebenfalls die freisinnige Bauernfreundschaft gezeigt, indem sie mit den Sozialdemokraten einig war, daß man das Fleisch vom Auslande her ohne Untersuchung auf unseren Markt lassen dürfe, trotzdem daS von den Schlachttieren der deutschen Bauern stammende Fleisch erst in den Kochtopf der Konsumenten wandern darf, nachdem es einer zweimaligen, für unsere bäuerlichen Produzenten sehr kostspieligen Untersuchung unterzogen ist. Ja, die freisinnigdemokratischen Bauernfreunde gingen in ihrer liebevollen Fürsorge für die Gesundheit jener bekanntlich sogar so weit, zu fordern, daß auch jedes Stück Kleinvieh, welches Bauern und Landarbeiter für ihren eigenen Hausbedarf allein schlachten, der kostbaren Doppelbeschau vor und nach der Schlachtung unterworfen werden müsse. Das wäre eine nette Plage und Ausgabe für unsere Landleute geworden, wenn sie vor Schlachtung jedes Schweinchens, Hammels oder Kalbes erst den vielleicht meilenweit entfernt wohnenden Fleischbeschauer herbeiholen und ihn natürlich auch für Reise und Untersuchung entsprechend hoch
8 (Nachdruck verboten.)
Gefesselt.
Roman von Jenny Hirsch.
(Fortsetzung.)
»Ich bedauere unendlich, daß durch mich Anlaß zur Störung Ihrer Hausordnung gegeben ist," sagte Annie sichtlich erschrocken; „Du hättest daS nicht tun sollen, Elisabeth," fügte sie mit sanftem Vorwurf gegen die Freundin gewendet hinzu.
„Meine Nichte ist ein wenig unbedacht und zieht nicht in Erwägung, daß Rücksichten auf einen Hausgenossen nicht auf Kosten der anderen geübt werden dürfen," versetzte Frau von Hildach in ihrer kühlen Weise; „Du weißt, mein Kind, wie unangenehm Deinem Onkel jede Verzögerung seiner Mahlzeiten ist."
„O, ich warte schon einmal; Ernst ist ja übrigens auch noch nicht da," begütigte der Oberst.
„Als ob wir je auf Ernst warten könnten!" seufzte Frau von Hildach. „Du schiltst ja selbst über den Mangel an Pünktlichkeit, der bei den Civilbehörden herrscht."
„Wohl richtig, heute bin ich aber gar nicht hungrig," erwiderte der Oberst, den Annie, welche sichtbar unter diesen versteckten Vorwürfen litt, dauerte.
„Da ist er schon!" rief Elisabeth. Die Schmollmiene, welche sie bei dem Verweise der Tante aufgesteckt hatte, hellte sich bei dem Eintritt des Vetters auf. Sie eilte ihm mit ausgestreckter Hand entgegen und fuhr in dem scherzenden Ton, den sie gegen ihn anzuschlagen liebte, fort: „Gott sei Dank, daß Du da bist, Ernst; hättest Du heute nachsitzen müssen, kalten Braten und
hätten bezahlen müssen. Die Bauern und Arbeiter können von Glück sagen, daß diese Forderung ihrer „Freunde von der Linken" durch die agrarischen Parteien abgelehnt wurde.
Wie sehr sich die eifrige Bauernfreundschaft der Freisinnigen darin äußert, daß sie jede staatliche Unterstützung und pekuniäre Förderung des für die Bauern und andern Mittelstandsleute auf dem Lande s o dringend nötigen genossenschaftlichen Zusammenschlusses verdammen, daran haben wir schon wiederholt erinnert; ebenso daran, daß ein freisinniger Parteiführer sogar die den Bauern vom Staate gezahlten Entschädigungen für Manöver-Flurschäden mit scheelem Auge ansah.
Selbst von sozialdemokratischer Seite wird es zuweilen anerkannt, daß die Erwerbslage unserer Bauern eine recht traurige, daß sie häufig viel schlechter sei, als diejenige der bei „Hungerlöhnen" lebenden Industriearbeiter. Wie aber die Herren vom Freisinn über diesen Punkt denken, das verriet einer der „Bauernfreunde" dieser Partei, der Redakteur des freisinnigen Lokalblattes im Wahlkreise des Parteichefs Eugen Richter (Hagen), als er nach dem Bericht des „Westfälischen Anzeigers" die mit ihrer Lage unzufriedenen Bauern „eine auSge- tragene Gesellschaft mit unbeschränkter Habsucht" nannte. Dieses liebevolle Freundschaftswort sollte man den freisinnigen Agitatoren überall unter die Nase reiben, wo sie sich auf dem Lande blicken lassen.
Umschau.
Die inaktiven Offiziere und die Wahlen.
Der Vorstand des Vereins inaktiver Offiziere der deutschen Armee und Marine veröffentlicht folgenden Aufruf zur Beteiligung an den Wahlen:
„In Anbetracht des stetigen Anwachsens einer für die staatlichen Interessen höchst ungünstigen parlamentarischen Vertretung im Reichstage ist es dringend geboten, daß alle patriotisch gesinnten Männer, und mit ihnen die inaktiven, sowie die dem Beurlaubtenstande angehörenden Offiziere und Sanitätsoffiziere an den am 16. Juni d. I. stattfindenden Wahlen teilzunehmen. Da der nächste Reichstag über äußerst wichtige Fragen zu beschließen haben wird, so können nur dann Erfolge erwartet werden, wenn die staatserhaltenden Parteien in der erforderlichen Mehrzahl vorhanden find. Diese« Ziel kann jedoch nur durch eine rege Beteiligung an den Wahlen erreicht werden. In dieser Erwägung glaubt daher der Verein
zerlaufenes Eis bekommen, so würde ich die Schuld daran tragen."
Frau von Hildach schüttelte leise den Kopf und warf ihrer Nichte einen mißbilligenden Blick zu, Ernst lachte aber hell auf.
„Wegen Schulversäumniflen nachfitzen müssen, Du bist köstlich Elisabeth I Ihr seid also wirklich noch nicht bei Tische! Das ist prächtig; kommen Sie nur herein, Röber, wir find noch zur rechten Zeit eingetroffen!" rief er durch die halb offen gebliebene Tür; „ich habe uns nämlich noch einen Gast mitgebracht, liebe Mutter," fügte er, zu der verwundert ausschauenden Frau von Hildach gewendet, hinzu.
Im nächsten Augenblick erschien in der Tür ein sehr hellblonder, blauäugiger junger Mann, zu dessen frischem Geficht und kräftigem Wuchs die Uniform des Gardehusarenoffiziers ganz vortrefflich paßte. Er verneigte sich mit untadeligem Anstande, ohne doch eine leichte Befangenheit verbergen zu können, und entschuldigte sich bei der Hausfrau wegen dieses Ueberfalls.
„Er tut, als sei er der Angreifer, während er der Gefangene ist," scherzte Ernst; „ich begegnete ihm in der Nähe der Meierei und habe ihn mit Beschlag belegt."
„Halb zog es ihn, halb sank er hin," flüsterte der Leutnant Elisabeth zu, gegen die er sich soeben begrüßend verneigt hatte.
Das junge Mädchen war beim Eintritt des Offiziers in eine Verwirrung geraten, die sie nicht ganz zu verbergen vermochte und die sich noch steigerte, alS er ihr das Citat zuraunte.
Die sonst alle Zeit Schlagfertige blieb die Antwort schuldig und war sehr froh, als in diesem Augenblick der Diener die Tür des an
inaktiver Offiziere der deutschen Armee und Marine, alle vorerwähnten wahlberechtigten Offiziere daran erinnern zu sollen, daß es jetzt unter allen Umstäntzen für sie eine Pflicht sein muß, am 16. Juni von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Die ungünstigen Verhältnisse im Reichstage find, wie allgemein bekannt, mit dadurch entstanden, daß sehr viele Wähler sich an den Wahlen nicht beteiligt haben. Es kommt daher auf jede einzelne Stimme an."
Etwas ausführlichere Meldungen über unsere Südpolarexedition kommen merkwürdigerweise von privater Seite über London. Sie lauten: Das Schiff verrät die Zeichen der Berührung mit dem Eise. Nach Abfahrt von Kapstadt landete der „Gauß" auf der Kergueleninsel eine Abteilung, die das schwimmende Eis am 14. Februar 1902 erreichte. Das Schiff fror am 22. Februar unter der Breite von 66y2 Grad und der Länge von 90 Grad ein. Neues Land wurde entdeckt und „Kaiser Wilhelm II. Land" getauft. Dies war mit Eis bedeckt, mit Ausnahme eines untätigen Vulkans. Hier saß die Expedition fast ein Jahr fest und führte viele wissenschaftliche Untersuchungen aus. Als das Winterquartier endlich verlassen wurde, fand man die Jahreszeit zu weit vorgerückt. Schneestürme und Finsternis hinderten das Vordringen. Der „Gauß" fand einen Ausweg nach Norden und verließ daS Eis am 8. April. Er fuhr nach Durban, passierte die Kergueleninsel und lief unterwegs die Sanct Paul- und Amsterdaminseln an. Die Mitglieder erfreuten sich bester Gesundheit. Während der ganzen Fahrt fand kein Unfall, keine Erkrankung und kein Todesfall statt. Dr. Drhgalski spendet der Brauchbarkeit des Schiffes sowohl im Waffer wie im Eise hohes Lob. Ausrüstung und Proviant genügten, wie er sagte, auf weitere zwei Jahre. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt u. a.: Der Name „Kaiser Wilhelm II.-Land" wird nun auf den Landkarten und in der Geschichte der Geographie die Erinnerung daran festhalten, daß daS deutsche Reich als solches sich opferwillig beteiligt hat an der Lösung der für den Verkehr in den südlichen Meeresteilen so wichtigen Aufgaben. An die Beteiligung Deutscher an der Erforschung der südpolaren Gewäffer erinnerte auf den Karten des antarktischen Gebiets bisher nur die Namengebung im Westen von Graham-Land, wo Kapitän Dallmann auf seiner Fahrt mit dem Schiff „Grönland" im Südsommer 1873/74 feinen Entdeckungen deutsche Namen gegeben hat, so den Kaiser Wilhelm- Inseln. der Bismarck-Straße, der Petermann-, der Goßler-Jnsel usw.
stoßenden Zimmers öffnete und meldete, daß angerichtet sei.
Ernst machte eine Bewegung, als wolle er Annie den Arm bieten, schon ertönte aber die gedämpfte und doch so gebietende Stimme der Hausfrau: „Lieber Wilhelm, Du führst wohl heute unseren Gast."
Der Oberst kam sofort dieser Anordnung nach, Frau von Hildach nahm den Arm des über diese Auszeichnung gar nicht sonderlich erfreuten Leutnants, und so war es denn selbstverständlich, daß Ernst und Elisabeth das dritte Paar bildeten.
„Armer Ernst, Du mußt nehmen, waS übrig bleibt," scherzte sie» während sie mit ihm den voranschreitenden Paaren folgte.
„Und ich hatte es so gut mit Dir im Sinne, lediglich Dir zu Gefallen habe ich mich heute auf den Leutnantsfang verlegt," gab er im gleichen Tone zurück.
„Doch wohl nicht, ohne dabei ein klein wenig des weisen Spruches zu gedenken: Alles Gute, was wir anderen tun, erweisen wir uns selbst," erwiderte sie mit schelmischem Lächeln und einem Blick auf Annie.
„Still!" flüsterte der Assessor und winkte mit den Augen nach seiner Mutter.
Sie hatten, mehrere schön eingerichtete Gemächer durchschreitend, den nach der Parkseite belegenen Speisesaal erreicht, in dessen Mitte die für sechs Personen sorgfältig gedeckte, reich mit Blumen geschmückte Tafel stand. Mit einer Handbewegung wies die Hausfrau den Tisch- genossen dergestellt ihre Plätze an, daß Annie zwischen den Leutnant und den Obersten, Elisabeth zwischen den letzteren und Ernst zu sitzen kam, während sie selbst ihren Sohn und Röber
Der serbische Königsmord.
Belgrad, 11. Juni. Heute Nacht 1 Uhr drangen nach der „Franks. Ztg." Verschwörer in den Konak des Königs ein, um den König Alexander abzusetzen und Karageorgiewitsch zum König zu proklamieren.
Der König Alexander und die Königin Draga wnrde« tot im Bette gesunde«. Wie verlautet, hat der König zuerst die Königi« «nd daun fich selbst erschossen. 3 Minister und der Bruder der Königin wurde« ermordet. ES wurde eine provisorische Regierung gebildet.
Zum Königsmorde i« Belgrad.
Belgrad, 11. Juni. Eine in den Straßen angeschlagene Proklamation teilt mit: Heute Nacht wurden der König Alexander und die Königin Draga erschossen, eine neue Regierung gebildet und die Verfassung vom 6. April 1901 wieder in Kraft gesetzt. Die Volksvertretung wird auf den 15. Juni einberufen. Es folgen die Unterschriften der neuen Minister. Das Ereignis wurde vom Heere ausgeführt, Militär drang in den Königspalast ein. Peter Karageorgiewitsch wurde von der Arme» zum König proklamiert. Außer dem Königs- paar wurde noch der Ministerpräsident, der Generaludjatant Petrowitsch und der frühere Kriegsminister Pawlowitsch erschossen. DaS Ereignis wurde ruhig ausgenommen. Die Leichen de« KönigspaareS wurden im Konak geborgen. Das Ereignis spielte fich zwischen Vgll Uhr abends und 2 Uhr morgens ab.
So hat die Farce auf dem serbische» Throne denn mit einer grausigen Dissonanz geendet. Wie unseren Lesern noch erinnerlich sein wird, wurde bereits im vorigen Jahre ein ungeschickter Versuch gemacht, König Alexander zu stürzen und Peter Karageorgiewitsch zum König zu proklamieren. Der Putsch mißlang damals, aber die politische Schwüle kommenden Unheils lagerte seitdem über dem serbischen Königsthrone. Seit der Aufhebung der alten Verfassung durch König Alexander mußte die Welt täglich auf einen Aufstand gefaßt sein, der dem Königsspiel jung Alexanders ein 6nbi machte. Dieser Aktschluß ist diese Nacht ein» getreten. Daß er so grausig, so entsetzlich sein würde, hätte wohl niemals geglaubt. Mit fünffachem Morde endeten die Ver» schwörer zweifellos unwürdige Zustände, di« schon längst den öffentlichen Unwillen erregt
zu Nachbarn hatte. Ehe man fich aber nieder- ließ, sprach fie ein ziemlich langes Gebet, dem sämtliche Tischgenofsen vor ihren Stühlen stehend mit gefalteten Händen zuzuhören hatten.
Die verschiedenen Eindrücke, welche Anni» heute empfangen, waren zu mächtig, al« daß sie ihre Gedanken bei dem Gebet hätte festhalten können; unwillkürlich schweiften ihre Blick« durch den Saal und darüber hinaus nach dem schönen Landschastsbilde, daS der Blick durch die Fenster gewahren ließ; erst daS Rücken bet Stühle der Platz nehmenden Gesellschaft et* innette fie daran, daß sie ihre Vorschrift« mäßige Stellung zu ändern habe. So vettieft und versenkt die Frau Oberst in ihr Gebet auch gewesen sein mochte, Annies Unaufmerksamkeit war ihr doch nicht entgangen, und während fi^ die Krebssuppe auffüllte, sagte fie mit der ih» eigenen Freundlichkeit, die ihren Worten immer noch einen besonderen Stachel gab: „Sie schicken fich gewiß gern in einen Ihnen ungewohnte» Brauch, Fräulein Wilson; wir find es gewohnt, unseren Tag mit Gebet zu beginnen und zu beschließen und es auch unseren Mahlzeit«! vorangehen zu lassen."
Der Oberst stieß einen ganz leisen Seufzet aus, vertiefte fich aber dann wieder in sein« Krebssuppe, von welcher er fich durch den Dienet bereits den zweiten Teller reichen ließ. Anni« antwortete aber mit einem kleinen Anfluge von Betroffenheit: „Sie irren, gnädigste Frau, da« Gebet ist mir kein ungewohnter Brauch, meint Mutter hat es mich gelehrt, nur hatte ich mich bei Ausübung meiner Andacht den herrschende« Gewohnheiten der Familien, in denen ich lebt# anzubequemen."
(Fortsetzung folgt. ,