Einzelbild herunterladen
 

mit dem Krersblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.

wa

JK 108

Mer1clj;.hrlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 Mk., bei allen Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).

^«sertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

RsLunen: die Zolle 25 Pfg.

Marburg

Dienstag, 21. April 1903

»ul'/ BwagwnwESts gMWMglw

Erscheint täglich außer au So>m- uitb Feiertagen. Sonnabends in Morgen« und Abend-Ausgabe.

Druck und Verlag: Joh. Aug, Loch, UniversitätS»Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Lslsphrm 55.

mhbsmbmbmkrbmmhebenmhbmmhmbi

38. Jahrg.

«wiwMKni

Die Wahlrede desHcrru v. Pappenheim zu Marburg.

Wohl an 150 Wähler hatten sich am Sonn­abend Nachmittag im Saale des SchloßgartenS eingefunden, um den von der konservativen Partei und dem Bunde der Landwirte gemein« fam aufgestellten Reichstagskandidaten, Herrn ton Pappenheim sprechen zu hören. Im Hin­blick auf die durch die Umstände bedingte viel zu kurze Frist zwischen Bekanntmachung und Persammlungstermin, die für viele Dörfer noch nicht einmal 24 Stunden betrug, auf die nn- günstige Zeit des Versammlungsbeginns, in der Geschäftsleute und Handwerker in ihrem Berufe unabkömmlich waren, auf die Konfir­mation mit dorangegangener Beichte am Sonn­abend, das schlechte Wetter u. s. w. war der Besuch immerhin noch erfreulich stark.

Herr Justizrat Handschuh eröffnete die Ver­sammlung mit einem kurzen Hinweis auf deren Zweck, kündigte für die Debatte auch für den Gegner eine Redezeit von 1015 Minuten an, und erteilte nach dreiiraligem, kräftigem Hoch auf unseren Kaiser Herrn von Pappenheim das Wort.

In knappen, scharf mnriffenen Zügen entwickelte Unser Herr Kandidat sodann feine Ansichten. Er Hellte sich zunächst der Versammlung vor, indem er ihr ein kurzes Bild seines bisherigen Wandels und Wirkens zeichnete. Seit frühester Jugend sei er seinem Berufe als Landwirt nachgegangen, zuerst als Lehr­ling auf einem Gute in Hessen und dann zu feiner weiteren Ausbildung an mehreren anderen Orten unseres Vaterlandes. Seit dem Feldzüge von 1870 bewirtschafte er selbständig sein eigenes Gut und fest über 80 Jahren stehe er nunmehr im öffentlichen Leben. Er fei kein unbeschriebenes Blatt, er käme nicht nur mit Versprechungen. Als langjähriges Mitglied der Verwaltungskörperschast seiner Heimacs- stadt, als Mitglied und Vorsitzender des hessischen Kommunal- sowie Provinziallandtag und als Mit- filieb des Hauses der Abgeordneten habe er bereits eine lange öffentliche Tätigkeit hinter sich, in der er bestrebt gewesen fei, zum Wohle jedes einzelnen wie der Allgemeinheit zu wirken. Er habe es bisher stets für seine Pflicht gehalten, sich selbst erst genau über einen Gegenstand zu informieren und zwar in erster Linie durch regelmäßige Teilnahme an den Sitzungen, ehe er feine Stimme abgegeben habe. Und so wolle er es auch künftig halten. Er habe sich zu der Reichstagskandidatur in unserem Wahlkreise nicht gedrängt, da er schon reichliche Bürden zu tragen habe, er habe sich erst sehr ernstlich geprüft, ob er auch den Pflichten dieser neuen Bürde gerecht werden könne. Er glaube dies bestimmt be­jahen zu können und er bitte seine Wähler, ihm auf Grund feiner bisherigen Tätigkeit vertrauen zu wollen, daß er auch im Reichstage seine Pflicht tun werde, wie er sie bisher in allen anderen Aemtern getan habe.

Auf alle Fragen des politischen Lebens könne er natürlich jetzt nicht eingehen. Er stehe aus dem Boden des konservativen Programms von 1892 und so er- Höre er, daß er als evangelischer Christ es als seine erste Pflicht erachte, unserem Volke die Religion zu erhalten. Bei der Stellungnahme zu jeder Frage werde er sich weiter vergegenwärtigen, daß es eine ernste Pflicht des Volks Vertreters sei, dem Vaterlande den kirchlichen und

89 (Nachdruck verboten^

Briefträgers Hannchen.

Von Georg Paulsen.

lFortfetzung.)

Sie wußte, der Mutter Absicht war eine baldige Heirat für ihre Tochter. Hannchen lächelte schmerzlich! An wen sollte fst wohl denken, sie, Briefträgers Hannchen? Sie hatte genauer hinter die Couliffen des Lebens schauen gelernt, und manches frohe Jugendbild war in nichts versunken. Wenn's der Hermann hätte sein sollen I Aber die feindselige Frau Post­halterin als Schwiegermutter? Nein! Und der Hermann war fern, fern . . .

Und wenn's daheim gar nicht auszuhalten wäre? Nach der Ansicht ihrer Lehrer, und die wußten doch, was sie konnte, stand ihr die ganze Welt offen. Sorge um die Zukunft brauchte sie nicht zu bemeistern, ihr Leben war sicher gestellt durch die schöne Stimme; aber so allein war sie dann, so ganz allein. Denn die Christel-Base? Ach, du lieber Gott!'

Ein Gejohl der lieben Straßenjugend schreckte sie auf. Ein Polizeimann kam daher und hielt mit der rechten Hand ein braunes halb in Lumpen gekleidetes Mädchen gefaßt.

Die hatt' gemaust!" schrie eine halbwüchsige Range.

Die muß brummen!' meinte ein anderer.

Aber ordentlich!' bekräftigte ein dritter.

Dazwischen fehlte eS nicht an allerlei Spöttereien, und der verfolgende Schwarm blieb beieinander, mochte der Beamte noch so strenge Worte zurückrusen.

konfessionellen Frieden z« erhalten. jAnhaltender Beifall.) Je schroffer die Gegensätze zwischen den verschiedenen Konfessionen innerhalb des gemeinsamen Vaterlandes seien, desto eifriger müßte man bemüht fein, aus.urgleichen statt anzu­schüren. Seiner Pflichten als Christ werde er stets eingedenk fein, sowohl feinen evangelischen Glaubens­genossen gegenüber wie auch gegenüber den Katho­liken. Unsere katholischen Mitbürger, dürsten bei Betätigung ihres Glaubens sowohl tote in Ausübung ihrer Religion nicht gehemmt und bei der Er­ziehung ihrer Kinder in ihrem Glauben nicht be­hindert werden. Ebenso aber muffe die Erziehung unserer evangelischen Kinder in unserem Glauben ge­sichert und gesördert werden. Denn auf den Kindern beruhe unsere Zukunft, mit dem Untergang der Religiosität, mit der Vernichtung des Glaubens an eine höchste göttliche Autorität solle auch der Glaube an jede menschliche Autorität. Beides aber muß unserem Volke erhalten bleiben. Das Bestehen unseres Vaterlandes hängt eng zusammen mit dem unerschütterlichen Glauben an unseren Gott und Er­löser. Und diesen Glauben zu erhalten sei erste Pflicht eines jeden Volksvertreters.

Aber nicht minder muffe er dafür fragen, daß der Glaube an die Autorität unseres Kaisers und Herrn in weltlichen Dingen erhalten bleibe. Die Konser­vativen seien heute wie stets ebenso bemüht, diese Autorität zu schützen und zu stärken in jeder Be­ziehung. Aber nicht als Sklaven, sondern als freie Männer. Denn der Glaube an die Autorität unferS Kaiser und seiner RAe fei nicht ein sklavischer Glaube an deren Unfehlbarkeit. Ein königstreuer Mann brauche und dürfe nicht ein Nickebruder gegenüber den Räten feiner Majestät fein, zumal heute, wo die Zeiten des großen Bismarck vorbei seien. Zu manchen der heutigenRAe der Krone sei leider in weiten Volksschichten das Vertrauen m wirtschaftlicher und ethischer Be- ziehuug erschüttert, deshalb sei es heute mehr denn je die Pflicht gerade eines konser­vativen Mannes, dem das Wohl seines Kaisers und seines Volkes über alles gehe, vorher ernst zu prüfen, ehe er ja zu einem Regierungs- Vorschläge jage. Ein Volksvertreter, der nur immer nicke und mit der Regierung durch Dick und Dünn gehe, sei er bisher nicht gewesen und werde er in Zukunst nicht fein. Wolle man einen solchen, bann dürfe man ihn nicht wählen. Er werde stets sich ein eigenes Urteil bilden und, wenn das Wohl des Vater­landes es erfordere, einem Konflikte nicht aus dem Wege gehen.

Redner schildert sodann eingehend, in welcher Weise man aus generischer Seite bemüht fei, die Konservativen beim Volke zu verdächtigen. Stimmten die Konservativen nach bestem Ermessen einer Re­gierungsvorlage zu, so schmähe man sie als Nicke­brüder, machten sie Opposition, so denunziere man sie der Krone. Dies Spiel fei, um nur ein Beispiel zu nennen, in seiner verwerflichsten Form bei der Frage des Bahnhofsumbaues zu Homburg getrieben worden, wo die ablehnende Haltung der Konser­vativen von den anderen Parteien so hingestellt worden fei, als bedeute sie eine persönliche Be­kämpfung des Kaisers. Später aber habe der Kaiser dem Vorschlag der Konservativen selbst den Vorzug vor der Regierungsvorlage gegeben, und damit die Opposition der Konservativen als völlig gerechtfertigt anerkannt. Da nun ein Abgeordneter nickt über jede einzelne Abstimmung seinen Wählern Rechenschaft geben könne, auch wenn er wegen der­selben von den Gegnern bei seinen Wählern verdächtigt würde, so sei es, wie auch das oben erwähnte Beispiel zeige, nötig, daß ein Abgeordneter sich des vollen Vertrauens seiner Wähler erfreuen müsse, damit diese nicht an ihm irre würden.

Soweit es an ihm sei, wolle er den Wahlkampf fachlich und ohne jede persönliche Gehässigkeit führen,

Hannchen Hölder trat beiseite, den Haufen vorüber zu lassen, und dabei warf sie auch einen vollen Blick auf das kühn geschnittene, trotzig-wilde Gesicht der Arestantin. Die dichten schwarzen Haare gingen wirr ins Gesicht. Die dunklen Augen hingen angstvoll nach rechts und links, aber das junge Mädchen wußte doch so­fort, wen sie vor sich hatte.

Aluscha!' sagte sie unwillkürlich.

Die Gefangene richtete sich hoch empor, ein funkelnder Blick traf Hannchen, und im nächsten Augenblick hatte sie sich von der haltenden Hand befreit, war zu der alten Bekannten hin­zugestürzt, vor der sie auf die Knie sank, um unter strömenden Tränen sich fest an sie anzu­klammern.

Herrin, helft, beschützt mich!' stammelte sie.Böse Menschen sagen, ich sei Spitzbub', Aluscha niemals ein Stück genommen, das ihr nicht gehört, wenn auch der Hunger weh tat/

Kennen sie diese Zigeunerin, mein Fräu­lein?' fragte jetzt der Polizeibeamte höflich, während dasverehrte" neugierige Publikum einen weiten Kreis um die Gruppe schloß.

Ja," antwortete Hannchen,'das heißt, ich bin ihr zweimal begegnet und auf mich hat sie immer einen guten, den besten Eindruck gemacht."

Sie ist obdachlos, sie soll gestohlen haben.'

Die Zigeunerin sprang auf:Aluscha stiehlt nicht. Mutter ist tot, Vater ist fort," fuhr sie bann in fliegender Eile zu Hannchen gewendet fort,hab' gehört, daß Leute von meinem Volk in der Nähe, da wollt' ich sie aufsuchen.'

Und da hat sie hier in einem Metzgerladen stehlen wollen.'

zumal er ja mit allen staatserhaltenden Parteien m dem Strebe», für das Wohl des Vaterlandes zu arbeiten, sich einig wisse. Dasselbe nach außen hin achtunggebietend zu erhalten, fei eine Pflicht jedes Volksvertreters. Dazu sei es nötig, die Rüstung zu Waffer und zu Lande aufrecht zu erhalten und wen» nötig zu verstärken, wenn auch dadurch die großen Lasten, die das Volk jetzt schon tragen müffe, noch um etwas vermehrt würden. Er wolle feinen Wählern nicht verschweigen, daß dann neue Steuern nötig fein würden und man vielleicht aus die Besteuerung des Bieres und des Tabaks zurück- greisen werde, die beide ja keine Nahrungsmittel feien und auch den Arbeiter bei Zunahme feiner Kinderzahl nicht gleich belasteten, wie eine indirekte Steuer ans andere Gegenstände, die auch von Kindern konsumiert würden.

Aus Fragen der äußeren Politik brauche er nicht weiter einzugehen, da man darin auch heute noch den Räten der Krone mit mehr Vertrauen als in mancher anderen Frage folgen könne. Nötig fei es aber für uns als Weltmacht, unsere Kolonialpolitik weiter auszubildeu. Auch hier solle man den Spuren Bismarcks folgen.

In der inneren Politik liege eine große Aufgabe des Reichs auf dem Gebiete der Sozialpolitik. Viel fei da be­reits geschehen, wir erfreuten uns sozialer Einrichtungen, wie kein anderes Volk. Für unsere schwächeren Mtt- bürger müßten wir stets eine offene Hand und guten Willen haben, wie wir dies bisher gehabt hätten. An unserer sozialpolittschen Gesetzgebung dürfe nichts zurückrevidiert werden, manches sei dagegen zu ver- befferu, weil reformbedürftig. Zumal manche bureau- kratischeu Verhältnisse, die sich eingenistet hätten, würde man ändern müssen. Der Weiterausbau jener Gesetzgebung muffe aber mit großer Vorsicht in An­griff genommen werden, und jedenfalls nur unter Zugrundelegung der bis jetzt gefummelten Erfahrungen. Nötig könnte es werden, der weiteren Verwilderung unseres Volkes vorznbeugen, die Initiative sei jedoch deu Eirzelstaaten zu überlassen.

Der Reichstag habe in den letzten Jahren große Bereitwilligkeit in der Berücksichtigung aller möglichen Wünsche gezeigt, doch dürfe diese Art des Entgegen­kommens in Zukunft nicht mehr aufrecht erhalten bleiben. Wir könnten nicht dauernde Lasten stets auf Reichsanleihen übernehmen, wenn man bewillige, muffe mau auch sehen, wo man das Geld herbekomme. Da kämen zunächst indirekte Steuern in Betracht, die hauptsächlich die wirtschaftlich stärkeren Schultern be- laftetsn, wie z. B. bie auf reine 8 u $ u S a r t i t e I. Aber diese Steuerquellen wären in der Hauptsache erst noch zu erschließen, und ehe dies nicht geschehen fei, könnte man z. B. nicht einer einzelnen Beamten­kategorie Versprechungen auf Gehaltserhöhungen machen, zumal dann auch alle anderen Beamten gleiche Berücksichtigung verlangen würden. Und dies fei bei der heutigen Finanzlage nicht möglich. Deshalb gelte es letzt auch vor einer Beschlußfassung über solche Fragen reiflich zu erwägen, ob Mittel zur Ver­fügung wären und ob das Volk, das doch die Summen ausbringen müsse, Überhaupt in der Lage fei, die neuen Lasten zu tragen. Er verschmähe, wie andere Kandidaten den Beamten ins Blaue hinein Ver­sprechungen zu machen, nur damit sie ihm ihre Stimmen gäben. Wäre er aber int Reichstage, so könnte man vertrauen, daß er jede Forderung aus den Kreisen der Beamten einer wohlwollenden Prüfung unterziehen werde. Daß die Konservativen nach dieser Richtung hin tun würden, was möglich sei, hätten sie genügend bewiesen. Dies gehe auch aus der Behand­lung der Frage des EhrensoldeS für die Veteranen hervor, die gerade von den Konser­vativen auch unablässig gefordert werde. Für alle die Helden, die auf den Schlachtfeldern für ihr Vaterland und ihr Volk gekämpft und geblutet hätten, müsse das Reich, das sie erftritten hätten, für

Hab' ich nicht. Auf Finger geschlagen dreistem Menschen, gar nix wefter!' beteuerte da8 braune Mädchen.

Ja, hier können wir den Tatbestand nicht feststellen," sagte der Wächter der öffentlichen Ordnung gutmütig, aber bestimmt,wir müffen inS Bureau. Vorwärts.'

Ach, Herrin, mich nicht verlassen!" bat die Zigeunerin.

Dars ich mitkommen?' fragte Hannchen unsicher.

Gewiß. Sie wären doch die einzige, die die Person idintifizieren könnte. Wenn Sie so gut sein wollen?"

Man ging und vor dem diensttuenden Polizeibeamten sprach Hannchen mit Nachdruck zu Gunsten ihrer Schutzbefohlenen. Inzwischen ward der Beschuldiger vorgeladen, und als er aufgefordert wurde, sich genau zu besinnen, ob Aluscha wirklich habe etwas stehlen wollen, meinte er stockend, ihm sei e8 so vorgekommen, er könnte sich aber auch irren.

Damit fiel diese Anschuldigung zunächst in sich zusammen. Es blieb nur noch die wegen der Obdachlosigkeit und Erwerbslosigkeit. Der Polizeibeamte, der Hannchen seinerzeit hatte auf der Hofbühne austreten sehen, wo so liebens­würdig und verbindlich, wie möglich, aber da die Zigeunerin nun einmal kein Unterkommen habe, müsse sie in Haft bleiben.

Helft, ach helft," bat Aluscha in herz­ergreifenden Tönen. Werd' ich eingesperrt, sterb' ich, und bin doch noch so jung.'

Hannchen faßte sich ein Herz.

Wenn eS sich nut darum handelt, der Zigeunerin ein Unterkommen zu bieten, bann

ihre alten Tage einen Ehrensold bertoifligen. Dafür würde er mit feinen Parteifreunden eintreten. Dicke der kleineren Staaten feien aber heute an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit augetommen, ständen vor ihrem wirtschaftlichen Ruine. Eine Reichsfinanzreform würde deshalb nicht mehr lange zu umgehen fei.

Sollte er in ben Reichstag gewählt werden, so bckrachte er sich nicht als Vertreter einer Interessenten« gruppe, sondern des ganzen Volkes, und müsse es daher ablehnen, sich nach irgend einer Seite hm die Hände zu binden. Doch stehe er auf dem Wirtschafts- Programm des Bundes der Landwirte und wolle der Landwirtschaft geben, was ihr gebühre. Bei den jetzt noch laufenden Handelsverträgen sei die Fürsorge bet Regierung fast ausschließlich dem Handel und der Industrie zu gute gekommen, jetzt sei es nötig, auch einmal etwas für die Landwirtschaft zu tun. Dies habe seiner Zett schon der Minister Miquel hervor­gehoben. Der Worte seien genug gewechsckt, nun lasse man einmal Taten sehen. Aber gerade in dieser Beziehung befürchte er, daß es mit der Regierung zu Konflikten kommen werde. Aber da es dringend er« forderlich sei, der Landwirtschaft zu helfen, fo werd« er, wenn es fein müsse, auch vor Konflitten nicht zurückschrecken. Und wie der Landwirtschaft müsse auch dem Handwerk und dem kleineren Gewerbe ge­holfen werden, damit es wieder zu seinem goldene« Boden komme. Dies sei keine Forderung im Interesse eines einzelnen Berufes, sondern im Interesse bet Allgemeinheit, des ganzen Volkes, des Vaterlandes. Denn daS könnte nur gedeihen, wenn jene 3 Berufe, die kräftigsten Stützen des Staates, gediehen. I« schlechter es ihnen gehe, desto mehr würden ihr« Glieder den sozialistischen Lehren zugänglich fein, desto weiter würde der Sozialdemokratte Tor und Tür geöffnet fein. Snmn euique, jedem da? Seine, müsse in Zukunft der Wahlspruch für das Handwerk und die Landwirtschaft fein. Ihnen müsse von der Regierung gegeben werden, was sie zu ihrer Existenz­fähigkeit brauchten!

Langanhaltender, kräftiger Beifall drückte dem Redner die Uebereinstimmung, und Zu­friedenheit der Versammlung mit seinen Aus­führungen aus, die solchen Eindruck gemacht hatten, daß niemand, selbst von den politischen Gegnern, das Wort verlangte. Herr Justizrat Handschuh empfahl darauf in seinem Schluß» wort eindringlich die Wahl Herrn von Pappen« heimS als eines Mannes von großer Erfahrung und hervorragender Tüchtigkeit, der nicht so leicht einem Windhauche, möge er von unten oder oben kommen, weiche. Nachdem sodann noch Herr Kliugelhöfer-Fortbach dem Redner im Namen der Landwirte gedankt und ihn ge» beten hatte, sich den Wählern später noch recht oft zu zeigen, forderte der Leiter der Versamm­lung die Anwesenden zu einem 3 maligen Hoch auf Herrn von Pappenheim auf, in das die­selben fast einmütig begeistert einstimmten. Leider nahm jetzt erst, als der Saal sich zu leeren begann, ein hiesiger Handwerker, Herr Schneidermeister Pfau, Gelegenheit, Herrn von Pappenheim über seine Stellung gegenüber dem Handwerk zu interpellieren, worauf dieser in Hinsicht darauf, daß der größte Teil der Zu­hörerschaft bereits draus und dran war, den Saal zu verlassen, sich nur kurz dahin äußern konnte, daß er, wie für die Landwirtschaft so für da8 Handwerk eintreten wolle, um eS wieder zur Blüte zu bringen und ihm den

will ich fis vorläufig mit mir nehmen. Bitte, erfüllen Sie meine Bitte und lassen Sie, btt Aermste mit mir gehen, wenn es möglich ist." Sie bat herzlich, der weiche Klang ihrer Stimme ward von dem beredten Blick ihrer Augen unterstützt. v

Der Beamte schwankte ein Weilchen:Eigent­lich ist die Freilassung nicht zulässig, aber ich will eS wagen. Mag Ihnen das braune Mädchen keine Enttäuschungen bringen. Du kannst mit dem Fräulein gehen,' wendete ex sich dann zu Aluscha,aber ich sage Dir, wir werden ein strenges Auge auf Dich haben, und beim geringsten Anzeichen, daß Du Deine alten Gewohnheiten wieder aufnehmen willst, wirst Du in Nummer Sicher gebracht.'

Dis Zigeunerin hatte gar nicht mehr auf diese Warnung geachtet, in überströmender Dankbarkeit küßte sie ihrer Befreierin dir Hände.Aluscha will Euch dienen, wie eint Sklavin, ihr lebelang." J

Wenn fie's nur hält!' lächelte der Polizei- Chef, aber Hannchen Hölder bekam bei dieser Ankündigung keinen kleinen Schreck. Sie wußte selbst nicht, was aus ihr einmal werden würden und nun diese freiwillige Dienerin?

Laßt mich bei Euch,' bettelte Aluscha wieder.Aluscha hat kein' Vater, keine Mutter^ kein' Bruder, feine Schwester. Will auf den Steinen schlafen, von Wasser und Brot leben, bloß jagt sie nicht weg die arme Aluscha.'

So komm denn!' entschied Hannchen sich energisch.

(Fortsetzung folgt!