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mit dem Kursblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.

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Vterteli^hrlichrr Bezugspreis: bei der Expedition Mk., bei allen Postämter« 2,25 Mk. (erd. Bestellgeld).

/^nsertionSgebühr: die gespalterm Zeile oder betet Raum 10 Pfg.

Re darr ru: di« Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonnabend, 18. Aprü 1903.

Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertage«. Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.

Drnck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UnivorsitätS-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

38. Jahrg.

EM

Die Totengräber des selbständigen Mittelstandes. 1

Welche Vorteile hat der Bauer, der kleinere Gewerbetreibende, derHand- werker zu erwarten, wenn er den wittschajtS- politischen Anschauungen der Großindu­striellen, der Großhändler und Groß­spekulanten zum Siege verhilft dadurch, daß er für Kandidaten dieser Leute bei der Wahl eintritt und ihnen einen Sitz in den deutschen Parlamenten verschafft? Ganz gewiß keine! Denn die Ziele, welche diese Groß­kapitalisten erstreben, find meist direkt denen entgegengesetzt, deren Erreichung für den kleinen Mann im kleinen Betriebe eine Lebensfrage ist. Deshalb ist es für diesen ein geradezu unbegreifliches Ver- haltm, wenn er statt des Kandidaten, der feine eigenen Interessen vettreten will, dem Kandidaten des Großkapitalismuk seine Stimme giebt, der im Parlament dann seinen Einfluß dahin geltend macht, durch unbeschränkteste Gewerbefreiheit, durch die Erleichterung einer für die kleinen Betriebe mörderischen Konkurrenz der groß­kapitalistischen Unternehmer deS Ich-, ja sogar des Auslandes dem kleinen Gewerbe­treibenden, Handwerker und Bauern die weitere Existenz unmöglich zu machen, und ihn dadurch dem Proletariat in die Arme treibt. Darum ist eS in den bevorstehenden Wahlkämpfen un­bedingt erforderlich, daß die Angehörigen all' dieser Berufe vor allen Dingen Wert darauf legen, entschieden zunächst ihre eigenen Interessen zu vertreten und zwar vor allem de« Abgesandten des Großkapitalismus gegenüber.

In einem solchen Kampfe müßte letztere eigentlich mit Sicherheit den Kürzeren ziehen, denn sie haben zwar in den liberalen Kreisen zahlreiche Offiziere, aber keine Truppen hinter sich, weil die im Banne der Sozialdemokratie stehenden industriellen Arbeiterscharen nur für die Verwirklichung der Umsturzziele, nicht aber für die industriellen und händlerischen Berufsinter- effen fechte«. Industrie und Großhandel haben zur Verteidigung ihrer Interessen überhaupt kein stehendes Heer zur Verfügung, ihre Führer sind aus den meisten Sitzen ihrer Macht Großstädten und Industriezentren durch ihre eigenen Leute zu Gunsten der Sozialdemokratie hinausgeworfen worden. Wo sie sich noch halten, da geschieht eS nur mit Hilfe der neben der eigent­lichen Jndustriebevölkerung ansässigen Bauern und gewerblichen Mittelstandsangehörigen.

37 (Nachdruck verboten.)

Briefträgers Hannchen.

Von Georg Paulsen.

(Fortsetzung.)

Und das starke, willenskräftige Hannchen mochte sich zu bezwingen suchen, sie mochte die Zähne aufeinander beißen, eS ging nicht. Sie preßte ihr Taschentuch vor den Mund und warf sich heftig schluchzend in des Vaters ledernen Sorgenstuhl.

Mädele, Mädele!" suchte die Mutter zu beschwichtigen.

Umsonst! Endlich war die heftige geistige Erschütterung überwunden, sie setzte sich still neben dem Vater nieder.

Mit einem Male schlug er die Augen auf.

Hannchen, mei Hannchen!"

Sie stand bei dem so ganz veränderten Klang der lieben Stimme von neuem faffungs- loS; dann gewann sie mit schier" übermensch- kicher Anstrengung die Faffung.

Ja, Vaterle!" ES klang, als wären sie nimmer von einander getrennt gewesen.

Siehst wohl, Elise, daß 'S Hannchen mir vorg'sungen hat!" sprach er mit einem Anflug des alten Potterns.

Lebrecht, sei doch still, Du sollst doch «immer sprechen, als der Dottor 'sagt hat!"

»Ja, ja doch! O mein, die Weibsleut', wegen a Spitz!" Aber er schwieg schon, als er die bittenden Augen seines Lieblings bemerkte.

Gerade kam der Doktor zurück; er drückte dem jungen Mädchen bedeutsam die Hand und beugte sich dann über den Kranken.

Da fuhr der empor.

Aus diesen Kreisen suchen die überall tätigen Werbeoffiziere der großkapitalistischen Gewerbe auch für den bevorstehenden Wahlkampf wieder Soldaten zur Verteidigung ihrer Interessen an­zuwerben. Sie präsentieren den Bauern und Handwerkern für die Wahl Leute, die in ihrem Innern lediglich zuverlässige und eifrige Verfechter der grvßgewerblichen und Handels- interessen sind, die aber ihren Landsknechte», welche sie heraushauen sollen, als Handgeld bereitwilligst einige unverbindliche schöne Ver­sprechungen zu Gunsten ihrer, von den groß­kapitalistischen Interessen gänzlich verschiedenen eigenen BerusSintereffen machen.

Denn was vertreten jene Leute anders, wenn sie erbittert gegen die Schutzzölle kämpfen, als das Interesse der Großhändler, Großrheeder und Börsenleute des In- und Aus­landes? Der Herren Ballin, Armour, Levy und Genossen? Was find eS anders als schöne unverbindliche Worte, wenn sie auf unseren Dörfern den kleinen Bauern gegenüber sitzen und ihnen vorreden, daß sie bestrebt seien, den Bauernstand zu heben, in den großen Volksversammlungen in Berlin aber mit Hohn und Spott von den Bauern sprechen, energisch für die Oesfnung der Grenzen zur Einfuhr fremden Viehs eintreten, sowie sich scharf gegen jeden Viehzvll erklären?

Wann endlich werden unsere Landwirte und Mittelstandsleute einsehen, daß sie den schlauen Werbeosfizieren auS den Reihen der Großhandels- und Großindustrieparteien keinerlei Unterstützung gewähren dürfen, wenn ihre eigenen Erwerbsstände nicht immer weiter ins Hintertreffen gedrängt, ja schließlich von dem großkapi­talistischen Moloch des Großgewerbes verschlungen werden sollen?

Wann werden sie, die doch ganz auS eigenen Kräften weit mehr Soldaten in den Wahl­kampf bringen könnten als selbst die Sozial­demokratie, endlich dazu übergehen, nur Leute, die in erster Linie ihre Interessen verfechten, auf den Schild zu erheben, und sich nicht von den Großhändler­parteien deren Vertreter darauf setzen zu lassen?

Tenn das eine ist über jeden Zweifel er­haben: solange die große Zahl der Landwirte und vor allen Dingen die ihnen eng ver­bundenen Kleingewerbetreibenden sich durch das Schlagwortliberal" der Vertreter des Großkapitalismus betören lassen, diese in der Wahlschlacht zu unterstützen, graben sie ihr eigenes Grab. Denn diese Leute gehen nur darauf aus, den großkapi-

Ruhig, ganz ruhig, lieber Hölder!" Der Arzt flößte ihm einige Tropfen einer mitge- brachten Medizin ein.

.Selbig' tut gut!" flüsterte der alte Brief­träger.Hannchen, weißt noch, als Excellenz hier war!"

Ja, Vaterle! Aber sei doch ruhig."

Siehst, was ich 'kriegt hab'," sprach er unbeirrt weiter, auf das auf dem Bett liegende Ehrenzeichen deutend.

Lieb's Vaterle, ich bitt' Dich!"

Ja doch, aber sing' mir eins, das mußt!" Sie sah den Doktor an; der nickte.

Hannchen sann einen Augenblick nach; mit einem Male fiel ihr das alte, einfacheAch, wie ist's möglich dann" ein, das sie vor der Excellenz, das sie auch Hermann Grau zum Abschied gesungen.

Und sie setzte mit zitternder Stimme ein. Nach der ersten Zeile schon faßte Lebrecht Hölder die Hände seiner Tochter fest zwischen die seinen, während Hannchen mit dem ganzen Reichtum und aller Innigkeit ihres herzbewegenden Organ? die schlichten Worte sang.

Frau Hölder schlug die Schürze vor die Augen. Der Doktor warf einen Blick auf die Gruppe, er meinte, überirdische Klänge zu hören. Er trat ans Fenster, um seine Fassung zu behaupte«. Der Kranke allein hörte lächelnd die Weise an.

Gelt, 's Hannchen kann fingen?"

Aber nun schlafen Sie, lieber Hölder. Ja?"

Er nickte nur. Und langsam schlief er ein, um dann noch einmal emporzufahren und auS- zurufen:Hannchen, schreib' dem hohen Herrn einn Brief, daß der Lebrecht Hölder sich sein bedanken tat. Müßt' doch sonst denken, so a

talistischen Großbetrieb zu sördern und den selbständigen Kleinbetrieb zu vernichten. Ihr ganzes Streben und Trachten ist gegen die Selbständigkeit der Existenz des Mittelstandes gerichtet, auf die Willkürherrschaft einiger weniger großkapita­listischen Unternehmer über ein ausgepowettes Proletariat. Dazu muß vorher der Mittel­stand vernichtet werden und um dies zu er­möglichen, sollen die Vertreter des Großkapita­lismus inS Parlament gewählt werden. Und durch wen? Nun durch ebendenselben Mittelstand, den man ruinieren will! Durch die Stimmen der kleineren Gewerbe­treibenden, Handwerker und Bauern, denen man ihre Selbständigkeit nehmen will! Und nun geht hin und wählt! Aber bedenkt: eine jede Stimme, die ihr einem liberalen Kandidaten gebt, ist ein Spatenstich zu eurem eigenen Grabe! W.

Umschau.

Wissenschaftliche Mittelstandsretter.

Ebenso wie den Bauern, welche über Ge­fährdung ihrer selbständigen Existenz durch die von unserer modernen Wirtschaftspolitik unge­hemmte Auslandskonkurrenz klagen, wird auch den vom großkapitalistischen Wettbewerbe be­drängten Handwerksmeistern seitens der liberalen und anderer Kurpfuscher immer bessere wissenschaftliche- und Fachschulbildung als Allheilmittel empfohlen. Auf dieses Rezept antwottet die Deutsche Schneiderwerkstatt" in einem Artikel zur Handwerkerfrage:

Was nützen dem Handwerkerstands int allgemeinen die Meisterkurse, eine bessere Aus­bildung , wenn er sie nicht zu seinem Nutzen verwenden kann? Soll ein Schneider­meister nur darum drei Jahre gelernt, mehrere Jahre sich als Geselle weitergebildet und endlich den Opfern deS Meisterwerdens unterzogen haben, um hernach für einen jüdischen Großkapitalisten und Konfektionär den Lohnsklaveu abzugeben? Dem deutschen Handwerkerstande fehlt Kredit und fehlen Abnehmer seiner Erzeugnisse, welche ihm leider durch die Maßnahmen der Re­gierungen und die jetzige Mißwirtschaft in der Gewerbsgesetzgebung abwendig ge­macht worden find. Freilich wollen daS die Herren vom grünen Tisch nicht zu­geben und den gemachten Fehler nicht einge- stehen und suchen nun ihre Unfähigkeit (und Unlust), dem deutschen Handwerkerstande wieder auf die Beine zu helfen, damit zu verdecken, daß sie die Wahrheit in ihr Gegenteil verkehren und den deutschen Handwerkerstand der Unfähig­keit, der schlechten Berufsausbildung ziehen."

alter Postmensch, wie ich, hätt' kein' Lebensatt!" Und dann schwieg er. Ein langer, langer Schlummer folgte, der sanft zum ewigen Schlaf hinüberführte. Für Lebrecht Hölder stand deS Dienstes Uhr endgültig still.

Das Trauerjahr um den alten Briefträger war vorbei. So viel er selbst von sich und auf sich gehalten, es ging ihm just so, wie vielen anderen, weit größeren Leuten auch. Er war bald vergessen, der alte Lebrecht Hölder, und nichts geschah während dieser Monate, um die Erinnerung an ihn von neuem aufzusrischen.

Hannchen hatte bei der Mutter bleiben wollen; allein der Besuch der Musikschule war noch vom alten Lebrecht auf die Folgezeit fest vereinbart, und Frau Elise Hölder meinte, da man das Geld nun doch einmal bezahlen müsse, sollte eS wenigstens nicht umsonst bezahlt werden. Das junge Mädchen hatte zunächst nichts ge­äußert; die Trauer um den Vater hatte ihr Empfinden so in Anspruch genommen, daß ihr in den ersten Wochen nach dem Tode des guten Alten gleichgültig war, was hinsichtlich ihrer Zukunft beschlossen wurde.

Hatte sie die Augen geschlossen gehalten gegen die Außenwelt, die Außenwelt hatte sie um so mehr für Hannchen geöffnet. Ja, was dachte daS Hölder-Hannchen denn eigentlich? So, wie sie austrat in ihrem ruhigen, bestimmten, höflichen Wesen, daS so ganz selbstverständlich war, in dem sie niemand nach irgend etwas fragte, alles am besten selbst zu wissen schien, war sie den alten Sonnenfelder Bekannten an­fänglich seltsam, dann kaum faßbar vorge­kommen. Glaubte sie etwa etwas ganz Be-«

DaS ist ganz zutreffend. Eine sorgfältige Fachschulung könnte den Handwerkern nur bann vollkommen zustatten kommen, wenn ihren großkapitalistischen Konkur­renten, die gar keine solche genossen haben, der Großhandwerksbetrieb gelegt würde. (Befähigungsnachweis.)

Den Bauern andererseits helfen ebenfalls dis besten Fachschulen nicht auf den Stamm, wenn ihnen die preisverderbliche Schleuderkon­kurrenz ihre Erzeugnisse bis unter die Produktionskosten entwettet.

Beide, Handwerker wie Bauern würden daher geradezu Selbstmord verüben, wenn sie einem liberalen Kandidaten ihre Stimmen geben würden, der die Interessen des Großkapitals, der Kommerzienräte des Handelsvertragsvereins und ähnlicher Groß­händler und Großspekulanten vertritt.

Neues aus Könitz.

Wie dieOstd. Tgszty." meldet, wurden am Donnerstag in Könitz tm Abort der städti­schen Volksschule eine Anzahl menschlicher Knochen, darunter ein Schienbein aufgefunden. In der Stadt herrsche Erregung, da man den Fund mit der Ermordung Winters in Zusammenhang bringt. Der Rumpf Winters wurde vor drei Jahren im Mönchsee entdeckt, später fand man noch den Kopf und einen Arm des Toten. Ob die jetzt aufgefundenen Leichenteile wirklich vo« Winters Körper herrühren, bleibt abzuwatten. Sehr fraglich ist es aber auch dann noch, ob dadurch daS Dunkel der Mordoffäre gelichtet werden kann. Selbst die Ausschreibung einer Belohnung von 26 000 Mk. ist bisher fruchtlos geblieben. ____________

Die Affaire Hüssener.

Deren Verlauf von uns gestern bereits ge­schildert wurde, reizt die demokratische Presse zu Angriffen gegen das deutsche Offizierkorps. So wird von den Folgen der falschen Begrifft der Offiziersehre u. s. w. geschwafelt. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß ss euer einmal nicht Offizier sondern Unter­offizier ist, der erst nach erfolgter Wahl zum Offizier hätte befördert werden können. Mit der richtigen oder falschen Auffaffung der Offiziersehre hat die Tat Hüsseners rein garnichts zu tun. Auch entspricht das Vor­gehen Hüsseners ganz und gar nicht den in der deutschen Armee geltenden Instruktionen. ES gibt z. B. über die Behandlung Trunkener ganz eingehende Bestimmungen, die genau daS Gegenteil als daS Verhalten Hüsseners anordnen. Die Institutionen unserer Armee oder besonders des Offizierkorpes für die Tat des Hüffener verantwortlich machen zu wollen, ist demnach durch nichts begründet.

sonderes geworden zu fein? Selbst wenn zu dem Singen noch dasbißchen Theaterspielen" hinzukam, Hölder's Hannchen blieb eben daS Briefträger-Hannchen.

Als ein paar Wochen vorüber waren, dachten ein paar ehemalige gute Freundinnen, nun könne man wohl über die Sache sprechen. Aber bei dem Versuch war es geblieben. Auf Hann- chens freundliche Antworten hatte man« nichts zu erwidern gewußt; man wußte nicht, war man aus ihr machen sollte, sie war eben ganz anders geworden, und meinte, die Zeit würde schon dafür sorgen, sie zum Früheren zurück- zuführen.

Hannchen Hölder ist eine Dame geworden, die zu gescheit ist, um auf all die neidischen Blicke zu achten, die hinter ihr in Sonnenfeld herwandern," meinte der Doktor. Und der alte Posthalter Grau sagte:Gäb'was drum, wenn daS Hannchen meine Tochter wär'!" Natürlich, solche Männer ließen sich von dem hübschen Gesicht bestechen, das ja niemand Lebrecht Hölder's einziger absttttt. Aber in der Stadt gab es ja auch allerlei Loilettenkünste, von denen man in Sonnenfeld, Gott sei Dank, noch keine Ahnung hatte.

Am allermeisten merkte es aber die Mutter, daß Hannchen eine ganz andere geworden war, daß sich zwischen ihnen beiden das bishettge Leben nicht wieder in der früheren schlichten Form einrichten lassen würde. Sie hat es ja immer gesagt, eine Torheit war's gewesen, daß 'S Hannchen fort in die Ferne gekommen war, aber nun ließ sich nimmer etwas dran ändern, und am Ende würde ein vernünftiger Man» dem Mädele schon de« Kopf zurechtsetzen.

lFöttfetzung fslgt).