mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Sonntagsbeilage: Jllufteirtes Sonntagsblatt.
38. Jahrg
Jll 74
Marburg
Sonntag, 15. März 1903.
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Redaktto« «rnd Verla«
»er „Oderheffifchea Zett«««".
HO ^Nachdruck verboten.)
Briefträgers Hannchen.
Vo« Seorg Paulsen.
'Fortsetzung.)
Hab manches Ringewechseln späterer Lage hatte seinen Ursprung in dem Tamtam des Vogelschießens. ES war eine alte Einrichtung, aber ihre Kraft bewährte sich bis aus diesen Lag unverändert.
Jedenfalls hätten die jungen Mädchen fie nicht missen mögen, und deren Mütterchen noch weniger. Denn in der allgemeinen Volksfreudigkeit wurde manche in winterlichen Vergnügungen unabwendbare Strapaze vermieden.
Gut Ding will gut Weile haben, und so dauerte auch das Vogelschießen nicht eben sehr viel weniger, als eine volle Woche. Und das geschickt angeordnete Programm eines jeden Xafle» ließ keine Langeweile und keinen Ueber- druß aufkommen. Jeder und jede suchte sich den Lag auL, der ihnen paßte, nur am weit und breit in der Umgegend berühmten Vogelschießen - Sonntag ward der Maffenandrang etwas beängstigend. Auch die schönste der massenhaft vertilgten Rostbratwürste erhielt ihre gehörige DofiS Staub, wenn das Wetter einigermaßen trocken war, die Stimmen der Ausrufer vor den Buden nahmen einen geradezu unheimlichen Klang an, und die Löwen, Tiger und sonstigen Bestien entwickelten unter Anwendung aller möglichen Reizmittel eine äußere Wildheit, die gar nicht zu ihrer durch mancherlei Fasten herbeigeführten GernütSbepresfion paßte.
Und gerade an einem solchen Sonntag war * geschehen, waS Hannchen» Namen wieder in «ller Mund gebracht batte. Man war auf dem
Jndustriestaatsrekruten.
Unsere freifinnig-demokratische« Manchesterleute find bekanntlich stets eifing bestrebt bei der deutschen Lohnarbeiter-Bevölkerung Sehnsucht nach den großen Fleischtöpftn im Frei- handelSlande England zu wecken. Dort giebt eS keine sogenannten.Brot- und Fleischwucherzölle" zu Gunsten der inländischen Agrarproduktion, dort hat man dieselbe ruhig auf den Aussterbeetat gesetzt, nur um den Jn- dustriearbeitermassen nicht die Ernährung zu verkümmern. Merkwürdigerweise find trotzdem, oder zum Teil Wohl deswegen die Preise sowohl für Brot, wie auch für das gute Fleisch von inländischen Schlachttieren oft höher wie in unserem mit Agrarschutzzöllen behafteten Daterlande. Weil aber die englischen Jndustrie- und Schiffahrtsarbeiter durchschnittlich höhere Löhne erzielen als bei uns und weil ihnen gefrorenes und anderweitig konserviertes oder mumifiziertes Fleisch ausländischer Herkunft wohlfeil zu Gebote steht, können dieselben doch wesentlich größere Fleischmengen verzehren, als ihre deutschen Kollegen.
Unter diesen Verhältnissen müßten nach der Theorie unserer deutschen Manchesterleute und Demokraten die englischen Arbeiter eine durch und durch gesunde und kraftstrotzende Menschen- klafie darstellen. Diese Voraussetzung scheint merkwürdigerweise aber auch keineswegs zuzutreffen. In dem kürzlich veröffentlichten englischen Rekrutierungsbericht über das verflossene Jahr heißt es nämlich ausdrücklich:
„Es muß für die Zukunft Bedenken erregen, daß der Gesundheitszustand und die Entwickelung des Körpers bei den arbeitenden Klaffen von Jahr zu Jahr zurückgeht. Die Rekrutrerungs- offiziere haben den ausdrücklichen Befehl, nur solche Leute den untersuchenden Aerzten vorzuführen, von denen man annehmen kann, daß sie gesund sind; trotzdem mußten 3222 Prozent von diesen als unbrauchbar zurückgewiesen werden."
Wenn schon von den durch die Rekrutierungs- offizier strenge vorgemusterten und ausgewählten Leuten noch beinahe ein volles Drittel bei der ärztlichen Untersuchung als unbrauchbar zurückgewiesen werden rnufete, wie würde sich dann wohl das Verhältnis zwischen diensttauglichen und untauglichen Mannschaften stellen, wenn die jungen Männer in England ebenso wie bei uns in einem bestimmten Alter ausnahmslos zur militärärztlichen Musterung kämen? Dann würden sich in dem englischen Industriestaat sicher noch weit kläglichere Prozentziffern für b t e Militärtauglichkeit ergeben als in bett deutschen Großstädten und Jndustriebezirken, weil
weiten Platz unter vielen Hunderten, der Lärm war riesig, und dar Amüsement war im besten Gange.
Da gab eS einen Schreckensruf; ziemlich weit draußen auf dem Platz hatte eine armselige Seiltänzertruppe sich etabliert, aber, wenn auch nicht an gutem Willen, so stand fie doch in der Fähigkeit, etwas Besonderes zu leisten, weit hinter anderen Unternehmungen aus dem Schützenplatz zurück. Ein Mann war da, ein erwachsenes Mädchen, mehrere kleine Kinder, ein Pudel, ein paar Affen, das war daS ganze Künftlerpersonal. Und der Mann hustete bei seinen Kunststücken so, daß der Zuschauer ein peinliches Gefühl nicht zu unterdrücken vermochte. Die Clownspäße des abgezehrten ManneS riefen mehr ein Mitleiden, als ein Lachen hervor, und wenn eine ältere Frau kam um einzusammeln, dann zerstreute fich daS anwesende geringe Publikum meist im Ruf
Die schlechten Einnahmen steigerten die Gereiztheit des „Künstlers" sichtlich; wenn er mit einer leichten Peitsche das Auftreten seines zwei- und vierbeinigen Personals leitete, dann zischte die Peitsche mehr als einmal schärfer, als gerade notwendig war, und Schmerzensruse, die nur mühsam unterdrückt werden konnten, wurden laut. Aus dem Publikum schalt man, aber das half nichjs. Der Mann wollte die müden Angehörigen seiner Truppe zu ganz besonderen Leistungen zwingen, damit die Zuschauer bester zahlten, und er selbst machte in diesem Sinne unnatürlich erscheinende Anstrengungen; und da war eS denn geschehen.
Bei einem Kopfsprunge, deffen Ausführung dem in seiner Kraft geschwächten Menschen zweimal mißlungen war, schlug er, als er den dritten Versuch wagte, hart zu Boden, so daß er bewußtlos liegen blieb. In den Schrecken«-
dort der Großstadt- und Jnduftriearbeiter- bevölksrung nur mchr sehr viel weniger frischesBlut vom Lande zufließt als bei uuS.
Woran liegt eS nun, daß, die englische Arbeiterbevölkerung, wie durch ärztliches Gutachten konstatiert wird, in GesundheftSzustand und körperlicher Entwickelung trotz ihrer großen Fleischtöpfe so zurückgeht? Ist «S allein auf die entnervende, Körper zerstörende Einwirkung der Jndustriearbeit zurückzuführen, oder spielt da auch die minderwertige Beschaffenheit der vom Großhandel auS den fernst« Ländern herbeigeschleppteu Nahrungsmittel, besonder» de« Fleisches, eine bedeutsame Rolle?
Mag dem sein, wie ihm wolle; jedenfalls liegt in jmen Offenbarungen des englischen Rekrutierungsberichts ein ernstliche« Menetekel für unsere deutschen Staatsmänner, sich nicht von dem Sirenengesänge der deutschen Industrie- staatsschwärmer noch mehr als bisher betören zu laffen. In England ist man schon froh, daß nach dem letzten Bericht noch etwas über 50 000 militärtaugliche Rekruten, wenn auch mühsam, herausgesucht werden konnte«. Wie aber würde es um die Aufrechterhaltung unserer brutschen Wehrkraft, (die ein zehnfach größeres Rekrutenkontingent erfordert), bestellt sein, wenn auch Deutschland in einen Jndusiriestaat nach englischem Vorbild, mit einer trotz großer Fleischtöpfe entnervten DolkSmaffe und einer ungesunden und körperlich zurückgehenden Arbeiterbevölkerung verwandelt werden sollte? Auf dem besten Wege zu dieser für unsere nationale Existenz gefährlichen Umwandlung find wir Dank Caprivi, leider schon begriffen.
Umschau.
Generalfeldmarschall v. Hahnke.
Der Kaiser hat den Generalobersten von Hahnke von neuem in ganz besonderer Weift ausgezeichnet, indem er ihm zum Beweis fortdauernder Anerkennung reicher Verdienste und besonderen Wohlwollens den Rang eines Generalfeldmarschalls verlieh, v. Hahnke steht im 70. Lebensjahre und war bekanntlich lange Jahre hindurch Chef des kaiserlichen MilitärkabinetS, von welchem Posten er vor wenigen Jahren infolge seines leitenden Gesundheitszustandes entbunden wurde unter Ernennung zum Generalobersten und zum Oberbefehlshaber in den Marken und Gouverneur von Berlin. Nicht- fürstliche Generalfeldmarschälle besitzt das deutsche Heer nunmehr zwei: Gras Waldersee und von Hahnke. __________
ruf des Zusammenbrechenden stimmten die Frau und die Kinder und die spärlichen, noch vorhandenen Zuschauer ein; man schrie nach einem Arzt, der fich zum Glück bald einfand. Eine Untersuchung ergab, daß eine lebensgefährliche Verletzung nicht vorlag, immerhin waren Ruhe und, mehr noch, kräftige Nahrung erforderlich.
Mit einem bitteren Lachen der Verzweiflung warf die Frau die kleinen Münzen, die fie eingenommen, auf den Teller. Es war kaum der Rede wert für diesen Fall. Die Kinder hatten sich herangedrängt und machten trübselige Gesichter, Pudel und Affen hatten sich in eine Ecke verkrochen. Es war ein Jammerbild, das einen krassen Gegensatz zu dem lustigen Leben und dem bewegten Treiben deS wogenden Vogelschieß-TrubelS bildete.
Man hatte wenig auf daS erwachsene Mädchen der Truppe geachtet, das fich einmal als Drahtseilkünstlerin, dann wieder als Tänzerin mit einem Tamburin produziert hatte. Es war eine geschmeidige Gestalt mit einem angenehmen braunen Gesicht, aber ach ihre Darbietungen verfehlten den rechten Eindruck, weil ein herber Zug schwermütiger Trauer die jugendlichen Züge überschattete. DaS fidele Publikum war freundlichere, zuvorkommendere Mienen gewöhnt, einzelne Worte über die „Stolze" waren bereits aus dem Kreise der Zuschauer gefallen und riefen ein zorniges Aufblitzen in den dunklen Augen hervor.
Regungslos, mit weit vorgebeugtem Körper hatte daS Mädchen den Daliegenden beobachtet; dann war fie mit einem Ausschluchzen zur Seite getreten. Und auch fie hatte doch mehr als einen der „Aufmunterunashiebe" mit der Peitsche erhalten und ertragen, ohne sichtlich zusammenzuzucken. Jetzt stcmtte sie mit große« Augen auf den Platz hin, auf dem fich die bunte
Au» be« Kommissionen.
Die Butgetkommisfion des Reichstag« erledigte gestern be« @tat für Kiautschau, bi» Hauptforderungen wurden bewilligt, Abstrich« nur bei minderwichtigen Petitionen vorgenommen. Gleichzeitig wurde eine Resolution angenommen die für da« Kolonialrecht eine angemeffeneStellung an den preußischen Universitäten verlangt. Auf Anfrage erklärte der Staatssekretär, daß jung« beutfd^e Kaufleute ihrer militärischen Dienstpflicht als Einjährige auch in Tsingtau genügen könnten. Von einer Seite wurde die Höhe der Reisegelder und Diäten der nach Kiautscha« geschickte« deutschen Beamten bemängelt. Bei den Reisekosten müßte jeder Einzelne wenigstens 1350 Mk. verdienen. Eine solche Bereicherung auf Kosten des Reiches sei aber nicht angängige Der Staatssekretär bestritt, daß Profite gemacht würden, und versicherte, daß die Verheiratet« mit den Reisekosten nicht einmal auskämen. — Im Uebrigen machte der Staatssekretär sehr günstige Mitteilungen über die Entwicklung und die Ausfichten Kiautschau«. Es sei zu hoffen, daß die Marine ihren gesamten Kohlenbedarf alsbald in Shantung werde decken können. Der Gesundheitszustand sei günstig, wie denn Tsingtau überhaupt der gesundeste Ort in ganz China sei. Die nächste Sitzung findet Dienstag statt (Weltausstellung St. LouiS; Ostafien).
Zur Aufhebung des 8 2 de» Jesuitengesetzes.
Die Beschlußfaffung im Bundesrat über bi« Aufhebung des § 2 be8 Jesuitengesetzes soll Ml auf weiteres hinausgeschoben worden sein, da man gegenwärttg auf eine Mehrheit im Bundesrat für die Aufhebung mit Sicherheit nicht rechnen zu können glaubt. Tatsächlich habe« ja sehr zahlreiche Einzelregierungen beschlossen, im Bundesrate ihre Stimmen gegen die Aufhebung der „Internierung" abzugeben. — Di« „Kreuz-Ztg." kann nicht begreifen, wie ma« von der Ausführung der Bülowsschen Zusag« so Schlimme« für das deutsche Vaterland befürchten oder gar von einer beabsichtigten Wiederzulaffung der Jesuiten reden könne.. Da» fei doch eine vollständige Verkennung der Sachlage. OrdenSniederlaffungen der Jesuiten bleibe« ja durch ben § 1 des Gesetzes, der nicht angetastet werden soll, überhaupt verboten. Der 8 2 aber, der aufgehoben werden solle, enthalte doch garnicht« so Wichtige«. Den« wenn auch ausländische Jesuiten hinfort nicht mehr grundsätzlich auSzuweisen seien, so könnt« fich da« Reich ihrer doch stet« ebenso leicht entledigen wie aller Ausländer, di« sich lästig machen. Inländern aber nur deshalb, weil fie Mitglieder einer außerhalb de« Reiche« existierenden OrdenSniederlaffung
Menge schwatzend und lachend umhertrieb. Auf den Verunglückten achtete man nicht mehr groß, man wußte ja, Lebensgefahr drohte nicht.
Plötzlich schoß die Seiltänzerin wie ein Pfeil davon und mitten in das Gewühl hinein. Dort ging Lebrecht Hölder mit Frau und Tochter, vergnügt im Innersten, umher, und als da« MSdele mal wieder das Karuffellfahren probieren wollte, hatte er zustimmend genickt und Gelb herausgegeben, trotzdem seine Frau, nicht ganz ohne jedes Recht, den Einwand erhob, Hannche« sei eigenttich nun doch etwas zu groß dazu.
Gerade kam fie mit geröteten Wangen und lachenden Augen von der amüsanten Fahrt, al« fie am Arm gefaßt wurde. Vor ihr stand dft Seiltänzerin.
„O Helf' Sie uns!" bat da» Mädchen, bei im bunten Flitterstaat allein unter der neugierigen Menge stand, „Vater hat fich beinah Hals gebrochen. Und kein Geld und gar ft viel Hunger!"
„Wer ist denn das?" fragte Hölder erstaunt, und auch seine Frau konnte ein überraschte« „Nanuk" nicht unterdrücken.
„Ja, wer find Sie denn, ich kenn Sie ga* nicht?" antwortete Hannchen, der e« erst recht unerklärlich war, wie fich die Fremde unter ft vielen Hunderten von Menschen gerade fie au»- suchen konnte.
„Kenn' mich gutt, serr gutt, blos bnm denken, an Sultan, an braunen Bür," antwortete die Bittende, während ihr au» be« bunklen Augen bie heißen Thränen über bi« braunen Wangen herabrollten.
.Ach daher!" lachte Hannchen unwillkürlich.
(Fortsetzung folgt.)