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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Sonntagsbeilage: Jllufteirtes Sonntagsblatt.

38. Jahrg

Jll 74

Marburg

Sonntag, 15. März 1903.

UNrteljc'h-lichrr Bezugspreis: bet der Expedition 3 SRI, bei allen Postämter« 2,25 Mk. (excl. Bestellgelds /bujertiouSgebithr: bU gespaltene Zeile oder der« Rau» 10 Pjg. Reclam«: die Zeil« 25 Psg.

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Druck rmd Verlag: Joh. Aug. Koch, Universität»-Buchdrucke«!

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Die Neuwahlen zum Reichstage finden im kommenden Merteljahr statt. Da ist eS von höchster Wichtigkeit für jede« Wähler über die Wahl­bewegung durch feine Zeitung stets auf dem Lausenden gehalten und bei allen austauchenden Frage« mit Material, durch Winke und Ratschläge unterstützt zu werden. Diese Aufgabe hat sich be­sonder» die .Oberhessische Zeitung" für die kommenden Wahlen gestellt und fie ist deshalb un­entbehrlich für jeden nationalen Wähler in unserem Wahlkreise!

Da die .Oberhesfische Zeitung' in ständiger Ver­bindung mit dem größten deutschen, aus amtlichen Quellen bedienten telegraphischen Bureau steht und «n weitverzweigtes Netz von Korrespondenten in ihrem Verbreitungsbezirke und weit darüber hinaus unterhält, so ist fie in der Lage sicher für jedermann etwas zu bringen, was deffen Interesse besonder» in Anspruch nimmt. Außer­dem ist fie immer bemüht, die Zahl ihrer Nachrichten uns Stadt und Land zu vermehren, da der sich be­ständig vergrößernde Leserkreis der .Oberhesfische« Zeitung" dies erfordert und ermöglicht. Der Aus­wahl der zur Veröffentlichung kommende« Romane und Erzählungen werden wir erhöhte Aufmerksamkeit widmen.

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Redaktto« «rnd Verla«

»erOderheffifchea Zett«««".

HO ^Nachdruck verboten.)

Briefträgers Hannchen.

Vo« Seorg Paulsen.

'Fortsetzung.)

Hab manches Ringewechseln späterer Lage hatte seinen Ursprung in dem Tamtam des Vogelschießens. ES war eine alte Einrichtung, aber ihre Kraft bewährte sich bis aus diesen Lag unverändert.

Jedenfalls hätten die jungen Mädchen fie nicht missen mögen, und deren Mütterchen noch weniger. Denn in der allgemeinen Volks­freudigkeit wurde manche in winterlichen Ver­gnügungen unabwendbare Strapaze vermieden.

Gut Ding will gut Weile haben, und so dauerte auch das Vogelschießen nicht eben sehr viel weniger, als eine volle Woche. Und das geschickt angeordnete Programm eines jeden Xafle» ließ keine Langeweile und keinen Ueber- druß aufkommen. Jeder und jede suchte sich den Lag auL, der ihnen paßte, nur am weit und breit in der Umgegend berühmten Vogel­schießen - Sonntag ward der Maffenandrang etwas beängstigend. Auch die schönste der massenhaft vertilgten Rostbratwürste erhielt ihre gehörige DofiS Staub, wenn das Wetter einiger­maßen trocken war, die Stimmen der Ausrufer vor den Buden nahmen einen geradezu un­heimlichen Klang an, und die Löwen, Tiger und sonstigen Bestien entwickelten unter An­wendung aller möglichen Reizmittel eine äußere Wildheit, die gar nicht zu ihrer durch mancher­lei Fasten herbeigeführten GernütSbepresfion paßte.

Und gerade an einem solchen Sonntag war * geschehen, waS Hannchen» Namen wieder in «ller Mund gebracht batte. Man war auf dem

Jndustriestaatsrekruten.

Unsere freifinnig-demokratische« Manchester­leute find bekanntlich stets eifing bestrebt bei der deutschen Lohnarbeiter-Bevölkerung Sehn­sucht nach den großen Fleischtöpftn im Frei- handelSlande England zu wecken. Dort giebt eS keine sogenannten.Brot- und Fleisch­wucherzölle" zu Gunsten der inländischen Agrarproduktion, dort hat man dieselbe ruhig auf den Aussterbeetat gesetzt, nur um den Jn- dustriearbeitermassen nicht die Ernährung zu verkümmern. Merkwürdigerweise find trotzdem, oder zum Teil Wohl deswegen die Preise so­wohl für Brot, wie auch für das gute Fleisch von inländischen Schlachttieren oft höher wie in unserem mit Agrarschutzzöllen behafteten Daterlande. Weil aber die englischen Jndustrie- und Schiffahrtsarbeiter durchschnittlich höhere Löhne erzielen als bei uns und weil ihnen ge­frorenes und anderweitig konserviertes oder mumifiziertes Fleisch ausländischer Herkunft wohlfeil zu Gebote steht, können dieselben doch wesentlich größere Fleischmengen verzehren, als ihre deutschen Kollegen.

Unter diesen Verhältnissen müßten nach der Theorie unserer deutschen Manchesterleute und Demokraten die englischen Arbeiter eine durch und durch gesunde und kraftstrotzende Menschen- klafie darstellen. Diese Voraussetzung scheint merkwürdigerweise aber auch keineswegs zuzu­treffen. In dem kürzlich veröffentlichten eng­lischen Rekrutierungsbericht über das verflossene Jahr heißt es nämlich ausdrücklich:

Es muß für die Zukunft Bedenken erregen, daß der Gesundheitszustand und die Entwickelung des Körpers bei den arbeitenden Klaffen von Jahr zu Jahr zurückgeht. Die Rekrutrerungs- offiziere haben den ausdrücklichen Befehl, nur solche Leute den untersuchenden Aerzten vorzu­führen, von denen man annehmen kann, daß sie gesund sind; trotzdem mußten 3222 Prozent von diesen als unbrauch­bar zurückgewiesen werden."

Wenn schon von den durch die Rekrutierungs- offizier strenge vorgemusterten und ausgewählten Leuten noch beinahe ein volles Drittel bei der ärztlichen Untersuchung als unbrauchbar zurück­gewiesen werden rnufete, wie würde sich dann wohl das Verhältnis zwischen diensttauglichen und untauglichen Mannschaften stellen, wenn die jungen Männer in England ebenso wie bei uns in einem bestimmten Alter ausnahmslos zur militärärztlichen Musterung kämen? Dann würden sich in dem englischen Industriestaat sicher noch weit kläg­lichere Prozentziffern für b t e Militärtauglichkeit ergeben als in bett deutschen Großstädten und Jndustriebezirken, weil

weiten Platz unter vielen Hunderten, der Lärm war riesig, und dar Amüsement war im besten Gange.

Da gab eS einen Schreckensruf; ziemlich weit draußen auf dem Platz hatte eine arm­selige Seiltänzertruppe sich etabliert, aber, wenn auch nicht an gutem Willen, so stand fie doch in der Fähigkeit, etwas Besonderes zu leisten, weit hinter anderen Unternehmungen aus dem Schützenplatz zurück. Ein Mann war da, ein erwachsenes Mädchen, mehrere kleine Kinder, ein Pudel, ein paar Affen, das war daS ganze Künftlerpersonal. Und der Mann hustete bei seinen Kunststücken so, daß der Zu­schauer ein peinliches Gefühl nicht zu unter­drücken vermochte. Die Clownspäße des abge­zehrten ManneS riefen mehr ein Mitleiden, als ein Lachen hervor, und wenn eine ältere Frau kam um einzusammeln, dann zerstreute fich daS anwesende geringe Publikum meist im Ruf

Die schlechten Einnahmen steigerten die Gereiztheit desKünstlers" sichtlich; wenn er mit einer leichten Peitsche das Auftreten seines zwei- und vierbeinigen Personals leitete, dann zischte die Peitsche mehr als einmal schärfer, als gerade notwendig war, und Schmerzens­ruse, die nur mühsam unterdrückt werden konnten, wurden laut. Aus dem Publikum schalt man, aber das half nichjs. Der Mann wollte die müden Angehörigen seiner Truppe zu ganz besonderen Leistungen zwingen, damit die Zuschauer bester zahlten, und er selbst machte in diesem Sinne unnatürlich erscheinende An­strengungen; und da war eS denn geschehen.

Bei einem Kopfsprunge, deffen Ausführung dem in seiner Kraft geschwächten Menschen zweimal mißlungen war, schlug er, als er den dritten Versuch wagte, hart zu Boden, so daß er bewußtlos liegen blieb. In den Schrecken«-

dort der Großstadt- und Jnduftriearbeiter- bevölksrung nur mchr sehr viel weniger frischesBlut vom Lande zufließt als bei uuS.

Woran liegt eS nun, daß, die englische Arbeiterbevölkerung, wie durch ärztliches Gut­achten konstatiert wird, in GesundheftSzustand und körperlicher Entwickelung trotz ihrer großen Fleischtöpfe so zurückgeht? Ist «S allein auf die entnervende, Körper zerstörende Einwirkung der Jndustriearbeit zurückzuführen, oder spielt da auch die minderwertige Beschaffenheit der vom Großhandel auS den fernst« Ländern herbeigeschleppteu Nahrungsmittel, besonder» de« Fleisches, eine bedeutsame Rolle?

Mag dem sein, wie ihm wolle; jedenfalls liegt in jmen Offenbarungen des englischen Rekrutierungsberichts ein ernstliche« Menetekel für unsere deutschen Staatsmänner, sich nicht von dem Sirenengesänge der deutschen Industrie- staatsschwärmer noch mehr als bisher betören zu laffen. In England ist man schon froh, daß nach dem letzten Bericht noch etwas über 50 000 militärtaugliche Rekruten, wenn auch mühsam, herausgesucht werden konnte«. Wie aber würde es um die Aufrechterhaltung unserer brutschen Wehrkraft, (die ein zehnfach größeres Rekruten­kontingent erfordert), bestellt sein, wenn auch Deutschland in einen Jndusiriestaat nach eng­lischem Vorbild, mit einer trotz großer Fleisch­töpfe entnervten DolkSmaffe und einer unge­sunden und körperlich zurückgehenden Arbeiter­bevölkerung verwandelt werden sollte? Auf dem besten Wege zu dieser für unsere nationale Existenz gefährlichen Umwandlung find wir Dank Caprivi, leider schon begriffen.

Umschau.

Generalfeldmarschall v. Hahnke.

Der Kaiser hat den Generalobersten von Hahnke von neuem in ganz besonderer Weift ausgezeichnet, indem er ihm zum Beweis fort­dauernder Anerkennung reicher Verdienste und besonderen Wohlwollens den Rang eines General­feldmarschalls verlieh, v. Hahnke steht im 70. Lebensjahre und war bekanntlich lange Jahre hindurch Chef des kaiserlichen MilitärkabinetS, von welchem Posten er vor wenigen Jahren in­folge seines leitenden Gesundheitszustandes ent­bunden wurde unter Ernennung zum General­obersten und zum Oberbefehlshaber in den Marken und Gouverneur von Berlin. Nicht- fürstliche Generalfeldmarschälle besitzt das deutsche Heer nunmehr zwei: Gras Waldersee und von Hahnke. __________

ruf des Zusammenbrechenden stimmten die Frau und die Kinder und die spärlichen, noch vor­handenen Zuschauer ein; man schrie nach einem Arzt, der fich zum Glück bald einfand. Eine Untersuchung ergab, daß eine lebensgefährliche Verletzung nicht vorlag, immerhin waren Ruhe und, mehr noch, kräftige Nahrung erforderlich.

Mit einem bitteren Lachen der Verzweiflung warf die Frau die kleinen Münzen, die fie ein­genommen, auf den Teller. Es war kaum der Rede wert für diesen Fall. Die Kinder hatten sich herangedrängt und machten trübselige Ge­sichter, Pudel und Affen hatten sich in eine Ecke verkrochen. Es war ein Jammerbild, das einen krassen Gegensatz zu dem lustigen Leben und dem bewegten Treiben deS wogenden Vogelschieß-TrubelS bildete.

Man hatte wenig auf daS erwachsene Mädchen der Truppe geachtet, das fich ein­mal als Drahtseilkünstlerin, dann wieder als Tänzerin mit einem Tamburin produziert hatte. Es war eine geschmeidige Gestalt mit einem angenehmen braunen Gesicht, aber ach ihre Darbietungen verfehlten den rechten Eindruck, weil ein herber Zug schwermütiger Trauer die jugendlichen Züge überschattete. DaS fidele Publikum war freundlichere, zuvorkommendere Mienen gewöhnt, einzelne Worte über die Stolze" waren bereits aus dem Kreise der Zuschauer gefallen und riefen ein zorniges Auf­blitzen in den dunklen Augen hervor.

Regungslos, mit weit vorgebeugtem Körper hatte daS Mädchen den Daliegenden beobachtet; dann war fie mit einem Ausschluchzen zur Seite getreten. Und auch fie hatte doch mehr als einen derAufmunterunashiebe" mit der Peitsche erhalten und ertragen, ohne sichtlich zusammen­zuzucken. Jetzt stcmtte sie mit große« Augen auf den Platz hin, auf dem fich die bunte

Au» be« Kommissionen.

Die Butgetkommisfion des Reichstag« er­ledigte gestern be« @tat für Kiautschau, bi» Hauptforderungen wurden bewilligt, Abstrich« nur bei minderwichtigen Petitionen vorgenommen. Gleichzeitig wurde eine Resolution angenommen die für da« Kolonialrecht eine angemeffeneStellung an den preußischen Universitäten verlangt. Auf Anfrage erklärte der Staatssekretär, daß jung« beutfd^e Kaufleute ihrer militärischen Dienst­pflicht als Einjährige auch in Tsingtau genügen könnten. Von einer Seite wurde die Höhe der Reisegelder und Diäten der nach Kiautscha« geschickte« deutschen Beamten bemängelt. Bei den Reisekosten müßte jeder Einzelne wenigstens 1350 Mk. verdienen. Eine solche Bereicherung auf Kosten des Reiches sei aber nicht angängige Der Staatssekretär bestritt, daß Profite gemacht würden, und versicherte, daß die Verheiratet« mit den Reisekosten nicht einmal auskämen. Im Uebrigen machte der Staatssekretär sehr günstige Mitteilungen über die Entwicklung und die Ausfichten Kiautschau«. Es sei zu hoffen, daß die Marine ihren gesamten Kohlenbedarf alsbald in Shantung werde decken können. Der Gesundheitszustand sei günstig, wie denn Tsingtau überhaupt der gesundeste Ort in ganz China sei. Die nächste Sitzung findet Dienstag statt (Weltausstellung St. LouiS; Ostafien).

Zur Aufhebung des 8 2 de» Jesuiten­gesetzes.

Die Beschlußfaffung im Bundesrat über bi« Aufhebung des § 2 be8 Jesuitengesetzes soll Ml auf weiteres hinausgeschoben worden sein, da man gegenwärttg auf eine Mehrheit im Bundes­rat für die Aufhebung mit Sicherheit nicht rechnen zu können glaubt. Tatsächlich habe« ja sehr zahlreiche Einzelregierungen beschlossen, im Bundesrate ihre Stimmen gegen die Auf­hebung derInternierung" abzugeben. Di« Kreuz-Ztg." kann nicht begreifen, wie ma« von der Ausführung der Bülowsschen Zusag« so Schlimme« für das deutsche Vaterland be­fürchten oder gar von einer beabsichtigten Wiederzulaffung der Jesuiten reden könne.. Da» fei doch eine vollständige Verkennung der Sach­lage. OrdenSniederlaffungen der Jesuiten bleibe« ja durch ben § 1 des Gesetzes, der nicht ange­tastet werden soll, überhaupt verboten. Der 8 2 aber, der aufgehoben werden solle, enthalte doch garnicht« so Wichtige«. Den« wenn auch ausländische Jesuiten hinfort nicht mehr grundsätzlich auSzuweisen seien, so könnt« fich da« Reich ihrer doch stet« ebenso leicht entledigen wie aller Ausländer, di« sich lästig machen. Inländern aber nur deshalb, weil fie Mitglieder einer außerhalb de« Reiche« existierenden OrdenSniederlaffung

Menge schwatzend und lachend umhertrieb. Auf den Verunglückten achtete man nicht mehr groß, man wußte ja, Lebensgefahr drohte nicht.

Plötzlich schoß die Seiltänzerin wie ein Pfeil davon und mitten in das Gewühl hinein. Dort ging Lebrecht Hölder mit Frau und Tochter, vergnügt im Innersten, umher, und als da« MSdele mal wieder das Karuffellfahren probieren wollte, hatte er zustimmend genickt und Gelb herausgegeben, trotzdem seine Frau, nicht ganz ohne jedes Recht, den Einwand erhob, Hannche« sei eigenttich nun doch etwas zu groß dazu.

Gerade kam fie mit geröteten Wangen und lachenden Augen von der amüsanten Fahrt, al« fie am Arm gefaßt wurde. Vor ihr stand dft Seiltänzerin.

O Helf' Sie uns!" bat da» Mädchen, bei im bunten Flitterstaat allein unter der neu­gierigen Menge stand,Vater hat fich beinah Hals gebrochen. Und kein Geld und gar ft viel Hunger!"

Wer ist denn das?" fragte Hölder erstaunt, und auch seine Frau konnte ein überraschte« Nanuk" nicht unterdrücken.

Ja, wer find Sie denn, ich kenn Sie ga* nicht?" antwortete Hannchen, der e« erst recht unerklärlich war, wie fich die Fremde unter ft vielen Hunderten von Menschen gerade fie au»- suchen konnte.

Kenn' mich gutt, serr gutt, blos bnm denken, an Sultan, an braunen Bür," ant­wortete die Bittende, während ihr au» be« bunklen Augen bie heißen Thränen über bi« braunen Wangen herabrollten.

.Ach daher!" lachte Hannchen unwillkürlich.

(Fortsetzung folgt.)