Marburg
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Angst der Sozialdemokratie.
Selten hat die Parlamentsrede eines Abgeordneten einefo starke und nachhaltige Wirkung auSgeübt, wie die Rede, in der der Präsident des Abgeordnetenhauses, Herr von Kröcher, im Reichstage erklärte, es spreche direkt gegen den gesunden Menschenverstand, daß die Sozialdemokratie in der gesetzgebenden Körperschaft des Reiches vertreten sein könne, und daß eine Partei, die auf gesetzlichem Wege den Umsturz der gesamten Gesellschaftsordnung herbeiführen wolle, sich durchaus nicht eigne, Subjekt, sondern bloß Objekt der Gesetzgebung zu sein. Diese Rede ist vor länger als sechs Wochen gehalten worden, seitdem aber vergeht kein Tag, an welchem nicht in der Presse darüber diskutiert würde. Anfangs spotteten die sozialdemokratischen Blätter über diese Bemerkungen; bald aber schlug die Stimmung um, und schon gegen Ende Dezember erklärte Singer in der „Neuen Zeit", die „Hetze der Kröcher und Konsorten gegen die Sozialdemokratie" sei anscheinend eine bloße Episode gewesen, sie habe aber in Wirklichkeit den „weltgeschichtlichen Kern" des ganzen Kampfes um den Zolltarif enthüllt.
Es ist außerordentlich charakteristisch, daß schon die bloße freimütige Andeutung des Widersinnes sozialdemokratischer Beteiligung an der Reichsgesetzgebung in solcher Weise auf die Sozialdemokratie einwirkt. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Singersche Partei vor nichts größere Angst hat, als vor einem gesetzgeberischen Einschreiten gegen ihre gewerbsmäßige Verhetzung und Verbreitung von Klaffenhaß. Wenn die Rodomontaden ernst gemeint wären, wonach die Sozialdemokratie unter dem Sozialistengesetze, das einen eisernen Ring dargestellt habe, die größten Fortschritte gemacht hätte, so könnten die „Genoffen" eigentlich nichts sehnlicher wünschen, als daß den Andeutungen des Herrn von Kröcher die Tat folge. Umgekehrt aber erörterten die „besten Köpfe" unter den Sozialdemokraten die Frage, wie es gemacht werden müsse, um einen solchen Schlag von der Partei abzuwenden.
Vor einiger Zeit bereits brachte der bekannte „Genofle" Parvus die „große" Möglichkeit zur
B5 ^Nachdruck verboten.)
Schloß Schönfeld.
Roman von B. Corony.
(Fortsetzung.)
„Ein weiches, warmes Herz, eine glühende Phantasie betrügen leicht. Dich trifft kein Vorwurf, da Du Dir Deine makellose Reinheit bewahrtest."
„Aber ich wurde an mir selbst irre, Tante Melanie. Nichts ist geschehen, worüber ich vor Dir oder vor anderen erröten müßte, und doch quält mich die Erinnerung und erscheint mir wie ein trüber Fleck auf blanker Spiegelfläche. Ich wollte, daß ich sie gänzlich aus meinem Gedächtnis tilgen könnte!"
Hastig, wie um das Gespräch abzubrechen, trat sie ans Fenster und machte sich bei den Blumen zu schaffen. „Deine Azaleen hängen die Kelche. Ich habe sie heute noch nicht besoffen."
„Wen grüßest Du? fragte Melanie.
»Förster Olschmann ging eben vorbei," erwiderte da8 Mädchen ruhig, doch als sie sich umwandte, entging es Fräulein v. Sterneck nicht, daß ihr Gesicht wie mit Rosenglut übergossen war.
Die alte Dame sagte nichts, aber ein wohlwollendes Lä-beln spielte um ihre Lippen. Die aufkeimende Neigung- der beiden jungen Leute war ihr, der scharfen Beobachterin, längst kein Geheimnis mehr. Weit entfernt, ihr zu zürnen, freute sie sich darüber und würde die Pflegetochter fern in einer glücklichen Häuslichkeit, unter
Schutze eines wackeren Mannes gewußt
Sprache, daß das allgemeine Wahlrecht aufgehoben werden könne. Er empfahl, dieser Maßregel — an die bekanntlich garnicht gedacht wird — mit einem politischen Generalstreik zu begegnen. Der betreffende Aufsatz ist in einem großen Teile der sozialdemokratischen Presse abgedruckt; es verlohnt sich also, darauf mit einigen Worten einzugehen. Der von ParvuS geplante Generalstreik soll „nur die größte Machtentfattung des Proletariats" sein; die Hauptsache sei, daß er möglichst große Massen erfasse, wenn er auch nur einige Tage dauere. Es handelt sich also hier um den Plan einer revolutionären Demonstration, die auf die Gefahr hin, daß es dabei zu Blutvergießen kommen könnte, unternommen werden soll. Parvus nennt das selbst ein „furchtbares Wagnis"; aber er mutet' es trotzdem der sozialdemokratischen Anhängerschaft zu. DaS ist allerdings gefahrlos; denn die Herren Führer würden dabei ihre Haut nicht zu Markte tragen, sondern sich zu salvieren wissen.
In ihrer neuesten Nummer kommt nun auch die „Neue Zeit" auf diese sozialdemokratischen Sorgen zu sprechen. Indem sie eS für zweifellos hält, daß die Tage des allgemeinen Wahlrechts gezählt sein würden, wenn die Hoffnungen, die die Sozialdemokraten auf die nächsten Wahlen setzen, sich erfüllten, warnt sie vor der „Furcht vor dem Siege", die das innere Herzensgeheimnis des Revisionismus (nämlich der „Genossen" Bernstein, Heine u. s. w.) bilde. Eine solche Politik könne die Sozialdemokratie niemals treiben. Sie werde in dem bevorstehenden Wahlkampf ihre äußerste Kraft anstrengen, selbst auf die Gefahr hin, daß ihr das Schwert zerbrochen werde, womit sie ihre Gegner niedermähe. Anders als in sehr schwerer Not würden die herrschenden Klaffen an die Beseitigung des Wahlrechts nicht gehen; aber behaupten, daß sie sich dieses Staatsstreichs nie unterfangen würden, hieße behaupten, daß die sozialdemokratische Agitation die herrschenden Klassen nie in sehr schwere Not bringen könne. Es sei aber ganz verkehrt, im voraus bestimmte Abwehrmittel gegen Gefahren ins Auge zu faffen, die einmal eintreten könnten und würden, ohne daß man jetzt wiffe, wie und unter welchen Umständen.
Aus all diesen Auslaffungen ist ersichtlich, daß die sozialdemokratische Führerschaft sich auf eine stärkere Entfaltung staatlicher Machtmittel gegen ihre Agitationen gefaßt macht, und daß sie davor große Bange hat. Wenn auch die Behauptung, daß das allgemeine Wahlrecht ernsthaft bedroht sei, dazu bestimmt ist, in erster Linie propagandistisch zu wirken und die Leidenschaft der großen Massen aufzustacheln, so spricht daraus doch auch das schlechte Gewissen, das einen solchen Schritt der „herrschenden Klassen" als ganz begreiflich anfieht.
In der Sozialdemokratie kann man sich,
wie aus allen derartigen Erörterungen hervorgeht, der Erkenntnis nicht länger verschließen, daß die Aenderung der Geschäftsordnung die logische Folge davon war, daß deren Bestimmungen von der sozialdemokratischen Fraktion zum Nachteil des Staatswesens gemißbraucht worden sind, und daß möglicherweise im Fall ein solcher gemeingefährlicher Mißbrauch auch des Reichstagswahlrechts eintreten sollte, vor einer Aenderung desselben ebenfalls nicht ,zurückgeschreckt werden könnte. Das „Hamburger Echo" appelliert zwar an das „Rechtsgefühl", indem es schreibt, wenn man das allgemeine Wahlrecht abschaffe, erkläre man damit öffentlich, daß man alle Hoffnung verloren habe, im offenen ehrlichen Kampfe mit gleichen Waffen mit der Sozialdemokratie niemals fertig werden zu können. Aber dieser Appell ist widersinnig. Die gleichen Waffen, mit denen die Sozialdemokratie kämpft — in den letzten Wochen hat man im Reichstage davon die schönste Auswahl gesehen — können andere Parteien niemals anwenden. Das ist eben der Unterschied zwischen den Umsturzagitationen und den Agita« tionen der „Bourgeois". Gegen solche Waffen giebt e8 kein anderes Mittel als die Gewalt, und daß darauf Herr von Kröcher hingewiesen, dürfte für die Sozialdemokratie, aber auch für — andere Leute recht lehrreich gewesen sein.
Umschau.
Die Kronprinzessin von Sachsen.
Die Hochflut der Sensations- und anderen Meldungen über die Kronprinzessin von Sachsen und ihren Geliebten beginnt allmählich zu versiegen. Lediglich eine Aufklärung der Ursache liegt vor, die sie zu der plötzlichen Abreise von Gens nach Mentone veranlaßte. Sie reiste ab, nachdem sie von Dresden aus die Zusicherung erhalten hatte, daß Strafantrag wegen Ehebruchs gegen sie oder ihren Eiron nicht gestellt werden würde. Daraufhin hat sie das schützende Genf, in dem es ihr garnicht mehr gefiel, verlassen und mit ihrem Verehrer Mentone ausgesucht. Die „Leipz. Ztg." bestätigt, daß Kronprinz Friedrich August der Treulosen eine Jahresrente von 30 000 Mk. aus seinen eigenen Mitteln zugebilligt hat. Soll diese Rente wirklich auch die Frau Giron und damit auch der skrupellose Mann erhalten, der so namenloses Unglück über einen edlen Mann, über unschuldige Kinder gebracht hat, der auf ein erlauchtes Fürstenhaus und ein ganzes Volk unsagbare Schmach gehäuft hat? Nur schwer wird das rege Rechtsbewußtsein des deutschen Volkes sich mit der Tatsache abfinden können, daß der Schuldige nicht nur straflos bleibt, sondern auch noch großmütig gleichsam belohnt wird durch Gewährung einer für bürgerliche Verhältnisse recht beträchtlichen Rente. Aber Großmut ist eine Pflicht der Könige! . . .
haben. Kurts Charaktereigenschaften, so weit sie dieselben kannte, schienen ihr genügende Garantie für Gertruds Zukunft zu bieten, und daß der junge, strebsame, von seinen Vorgesetzten hochgeschätzte Waidmann Carriöre machen würde, daran war auch nicht zu zweifeln. Das Mädchen verdiente um seiner selbst willen geliebt zu werden, sollte aber doch nicht als arme Braut vor den Altar treten, denn Melanie hatte sie testamentarisch zur Erbin eines zwar bescheidenen, allein doch ausreichenden Vermögens eingesetzt. Gleichwohl fragte und forschte die alte Dame niemals. Sie hegte die feste Uebeczeugung, den beiden vertrauen zu dürfen.
Wirklich öffnete sich Gertruds heißes Herz jetzt erst der wahren, echten Liebe, aber die erste Täuschung hatte doch ein böses Unkraut in die junge Seele gepflanzt: den Zweifel. Er wollte nicht weichen und drohte die zarten Keime eines neuen und mächtigeren Empfindens zu überwuchern, bis dieses endlich doch den Sieg davontrug.
ES kam ein Tag, an welchem Kurt am Grabe der Mutter die Geliebte fragte, ob sie sein Los teilen wolle. Das war kein Werben in schönen Worten, keine glühende Beredtsam- keit, wie sie über Victors Lippen floß, sondern eine schlichte, ehrliche, etwas, linkisch vorgebrachte Bitte. Aber ein warmes Gemüt sprach daraus, und Gertrud meinte, ein Himmel voll stiller, reiner, ungetrübter Seligkeit tue sich ihr auf. Ihre Hand zitterte wie ein kleiner gefangener Vogel in der des Jägers, und während ihr Mund Gewährung lächelte, fielen zwei Tränen l auf den Hügel und glänrten dort wie Tautrovfen. I
Das war ein wonniges Heimgehen durch Wald und Felder an der Seite des teuren Mannes. Als sie nebeneinander dahinschritten, ließ ihn Gertrud tief in ihre Seele blicken, denn jetzt durfte es keinen verschwiegenen Winkel mehr geben, keine Schatten, die diesen Augen verborgen blieben.
Als Kurt sie nach ihrer unschuldsvollen Beichte an die Brust zog und sagte: „Was bist Du für ein liebes, reines Wesen, meine Trude," da war es ihr, als schwinde der trübe Fleck für immer und als gäbe es auf der ganzen Welt nur sonnige Helle und durchsichtige Klarheit.
Fräulein v. Sternck wurde durch das Geständnis der beiden nicht überrascht. Sie gab gern ihre Einwilligung und fragte nur: „Haben Sie bereits mit ihren Eltern gesprochen, lieber Olschmann?"
„Nein," erwiderte er, „doch das soll heute noch geschehen. Wenn Sie gestatten, komme ich abends mit ihnen her."
»Ich gestatte eS nicht nur, sondern werde mich herzlich darüber freuen."
Zwei glückliche, junge Menschen nahmen für wenig Stunden in Erwartung frohen Wiedersehens Abschied.
Kurt summte ein munteres Liedchen vor sich hin, den Weg nach Hause einschlagend. Es war Sonntag und die Eltern warteten mit dem Mittagessen. Er kaufte zwei Kindern einen großen Strauß Vergißmeinicht ab, um ihn der Mutter zu bringen und verteilte, was er an barem Gelds bei sich trug, an die Feldarbeiter und Holzsammler. Heute war es ihm Bedürfnis. Heranüate ffip.fi&ter iu leben.
Ein „Todesurteil" für die Landwirtschaft.
Die „Münch. Neuest. Nachr." veröffentlichen aus der Feder des Privatdozenten Dr. Walter Göß einen Artikel zum Gedenktage der Reichsgründung, in dem u. a. gesagt wird, unsere Zukunft beruhe auf der Industrie nicht die Landwirschast, sondern Industrie und Handel schüfen mit ihren Gewinnen das starke Deutschland. Wenn daS ein Privatdozent sagt, so wird allerdings die Landwirtschaft gut daran tun, sich mit dem Gedanken vertraut 31t machen, daß sie dem Untergange verfallen sei — schreibt dazu die „Dtsch. Tgs. Ztg." mit offenem Hohne.
Die „Vossische Zeitung" und die Brüsseler Konvention.
AlS die Brüffeler Konvention im Deutschen Reichstage zur Entscheidung stand, kämpft« die Vosfische Zeitung — im Politischen Theil, — in erster Reihe für deren Annahme mit der Begründung, daß diese Konvention dem deutschen Gesammtintereffe und nicht zuletzt auch dem besonderen Interesse der deutschen Zuckerindustrie dienlich sei. Jetzt steht bie»! selbe Konvention im österreichischen Parlament zur Verhandlung und da gestattet die Vosfische, Zeitung — allerdings nur in dem von uni schon wiederholt als zuweilen recht sachkundig anerkannten Handelstheil — ihrem österreichischen Korrespondenten den Ausdruck des nachfolgenden Urteils:
„Die Zuckerkonvention bildet den ersten Gegenstand der Tagesordnung des neu zusammentretenden Parlaments. Die Situation der österreichischen Zuckerindustrie wird durch bie. Konvention arg geschädigt und bie Maschinenindustrie spürt dies schon jetzt. Die Zucker», fabrikanten waren die besten Kunden bet Maschinenindustrie. Heute ist diel ander! geworden, und die Bestellungen der Zucker», fabricken bei bei den Maschinenindustrielle» sind geradezu minimal." Schade, daß dieser wirkliche Sachverständige der „Vosfische! Zeitung" nicht im Berliner Redaktionsbureatl des Blattes angestellt war, damals, als die Konvention für Deuschland zur Entscheidung stand. _____________
Die Wirren in Marokko.
Ueber Marokko ist nichts Neues zu melden.' Die Nachrichten, die von dort eingehen, widersprechen sich noch immer so direkt, daß ma» weder den einen noch den andern glauben karm^ vielmehr ganz offenbar daS Richtige mit bei Annahme trifft, daß eine endgültige Entscheidung' überhaupt noch nicht erfolgt ist. 1
Die letzten Nachrichten aus Tanger lauten r Es bestätigt sich, daß der Sultan den Aufständischen Schlappen beigebracht hat. Eine
„Du kommst spät!" riefOlschmann, der, die Pfeife in der Hand, in seinem Gärtchen auf» und abging. „Mutter hat schon Angst für ihren Braten."
„Verzeiht nur, daß ich unpünktlich war. Es ist sonst nicht meine Art, aber —"
DaS gutmütige, freundliche Antlitz der alten Frau erschien am Küchenfenster. „Äo bleibst Du denn so lange, Kurt? Ein gutes Mittag- effen kann das Warten nicht vertragen. Da plagt man sich den ganzen Vormittag und hernach fallen die Klöße auseinander und daS Fleisch bekommt eine harte Rinde."
„Bin ja schon da, Mütterchen, und sieh her, was ich Dir mitbringe: Deine Lieblingsblumen."'
„Schön, schön! Geht nur in die Laube. Ich komme gleich nach."
Man konnte sich kaum ein anziehendere! Familienbild denken, als die beiden alten Leute und den schmucken, jungen Jäger. Tie Vergißmeinnicht prangten in einer blauen Vase auf dem blendend weißen Tischtuch, und Sultan ließ es sich bei einer großen, irdenen Schüssel wohl fein.
„Wie hübsch und gemütlich e8 hier ist!" rief Kurt unwillkürlich aus.
„So gemütlich könnte es auch im Forsthaus sein," sagte die Mutter, „wenn Du nur wolltest."
„Ja, ja, Mütterchen, ich weiß schon, waS mit Deinen Worten gemeint ist. Eine Tochter wäre Dir willkommen."
„Allerdings. Ich möchte gern ein junge», braves, rühriges Weib an Deiner Seite wissen.-,
(Fortsetzung folgt)