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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

Sonntagsbeilage: Jilnftrirtes Sonntagsblatt.

»tertelt-hrlicher BrzugtPreiS: bei der Expeditio« 2 ML, Erscheint täglich außer <m Sonn- imb Feiertage«.

bei all« Postämter« 2,25 ML (excl. Bestellgeld). Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgab«. Qo _

**»sertionSgeb«hr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg. Ssnmtflfotth 17 ^rrnitrtT 1QDQ Druck und Berlag: Joh. Ang. Soch, Univerfitäts - Buchdruckers *>**9*B*

Reclamen: di- Zeile 25 Pfg. WUHUWIW, -L * <ÖUUUUT Marburg, M->rkt 21. - Telephon 55.

Die große liberale Partei in sozial- demokrattscher Beleuchtung.

Der Sozialdemokratte ist der Plan, eine große liberale Pattei" auf die Strümpfe zu düngen, sehr sympathisch. Mit Recht; denn bett alleinigen Gewinn von dieser Parteikonstellation hätte eben die sozialdemokratische Bewegung. 8 wäre nicht« weniger al« eine Unmöglich­kit so ist in dem letzten Leitartikel der Reuen Zeit' zu lesen eine liberal-sozial­demokratische Abwehrmehrheit, die eineschöne Sache" sein würde, in« deutsche Parlament zu bringen; e« brauchten nur 50 Mandate erobert zu werden. Da» sei aber nicht unerreichbar, wenn die Liberalen sich endlich zu der Praxi» ermannen" könnten, bei den Stichwahlen den konservativen oder den reaktionären Kandidaten al«da« größere Uebel" zu betrachten.

Die deutsche Sozialdemokratie ist so heißt e« wörtlich in der wissenschaftlichen sozial­demokratischen Revue weiter ihrerzeit au« der Unfähigkeit und Unlust de« Liberalismus entstanden, feine eigene Sache zu verteidigen, und ste hat seitdem die liberalen Forderungen viel rückhaltloser und wirksamer vertreten als die Liberalen selbst. Sind diese zu besserer Einsicht gelangt, so wäre es erfreulich, wenn sie sich als Hilfstruppen der sozialdemokratischen Partei anschließen wollten. Aber das hat bisher nur die kleinste der liberalen Fraktionen, . und auch diese nur in einer einzelnen Frage getan. Die Mehrzahl der liberalen Fraktionen hat gerade in den Kämpfen um den Zolltarif ihre eigene Sache schmählich verraten, sei e» mittelbar, wie die um Richter, sei eS unmittel­bar, wie die um Baffermann. Welch kindliche Jllusfion also von dem heimlichen oder offenen Bundesgenossen de« konservativ-ultramontanen Kartells, daß sie sich mit der Sozialdemokratie Verbünden würden, um jenem Kartell die Gist- zähne auszubrechen."

Wa« also die Sozialdemokratie von der großen liberalen Partei" erwartet ist dieses: Grundsätzliches Eintreten der bürgerlichen Linken in den Stichwahlen für die Sozialdemokratie, so daß für die sozialdemokratische Parteimin­destens sünfzig neue Mandate" herausgeschlagen würden und ferner unverbrüchliches Vasallentum dieserHilfstruppe" im Parlament. Diekleinste der liberalen Fraktionen", die nun unter der genialen Führung Barths befindliche Freisinnige Bereinigung hat allerdings da« Zeug dazu, diese sozialdemokratischen Forderungen glatt zu bewilligen, daS haben ihre Führer in der Presse und im Parlament oft genug ausgesprochen. Aber in der freifinnig-liberalen Wählerschaft liegen die Dinge ganz anders. Sind auch die Barth, Gothein, Pachnicke, Roeficke und so weiter

90 (Nachdruck verboten.)

Schloß Schönfeld.

Roman von B. E o r o n y.

(Fortsetzung.)

Gertrud fuhr fort,ich mußte einsehen lernen, daß ich mich einer bitteren, be­schämenden Selbsttäuschung hingegeben hatte und da starb etwas in mir der Glaube, da« Vertrauen und vielleicht auch die Fähigkeft zu lieben. ES war ein harter Kampf, ich blieb Siegerin. Meinau ist nicht der, für den ich ihn hielt. Ich bin furchtbar ernüchtert und gleichsam mit schmerzendem Kopf aus einem allzu lebhaften Traum erwacht. Wa« setzt noch kommt, berührt mich wenig."

..Weil Du zu lieben glaubtest, aber nicht

ebt hast. Der Mann, dem Du Dein ganzes nn und für immer hingiebst, wird Dir erst : '.ter begegnen."

Hoffentlich nie! Die Vergangenheit hat eine giftige Frucht gezeitigt: das Miß­trauen. Ich würde des Zweifels nicht ledig werden, und der schließt Glück und Feinden ett». Du gingst ja allein durch die Welt, warum sollte ich das nicht auch?"

Gieb Dich nicht abermals einer Selbst­täuschung hin. Deine leidenschaftliche Natur und mein still genügsamer Sinn find sich so unähnlich, wie Sonne und Mond. Du bist keine von denen, die einsam stehen können und würdest an der Oede deS Lebens, an innerer Leere und unbefriedigter Sehnsucht zu Grunde gehen. Aber überlassen wir da» alles der Zukunft."

Nach kaum einem halben Jahre wurde die

treue Knechte von Singer, Stadthagen imb Compagnie, so werden sich doch die Wähler be­danken, nur «och als HilfStrupve der Sozial­demokratie in Betracht zu kommen.

Die Sozialdemokratie sieht auch ein, daß sie ohne Hilfe der bürgerlichen Linken zu einem nennenswerten Mandatszuwachs nicht kommen kann. Sie macht sich über den Plan der großen liberalen Partei lustig, aber sie verlangt von dem Freisinn Heeresfolge. Um die Freisinnigen und namentlich deren bedeutendsten Führer, den Abgeordneten Eugen Richter, einzuschüchtern, wird geschimpft und gedroht. Auch dieNeue Zeit" schreibt vonhämischen Angriffen" gegen die moderne Arbeiterbewegung, in denen sich Richter hundertfach bewährt habe und droht: Mit solchen Leuten noch viel Federlesens zu machen, nachdem sie sich ganz offenkundig zu Helfershelfern der Brotwucherer erniedrigt haben, hieße freilich selbstmörderische Narrheit treiben." Nun dieselbstmörderische Narrheit" wäre jedenfalls größer, wenn die bürgerliche Linke auf die Barthschen Pläne einginge und sich zur Hilfstruppe der Sozialdemokratie erniedrigte.

Umjchau.

Die Vorfrucht.

Die Reichstagsersatzwahl im Danziger Kreise hat, so schreibt dieD. Tqsztg.", wie zu er­warten war, kein definitives Ergebnis gezeitigt, es wird vielmehr Stichwahl zwischen dem Kan­didaten der freifinnigen Vereinigung und dem der Sozialdemokratie stattfinden. Vergleicht man die bereits mitgeteilten Zahlen der gestrigen Wahlen mit denen der 1898 er Hauptwahl, so ergibt sich, daß die für den konservativen Kan­didaten abgegebenen Stimmen ziemlich erheblich um über 1300 zugenommen haben. Diese starke Zunahme wird wohl zum Teil dadurch erklärt, daß die Wähler des Zentrums, die im Jahre 1898 über 3000 Stimmen stellten, trotz deS BeschluffeS, fich der Wahl zu enthalten, teilweise für den konservativen Kandidaten ein­getreten sind. Von besonderem Interesse ist aber die Verschiebung, die zwischen den frei­sinnigen und sozialdemokratischen Stimmen stattgefunden hat. Die freisinnigen Stimmen sind um über 10 0 0 zurückg egangen, die sozialdemo­kratischen haben eine Zunahme von über 1 7 00 erfahren. Trefflicher konnte die Richtigkeit des Satze?, daß der Freisinn fich als Vorfrucht der Sozialdemokratie erweise, nicht illustriert werden. Diese Ent­wickelung hat, so bedenklich fie erscheinen mag, wenigstens daS eine Gute, daß fie die not­wendige Klärung fördert und beschleunigt.

Vermählung mit großem Pomp gefeiert und das junge Paar trat eine längere Hochzeitsreise an.

Fräulein von Sterneck lebte in strengster Zurückgezogenheit. Nur Doftor Weiß und Olschmann besuchten fie ob und zu. Letzterer kam eines Abends in Begleitung seines Sohnes Kurt, der nun eine vakante Försterstelle erhalten hatte, und stellte ihn vor, wie es auch bereits auf Schönfeld geschehen war!

Der Rektor liebte es, sich mit der alten Dame zu unterhalten, obschon fie seine An­sichten nicht teilte, sondern sogar oft bekämpfte. Aber gerade ihr Widerspruch gab ihm Gelegen­heit, seine Meinung darzulegen und scharf zu verteidigen, und er hatte die kleine Schwäche, sich selbst gern reden zu hören. Freilich nahmen diese Wortgefechte nicht selten einen ziemlich erbitterten Charakter an und Olsch­mann schied dann mit dem Vorsatz, nicht wieder zu kommen, ließ ihn aber unausgeführt, denn er schätzte Fräulein v. Sterneck hoch, fühlte wahre Freundschaft für sie und konnte ja auch zu Hause mit feiner guten, demütigen Frau so gar nicht in anregender Weise sprechen.

Im Verkehr mit Melanie schlug der Rektor oft einen warmen, herzlichen Ton an, niemals aber, wenn er zu Gertrud sprach. Er hegte ein Vorurteil gegen dos Mädchen, welches ihm viel zu selbständig, viel zu sehr von dem eigenen Wert Überzeugt schien. Seinen veralteten An­schauungen zufolge meinte er, dem Kinde des Gauklers zieme solcher Stolz durchaus nicht.

Auch fie brachte ihm keiye Sympathien ent­gegen. Ihr war nur feine Strenge und Barschheit in Erinnerung, aber kein einziges Wort, das dem weichen, liebebedürftigen Herzen der Waise wohlgetan hätte. Wenn er kam, empfing fie ihn mit jener Höflichkeit, welche

Die Kronprinzessin von Sachsen.

Zur Angelegenheit der Kronprinzessin von Sachsen wird demFränk. Cour." von einer dem toskanischen Hofe nahestehenden Seite eine Zuschrift übersandt, welche mit der Veröffent­lichung deS aufgefangenen Briefwechsels droht, falls Giron auch ferner den jetzigen, ruhigeren Gang der Ausgleichsverhandlungen durch seine Einwirkung auf die aufgeregte Kronprinzessin und durch unwahre Angaben an die Zeit«, g»- berichterstatter störe. AuS Dresden traf ein Kammerdiener in Genf ein, welcher der Kron­prinzessin zwei Koffer überbrachte, die Garderobe und Wäsche enthielten, sowie eine Geldtruhe, in der fich verschiedene Schmuckgegenstände befanden. Eine Genfer Zuschrift derFrkf. Ztg." bestreitet entschieden, daß die Kronprinzessin unter dem Einfluß GironS stehe und daß dieser sieüberwache". Man müsse nur die beiden beisammen sehen. Wenn die Kronprinzesffn spricht, steht er schweigend daneben mit noch merklicherer Bescheidenheit als sonst, und mit einem Anfluge von Verlegenheit. Er spricht nur, wenn ihn die Kronprinzessin fragt, wenn fie ihm ihrNicht wahr?" oderES ist doch so?" zuruft. Und gerade in solchen Augen­blicken kann man erst recht erkennen, wie jung auch innerlich er ist und wie unsicher er fich fühlt. Da» ist nicht der sieggewohnte Roue, daS ist ein scheuer Jüngling. Diese Schilderung Girons geht offenbar von einer diesem sehr nahestehenden Seite au» und ist nur zu dem Zwecke in die Welt gesetzt, die öffentliche Meinung zugunsten Giron» zu be­einflussen. Während er den Glauben erwecken will, daß er die Kronprinzessin ganz und gar nicht beeinflusse, kämpft er in Wahrheit einen zähen, erbitterten Kampf um die Erhaltung de» dämonischen Ei,.flusses, den er bislang auf seine Geliebte übte, und der neuerdings bedenklich in's Wanken gekommen zu sein scheint. Au« den Veröffentlichungen,die teils vom toskanischen Hofe ausgehen teils von der Schweizer Depeschen­agentur ist dieser letzte Kampf deutlich zu er­sehen. Während man von toskanischer Seite bemüht ist, die Fesseln zu lösen, in denen die Prinzessin verstrickt ist, ist die Schweizer Agentur eifrig bemüht, die Maschen des Netze« immer enger zu knüpfen. Denn Giron will den ihm so leicht in's Garn geratenen Gold» sisch nicht eher entwischen lassen, als bis er ihm mit Gold aufgewogen worden ist . . .

Wie aus Genf gemeldet wird, find Jufliz- rat Körner, Prof. Zehme und Polizeikommiffar Schwarz abgereist. Die weiteren Verhandlungen werden schriftlich geführt. Die dortigen Abend­blätter bringen ein von Anwalt Lachenal inspiriertes Kommunique, nach dem die Kron­prinzessin von Sachsen ihr in Dresden ver­bliebenes Privateigentum durch einen Kammer-

dem Gast ihrer Pflegemutter gebührte, aber nichtsdestoweniger mit kühler Zurückhaltung.

Auch an dem erwähnten Abend rückte da« Mädchen den Lehnstuhl zurecht, in welchem der Rektor zu sitzen liebte, bot dem alten Herrn die gefüllte Teetasse und die zierlich arrangierten Schüsseln dar und sorgte in jeder Hinsicht für seine Bequemlichkeit und sein Wohlbehagen, doch trotzdem wehte, sozusagen, eine eisige Luft zwischen ihm und ihr.

Kurts Blick aber hing mit Bewunderung an Gertrud. Die graziöse, biegsame Gestalt, die nachtschwarzen Augen, das feine, schmale, von üppigen Haarwellen umrahmte Gesichtchen fesselten ihn unwiderstehlich. Er unterhielt fich lebhaft mit ihr, während sein Vater eine Lanze mit Fräulein v. Sterneck brach.

Der Förster meinte, noch nie einen so traulichen Abend verlebt zu haben. Schnee­flocken wirbelten an den Fenstern vorbei, denn der Winter wollte noch einmal seine Herrschaft geltend machen, obschon der Lenz bereits aus Sturmesfittichen heranzog. Im Ofen knisterte harziges Tannenholz und der silberne Teekessel, unter dem das blaue Flämmchen brannte, sum.te und sang. 68 hörte fich fast an, als erzähle er allerlei Märchen. Mit Bedauern erhob sich der junge Waidmann, als es Zeit war, Abschied zu nehmen.

Auf Wiedersehen, lieber Rektor! Es wird mich freuen, Sie auch recht oft hier zu begrüßen, Herr Förster," sagte Melanie zuvorkommend.

Kurt dankte erfreut für die gütige Einladung.

Gertrud begleitete die Gäste bis an die Hautztüre und sprach noch einige unbefangene, freundliche Worte.

Dann schritten Vater und Sohn neben­einander her. von aleichafttigen Dingen redend.

diener erhalten hat. Der Kronprinz stimme der Ehescheidung zu, jedoch nicht der König.

Da« Vorgehen gegen Venezuela.

Castro legt fich ein moralische« Mäntelchen um. Er hat im Namen der Regierung die Aufnahme einer Anleihe von 2 Mill. Bolivares (1 Bolivare 0,80 Mk.) angeordnet, die jedoch nur von venezolanischen Bürgern aufgebracht werden soll. Die Anleihe soll offenbar zur Tilgung der Forderungen der Mächte dienen. Castro spielt fich nun als den Mann von Grund­sätzen auf, indem er ausdrücklich anordnet, daß diese zur Begleichung von Schulden dienende Anleihe ausschließlich von venezolanischen Bür­gern und nicht etwa auch von den in Venezuela ansässigen Europäern aufgebracht werden solle. Mit dieser Maßnahme hätte Castro wohl noch eine Weile gewartet, wenn ihm nicht bereit» da» Feuer unter den Nägeln brannte. Infolge der streng durchgeführten Blockade sind die Lebensmittel in Caracas so knapp geworden, daß der Vorrat nur noch auf wenige Tage reicht. Da bleibt also nicht anderes übrig al» schleuniges Einlenken. Hoffentlich wird die An­gelegenheft daher bereit» in Washington kurz« Hand erledigt werden können, sodaß das Haag« Schiedsgericht yarnicht in Tätigkeit zu trete» braucht. Eine der Castroschen Prahlsucht ähnlich sehende Nachricht wird aus Caracas übermittelt. Ihr zufolge greifen 1100 Auf­ständische daS nur von 500 Mann Regierungs­truppen besetzte Cumana an, wurden jedoch mit einem Verlust von 80 Toten, 200 Gefangenen, 300 Gewehren und 29000 Patronen zurückgeschlagen. Diese Uebertreibung verrät doch Castros Hand. Schade, daß in der Eile die Zahl der Tote» und Gefangenen nicht höher angegeben worden ist al» die d« Angreifer. Da« hätte doch mal einen Spaß gegeben.

Die neueren Nachrichten aus Marokko lauten wieder sehr günstig für den Sultan Abdul Hagiz. Mehrere Stämme des Lande» fallen ihm ihre Unterstützung gegen den Präten­denten angeboten haben, so daß der Sultan sehr hoffnungsvoll in die Zukunft schaue. Die Kämpfe vor Tanger scheinen tatsächlich eingestellt worden zu fein. Diese Einstellung ist augenscheinlich eine Folge der Drohung des französischen Gesandten gewesen, daß die Mächte unverzüglich eingreifen würden, wenn Marokko nicht wenigsten» für Ruhe und Ordnung a» der Küste und den großen Hafenstädten Sorge trage.

Die letzten aus Tang« vorliegenden Mel­dungen lauten: Donnerstag morgen zogen die Truppen des Sultans aus, um die Rebellen in d« Nähe von Tanger zu bestrafen. Drei

bis fie fich an der nächsten Wegbiegung trennten. Der Förster blieb stehen und blickte noch lange nach dem Häuschen zurück, welche« so traut und ««steckt dalag, wie ein zierliches Schatz­kästlein.

10.

Kurt mißbrauchte die «hattene Erlaubnis nicht, dazu besaß « zu viel Taft und Bildung. Er war ein seltener Gast bei Fräulein von Sterneck und kam gewöhnlich nut mit dem Vater. Aber jedeSmal wuchs sein Interne für Gettrud. Nicht nur ihr Aeußeres, nein, vor Allem ihr festes, zielbewußtes Wesen gefiel ihm. Gewöhnlich find Mädchen in gleichem Alter eitel, flüchtig und auf beständiger Jagd nach Vergnügungen. Gertrud leitete aber den kleinen Haushalt allein, ohne fich dabei einfeitig oder beschränkt zu zeigen. Mit dem blanken Schlüffelbund am Band des weißen Schürzchen», waltete fie voll hauSfräulich« Anmut. Es fiel ihr gar nicht ein, diese rege Tätigkeit etwa aus­dringlich zur Schau zu tragen. Sie vermied das sogar soviel als möglich. Alle« geschah un­auffällig und ruhig, alle» ging wie am Schnür­chen, und dabei sand fie immer Zeit, fich den Gästen zu widmen und sie durch ihre schönen, sorgfältig gepflegten Talente zu erfreuen; rückte jedoch diese nie absichtlich in den Vordergrund. Es bedurfte immer ein« Bitte, wenn sie fich an den Flügel setzen sollte; war aber eine solche ergangen, bann zierte fich da« Mädchen niemals, sondern folgte ihr gern und bereitwillig, und was fie bot, überschritt nicht selten die Linie d« Mittelmäßigkeft.

(Fortsetzung folgt)