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38. Jahrg.'
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Marburg
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Sozialdeulokratischer Ansturm gegen die Monarchie.
Mit herzlicher Teilnahme hat daS deutsche Volk den Krankheitsverlauf des greisen Königs von Sachsen verfolgt und freudig aufgeatmet, als günstige Nachrichten, die eine baldige und endgiltige Genesung des hochverehrten Monarchen in Aussicht stellten, auS der sächsischen Hauptstadt eintrafen. Auch daS große Herzeleid, das den hohen Herrn und das gesamte sächsische Königshaus durch die Flucht der Kronprinzessin betroffen, hat in der ganzen deutschen Bevölkerung aufrichtige Anteilnahme hervorgerufen. Es ist namentlich sehr bedauert worden, daß der betrübende Fall von sensationellen Ausbeutern ausgenutzt worden ist. Hierzu lag schon um deswillen kein Anlaß vor, als sich ein anderes Motiv für die verwerfliche Handlungsweise der Kronprinzessin nicht denken läßt, als Geistesverwirrung.
Die Sozialdemokratie hat sich die Ausbeutung der trübseligen Affaire ganz besonders angelegen sein lassen, indem sie daraus Waffen zu schmieden versuchte, die sie gegen die monarchische Staatsform richtete. Selten hat die Sozialdemokratie so deutlich die Tendenz ihres Doppelspieles offenbart, wie in diesem Falle. Bei sonstigen schweren Vergehen und Verbrechen wird die sozialdemokratische Lehre in Anwendung gebracht, daß die Täter geistig unzurechnungsfähig und daher für ihre Handlung nicht verantwortlich seien. Hier aber bestreitet die sozialdemokratische Presse einstimmig, daß keine geistige Verirrung vorliege, um dadurch den monarchischen Gedanken treffen zu können.
So schreibt die „Neue Zeit" in ihrem letzten Leitartikel: „Was sich in diesem Spiele der entgegengesetzten Tendenzen innerhalb der Monarchie vollzieht, das ist nichts anderes, als ihre historische Auflösung. In ihrer alten historischen Form ist sie längst tot und begraben; heute existiert sie nur von dem Klaffenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der ihm, solange er noch unentschieden tobt, einen Einfluß und eine Macht gewährt, die in
24 Nachdruck verboten.)
■ Schloß Schönfeld.
Roman von B. Corontz.
(Fortsetzung.)
Von nun an waren Oertels häufige Gäste in Schönfeld, und es erregte nicht wenig Erstaunen , als die adelsstolze Baronin eines Tages auch bei dem Schneidemüller vorfuhr. Der Verkehr zwischen den auf so ungleicher gesellschaftlicher Stufe stehenden Familien wurde immer lebhafter.
Don einem Verkauf des Rittergutes schien nicht mehr die Rede zu sein, vielmehr wurden kostspielige bauliche Veränderungen vorgenommen und das Dienstpersonal nicht verringert, sondern vermehrt. Ein neuer Lebensstrom mußte der erschöpften Kaffe der MeinauS zugefloffen sein.
„Oertel hat Geld vorgestreckt," hieß es. „Der eitle Narr wollte sich sa immer mit vornehmen Bekanntschaften brüsten."
Das Trauerjahr war noch nicht zu Ende und die Verlobung mußte daher vorläufig verschwiegen bleiben, so gern auch der Schneidemüller Allen verkündigt hätte: „Meine Tochter wird Eure künftige Gutsherrin?"
Victor wünschte das Geheimnis so lange als möglich zu bewahren und dachte mit Sorge und Widerwillen an den unvermeidlichen Augenblick der Proklamation. Er war Gertrud gegenüber zu weit gegangen, um sie jetzt ohne weiteres mit einer solchen Nachricht überraschen zu können, und sie ahnte den wahren Sachverhalt gar nicht.
umgekehrtem Verhältnis zu dem stehen, was fie historisch hinter sich hat. So ruht sie nicht mehr auf dem zuversichtlichen Felsen der Gnade Gottes, sondern ihr Wesen ist eine innere Unsicherheit, die sich hier durch ein ungemeffenes Selbstbewußtsein zu betäuben sucht, dort aber zu der Erkenntnis führt: Le jeu ne vaut pas la chandelle, die Geschichte kostet mehr als sie wert ist, lassen wir sie also fahren, wohin fie will.
Bei diesen monarchischen Elementen ist die Einsicht größer, womit jedoch nicht gesagt sein soll, daß bei jenen die Kraft größer sei. Im Gegenteil! Der mutige Trotz, den die sächsische Kronprinzessin im Kampfe gegen ihre Klaffe gezeigt hat, mag fie sonst „Fehltritte" begangen haben, soviel fie will, wiegt an wirklicher Kraft unzählige Reden von den vernichtenden Wirkungen der monarchischen Gewalt auf. Wir wünschen wirklich, die Rache, die ihre Klaffe an der flüchtigen Kronprinzessin von Sachsen nehmen kann und wird, wäre so unschädlich, wie alles monarchische Wetterleuchten am Horizont des klassenbewußten Proletariats ist."
Daß die Sozialdemokratie aus dem traurigen Fall für ihre revolutionären Bestrebungen Nutzen zu ziehen suchen werde, konnte man voraussehen. Die Art, wie es hier geschieht, ist für das Wesen der Sozialdemokratie nur zu charakteristisch. Die bürgerliche Presse sollte alles tun, um nicht noch mehr „sensationellen" Stoff für diese Ausbeutungen zu liefern.
Umschau.
Von der Kronprinzessin Luise von Sachsen.
Wie unbegreiflich die Verirrungen der Kronprinzessin für normal veranlagte Menschen sind, beweist die Tatsache, daß das am tiefsten durch die Affäre betroffene sächsische Volk immer nach neuen Gründen sucht, die das Tun der Prinzessin erklärlicher erscheinen lassen. Jetzt sollen die bösen Jesuiten an allem fchuld sein! Daß dies natürlich kompletter Unsinn ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Aber trotzdem wird er geglaubt, findet er Eingang in viele Köpfe. Wie bedenklich dadurch die Situation in Sachsen geworden ist, kann man aus folgenden Ausführungen der „Dresdener Nachr." ersehen: Das ganze sächsische Volk ist nie so bis in die Tiefe erregt gewesen wie jetzt. Es nimmt keine Rücksicht mehr in seiner Meinungsbildung und wird es allem Anscheine nach auch in den politischen Folgerungen, die es ziehen wird, nicht mehr tun. Die Tragödie am Hofe war von vornherein keine innere Angelegenheit der königlichen Familie, sondern eine ernste politische Angelegenheit und diesen Charakter hat sie mit jedem Tage mehr gewonnen. Hinter den Personen marschieren jetzt die Parteien auf. Die an sich beklagens-
Daß er bei Oertel Hülfe suchen wollte, hatte sie ja gewußt, und daß dieser jede von ihm gewährte Gefälligkeit in unzartester Weise ausnützte, lag in seinem Charakter und konnte sie auch nicht mißtrauisch machen.
Ihrem starken, stolzen Sinn entsprach es freilich keineswegs, daß Meinau auf diese Art Rat zu schaffen suchte, aber er war nun einmal schwach und unentschlossen, und obschon sie die Schwäche haßte, hing ihr Herz doch noch an ihm.
Gertrud weilte jetzt übrigens fast ausschließlich bei Melanie v. Sterneck, die wieder von ihrem alten Herzleiden heimgesucht wurde, und kam deshalb auch zu keiner klaren Ansicht der Dinge.
Sie sah Victor nur auf Minuten, dann war er zärtlicher, dringender denn je, aber ein schwerer Druck schien auf seinem Gemüt zu lasten. Er rang offenbar mit sich selbst und konnte doch den Mut zu offener Aussprache nicht finden. Sie meinte zu verstehen, was in ihm vorging. Er schämte sich der eingegangenen demütigenden Verpflichtungen und das war ja natürlich.
Schon ost hatte er bei einer flüchtigen Begegnung begonnen: „Gertrud — ich weiß nicht, wie ich Ihnen erklären —"
Und dereinst trieb fie die Empfindung großherzigen Mitleids ihn zu unterbrechen:
„Ich begreife und entschuldige ja alles, wenn ich selbst auch niemals so gehandelt hätte. Aber Sie nahmen Rücksicht auf Ihre nervöse, keiner Entbehrung fähige Mutter. Oertel hat ein großes Darlehen geleistet, und pocht mm darauf, indem er sich eindrängt. 68
werte Angelegenheit muß ihren Verlauf nehmen und nicht nur die zunächst Beteiligten und das gesamte sächsische Volk allein find gespannt auf die Begründung der Entscheidung, die das besondere Gericht treffen wird. Das Land ist zerriffen von sozialen Leidenschaften. Nirgends in Deutschland prallen die sozialen Gegensätze von arm und reich so hart aufeinander als in Sachsen, nirgends ist der verhaltene politische Groll so tief wie dort. Zu alledem kommen nun noch die Konsequenzen der religiösen Gegensätze zwischen dem katholischen Hofe und dem protestanttschen Volke. Wurden diese bisher durch die Liebe und Anhänglichkeit des Volkes an sein angestammtes Herrscherhaus ausgeglichen, so ringen fie fich nun aus ursprünglicher Heftigkeit empor, und eS ist noch lange nicht abzusehen, wohin die gegenwärtige Katastrophe führen wird. Erhebt fich erst die religiöse Woge des in seinen zartesten Gefühlen verletzten protestantischen Volkes, so wird fie aul ihrem Wege nicht mehr aufgehalten. Man hat den Bogen überspannt, nun find die Sehnen zerriffen. — Daß der Kronprinz Friedrich August schwer unter dem Fehltritt seiner treulosen Gemahlin leidet, ist schon wiederholt mitgeteilt worden. Als am vergangenen Sonntag der Geistliche in seiner Predigt die Kronprinzessin erwähnte und Gott bat, fie wieder auf den rechten Weg zu leiten, schluchzte der Kronprinz, der dem Gottesdienst beiwohnte, mehrmals laut auf. Auch von den kronprinzlichen Kindern erzählt man rührende Geschichten. So sollen die Prinzen, denen gesagt worden war, ihre Mutter sei wegen schwerer Erkrankung auf lange Zeit verreist, vor dem Bette der Mutter niedergekniet und gebetet haben, Gott möge ihr „Muttchen" doch bald gesund zurückschicken.
Die Kronprinzessin Luise legt indeffen Wert darauf, ihren Eltern und dem Dresdener Hofe entgegenzu mmen. Von diesem Bemühen zeugt ihr Entschluß, sich während der Dauer des Prozesses von Giron zu trennen, sowie die Einladung ihres Bruders, des Erzherzogs Joseph, nach Genf zu kommen. Der Erzherzog, der im Auftrage seiner Eltern und des Kaisers Franz Joseph gleich nach der Ankunft der Prinzessin in Genf zu dieser kam, um eine Versöhnung zu vermitteln, mußte damals bekanntlich unverrichteter Dinge wieder abreisen. Erzherzog Joseph wird seiner Schwester während der Dauer der Gerichtsverhandlungen zur Seite stehen. Von einer Rückkehr der Prinzessin kann allerdings keine Rede sein, diese verlangt vielmehr nach wie vor die Scheidung, um ihren Giron heiraten zu können.
Nationalsoziale Kampfesweise!
Die gestrige Nummer 7 der „Hessischen Landeszeitung" enthält einen Leit-Artikel mit derUeberschrift: „Konservative Pläne gegen
ist schlimm, der Schuldner eines solchen Mannes zu sein. Alles auf der Welt wollte ich lieber ertragen, als das. Jndeß würde ich wohl auch meiner Mutter zu Liebe ein Opfer gebracht haben. Was mich mit ebenso viel Sorge, als Erstaunen erfüllt, ist nur, daß nichts geschieht, um dieser peinlichen Verpflichtungen ledig zu werden. Man sollte und müßte jetzt jede unnötige Ausgabe unterlaffen. Statt deffen macht sich hier neuerdings ein Luxus geltend, der mich geradezu erschreckt. Das ist's, was ich weder verstehe, noch mit meinen Ansichten in Einklang zu bringen vermag. Liegt Ihnen denn nicht alles daran, fich wieder frei zu fühlen?"
„Ja — gewiß, aber — das Gesetz der Notwendigkeit ist oft stärker, als der ehrlichste Wiste. Scheint Ihnen daS unverständlich, oder wollen Sie mir nicht entgegenkommen? Sie könnten mir über so viele« weghelfen, mich mit so manchem aussöhnen, wenn es Ihr fester Entschluß wäre, mich unter keinen Umständen zu verlassen."
„Heißt es denn: Sie verlassen, wenn ich Ihren Mut und Ihre Energie zu beleben suche? Es gilt etwas, das in Ihnen darniederliegt, wieder aufzurichten: Ihren Stolz und Ihre männliche Entschiedenheit."
„Stolz und Entschiedenheft scheitern ost an der Macht der Verhältnisse. Man muß fich ihr unterwerfen. Das find eben rein äußerliche Konzesfionen, die das Innenleben nicht berühren. Wenn Sie mich nur verstehen, wenn Sie mir nur zu Hülfe kommen würden."
Sie sah ihn mit großen, fragenden Augen an und schüttelte ben Kopf.
die Landarbeiter", in dem Ausführungen der „Hamb. Nachr." wiedergegeben und besprochen werden. Zu denselben Stellung z« nehmen, haben wir keinen Anlaß. Wohl aber sehen wir uns bewogen, die Insinuation der „Hessischen Landeszeitung" entschiede« zurückzuweisen, daß die fragt. Auslastungen der „Hamb. Nachr." die Ansichten und Pläne wiederspiegelten, die man in diesen Fragen in konservativen Kreisen hege. In ihrem Haffe gegen die Konservattven greift hier die „Hessisch« Landeszeitung" zu einem ««ehrliche» Kampf» mittel, indem fie schlankweg Ausführungen der „Hamb. Nachr." als konservative Anschauungen ihren Lesern vorführt, obschon fie ganz genau weiß, daß die „Hamburger Nachrichten" kein konservattves, sondern ein uatioualliberales Blatt find. Sie tut dies in der bewußten Abficht die öffentliche Meinung irrezuleiten. Die „Hessische Landeszeitung" hätte daher nicht schreiben dürfen: „Konservative Pläne gegen die Landarbeiter", sondern: «ationallibersle Pläne usw., und erst recht da«« nicht, wenn sie glaubte, mit diesen Plänen die konservative Partei bei den Landarbeitern verdächtigen und verhaßt machen zu können. In ihrer Wut gegen die konservative Partei greift die nationalsoziale „Hess. Landesztg." bewußt zu dem unehrlichen Kampfmittel, die Ansichten eines nationalliberalen Organes für konservative Ansichten auszugeben, und zwar trotzdem sie den wahren Sachverhalt ebenso gut kennt, wie wir. — Dies wollten wir feststellen. —
Beschäftigung weiblicher Personen im Eifenbahndienst.
In bezug auf die Beschäftigung weiblicher Personen im Eisenbahndienst hat der Eisenbahnminister unlängst einen Erlaß an die Eisen- bahndirettionen gerichtet, in dem es heißt: „Der Grundsatz, daß weibliche Personen zum Nachtdienst nicht herangezogen werden dürfen, wird, wie aus den auf die Erlasse vom 8. Mai und 9. August d. I. erstatteten Berichten hervorgeht, überall beachtet, auch werden fie schon jetzt in mehreren Bezirken nicht vor 6 Uhr morgens und nicht nach 10 Uhr abends zum Dienst herangezogen. Dagegen läßt fich di« letztere Maßregel, wie die Berichte wieder erkennen lassen, nicht allgemein, namentlich nicht im Fahrkarten- und Telegraphendienst durchführen, wenn nicht wegen der Eigenarttgkeit des Dienstes die Beschäftigung weiblicher Personen in diesen Dienstzweigen überhaupt ausgeschlossen oder doch sehr erheblich eingeschränkt werden soll. .Hierzu liegt aber um so weniger Anlaß vor, als sich die Frauen in diesen für fie geeigneten Dienstzweigen bewährt haben, und weil da, wo fie außerhalb der angegebene« Zeit zum Dienst herangezogen werden, Unzu-
„Welch andern Weg könnte ich denn zeigen, als jenen, auf welchen ich schon wiederholt hin- wies? Sie müssen Ihre ganze Kraft einsetzen, um die Selbständigkeit wieder zu gewinnen. Das ist der einzige Rat, denn Ihnen Jeder geben wird, der es ehrlich meint."
Nein, es war unmöglich, diesem Mädchen die Wahrheit zu gestehen und ihren Frieden zu zerstören. Wie alle schwachen Naturen, zog es Victor vor, die Sache an sich herankommen zu lassen, anstatt mit einem Schlag die Situation zu klären.
So verfloß Woche auf Woche.
Martin, den man unmöglich ausschließen konnte, so ungern er auch gesehen wurde, kam häufig nach Schönfeld und suchte sich dann immer Gertrud zu nähern, die ihm so viel als möglich auswich. Ihre immer gleiche Kälte und Geringschätzung entfachte ein feltsames Doppelgefühl des Grolles und der Leidenschaft in feiner Brust.
„Bleib' doch zu Hause oder geh' anderswo hin," sagte Oertel einst, und Katharina fügt« mit herbem Ton hinzu: „Du machst uns wahrlich keine Ehre und solltest Dich dort nicht auf« drängen, wo Deine Anwesenheit unerwünscht ist."
Bildest Du Dir vielleicht, daß man Dich mit besonderer Sehnsucht erwartet?" höhnt« Martin. „Du Kluge scheinst mir doch in mancher Beziehung sehr stupid und schwer von Begriff zu sein, und müßtest mir eigentlich danken, daß ich Dir in die Hände arbeite."
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich möchte wissen, inwiefern Du das tust."
„Vielleicht erfährst Du es einmal."
(Fortsetzung folgt.)