mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jvustrirtes Sonntagsblatt.
Jto 8
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Marburg
Freitag. 9. Januar 1903.
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.
Druck und Verlag: Jvh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg.
WH
Bestellungen für das I. Quartal 1903 auf die
„Oberheffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch - h ai» ««d Neustadt, sowie von allen Post- anstaltm rmd Landbriefträgern entgegengenommen.
Sozialdemokratie und Liberalismus.
Während alle übrigen staatserhaltenden Parteien davon überzeugt find, daß es fich bei dem nächsten Wahlkampfe um ein festes Zusammenstehen gegenüber dem diesmal besonders heftig werdenden Anstürme der Sozialdemokratie handeln wird, und daß die Sozialdemokratie nur durch ein geschlossenes Vorgehen aller übrigen Parteien zurückgedrängt werden kann, hält sich die Freisinnige Vereinigung nicht nur von dieser stillen Vereinbarung fern, sie fordert vielmehr immer von neuem zur Unterstützung der Sozialdemokratie auf. Die letztere läßt fich das Treiben natürlich gefallen, weil sie davon Vorteile zu erzielen hofft, ist aber durchaus nicht so höflich, diesen Teil des Liberalismus im unklaren darüber zu kaffen, was ihm blühen würde, wenn die Sozialdemokratie an die Herrschaft gelangen sollte. Sie verspricht, den Liberalismus der Herrn Barth, Mommsen und v. Liszt ganz offen mit Haut und Haaren zu verspeisen, wenn er ihr genügende Zutreiberdienste geleistet hat. Bei einer solchen Sachlage fragt man fich vergebens nach dem Endziel der Politik der Herren Barth und Genoffen. Sie haben gar keines. Was die Freifinnige Vereinigung zu ihrer jetzigen Haltung bewegt, ist, abgesehen von der in ihr in starkem Maße vorhandenen Illusion, die Furcht, überhaupt nicht wieder im Reichstage vertreten zu sein, wenn sie sich nicht die Unterstützung der Sozialdemokratie im Wahlkampfe sichert, und diese Furcht hauptsächlich bestimmt die Herren Barth und Genoffen dazu, fich einer Partei in die Arme zu werfen, die darüber, daß fte sie demnächst zu erdrücken gewillt ist, gar keinen Zweifel übrig läßt. Es ist möglich, daß die Freifinnige Vereinigung noch einmal bei den Wahlen einige Sitze im Reichstage mit der Hilfe der Sozialdemokratie erringt, einen Anspruch auf Selbständigkeit M Partei hat sie aber jetzt schon verwirkt. Lie ist ein Anhängsel der Sozialdemokratie enb kann net noch als ein solches Wetter vegetieren. Dahin hat die Freund-
Ä (Nachdruck verboten.)
Schloß Schönfeld.
. >— Roman von B. Corony.
(Fortsetzung.)
„Was?"
„Du bist wieder einmal nicht nüchtern, Martin."
„Hier hält man sich doch auch nicht ans Waffer, wie es scheint."
„Geh' Deiner Wege und lege Dich schlafen."
„Fällt mir ja gar nicht ein."
„W'/nn Du es nicht tust, so bitte ich den Vater, Dir künftig kein Geld zu geben. Und das geschieht auch, denn er hält mehr auf mich, als auf Dich." *
„Du! — Nimm Dich in Acht."
„Vor was denn? — Vor Dir? Möchte wissen, was Du mir antun könntest! Wenn Du jetzt nicht auf der Stelle gehst, so lasse ich den Vater rufen, und wenn der bös wird, dann bist Du viel zu feig, um ihm lange zu trotzen."
„Ich fürchte mich nicht vor ihm. DaS weiß er am besten. Sieh da, Mamsell Schwester! Sie spielen sich ja recht nett auf. — Ich streite mich mit verrückten Weibern nicht herum und gehe, weil es mir selbst so beliebt, und weil ich schläfrig bin. Verstanden? Nur deshalb!"
„Meinetwegen!" Aus welcher Ursache Du gehst, ist mir höchst gleichgültig."
~ „Adieu, gnädigste Frau Baronin, abersehen Sie nur zu, daß Ihnen in Schönfeld niemand eine Nase dreht. Da giebt's vielleicht Leute, die sich über Ew. Gnaden lustig machen, da ist vielleicht eine, neben der Sie doch immer nur die Scheinberrin spielen können." *
schäft geführt, die das Manchestertum die Freisinnige Vereinigung einzugehen bewog. Wer fich mit der Sozialdemokratie verbindet, wird vernichtet, weil diese Partei kein allgemeines, sondern lediglich das krafsefte Klaffeninteresse vertritt. Die Sozialdemokratie kann den Liberalismus nicht dulden, weil sie ihr Geschäft erst dann zur Blüte bringen kann, wenn sie den Liberalismus und alle übrigen politischen Richtungen vernichtet hat. Der Führer der Freisinnigen Dolkspartei hat die Natur der Sozialdemokratie viel besser erkannt, als die Herren Barth und Genossen. Er geht den Umarmungen der Herren Bebel und Singer aus dem Wege, weil er weiß, was dabei f"~ Um und seine Partei herauskommt. Hoffenti cd die Freisinnige Volkspartei auch bei den nächsten Wahlen zeigen, daß sie die Sozialdemokratie bekämpft, wo immer sie nur kann. Geschieht dies und vereinigen sich alle übrigen Parteien außer der Freisinnigen Vereinigung, die ihrem Schicksale verfallen ist, zum offenen und geschloffenen Kampfe gegen die Sozialdemokratie, so werden die triumphierenden Reden, die diese Partei schon jetzt über den voraussichtlichen Ausfall der Wahlen vom Stapel läßt, in ihr Nichts zusammensinken, und die Sozialdemokratie bei den Wahlen ebenso geschlagen werden, wie sie bei der Erledigung des Zolltarifs im Reichstage eine empfindliche Niederlage erlitten hat.
Umschau.
Reichszuschuß für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung.
Im Reichshaushaltsetat für 1903 ist der Reichszuschuß für die Jnvaliditäts- undAlters- verficherung auf 40,8 Millionen Mark festgesetzt worden. Die Invaliden- und Altersversicherung ist am 1. Januar 1891 zur Geltung gelangt. Innerhalb eines Zeitraumes von 12 Jahren hat sich demnach der Reichszuschuß auf eine Höhe gehoben, welche etwa der Summe der Erträgnisse der Tabaksteuer und der Brausteuer in der norddeutschen Brausteuergemeinschaft entspricht. Die Erhöhung, welche die Zuschußsumme für 1903 gegenüber 1902 erfahren hat, ist nicht ganz fo groß, wie diejenige früherer Etats. So war in den Etat für 1900 zu gleichem Zwecke die Summe von 29,7 Millionen, in den für 1901 die Summe von 34,1 Millionen und in den für 1902 eine solche von 38,2 Millionen Mark eingestellt worden. Der Zuschuß erfuhr darnach in den letzten Jahren Erhöhungen, die sich auf 4 Millionen Mark und mehr jährlich beliefen. Jetzt ist nur eine Steigerung von 2,6 Mill. Mark vorgesehen. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man die niedrigere Bemessung der Steigerung mit darauf zurückführt, daß das Rechnungsjahr 1901 das erste in einer
„Was meinst Du?"
„Ew. Gnaden werden mir schon erlauben müssen, das bis auf weiteres für mich zu behalten."
„Boshafter Mensch, Du redest ja doch nur, was Dir Dein schlechter verleumderischer Sinn eingiebt."
„Glaub's immerhin. Meinen untertänigsten Kratzfuß, Gnädigste!"
Katharina eilte ihm nach und ergriff seinen Arm. „Was meintest Du eben? Ist was Wahres daran, so sprich!"
Er zuckte die Achseln und lachte ihr ins Gesicht. Da ließ sie ihn los und sagte verächtlich: „Du hast ja als Kind schon gelogen und Deine Genossen verleumdet. Sag' und tue, was Dir beliebt. Das kann mich wenig anfechten. Daß Du es nicht allzu arg treibst, dafür wird schon der Vater sorgen."
„Freilich! Du bläst ihm ja beständig in die Ohren, wie er sich zu verhalten hat. — Ich weiß, was ich weiß, werde es Dir aber zu geeigneterer Zeit erklären, denn gegenwärtig wäre ja doch jedes Wort in den Wind geredet."
Mit einer geringschätzendcn Bewegung wandte sie sich ab. Gott, wie erbärmlich, wie widerlich das Alles war! Nur hinaus aus diesen Verhältnissen! Weg! Sobald als möglich weg!
„Fritz! Ludwig! ,— Die Gondel auf dem Teich gelöst und die farbigen Lampen angezündet! Vielleicht gefällt es uns, noch ein wenig zu rudern."
„Ja, Fräulein!"
„Gnädiges Fräulein!^— Könnt Ihr Euch das nicht merken?"
.Gnädiaes —"
längeren Reihe war, in welchem in Wirklichkeit kein Defizit, sondern eine kleine Ersparnis von über 200000 Mk. bei dem betreffenden Etatstitel zu vermerken war. Man wird aus der Bemessung des Zuschusses für 1903 auch darauf schließen dürfen, daß die für 1902 im Etat bewilligte Summe mindestens zur Deckung dieser tatsächlichen Verpflichtungen des Reichs auf dem Gebiet der Invaliden- und Altersver- sicherung hinreichen wird. Uebrigens ist der Zuschuß durchaus nicht die einzige Summe, welche das Reich für Zwecke der Arbeiter- Versicherung aufbringt.
Von den Helden des sächsischen Hof- skandals
beginnen die Nachrichten spärlicher einzugehen und bald wird man über dies traurige Thema zur Tagesordnung übergegangen sein.
Die Uebersiedelung der Kronprinzessin Louise und Girons in die von ihnen gemietete Privatvilla ist noch nicht bestimmt. Die Genfer Polizeibehörde hat Giron die Frist zur Beibringung seiner Ausweispapiere festgesetzt. Sollte er dem Ersuchen keine Folge leisten, so könnte die Ausweisung erfolgen. Der Advokat der Kronprinzessin Lachenal bestreitet die Nachricht, daß er im Auftrage der Kronprinzessin eine Schrift veröffentlichen werde. — In dem Verhandlungstermin am 28. d. M., betreffs der Ehetrennung des kronprinzlichen Paares, wird die Kronprinzessin durch ihren Vertreter Ehescheidung beantragen. In Genf sagt man, daß nach dem 28. Januar solche Ereignisse eintreten werden, daß die Angelegenheit dann als erledigt betrachtet werden könne. Was diese Andeutung besagen soll, ist unverständlich.
England und Rußland.
Die Tatsache, daß Rußland von der Pforte wiederum die Erlaubnis zur Durchfahrt einiger seiner Kriegsschiffe durch die Dardanellen erhalten hat, schmerzt die englische Regierung tief. Sie hat zu intervenieren versucht, aber nirgends Gegenliebe für ihre Absichten gefunden. Allein wagt aber der englische Leu mit dem russischen Bären nicht anzubinden. Je mehr Freiheiten Rußland in den Dardanellen erlangt, um so mehr macht eS sich zum Gebieter nicht nur des MittelmeerS, sondern auch PerfienS und Indiens. Für bezügliche Unternehmungen bilden die Dardanellen einen Stützpunkt von unvergleichlichem Wert. England hatte nach dem Krimkriege seinen ganzen Einfluß dahin geltend gemacht, daß kein fremdes Kriegsschiff, daS sollte natürlich heißen, kein russisches, die Dardanellen passieren dürfe, so daß Rußland gar keine Flotte im Schwarzen Meere besitzen solle. Rußland hat nichts dagegen, daß diese
„Schon gut! Jette soll feines Backwerk aus der Speisekammer holen. Und eine Jardiniöre mit frischen Blumen muß hier noch - auf den Tisch. — Doch, das will ich selbst arrangieren. Ihr seid ja Alle zu nichts zu gebrauchen."
Katharina brach mit fliegenden Händen die schönsten, farbenprächtigsten Rosen.
Unterdeß hatte Oertel ein inhaltschweres Gespräch mit Victor gehabt, dem es war, als fühle er die Wogen über seinem Haupte zusammenschlagen und er müsse blindlings nach dem dargebotenen Rettungsgürtel greifen.
„Ja, ja, mein Verchrtester, Sie brauchen mir gar nichts zu sagen. Ich weiß ebenso gut, ja, vielleicht besser wie Sie, wie es um Schönfeld steht," unterbrach der Schneidemüller die verlegen gestammelte Gegenrede. „Ihre Lage ist eine äußerst kritische, sie ist sogar gänzlich unhaltbar. Ich stand stets auf Seite der Meinaus und ging nie auf das immer lauter werdende Gerede ein, sondern fertigte alle Neugierigen und schadenfrohen kurz ab. Aber wir beide können unter vier Augen doch offen gegeneinander sein. Ohne Zweifel machte Ihnen Ihre Frau Mama Mitteilung von einer Unterredung, die wir vor Wochen hatten?"
„Ja
„Sie ersuchte mich damals um ein Darlehen von bedeutender Höhe, das doch nicht die Hälfte der Verpflichtungen gedeckt hätte. Ich bin ein praktischer, geschäftlich erfahrener Mann, dessen Grundsatz lautet: „Nichts halb tun!" Mich würde es stolz machen, dem Sohn meines Heimgegangenen Freundes — denn so durfte ich Ihren Herrn Vater wohl nennen — sein Besitztum zu erhalten. Zu diesem Zweck müßte Schönfeld gänrlick entlastet werden. Das könnte
Bestimmungen auf dem Papiere stehen, denkt aber garnicht daran, diesen Bestimmungen gemäß zu handeln. Es übt auf die Türkei genau denselben Einfluß aus tote auf China. England aber muß das alles zornbebend dulden. Einige Londoner Blätter, die genug Selbstbeherrschung besitzen, um ihren inneren Grimm zu verdecken, erklären, daß die Oeffnung bei Dardanellen als ein wirksames Mittel, den Sultan zur Einführung von Reformen zu zwingen, begrüßt werden dürste. Natürlich ist dieses Lob nur ein Deckmantel sür ganz anders geartete Empfindungen.
Das Vorgehen gegen Venezuela.
Auf die eudgilttge Lösung der venezolanischen Streitfrage wird man vielleicht doch noch eine ganz geraume Zeit warten müssen. Der sauber« Herr Castro ist offenbar noch nicht mürbe geworden, um sich zur Anerkennung der ebenso klaren wie gerechten Forderungen der Mächte aufzuraffen. Zur Verstärkung des auf die widerspänstige Republik auszuübenden Druckes ist noch daher die Blockade eines weiteren venezolanischen Hafens, des HafenS von Coro, verfügt worden, die von einem italienischen Kriegsschiffe durchgesührt wird. Auf die Antwort, die Castro bezüglich der Mächte betreffs der Uebertragung der Angelegenheit an daS Haagener Schiedsgericht erteilte, ist die erwartete Gegenäußerung der Mächte nunmehr in CaraccaS eingetroffen. Sie ist Londoner Telegrammen zufolge in versöhnlichem Sinn« gehalten. Man glaubt, es werde nur ein Teil der schwebenden Forderungen dem Haager Tribunal unterbreitet zu werden brauchen, im Teil sich dagegen direkt erledigen lassen. Eine amtliche Bestätigung dieser recht zuversichtlich klingenden Angabe liegt aber bis zur Stunde noch nicht vor. — Ganz widersprechend lauten die Meldungen über den Ausgang einer bei Guatire zwischen Aufftändischen und Regierungstruppen ausgefochtenen Schlacht. Nach einigen Berichten brachten die Aufständischen den Castroschen Leuten eine vernichtende Niederlage bei, nach anderen trugen die Regierungstruppen ein glänzenden Sieg davon. Nach den bisher eingelaufenen Depeschen scheint die letztere Version den Tatsachen zu entsprechen. Aus Baracas wird wenigstens gemeldet, daß infolge des Sieges der Regierungstruppen bei Guatire des General Fernandez, ein Anhänger des Führers der Aufständischen Matos, sich erboten habe, mit Castro in Unterhandlungen einzutreten. Eine New-Parker Meldung der Londoner „Times" bestätigt allerdings die Niederlage Castros. Also ungewiß bleibt die Sache doch.
aber nur durch eine Vereinigung unserer innigsten Interessen geschehen. Ich bin ein Mann, der nicht viel Umstände macht, sondern stracks auf sein Ziel losgeht. Es gab eine Zeit, wo ich den Martin seiner Schwester vorzog, doch er erfüllte nicht eine meiner Hoffnungen, und so ist mir jetzt die Katharina doppelt teuer. Sehr vornehme und vermögende Bewerber bemühen sich um sie, aber die Geldfrage spielt keine Rolle bei mir. Mir kommt e8 vor allem darauf an, meine Tochter in der Nähe zu behalten. Deshalb —"
„Wenn es nun gefällig wäre, meine Herren!" rief Katharina zurückkehrend. „Ich glaube, die Grotte wird Sie überraschen, Herr v. Meinau. Im ©arten weht jetzt eine herrliche erquickend« Lust."
Victor stand auf und bot ihr den Arm. Sein Kopf war wüst und schwer. Ein Heer aufgeregter Gedanken ließ ihn gar nicht zu ruhiger Ueberlegung kommen. Wa8 konnte aber auch alles Grübeln und Nachsinnen helfen? Das Schicksal stellte ihn unerbittlich vor die Wahl, entweder dem Ruin entgegenzugehen oder Oertels Schwiegersohn zu werden.
Längst suukelten die Sterne am Himmeh und immer noch wurde des Gläsergeklirres, des Lachens und Flüsterns in der Grotte kein Ende. Der Schneidemüller brachte einen Toast nach dem andern aus.
Als Victor v. Meinau endlich heimritt, da wußte er, daß die Brücke hinter ihm abgebrochen war. Die graue Sorge, daS drohende Gespenst der Verarmung hatte er abgeschüttelt, aber dafür eine Fessel eingetauscht, deren Druck ihm schon jetzt unerträglich schien.
(Fortsetzung folgt.)