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Beseitigung der einseitigen Meist­begünstigung.

Endlich haben sich unter Vorantritt des Frh. hon Hehl im Reichstage eine Anzahl Volks« bet tretet zusammengefunden, welche in einer Resolution den Reichskanzler ersuchen wollen, Ha8 vertragsmäßig oder herkömmlich bestehende WxistbegüustigungsverhältniS zu allen denjenigen -Ländern Hu lösen, von denen in Bezug auf Zollgesetzgebung und zollamtliche Behandlung deutscher Ware« die volle Reziprozität nicht gewahrt wird.

ES ist bezeichnend dafür, wie weit unsere fiegenwärtige RerchSregierung von den alten elbstbewußtm Bismarck'schen Anschauungen herabgekommen ist, daß eine solche Anregung von Seiten deL Reichstages noch als notwendig angesehen werden muß. Ein bedauerliches Zeichen nationaler Schwäche aber ist es, daß unsere welthandelsliberale Presse diesen Antrag ängstlich bekämpft, obwohl er nur die einseitige Meistbegünstigung, d. h. die Meistbegünstigung solcher Länder unsererseits beseitigen will, welche dem deutschen Warenexport volle Reziprozität, gleiche Berücksichtigung, nicht gewähren.

Unsere Capriviverträge hätten, bei weitem nicht so unheilvolle Folgen für die deutsche Volkswirtschaft zeitigen können, wenn wir nicht alle Zollkonzesfionen, die sich unsere Vertrags« paaten durch Gegenkonzeffionen erhandelt hatten, auch den Zankees und den Argentiniern ohne Entgelt in den Schoß geworfen hätten. Beinahe -um Gespött aller Welt aber ist der so kraft« volle deutsche Michel geworden, als er die Amerikaner auch dann noch im vollen Nieß­brauch der Meistbegünstigung ließ, als diese das Bestehen eines vertragsmäßigen Meist- begünstigungsverhältnifseS mit unS in Abrede stellten, als sie die deutsche Einfuhr auf das unerhörteste durch ihre Zollgesetzgebung und mehr noch durch vexatorische zollamtliche Miß­handlung zu schädigen begannen. Diesem uner­träglichen Verhältnis wollen Freiherr von Hehl und Gen. endlich ein Ende gemacht sehen, bevor es zum Abschluß neuer Handelsverträge kommt.

Gerade die Vertreter der Exporthandels­und Handelsvertragspolitik hätten doch eigentlich alle Ursache diese Forderung zu unterstützen. Es muß doch der Geneigtheit unserer euro­päischen Nachbarn neue Handelsverträge mit Uns abzuschließen durchaus abträglich sein, wenn sie wissen, Deutschland werde, ebenso wie früher, auch jetzt wieder der amerikanischen Konkurrenz ohne besonder« Vertrag dieselben Zollvorteile an unfern Grenzen einräumen, welche sie selber sich erst durch mehr oder weniger kostspieligen, opferbereiten Vertrag gesichert haben würden. Die Handelsvertragsstaaten müßten dabei doch SurchauS im Lichte von Toren erscheinen, welche ii andere, und zwar für ihre Konkurrenten uf unserm Marft, die Zollkastanien aus dem Feuer holen.

Wenn Deutschland mit Rußland, Oesterreich- Angarn rc. wieder Handelsverträge abschließen will, dann dürfte es die Meistbegünstigung, d. h. sben Mitgenuß der in solchen Verträgen festge-

S (Nachdruck verboten.)

Schloß Schönfeld.

Roman von B. E o r o n Y.

(Fortsetzung.)

Es wird ja auch schon dämmerig.'

;3ft längst hell genug.'

fHeda! Dauert es noch lange? Dann kehren wir lieber imFelsenstein' ein," rief Meinem ungeduldig.

Da klopfte er kopfschüttelnd an daS Wagen« fensterchen und unterhandelte mit dem Chef der ^Künstlertruppe.'

rStein', sagte dieser und deutete auf eine müde zusammengekauerte Gestalt.Sie wär's «icht im stände. ES war ohnedem hohe Zeit, daß die Geschichte ein Ende nahm. Seht nur selbst, wie sie aussieht."

Ja, miserabel genug. Ich will nicht weiter zureden."

Aber ich will eS!' Damit lief jetzt die Wirtin die kleine Treppe hinauf und trat in Ven Wagen.Die Herren bezahlen gut. Da wird mancher Taler auf dem Zinnteller klappern. Ist es nicht Sünde und Schande sich so was entgehen zu lasten? Und wer deckt denn die Zeche? Nicht ^hr, seit acht Tagen ist auf tonfere Kosten gewirtschaftet worden, und wenn DS ans Abrechnen geht, hernach feit Ihr zu faul, tzaS Geld herbeizuschaffen.Der Anton Nieder­

legten, ermäßigten Zollsätze den Konkurrenten dieser DertragSstaaten auf unserem Markt nie ohne weiteres, sondern nur dann einräumen, wenn dieselben sich ebenfalls zum Abschluß von Handelsverträgen auf Grundlage gleichwertiger gegenseitiger Zollkonzesfionen bereit finden lasten.

DaS Meistbegünstigungsverhältnis dürfte neben einer Handelsvertragspolitik nur solchen Staaten zugebilligt werden, welche ihrerseits gleich England dem Freihandelsprinzip huldigen. Ferner solchen, die mit den Vertragsstaaten auf unseren Märkten in den gleichen Produkten überhaupt nicht konkurrieren oder solche» deren Handelsverkehr mit uns so unbedeutend ist, daß sich der Abschluß eines besonderen Handelsver- vertrageS als nicht lohnend erweisen würde.

DaS einseitige MeistbegünstigungsverhältniS, d. h. der Zustand, daß wir Ländern, welche unsere Ausfuhr sehr ungünstig und chikanös behandeln, trotzdem daS vielfache des Wertes unseres eigenen Exports zu ihnen an Waren abkaufen und diese dabei zu den günstigsten VertragszollsStzLu hereinlaflen das muß un­bedingt aufhören.

Das Widersinnige unserer gegenwärtigen Handelspolitik Zubilligung der ermäßigten Handelsvertrags-Zollsätze an außerhalb der Verträge stehende Mächte mag an einem praktischen Beispiel aus dem privaten Geschäfts­verkehr erläutert werden. Angenommen, ein Großindustrieller hätte mit einer ländlichen Genoffenschaft folgenden Vertrag geschlossen: Letztere liefert alle Nahrungsmittel, Brot, Kartoffeln, Fleisch, Milch, Gemüse, welche von den Arbeitern des Fabriketablissements gebraucht werden, zu einem genau ausbedungenen Preise, der 20 p6t. unter dem gewöhnlichen Marktprerse liegt. Dafür erhalten die ländlichen Genossen­schafter aber alle ihrs von der Fabrik herge- stellten Acker- und Wirtschattsqeräte ebenfalls zu einem Vorzugspreise, der 20 pCt. unter dem sonst üblichen bleibt.

Würde nicht der Fabrikbesitzer sofort den Vertrag kündigen, wenn et erführe, daß jene Genoffenschaft einem seiner Konkurrenten ihre Produkte ebenso billig liefert, ohne daß ihr von demselben ein Vorzugspreis als Ent­schädigung eingeräumt worden sei?

Umschau.

Ein neuer Obstruktions - T-.ik.

Die Sozialdemokraten haben einen neuen Trik erfunden. Sie überreichten in der Donners­tag-Sitzung während der Rede, durch die der Abgeordnete Bastermann den Antrag von Kar- dorff befürwortete, eine lange Serie von Ab- änderunosanträgen. Wären Re früher ein ge­reicht worden, so würden sie schleunigst in Druck gegeben und zur Verteilung gelangt sein. Das wollten aber dieGenossen' nicht, denn sonst würde der Präsident überhoben worden sein, die Anträge verlesen zu losten. Gerade das Verlesen der Anträge bildete den neuen Obstruktions-Trik; denn dieselben füllten 73 eng mit der Schreibmaschine beschriebene Seiten. Das nennen die Sozialdemokraten und ihre Liebediener Erzwingung der sachlichen Be-

hofer kanns verschmerzen." So heißt es wohl, was? Aber da habe ich auch noch ein Wort drein zu reden. Was verzehrt ist, muß bezahlt werden. Reicht die Einnahme dafür aus?'

Nein aber morgen'

Morgen regnet es vielleicht. ES sieht ohne­dem ganz schwarz über den Bergen aus.'

So verpfänd' ich Such den Inhalt der Bude."

Ich soll mich wohl hinstellen und den ganzen Tag unnützen Krempel feilbieten? Nein, auf so was last' ich mich nicht ein. Nehmt die Gelegenheit lieber gleich wahr.'

Heut' setzt mir die Evi keinen Fnß mehr aufs Seil."

Doch, Franz. Ich tu's."

DaS erschöpfte Weib war auf, . n.

Nichts da!" Er schob sie saft n , zurück.

Du darfst nicht.'

Ich will'S und eS geschieht."

Wenn ichnein" sage'

So sage ich ja! Der'Lindenwirt soll sein Geld haben."

Na ich bin nicht so auf jeden Pfennig und'

Nein, Du bist nicht so. Du weißt nicht, was es heißt, sein Hab und Gut zusammenzu­halten. Da muß ich mich eben d'rum bekümmern," schnitt die Wirttn ihrem Gatten daS Wort ab. Und ich bekümmere mich auch d'rum. Wer alles stecken und fahren läßt, kann endlich selbst

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Jlluftrirtes Sonntagsblatt. ________________

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vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expeditton 2 Mk., bei allen Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).

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Marburg

Sonnabend, 13. Dezember 1902.

Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in aiZorneit« und Abend-Ausgabe.

Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts»Buchdrucker« Marburg, Markt 21. Telephon 55.

37. JahkV

ratuug; es ist aber nichts weiter als Zeitver­geudung. Nichtsdestoweniger wird die Mehr­heit auch mit diesem neuen Trik fertig werden und noch in dieser Woche die zweite Beratung der Zolltarifvorlage beenden» so daß Aussicht auf Verabschiedung dieses schicksalsreichen Gesetz« gebungswerkes noch vor Weihnachten vor« Händen ist. _______

Die Lage in Venezuela.

Die Venezolaner scheinen sich in ihrer unbe­greiflichen Großmannssucht doch eine recht nette Suppe eingebrockt zu haben, die sie natürlich selbst ausesten muffen. Die unbegreiftiche Auf­sässigkeit der Venezolaner, mit dem Präsidenten Castro an der Spitze,, macht die Lage verwickelter, als sie bei einsichtsvollem Verhalten der selbst­bewußten Republikaner zu sein brauchte. Ernste Schwierigkeiten find indessen nicht zu erwarten. In Caracas hat der Mob unter der Zustimmung der Polizei greulich fkandaliert. Es wurden auch deutsche und englisch- Staatsangehörige, die sich noch in der Statt befinden, frech ver­höhnt und beschimpft. Zu Tätlichkeiten gegen die Fremden ist es bisher jedoch noch nicht ge­kommen. Vor der Anwendung von Gewalt warnt übrigens jetzt Präsident Castro. Dagegen hatte er anscheinend nichts dagegen eingewendet, daß das deutsche Konsulatsgebäude von dem Pöbel bombardiert wurde. Ihrer Widerspenstig­keit haben es b*e Venezolaner zuzuschreiben, daß jetzt ernstere Mittel gegen sie in Anwendung gebracht werden. Drei von den beschlagnahmten venezolanischen Schiffen wurden außerhalb des Hafens von La Guahra versenkt. Tie Blockade ist über alle venezolanischen Häfen aus­gedehnt worden. Die Republik wird also so lange vom Ausland abgesperrt bleiben, bis sie die berechtigten Forderungen Deutschlands und Englands erfüllt. Englische und deutsche Schiffe stehen gefechtsbereit im Hafen von La Guayra, nur 300 Fuß von dem Zollhause entfernt; die Mannschaften der Kriegsschiffe sind gelandet worden. Den wilden Rüstungen des Präsi­denten Castro ist natürlich keinerlei Bedeutung beizumessen.

Deutsches Reich

Berlin, 12 Dezember.

Der Kaiser, der Abends vorher verschieden« hohe Militärs bei sich zu Gatte sah, hörte am Donnerstag militärische Vorträge. Kronprinz Wilhelm traf am Donnerstag in Vertretung seines kaiserlichen Vaters zu den Hofjagden bei Letzlingen in der Nähe von Magdeburg ein. König Georg von Sachsen ist unter leichte« Fiebererscheinungen an einem Luftröhrenkatarrh erkrankt und muß das Bett hüten.

Die Besserung im Besinden des Herzogs von Altenburg hält an. In etwa acht Tagen dürfte er von Berlin in seine Residenz zurückkehren.

Der kleine KreuzerUndine' wurde am Donnerstag in Kiel vom Fürsten Salm, Vorsitzenden des deutschen Flottenvereins, gelaust. Das neue Schiff ist 100 m. lang und 12,3 m. breit, läuft 2 l Seemeilen in der Stunde und kann 219 Man« Besatzung aufnehmen. Der Schiffskörper besteht auS Stahl.

Ein Schulunterhaltungsgesetz wird laut Hbg. Nachr.' dem preußischen Landtag in seiner nächsten Tagung nicht beschäftigen. Abgesehen von

andere« Gründen, spreche namentlich die schlechte Finanzlage gegen die Einbringung einer Vorlage,^ zu deren Durchführung viele Millionen fortdauernder Ausgaben nötig sein werden. Diese Nachricht ist betrübend. . i

Bonn wird immer mehr zurPrinzen^ Universität.' Nach derRoht. Ztg.' werden im nächsten Sommer Herzog Karl Eduard von Koburg- Gotha, der Erbprinz Adolph zu Schaumburg »Lippe und deffen Bruder, Prinz Moritz, die Universität Bonn beziehen. ,

Der Bestand des preußischen Abgeordneten­hauses, das in wenigen Wochen wieder zusammen- treten wird, ist gegenwärtig folgender: Konservativ« 143 Mitglieder, Zentrum 99, Nationalliberale 75, Freikonservative 56, freisinnige Volkspartei 24, Ver­einigung 10, Polen 13. Erledigt sind 6 Sitze.

Das Reichsgericht hat nach der ,V. Z.' de« Aerztekammern das Recht zugesprochen, das Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs zum Borgehen gegen Kurpfuscher zu benutzen.

Eine für die deutsch-englischen Beziehungen nicht unwichtige Entscheidung in am 26. November durch Beschluß ue8 Senats der Londoner Universität getroffen worden, wonach in Zukunft die AbiturieMen- prüfung eines deutschen Gymnasiums oder Real« gymnafiums als genügend zur Immatrikulierung aa der Londoner Universität anerkannt wird. Es ist das erste Mal, daß eine englische Universität ein aus« ländisches Examen für gleichberechtigt erklärt, und es ist interessant, daß dies gerade von der hauptstädttsche« Universität geschieht, an a bekanntlich die Prüfungen für besonders schtoer gelten.

DieRat. Korr." bezeichnet es als möglich, daß, wenn der Zolltarif vor Weihnachten erledigt werde, was setzt wahrscheinlich sei, die fertig ausge­arbeitete Börsengesetznovelle nach Neujahr verhandelt werde.

DerVorwärts" meldet aus Liegnitz: Bei bet Reichstags - Ersatzwahl im Wahlkreise Hahnau - Gold« berg-Liegnitz erhielt nach einer Meldung von spät abends Pohl (freif Volksp.) 6318, Bruhns (Soz) 5810 und Röhrigt (ton?.) 4522 Stimmen. Aus 51 Land­bezirken fehlen noch die Ergebnisse.

Gegen den Antrag »tardorff haben 17 Konservative gestimmt und zwar die Herren: v. Bomn-Bahrenbusch, v. Dewitz, v. Gersdorff, Hilgen« dorff, Frhr. v. Langen, v. Normann, Dr. Geriet, v. Oldenburg, v. Oueis, Rother, Schrempf, v. Sperber, v. Treuenfels, Frhr. v. Wanqenbeim, v Weitzel, Will, der Bündler Dr. Dietrich Hahn, ferner die Antisemiten Bindewald, Gäbel, Gräfe, Liebermann v Sonnenberg, Müller-Waldcck, Raab, Werner, der Wildtanservativr v. Bloedau. (Von Herrn Dr. Böckel weiß niemand etwas zu melden), und außerdem ü Nationalliberale, sowie Die gesamte Linte. ,

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Parlamentarisches.

Reichstag.

Berlin, 11. Dezember.

Auf der Tagesordnung steht die Weitecberatung . be8 Zolltarifgesetzes, § 1 Absatz 1 nebft Antrag Kar- dorff und einer Anzahl von links gestellter Ab­änderungsanträge. Abg. Baffermann fnatl.): Ich bitte, sämtliche Abänderungsanträge abzulehnen. 68 handelt sich hier um ein Kompromiß, von dem ich glaube, annehmen zu dürfen, daß auch die Regier­ungen ihm zustimmen. Der Kompromiß tritt in Bezug auf die Mindestsätze der Regierungsvorlage bei, nur für Braugerste tritt eine Erhöhung von 3 auf 4 -M* ein. Andererseits erhält der Kompromiß im Generaltarise einige Herabsetzungen der von bet Kommission beschlossenen Zollsätze.

Reichskanzler Graf Bülow: Meine Herren, ich möchte hervorheben, daß es sich hier hauptsächlich handelt um den autonomen Tarif, der bestimmt ift, als Grundlage zu dienen für die Handelsvertrags- Verhandlungen. Entscheidend kann es daher nicht sein, wenn die Sätze dieses Tarifs einige Aenderunge« erfahren haben nach oben oder nach unten. Di« handelspolitischen Gründe, weshalb die Verbündete» Regierungen auf eine Bindung der Biehzölle nicht eingehen können, find von mir bereits früher bar«

mit dem Bettelsack gehen. Also, wie ist's? Wollt Ihr, oder wollt Ihr nicht?'

Ja. Wir geben eine zweite Vorstellung.'

Die kranke Frau, stand schon vor dem kleinen zerbrochenen Spiegel und fuhr mit einer Puderquaste über die hohlen Wangen.

Und morgen kannst Du Dich dann gar nicht mehr rühren," grollte der Mann.

Morgen fahren wir weiter. Da ruhe ich mich auS."

Die Sache war erledigt. Zwei Minuten später reichte der Wirt heimlich eine Flasche Wein in den Wagen.

Da! Der wird der Frau Springer gut tun. Lagert schon lange. Aber meine Alte braucht nichts davon zu wissen."

Wenn die Evi davon trinken will, wohl und recht. Ich brächte keinen Tropfen herunter. Richtet sie sich heut' zu Grunde, dann habt Ihr es zu verantworten. Mit meiner Einwilligung geschieht es nicht."

Laß nur gut sein, Franz. Ich weiß eS schon, waS ich mir zutrauen darf."

So sprechend, fuhr sich die Frau mit den hageren Fingern durch daS Haar, daß die schwarzen Locken wie Schlangengeringel um ihr schmales Gesicht und über die eckigen Schultern sielen.

ßo lab fie wirklich noch recht hübsch aus.

sie wankte aber hin und her, als habe fie gar keine Kraft in den Gliedern.

Macht doch 'nen kräftigen Schluck!" riet der Wirt.

Nein, jetzt nicht. Es geht schon so."

Der Hund, wieder als Clown kostümiert, schlug mit den schweren Tatzen auf die umge­hängte Trommel.

Bravo!" riefen die Gäste laut lachend. Dann klettette daS Weib mit der Geschwindig­keit einer Katze auf daS Seil und nahm sich, von weitem betrachtet, gar nicht übel aus.

Die muß einmal teufelsmäßig hübsch gewesen sein," bemerke jemand und Meinau antwortete:

Häßlich ist fie auch heute noch nicht. Seht nur die graziöse Haltung! Da steckt Rasse drinnen. Alles ist Leben und Energie an ihr, Bravo, bravo!"

Gewandt glitt Evi an einem niederhängen­den Sei! hinab, welches an dem straff gespannten befestigt war und schlüpfte in den Wagen, während die Ziegearbeitete" und Trude für den erffen Teil absammelte.

Hat daS Mädel Augen. Wie die Toll­kirschen!" lachte der Rittergutsbesitzer und warf einen Thaler auf das Tellerchen. Verschiedene folgten seinem Beispiel und die Kleine konnte blinkende Silbermünzen in den Schooß der Mutter schütten. (Fortsetzung folgt.)