Sonntagsbeilage: Aüustrirtes Sonntagsblatt.
Marburg
37. Jahrg.j
■JH 305
^nsertionSgebühr: dir gespaltene Zeile oder beten Raum 10 Pfg. Mittwoch, 3. Dezember 1902.
Vierteli^hrlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 ML. bei alle» Postämtern 2,25 ML (ejcL Bestellgeld).
Wenn man auf die Verhandlungen über die Brüsseler Konvention zurückblickt und sich der verschiedenen „Mene tekel“ erinnert, die dabei auch seitens der Regierungsvertreter an die Wand gemalt wurden, dann klingt der Chamberlainsche Ton nationalen Selbstbewusstseins und nationaler Rücksichtslosigkeit fast beidenSwert. Wir können nur wünschen, daß man sich bei uns in Deutschland auf den gleichen Standpunkt nationalen, Egoismus stellen möge, wie ihn seiner Zeit auch der große Kanzler Bismarck mit aller Rücksichts- keit und mit größtem Erfolge vertreten hat.
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.
Druck unb Verlag: Joh. Aug. Koch, Universttäts - Buchdruckers Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Nationaler Egoismus.
Wir gehören nicht zu denen, die auf England als auf ein politisches und wirtschaftliches Vorbild blicken, oder die gar auf Worte schwören, die ein englischer Staatsmann von der Vergangenheit eines Chamberlain spricht. Aber wir müssen bekennen, daß die letzte Parlamentsrede des britischen Kolonialministers über die brüsseler Zuckerkonvention in mancher Hinsicht unseren Neid erregt hat; denn aus ihr dringt ein so gesunder nationaler Egoismus und eine so energische Rücksichtslosigkeit, ihn geltend zu machen, hervor, daß bei uns mancher Staatsmann und mancher Politiker sich daraus eine Lehre entnehmen kann.
Chamberlain bemerkte im Unterhause gegenüber bei der Zuckerkonventions-Debatte ausgesprochenen Befürchtung darüber, was russischerseits geschehen werde, wenn der russische Zucker mit einer Strafabgabe belegt werde: „Wir müssen unser Finanzshstem auf unsere eigene Weise durchführen. Das wird unsere Politik sein, ohne die geringste Rücksichtnahme darauf, was fremde Länder davon denken mögen. Wir werden uns nicht dadurch beeinflussen lassen, daß unS die Opposition mit allem möglichen droht, was fremde Länder unS tun werden, die doch mehr oder weniger direkt interessiert find, wenn wir tun, was wir im britischen Interesse für daS beste halten. Die rusfische Ausfuhr ist nur ein Bruchteil unserer Zuckerzufuhr. Aber selbst wenn wir eS im Interesse Englands für richtig erachten sollten, einen großen Teil der Zuckereinfuhr aus England auszuschließen, dann würde ich das lediglich von dem Gesichtspunkte der britischen Interessen aus betrachten und nicht von dem der russischen Interessen oder demjenigen irgend eines anderen Landes."
Weiterhin legte Chamberlain dar, daß die Zuckerkonvention mit den Prinzipien des Freihandels ganz genau übereinstimme. Die Konvention sei gerade zur rechten Zeit gekommen. Frankreich sei in dem Wettbewerb in der Hauptsache geschlagen gewesen und Deutschland und Oesterreich hätten tatsächlich ein Monopol erlangt, wenn man die Zuckerprämien beibehalten hätte. Der Zuckerpreis würde infolge dieses Monopols wesentlich gestiegen sein. Irgend eine Möglichkeit, daß sich diese Länder hätten einigen können, ohne daß England der Einfügung der Strafklausel in die Konvention zugestimmt hätte, sei nicht vorhanden gewesen. Die Konvention werde den westindischen Kolonieen zum Segen gereichen. DaS pekuniäre Opfer, welches durch die Konvention auferlegt werde, sei nur unbedeutend und er appelliere an daS Haus, im Interesse deS Reiches der Konvention zuzustimmen.
Parlamentarisches.
Reichstag.
Berlin, 1. Dezember.
Die Beratung des Zolltarifgesetzes, und zwar die Geschäftsordnungsdeb.>tte über die Zulässigkeit des Antrags v. Kardorff w rd fortgesetzt. Abg. Kunert: Die Minorität wird sich, wie ich namentlich dem Abg. Basserwann gegenüber bemerken möchte, das Recht nicht nehmen lassen, über den Zolltarif im Einzelnen zu debattieren. Der Antrag Kardorff ist mit der Geschäftsordnung unbedingt unvereinbar. Redner erwähnt noch das Interesse, welches an diesem Zoll- tarif die Großgrundbesitzer haben und mit ihnen der größte Grundbesitzer, der Kaiser. (Präst- deut Graf Ballestrem ersucht den Redner, den Kaiser
Non ölet
Die sozialdemokratische Parteileitung nimmt daS Geld, wo sie eS bekommt. Ob sie nach „kapitalistischer" oder kommunistischer Methode wirtschaftet, ist ihr gleich; nur muß daS Geld reichlich in die Parteikassen fliessen. Besonders hat es die sozialdemokratische Geschäftsführung aus Annoncen abgesehen. Das ganze kapitalistische „Ausbeutertum" wird in Kontribution gesetzt, um die sozialdemokratische Presse und Agitationslittercrtur mit Anzeigen zu füllen. Wie wenig wahllos dabei die Sozialdemokratie ist, wie wenig sie dabei auf den „schmalen Geldbeutel der Ausgebeuteten" Rücksicht nimmt, ist aus einem Beschluß deS rixdorfer sozialdemokratischen Wahlvereins zu ersehen. Der Beschluß lautet nämlich: „Der Verein verurteilt entschieden die Aufnahme von Annoncen, wie sie im Agitationskalender für die Provinz Brandenburg Platz gefunden haben. Er erwartet von der Agitationskommisfion für die Provinz Brandenburg, daß in der Folge derartige Schwindelannoncen nicht mehr in dem auf dem Lande zu verbreitenden Agitationsmaterial ausgenommen werden." Es ist klassisch, daß die sozialdemokratische Partei sich durch Schwindelannoncen zu bereichern sucht, und sich gerade das platte Land dazu auswählt, um diese Schwindelannoncen zu verbreiten. Die Bevölkerung kann also der sozialdemokratischen Presse und Litteratur gegenüber auch aus materiellen Gründen gar nicht vorsichtig genug sein.
Deutsches Reich
BerNw, 2. Dezember.
— Der Kaiser, der am Sonnabend zu Neudeck jagte, traf Montag nachmittag in Groß »St ehlitz (ebenfalls in Oberschlesien) zur Jagd ein. Graf Tschirschky empfing den Monarchen, den auch Serene und Schulkinder begrüßten. — Oberschlesische Industrielle sanichen an den Kaiser ein Huldigungs» telegramm für sein hochherziges Eintreten für Krupp. — Der Kranz, den der Kaiser am Grabe Krupps niederlegte, trug die Inschrift: »Meinem besten Freunde.'
— Eine kaiserliche Verordnung betr. die Rechte an Grundstücken in den deutschen Schutzgebieten wird im „Reichsanzeiger' veröffentlicht.
— Deutschland verwendet sich für die Makedonier. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, hat der deutsche Botschafter v. Marschall dem Sultan angeraten, die Verwaltung Makedoniens zu beflern.
— Zum Männergesangwettstreit Aus Frankfurt a. M. wird berichtet: Der Ausschuß für die Vorbereitung des nächstjährigen Männergesangwett' streits beantragte die Errichtung einer Festhalle auf dem Platz der ehemaligen Rosenausstellung für 1600 Sänger und Musiker und 7'00 Zuhörer. Der zur Ausführung empfohlene Plan enthält auch eine Kaiserloge und kostet 177000 Mk.
— Der gestrige vierte Tag der Geschäftsordnungsdebatte verlief verhältnismäßig ruhig und normal;
Umschau.
Die Abhängigkeit vom Auslande.
Wohin e8 führen könnte, wenn sich Deutschland in seiner Fleischversorgung abhängig vom Auslande machte, davon liefern jetzt die Verhältnisse Englands ein geradezu erschreckendes Beispiel. Nach der „Daily Mail" besitzt der amerikanische Fleischtrust in England bereits nicht weniger als 6600 Verkaufsstellen und zahlreiche Niederlagen und verfolgt offenbar die Absicht, die Versorgung des Detailhandels mit Fleisch in Großbritannien ausschließlich unter seine Kontrole zu bekommen. Die Einfuhr Großbritanniens an frischem und gesalzenem Fleisch kommt schon jetzt nahezu zur Hälfte aus den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Eben hat sich in Amerika eine in Trenton, New-Jersey registrierte Gesellschaft gebildet unter der Firma „The United States , Packing Company", die den Vieh- und Fleischexport nach Europa in größtem Umfange ausnehmen will. Würde es ihr gelingen, in den anderen europäischen Ländern, so wie dies jetzt schon in England der Fall ist, den Fleischhandel unter ihre Kontrole zu bringen, so würden die europäischen Konsumenten diesem großen Flei^ch- trust auf Gnade und Ungnade unterworfen fein. Es würden nach dem Ruin der europäischen Viehzucht wahrscheinlich Preise gefordert werden, die wesentlich höher seindürften als diePreise, bieder deutsche Viehzüchter bei entsprechendem Zollschutz für sich in Anspruch nehmen kann. Unabhängigkeit desMarktes für Lebensmittel vom Auslande ist gerade für die ärmeren Volkskreise von der größten Wichtigkeit, wenn sie nicht eines Tages gezwungen sein sollen, Preise zu zahlen, die von großen, ausländischen Spekulationsgenossenschasten nachgerade dittiert werden.
die Sozialdemokraten begreifen wohl allmählich, welche Folgen die Fortsetzung ihrer anfänglich beobachtete« Taktik für sie haben würde. Gleichwohl werde« weitere Aenderungen der Geschäftsordnung, unab- weislich, um die Verhandlungen in der erwünschte« Weise zu fördern. ,
— Fürst Philipp Eulenburg, der seitherige deutsche Botschafter in Wien, der sich fett längerer Zeit krank- heitshalber zu Liebenberg (Mark) aufhält, begiebt sich in diesen Tagen nach Wien, um fein Abberufung?« schreiben dem Kaiser Franz Joseph zu überreichen.
— Eine Entsendung deutscher Schiffe nach Venezuela erfolgt vorläufig nicht. Die Kreuzer Miadne, .Niobe' und .Amazone',, die für die Aktivem Ausficht genommen waren, fuhren mit dem ersten Geschwader nach Norwegen. Dem Anschein nach will Venezuela feinen Verpflichtungen nachkommen.
— In einem gemeinschaftlichen Erlaß des Ministers des Inneren und des Kultusministerums werden die Regierungspräsidenten darauf aufmerksam gemacht, daß die Polizeibehörden verpflichtet find, von der polizeilicherseits veranlaßten Ueberführung emeS Geisteskranken in eine Irrenanstalt die Ange- hörigen desselben unverzüglich in Kenntnis zu setzen. Sind Angehörige der Polizeibehörde nicht bekannt, so haben fie sich deren schleunige Ermittelung angelegen fein zu lasten. ,
— Die in Berlin geschäftlich tätigen Amerikaner beabsichtigen, nach dem Vorbild ihrer Landsleute in London und anderen Städten, hier eine amerikanische Handelskammer zur Förderung ihrer Geschäftsinteressen zu gründen. In den nächsten Tagen findet hier eine Versammlung aller Interessenten zu diesem Zweck statt. . . .
— Wie Neapeler Zeitungen melden, traf em Redakteur des „Vorwärts', der zugleich Reichstagsabgeordneter ist, in Capri ein, um sich zu vergewissern, ob die gegen Krupp geschleuderten Anklagen aus Wahrheit beruhen. Die Zeitungen knüpfen.daran die zutreffende Bemerkung, daß der .Vorwärts bester getan hätte, einen Vertrauensmann Neapel z« schicken, bevor er die Anklagen gegen Krupp veröffentlichte.
— Zum Zwecke einer Revision des StrafProzeffeS hat der Staatsfekretär des Reichsjustizamts eine Kommission von 21 Mitgliedern einberufen, der u. A. die Abgeordneten Himburg, Wassermann, Grober, Opfergelt und Rinteln angehören. Die Beratungen sollen am 14 Januar beginnen. — Wie verlautet, beabsichtigt der Abgeordnete F:hr. v Hehl zu Herrns- heim, zum Zolltarif mit Unterstützung anderer Parteien eine Resolution zu beantragen, durch die der Reichskanzler zu Verhandlungen mit anderen Staaten ansgefordert wird, sich gegenseitig zu verpflichten, daß in Zukunft Meistbegünstigungsverträge nicht mehr abgeschlossen werden.
55 (Nachdruck verboten.)
Verspielt.
*■ Roman von F. ArnefeldL
. (Fortsetzung.)
Eine hohe Röte stieg bei diesen Worten in fein offenes, männliches Gesicht, er gedachte deS TageS, wo Justizrat Gerboth ihm den Weg gezeigt, auf welchem er am schicklichsten zur Beendigung des Prozesses gelangen könne. Wie weit hatte er damals den Vorschlag des alten Juristen von sich gewiesen, um ihn nach wenigen Stunden schon mit aller Kraft seiner Seele aufzunehmen, und auf schier unüberwindliche Hindernisse bei seiner Mutter zu stoßen. Auch diese waren jetzt beseitigt, die Bahn war frei, nah und herrlich winkte daS Ziel.
Schon seit mehreren Minuten herrschte im Zimmer tiefes Schweigen, durch daS laut und vernehmlich die Hammerschlüge des Vulkan ertönten, der am Zifferblatt der großen broncenen Uhr auf dem Kamin das Fortrücken der Zeit anzeigte. Nicht nur Hellmuth, auch Alice und die Majorin waren mit eigenen Gedanken beschäftigt, und wer im Stande gewesen wäre, diesen nachzugehen, er würde entdeckt haben, daß sie sämtlich sich mit der gleichen Angelegenheit beschäftigten.
Frau von Erbach brach das Schweigen. Sich au8 ihrem Sessel erhebend, fragte fie: „Dürfte ich das mutige Mädchen kennen lernen, das den Förster Winhold veranlasst hat, sein Geständnis abzulegen? Irre ich nicht, so ist sie die Tochter der Schwester Ihrer Mutter, die ich auch gekannt habe."
Alice bejahte daS letztere und fügte hinzu, fie habe schon die Bitte aussprechen wollen,
ihr die Coufine vorstellen und fie mit ihrer mütterlichen Freundin, der Frau Doktor Ehrentraut bekannt machen zu dürfen.
Sie führte die Majorin und Hellmuth in den kleinen Saal, in dem fie gewöhnlich mit ihren beiden Gefährtinnen den Abend zu verbringen pflegte, man fand daselbst jedoch nur Frau Doktor Ehrentraut, welche die Kommenden mit großer Freude und Herzlichkeit begrüßte. Leonie war nicht anwesend und erschien erst nach geraumer Zeit; die Majorin war aber sehr enttäuscht, als fie sie endlich zu sehen bekam, fie hatte sie sich nach allem, wa8 fie von ihr gehört, ganz anders vorgestellt. Aller Uebermut, alle Munterkeit waren von ihr gewichen, sie sah blaß und verweint auS, und schien an einer nervösen Unruhe zu leiden.
„Was fehlt Fräulein Leonie," flüsterte Hellmuth Alics zu, neben der er in der tiefen Fensternische im Gespräch stand. Ein leiser Druck ihrer Hand auf seinen Arm warnte ihn, weiter zu fragen.
„Sie hat mein Glück schwer erkauft!" raunte fie ihm zu; er verstand sie sogleich und deutete ihr durch ein leises Nicken an, daß er dies tat.
Der Abend war schon in die Nacht übergegangen, als Mutter und Sohn ihr leichtes Gefährt wieder bestiegen, um nach Feldberg zurückzukehren. Ehe sie Abschied nahmen, hatte die Majorin die drei Damen eingeladen, am nächsten Tage zu ihr zu kommen und dort zu bleiben, bis in Wiesenberg das Begräbnis des beklagenswerten Oberverwalters vorüber sei.
Alice unb Frau Doktor Ehrentraut hatten schnell zugesagt, Leonie erst nach langem Zögern. Sie sah ein, daß sie sich nicht mehr ausschließen dürste und doch ward es ihr so unendlich schwer.
fortzugehen, ohne zu wissen, was aus Edgar geworden sei.
Zuletzt vermochte sie die Last nicht mehr allein zu tragen. Alice stand auf dem Balkon und schaute, so weit ihr Auge und der biegende Weg eS gestattete, dem davonrollenden Wagen nach, da fühlte sie sich von hinten umfaßt und Leonies Wange drängte sich an die ihrige.
„Er ist nirgends aufzufinden!" flüsterte sie mit leisem Weinen.
Fräulein von Rohr fragte nicht, um wen Leonie bange, sie drückte deren Kopf an ihre Brust, und flüsterte ihr zu: „Aengstige dich nicht. Es hat ihn Schweres getroffen, aber er ist doch kein weichlicher Knabe, und trotz mancher Fehler ein Mann. Er wird nicht zu Grunde gehen, sondern durch die Prüfung eine Läuterung erfahren."
Leonie faltete die Hände und sagte andächtig zum tiefblauen Sternenhimmel emporschauend: „O, wenn Du wahr sprächest! Müßte ich denn auch auf ihn verzichten?"
„Verzichten?" wiederholte Alice, der dieses Wort nach dem Zusammensein mit Hellmuth von Erbach doppelt schmerzlich in die Ohren klang. „Warum?" Willst Du den Sohn des Vaters Sünden büßen lassen?"
„Ich nicht!" schluchzte Leonie; „ach, ich weiß ja erst jetzt, wie lieb ich ihn habe! Aber wird er mich noch wollen, mich, die ich —" sie verstummte. Sie durste nicht der Coufine nahe legen, welche Opfer fie für fie gebracht und fügte hinzu: „Edgar ist stolz, er wird sich weigern seinen befleckten Namen —“.
„Glaubst Du, daß er Dich liebt?" unterbrach fie Alice. .
„Ich bin davon fest überzeugt.'
„Dann sorge nicht," entgegnete Alice mit fester Zuversicht, „die Liebe überwindet alles, auch Stolz und Vorurteil! Verlaß Dich auf mich; wir werden Beide glücklich sein!"
Weinend lagen die schönen jungen Mädchen sich in den Armen.
21. Kapitel.
DaS Begräbnis des Oberverwalters Hartung war vorüber. Von allen seinen Spielfreunden hatte sich kein einziger dazu eingefunden, keiner der Angestellten auf Wiesenberg, deren Gebieter er bisher gewesen, war gekommen, ihm das letzte Geleit zu geben; sang- und klanglos war der Mann, der eine nicht unbedeutende Rolle in der ganzen Umgegend gespielt hatte, in sein Grab gesenkt worden. Ter Einzige, der seinem Sarge folgte, war sein Sohn Edgar. Er war in dem Augenblick, wo die Träger den gänzlich schmucklosen Sarg aufgehoben, erschienen. Niemand wußte, woher er gekommen war, und wieder verschwunden, sobald die ersten Erdschollen in die Gruft hinuntergepoltert waren.
Leonie erfuhr das bei ihrer Rückkehr von Feldberg, und ihre schwer bedrückte Brust atmete ein wenig auf. Sie wußte jetzt wenigstens, daß er noch lebte, unb daß er noch in der Gegend sich aufhielt. Durfte fie hoffen, daß sie ihn Wiedersehen würde? ,
Hellmuth von Erbach hatte die Gäste nach Wiesenberg zurückbegleitet und faß mit Alice unb Frau Dr. Ehrentraut auf dem Balkon deS Gartensaales. Leonie hatte sich sortgeschlichen. So ausrichtig sie der Kousi.ie ihr aufblühendes Liebesglück gönnte, es war doch schwer, es mit anzusehen, während das ihrige in Trümmer
gefallen war.
(Fortsetzung folgt.)