mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Warum die Industrie einzulenken sucht.
Die Rolle, die die Industrie während der ganzen Zeit des Kampfes um den Zolltarif gespielt hat, ist eine wenig schöne gewesen.
Im wirtschaftlichen Ausschuß, wo als Folge der von Miquel ausgegebenen Parole der Politik der Sammlung zuerst das Programm des Schutzes der nationalen Produktion in großen Zügen festgelegt wurde, hatten sich die Vertreter der Industrie mit den von der Landwirtschaft aufgestellten Forderungen einverstanden erklärt gegen die Zusicherung einer entsprechenden Erhöhung der Jndustriezölle. Auch über die zunächst strittige Frage der Zweckmäßigkeit eines Doppeltarifs wurde schließlich im bejahenden Sinne entschieden, so daß die Landwirtschaft endlich erleichtert auf- vtmen und mit Sicherheit annehmen zu können meinte, daß die Regierung nunmehr zur Einlösung ihres wiederholt und feierlichft abgegebenen Versprechens: Die Landwirtschaft auf das zollparitätische Niveau mit der Industrie zu bringen, schreiten würde.
Aber weit gefehlt! Während die industriellen Wünsche im Zolltarifentwurf der Regierung »olle Berücksichtigung gefunden hatten, waren infolge irgend welcher unkontrollierbaren Ein- flüffe, die sich in den maßgebenden Kreisen der Regierung '°>tend gemacht haben mußten, die Forderungen oer Landwirtschaft bis auf einen Heinen, gänzlich ungenügenden Bruchteil einfach unter den Tisch fallen gelassen worden.
Durch diesen plötzlichen der Landwirtschaft ungünstigen Umschwung der Stimmung bei der Regierung glaubte die Industrie ihre Position so verstärkt, daß sie nunmehr, entgegen den früheren Abmachungen, auch noch gegen die wenigen spärlichen Zugeständnisse, die der Landwirtschaft im Regierungsentwurf gemacht waren, Front machte, die Beseitigung auch der Mindestzölle für die vier Hauptgetreidearten verlangte und sich nicht entblödete, gleichzeitig eine noch weitere Erhöhung der Jndustriezölle über den Regierungsentwurf hinaus zu verlangen. Warum sollte sie es auch nicht probieren, da
48 IRachdruck verboten!
Verspielt.
Roman von r Irnefelbt
(Fortsetzung.)
.Ohne Sorge, mein Fräulein, des Ober- verwalterS Rolle ist ausgespielt; ich bin eigens hierher gekommen, um Sie von ihm zu befreien und seine etwaige Flucht zu verhindern. Gestatten Sie jetzt, daß ich ihn vernehme; ich hoffe, es soll nicht schwer halten, ihn zum Geständnis zu bringen. Hartung ist ein Spieler, und wenn ein solcher einfieht, daß er rettungslos verspielt hat, wirft er leicht seine ganzen Karten auf den Tisch. Bitte laffen Sie ihn hierher rufen, als ob Sie mit ihm zu sprechen hätten.
Alice setzte die Glocke in Bewegung und befahl dem eintretenden Diener, Herrn Hartung zu bitten, zu ihr nach dem Schlosse zu kommen, sie habe den Besuch eines Herrn, der von ihm eine Auskunft zu haben wünschte.
Es währte ziemlich lange, ehe der Ober- Verwalter erschien. Der Amtsrichter fürchtete schon, er könne etwas gemerkt und sich heimlich entfernt haben. Als et endlich gemeldet ward, zog sich Fräulein von Rohr in das Nebenzimmer zurück, dessen Thür halb offen blieb.
18. Kapitel.
Oberverwalter Hartung war erst spät in der Nacht von einer Sitzung im Klub der Harmlosen heimgekehrt und hatte bis tief in den Tag hinein geschlafen. Seit er sich durch Fräulein von Rohr in den Besitz der Herrschaft über Wiesenberg auf unabsehbare Zeit bestätigt wußte,
sie wußte, daß sie die Regierung als eventuelle Rückendeckung hinter sich hatte. Industrie sowohl wie Regierung hatten sich jedoch in der Einschätzung der Nachgebefähigkert der Majoritätsparteien etwas getäuscht. Wenn diese auch in dem taktisch kurzsichtigen und durchaus unrichtigen Bestreben, durch Entgegenkommen ihrerseits auch die Regierung zum Entgegenkommen zu veranlassen, Schritt für Schritt von ihren ursprünglichen Forderungen zurückgewichen waren, so gab e8 doch eine Grenze, über die hinaus es kein Zurück mehr für sie geben konnte, wenn sie sich nicht um ihren ganzen politischen Kredit bringen wollten. War keine Aussicht vorhanden, höhere landwirtschaftliche Zollsätze als die von der Kommission beschlossenen zu erlangen, so mußte durch eine entsprechende Herabsetzung der Jndustriezölle die erstrebte Parität zwischen Industrie und Landwirtschaft hergestellt werden. Das ist der unerschütterliche Standpunkt der Mehrheitsparteien, worüber sie weder die Regierung noch die Industrie im Unklaren gelassen haben.
Um diese Herabsetzung ihrer Zollpositionen zu verhindern, stellt sich die Industrie nun so, als ob sie in einer Anwandlung von Großmut der Landwirtschaft die im Regierungsentwurf festgesetzten Mindestzölle gütigst zugestehen will. So haben neuerdings eine Anzahl Vertreter der chemischen Industrie eine Aufforderung an ihre Berufsgenoffen erlassen, unter Beisetzung der Bedenken gegen die Minimalzölle für landwirtschaftliche Produfte für das Zustandekommen der Regierungsvorlage nach Möglichkeit einzutreten. Es heißt da unter anderem:
„Es muß gelingen, für Lösung dieser wichtigen Aufgabe eine große Mehrheit der werftätigen Bevölkerung in Industrie, Landwirtschaft und Handel, unbeschadet der politischen Auffassung jedes Einzelnen, zu gemeinsamem Handeln zusammen zu fassen. Hohe Interessen der Gesamtheit stehen hier auf dem Spiele. So fordern wir denn alle diejenigen, welche diese Anschauung teilen und das Wohl des Landes über das jeweilige Programm der Parteien stellen, auf, dieser ihrer Meinung und Auffassung in der Oeffentlichkeit tatkräftigen Ausdruck zu geben und auf jede sich darbietende Weise, insbesondere aber durch Einwirkung auf die ihnen nahe stehenden parlamentarischen Kreise dazu beizutragen, daß die Regierungsvorlage in dieser Reichstagssession verabschiedet, und daß dadurch die Möglichkeit eröffnet wird, noch vor Ablauf der alten Handelsverträge Verhandlungen zum Zwecke des Abschlusses neuer Verträge aufzunehmen."
Die Absicht ist zu deutlich. Man hofft durch dieses „Entgegenkommen" jetzt, wo die Beratung über die Jndustriezölle heranrückt, die Mehrheitspart kn zu einer Annahme derselben in der ticken Höhe des Regierungsentwurfs zu bestimmen.
glaubte er sich keine Beschränkung mehr auflegen zu dürfen und ftöhnte seiner Leidenschaft nach Herzenslust.
Er saß beim ersten Frühstück, als Alices Botschaft ihm überbracht wurde und hatte zuerst nicht übel Lust, ihr sagen zu lassen, er sei behindert, ihrer Aufforderung Folge zu leisten, überlegte aber dann doch, daß eS Hug sei, daS Seil nicht zu straff zu spannen. Das Fräulein verließ ja in wenigen Tagen Wiesenberg auf Nimmerwiederkehr, mochte sie sich bis dahin noch in dem Traume einer Art von Herrschaft wiegen.
Bei feinem Eintritt in das ihm von dem Diener bezeichnete gelbe Spiegelzimmer blieb er betroffen auf der Schwelle stehen. Fräulein von Rohr befand sich nicht darin, statt besten trat der ihm wohlbekannte Amtsrichter Fleischmann aus Dornburg entgegen und sagte höflich aber doch recht gemeßen:
„Guten Tag, Herr Oberverwalter, treten Sie näher und nehmen Sie Platz. Ich habe Sie um eine Auskunft zu bitten, und die Angelegenheit dürste nicht mit zwei Worten abgetan sein."
ES wies auf den von Fräulein von Rohr soeben verlastenen Stuhl und bedeutete gleichzeittg dem Protokollführer, die nach dem äußeren Gange führende Thür, durch die Hartung eingetreten war, zu schließen.
Dem Oberwalter ward beHommen zu Mute. Die Anwesenheit des Amtsrichters und noch mehr dessen Austreten erfüllte ihn mit unbestimmten Besorgnissen. Er blickte sich scheu um und fragte, stehen bleibend: „Ich erwartete, Fräulein von Rohr hier zu finden."
Diese Hoffnung der Industrie dürste aber nicht in Erfüllung gehen. Eine Herabsetzung, und zwar eine bedeutende Herabsetzung der Jndustriezölle wird erfolgen müssen, wenn der gesamte Tarifentwurf für die MehrheitSpatteien überhaupt diskutabel bleiben soll. Die Land- wittschast hat ein dringendes Interesse daran, daß ihr bei dem ungenügenden Schutz ihrer Produkte einerseits die Prvduftionswerkzeuge (Eisen, Maschinen u. s. w.) nicht nur nicht verteuert, sondern entsprechend verbilligt und andererseits die Arbeitskräfte durch einen abermaligen künstlichen Aufschwung der Industrie, der bei einer Erhöhung der Jndustriezölle um bedingt erfolgen würde, nicht noch mehr als bisher entzogen werden.
Umschau.
Der tote Kanonenkönig.
Der größte Industrielle Deutschlands, einer der größten Arbeitgeber der Welt, ein aufrichtiger Arbeiter-Freund, ein Mann, an dessen Reichtum selbst der Rothschild nicht heranreicht, der dem deutschen Namen auf der ganzen Erde durch die großattige Tätigkeit seiner Firma Ehre gemacht hat, Friedrich Alfred Krupp in Essen, der Kanonenkönig, wie das Volk feine Vorfahren und ebenso ihn nannte, ist, angesichts des Totenfestes, nach nur mehrtägigem Unwohlsein im Alter von erst 48 Jahren auf feiner Villa Hügel am Gehirnschlag gestorben. Der Todesfall hat überall gewaltiges Aufsehen erregt, da sich in seinen allerletzlen Lebenstagen gehässige, schandhafte Verläumdungen an seinen Namen geknüpft haben, die bereits den Gegenstand gerichtlicher Verfolgung bilden. Mehrfach war das sensationelle Gerücht anfänglich verbreitet, der Tote habe Hand an sich selbst gelegt, doch ist das, wie gesagt, absolut unwahr. Die Gehässigkeiten, welche in Deutschland durch *bie sozialdemokratische und sonst verwandte Presse ^verbreitet wurden, knüpfen an Krupp's Aufenthalt auf der Insel Capri. Man muß annehmen, daß die furchtbare Auftegung dieses wüsten Klatsches den Betroffenen in seinem Innersten traf und feine Kraft aufrieb, und so seinen jähen Tod herbeiführte.
Mit Friedrich Alfted Krupp stirbt die Manneslinie der Essener Krupps aus, da der Verewigte nur zwei in diesem Jahre konfier- mierte Töchter hinterläßt. Nur drei Generationen hat das zu so gewaltigem Umfange gelangte Krupp'sche Werk als Eigentümer erlebt. Der Großvater Friedrich Krupp, geboren 1787, besaß in Altenessen ein kleines Hammerwerk und errichtete 1818 bei Essen eine Fabrik, die bei seinem Tode (1826) aber nur wenig Arbeit hatte. Auch sein genialer Sohn Alfted Krupp litt lange Zeit unter ungünstigen Verhältnissen, und erst 1855 begründete sich
„Fräulein von Rohr hat mir das Zimmer vorläufig überlassen, da ich es bin, der Auskunft von Ihnen zu erbitten hat," entgegnete der Amtsrichter und wiederholte seine Aufforderung sich zu fetzen. Nachdem Haftung dies notgedrungen getan, hielt er es für angemessen, sofort auf die Angelegenheit einzugehen und begann ohne weitere Vorbereitung:
„Der Förster Winhold ist heute Morgen bei mir gewesen und hat freiwillig ein Geständnis abgelegt'
Hartungs Gesicht verfärbte sich, er machte eine Bewegung, als ob et vom Stuhl auf* springen wollte hielt aber an sich und erwiderte scheinbar gelassen:
„Darf ich fragen, was Winhold Ihnen gestanden hat und inwiefern ich darüber AuS- ftmst geben könnte."
DeS Amtsrichter Gesicht wurde sehr ernst. „Muß ich Ihnen das wirklich erst sagen Herr Haftung? Sie wissen selbst am besten, wie nahe Förster WinholdS Geständnisse Sie angehen. Doch ist am besten, ich lasse Ihnen das Protokoll über das mit Jenem stattgehabte Verhör voftesen."
Er gab seinem Begleiter einen Wink, der sogleich das mitgebrachte, recht umfangreiche Protokoll entfaltete und eS sehr langsam und deutlich vorlas.
„WaS haben sie dazu zu sagen?" fragte nachdem er geendet, der Amtsrichter, der in zwischen Haftung scharf beobachtet hatte. Dieser versuchte noch den Sorglosen zu spielen und sagte wegwerfend:
„Ja, wenn der Herr Förster das alles selbst angiebt, so muß es damit wohl seine Richtig-
ber nie wieder erschütterte Weltruf der Firma in Folge der Vorführung eines Stahlblocks auf der londoner Weltausstellung. Alfred Krupp, der 1887 starb, war in seinen letzten Lebensjahren eine zurückhaltende, einsame Natur, der über Millionen und aber Millionen foftsah. 1887 übernahm bet jetzt verstorbene Friedrich Alfred Krupp (geboren 17. Februar 1854) die Leitung; er war eine stille, in sich gelehrte Natur, dem jede Ueberhebung fernstand. Von feinen Arbeitern hat er sich, längst in Rang und Würden, stets nur „Herr Krupp" nennen lassen. Er war schon von Jugend auf schwächlicher Natur und hat viel im Süden schon damals gelebt. Die Erhebung in den Adelstand lehnte er, ebenso wie sein Vater, ab, nahm indessen die Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz an. Das Kaiserpaar besuchte ihn fast alljährlich auf Villa Hügel bei Essen, mit der sich nur wenige Fürstensitze vergleichen können, zum letzten Mal in diesem Sommer.
Friedrich Alfted Krupp war Exzellenz, Wirklicher Geheimer Rat und Inhaber höchster Orden, Mitglied des Preußischen Herrenhauses und Staatsrates, Ehrenbürger der Stadt Essen und von 1893—1898 Reichstagsabgeordneter. Die Familie gehöfte der katholischen Kirche an.
Der Verstorbene litt schon seit mehreren Jahren unter Ohnmachts-Anfällen. Am Donnerstag war er in Hamburg, am Freitag reiste er nach Essen zurück , wo er unwohl eintraf. Am Sonnabend vormittag erlitt er zwei Schlaganfälle, die Bewußtlosigkeit herbeifühften, in Folge deren Nachmittags der Tod eintrat. Die Trauerurkunde stieß anfänglich allgemein auf Unglauben. Viele Arbeiter weinten beim Verlassen der Werke. Das Theater in Essen blieb geschlossen, alle Glocken läuteten, die Stadtvertretung beschloß eine Beileidskundgebung.
Dom Kaiser lief folgendes Telegramm an die Firma Krupp ein.
„Die Nachricht von dem so unertoartd eingetretenen Hinscheiden Ihres Chefs hat mich tief erschüttert. Die Vorsehung hatte den Geheimen Rat Krupp an die Spitze eines Unternehmens gestellt, da8 weit über die Grenzen deS Vaterlandes eine universale Bedeutung gewonnen hat. Dies Werk, wie eS von dem genialen Vater ihm überkommen, nicht nur zu erhalten, sondern seinen Weltruf entsprechend weiter auszubilden, sah er als Aufgabe seines Lebens an. So empfinde ich, dem der Verewigte in patriotischer Gesinnung auf das Treueste ergeben war, mit der Beamtenschaft und den Tausenden der Arbeiter seinen Verlust auf8 Schwerste."
Erhebungen über die Sage des Arbeitsmarktes.
In Preußen fanden eben amtliche Erhebungen über die Lage des ArbeitsmarfteS
leit haben, aber ich sehe noch immer nicht ein, wa8 das mich angeht."
Sie find dazu gekommen, Sie haben Winhold veranlaßt, über den Vorfall zu schweigen, haben ihm eingeredet, er würde mindestens fünfzehn Jahre Zuchthaus erhalten, obwohl Sie recht gut wissen konnten, daß er straflos davonkommen würde; Sie haben den unglücklichen Zufall zu einem Morde aufgebauscht und verbreitet, Herr Wolf von Rohr habe ihn begangen. Was hat Sie zu dieser Handlungsweise veranlaßt?"
Haftung stand auf, verschränkte die Arme, schaute dem Amtsftchter hohnlächelnd ins Gesicht und sagte kall und spöttisch: „Der alte Narr hat also gründlich gebeichtet, die Weiber mögen ihn wohl ordentlich ins Gebet genommen haben; mit Fräulein von Rohr haben Sie, wie ich merke, auch schon gesprochen, da ist nichts weiter zu machen, die Geschichte ist aus. ES verhält fich so, wie der Förster gesagt hat, und ich habe Frau von Rohr und später auch ihrer Tochter eingerebet, ich hätte den Mord mit angesehen und der Sterbende hätte mir auch gesagt, sein Bruder hätte ihn erschossen."
„Und warum haben Sie daS getan ?'
Haftung lachte. „Jetzt könnte ich fragen: Muß ich Ihnen das wirklich erst sagen? Viele Jahre hatte ich Wiesenberg ganz allein betonet« schäftet, Herr Wilhelm von Rohr war auf Reisen und nahm es mit der Rechnungslegung nicht genau. Ich durfte hoffen, auch nach seiner Rückkehr auf meinem Poften zu bleiben, und da leg er nun plötzlich vor mir — sterbend.
(Fortsetzung folgt.)