liberale Silbenstecherei. Die Frucht dieser Verbrüderung ist ja die Wahl Gotheins — wo wäre dieser Herr geblieben, wenn keine Verbrüderung bestanden hätte?
Wie es mit den freisinnig-liberalen Behauptungen über angeblich terroristische Einwirkung des Freiherrn von Maltzahn bestellt ist, mögen die folgenden Ergebnisse des Zeugenverhörs zeigen: Die Zeugen Reimer und Hecht sollten darüber aussagen, daß der Landrat ihnen gegenüber geäußert haben sollte, der Kornhändler Heidler sollte boykottiert werden, weil er liberal sei. Beide haben mit Bestimmtheit bekundet, daß ein solches Gespräch nicht stattgefunden habe. Ferner sollte der Landrat den Kreisbaumeister Kreuzien aufgegeben haben, den liberalen Ackerbürger Burmeister von Grimmen nicht mehr zu Kieslieferungen für die Chaussee heranzuziehen. Kreuzien hat dies ausdrücklich in Abrede gestellt. Schmiedemeister Sachs in Willerswalde, stellvertretender Gutsvorsteher sollte von dem Landrat eine Rüge erhalten haben, weil dort ausschließlich liberale Stimmzettel abgegeben worden seien. Sachs hat bekundet, daß ihm gegenüber dienstlich gerügt worden sei, daß er eine Verfügung wegen Einsendung der Wählerlisten nicht pünktlich befolgt habe, von liberaler Stimmabgabe sei keine Rede gewesen. Der frühere Vorsitzende des Grimmer Kriegervereins, Oberlehrer Grüder, sollte vom Landrat veranlaßt worden sein, gegen ein liberales Ehrenmitglied Schritts wegen Ausschließung aus dem Verein zu tun. Grüder bekundete, daß er aus eigener Initiative mit dem Landrat als Verbandsvorfitzenden Rücksprache genommen habe, und daß sie beide zu der Ansicht gelangt seien, daß zu dem Ausschluß (wegen Teilnahme am Kaiserkommerse) kein Anlaß vorliege Sodann ist die Behauptung, daß die „arme Witwe" Müller zu ihrer gegen die Liberalen gerichteten Erklärung vom Landrate „gedrängt" worden sei, durch gegenteilige Aussagen der Witwe Müller und des Rendanten Pietsch endgiltig abgetan, wie auch schließlich die Behauptung Gotheins im Abgeordnetenhause, der Landrat habe im amtlichen Teile des Kreisblattes einen konservativen Wahlaufruf veröffentlicht, von dem Redakteur des Blattes unter Eid als unwahr bezeichnet worden ist.
Was bleibt nun von den liberalen Behauptungen noch übrig? Das ganze Lügengebäude der Herrschaften ist zusammengestürzt, die geplante parteipolitische Haupt- und Staatsaktion ist vereitelt, die so sorgsam vorbereite Land- ratshetze ist mißglückt.
Umschau.
Politische Brunnenvergiftung.
Gegenüber dem auch in der Viehzolldebatte im Reichstage angestimmten Fleischnotgeschrei
„Dieses ist der erste Streich, der andere aber folgt sogleich;" deüamirte Leonie, auf das Körbchen deutend, die bekannten Verse aus „Max und Moritz" „und er sucht Gelegenheit von ihr zu sprechen, wo er nur weiß und kann. Er hat Edgar Hartung, von dem er sich sonst geflissentlich fern gehalten, ein paarmal gestellt und sich in Gespräche mit ihm eingelassen, die, wo sie auch anfingen, sicher bei der Schloßherrin in Wiesenberg endeten."
„Und Alice?" fragte Frau Doktor Ehrentraut.
Leonie faltete die Hände und citirte mit drollig verstellbarer Stimme: „Er scheint ihr gewogen, und sie ihm auch! Das ist der Laus der Welt!"
„O Leonie, wie kannst Du Posten treiben in dieser Stunde, die so unsäglich schwer für unsere arme Alice ist! sagte Frau Doktor Ehrentraut vorwurfsvoll und in ihren Augen schimmerten Thränen; „wir müßten beten, daß alles sich zum Guten wendet."
„Aber ich verstehe Dich nicht, liebe Tante!" erwiderte Leonie ehrlich verwundert. „Alice tritt heute ihr schönes Besitztum an, sie hat Aussicht, den unangenehmen Hartungloszuwerden, wenn ich —" sie unterbrach sich, und die Frau Doktor bemerkte:
„Der Vater scheint bei Dir weniger in Gunst zu stehen als der Sohn."
Leonie war glühend rot. „Die find mit einander gar nicht zu vergleichen, Edgar muß ganz nach der Mutter schlagen und —"
Der Diener öffnete die Tür und meldete Herrn Edgar Hartung.
„Lupus in fabula!" rief Leonie und befahl, ihn einzulaflen.
der Linken mahnte Herr Graf von Kanitz- Podangen daran, daß daran gedacht werden solle, die städtischen Schlachtsteuern abzuschaffen. Dabei erinnerte er an folgenden Breslauer Vorgang: Dort hat die Stadtverordneteu-Ver- sammlung im vorigen Jahre mit 57 gegen 30 Stimmen die von sozialdemokratischer Seite geforderte Abschaffung der Schlachtsteuer abgelehnt, und zwar sagte der Oberbürgermeister Bender, welcher Atttglied der Freisinnigen Volkspartei ist, daß in dem betreffenden sozialdemokratischen Organe Breslaus, in der „Volks- wacht", ganz unerhört für die Aufhebung der Schlachtfteuer agitiert worden sei. Er behauptet sogar, „etwas ärgeres an politischer Brunnen- vergistung sei ihm noch nicht vorgekommen, als dieser Artikel der „Volksmacht"; und ein anderer, auch freisinniger Stadtverordneter fügte hinzu, „gegen die Unterstellung, daß die reichen städtischen Einwohner sich mit Hilfe der Schlachtsteuer in ihrer Steuerlast erleichtern wollen, muffe er auf das energischste protestieren", wofür ihm der lebhafteste Beifall der Versammlung zu teil wurde. Derselben politischen Brunnenvergiftung machen sich jetzt mit dein Zollwuchergeschrei die Freihändler und Sozialdemokraten gemeinsam schuldig, wenn sie den Großgrundbesitzern unterstellen, sie wollten sich auf Kosten der Unbemittelten durch höhere Zölle bereichern. Ob freilich Herr Bender den Mut haben würde, auch seinen politischen Freunden gegenüber das Kind beim richtigen Namen zu nennen, möchten wir bezweifeln. Indirekt aber hat er durch seine Worte die heutige Zollwucheragitation als politische Brunnenvergiftung verurteilt.
Schulstatistik in Preußen.
Bei der schulstastischen Erhebung vom 27. Juni 1901 hat das Königliche statistische Bureau im preußischen Staate 460 öffentliche mittlere Schulen (Mittelschulen u. dgl.) für Knaben oder Mädchen oder beide Geschlechter mit 3965 vollbeschäftigten Lehrkräften (3059 Lehrern, 906 Lehrerinnen), 371 Hülfs- lehrkräften mit Lehramtsbefähigung (313 L., 58 Sn.) und 353 technischen Hülfslehrkräften (131 L., 222 Sn.) ermittelt. In diesen Schulen wurden im Ganzen 73517 Knaben und 61016 Mädchen, zusammen 134,533 Kinder unterrichtet (1896 97,230, 1891 86,335). Im Durchschnitte kamen auf je eine dieser Schulen, 8fi» Stellen für vollbeschäftigte Sehrkräfte und 292 Kinder. Da die Schulen zehn und fünf Jahre früher durchschnittlich nur 7 und 7,,g derartige Stellen und 251 und 247 Schulkinder zählten, fo ist eine sehr merkbare Ausgestaltung dieser Anstalten im letzten Jahrfünfte vor sich gegangen. Es entfallen jedoch neuerdings nicht etwa mehr Schüler auf eine vollbeschäftigte Sehrkraft als früher, sondern weniger: 1901 34 gegen 1891 36. Das Mehr an Lehrkräften, das die Mittel- rc.
12. Kapitel.
In dem großen, etwas düsteren Zimmer im Beamtenhause, dessen Tische sonst mit Schriften, Geschäftsbüchern, Getreide- und Wollproben and anderen auf den landwirtschaftlichen Betrieb deutenden Gegenständen bedeckt waren, in dem aber sorgfältig aufgeräumt worden, saßen Alice von Rohr und der Oberverwalter Hartung einander gegenüber. Letzterer hatte der jungen Dame einen hochlehnigen Armstuhl Zurechtgeschoben und war dann an den eisernen Schrank getreten, um die Bücher und Dokuments herauszuholsn, Alice hatte ihn aber mit den Worten zurückgehalten:
„Laffen Sie das zunächst, Herr Oberverwalter. Ich bin zwar sehr gespannt, Ihren intereffanten Bericht kennen zu lernen, noch weit mehr aber sehne ich mich danach, die Familiengeschichte der Rohrs zu vernehmen. Meine Mutter hat mich an Sie gewiesen. Von Ihnen soll ich erfahren, was den Bruch zwischen meinen Eltern veranlaßt hat, von Ihnen soll ich hören, wie es eigentlich beim Tode mxines Onkels, Herrn Wilhelm von Rohr, zugegangen ist. Ich habe schon ein paarmal versucht, Sie darüber zum Reden zu bringen, Sie find mir immer ausgewichen."
„Und ich wünschte, ich könnte und dürfte das auch heute," antwortete, die Hand auf die Brust legend, der Oberverwalter. „Ich habe gezögert bis zum letzten Augenblick, nun aber zwingt der Auftrag, den Ihr verstorbener Herr Vater mir aus dem Sterbebett gegeben hat, mich zum Reden. Zuvor möchte ich aber von Ihnen erfahren, gnädiges Fräulein, was Frau von Rohr Ihnen mitaetellt bat."
Schulen an sich gezogen haben, ist in höherem, Maße den Lehrerinnen zugute gekommen als den Lehrern; denn auf 100 Stellen für vollbeschäftigte Lehrer kamen im Jahre 1901 29^, Stellen für Lehrerinnen, während diese Verhältniszahl sich 1896 erst auf 2619 und 1891 gar erst auf 20,63 bezifferte. Der Schülerbestand setzte sich aus 117,611 evangelischen, 13,338 katholischen, 394 sonst christlichen und 3190 jüdischen Kindern zusammen.
Der sozialdemokratische „Siegeszug'.
Auf acht von sechzehn Mandaten im Landtage von Schwarzburg-Rudolstadt haben es dis Sozialdemokraten nun dank der liberalen Vorarbeit glücklich gebracht. Möglicherweise fällt ihnen auch in der noch ausstehenden Stichwahl das neunte und damit die absolute Landtagsmajorität zu. Jedenfalls bietet nun die Zusammensetzung dieser „Landstube' Gelegenheit, das sozialdemokratische Wirken zu beobachten. Auf Proklamierung der sozialen Republik und sozialdemokratische Vertretung im Bundsrate werden aber vermutlich die schwarzburg-rudol- städtischen „Genoffen" nicht bestehen.
Deutsches Reich
Berlin, 3. November.
— Im Beisein des Kaisers und der Kaiserin hat am Sonntag mittag in Berlin bei schönstem Wetter die Einweihung der neuen Hochschulen für die bildenden Künste und für Musik stattgesunden.
— Au Ehren Kaiser Wilhelms bei dessen bevorstehendem Besuch hat König Eduard die englische» Minister Chamberlain, Balfour und Beodrick, sowie den Feldmarschall Lord Roberts vom 8.—10. Novbr. nach Landringham eingeladen.
— Zu der vom Grafen Posadowskh auf Mitte November einberufenen Kurtelllonferenz find nach einer Meldung des „Breslauer Generalanzeigers fämtliche Vorsitzende von Kartellen und Syndikaten eingeladen worden. Der Konferenz wird tags zuvor eine Versammlung des Bundes der Industriellen vorangehen.
— Der preußische Finanzminister hat eine Verfügung erlassen, in der er sich mit der Gewährung der Vergünstigung des zollfreien Bezuges von leichte» Mineralölen zum Motorenbetrieb an Müller, die ihr Gewerbe mit Wind- oder Wasserkraft betreiben, einverstanden erklärt.
— Das Befinden des in Liebenberg (Marl) weilenden Botschafters Fürsten Eulenburg hat sich wieder fo ungünstig gestaltet, daß Professor Renvers aus Berlin — der auch die Kaiserin Friedrich behandelte — hinzugezogen werden mußte.
— Der frühere Präsident der preußischen Ser- Handlung, Landtagsabgcordneter Frhr. von Zedlitz (freik.s tritt in die Verwaltung der „Augusta', All. gemeine deutsche Invaliden- und Lebensverficherungs- Gesellschaft in Berlin, ein.
— Die auf Anregung der Aentralstelle für Vorbereitung der Handelsverträge eingesetzte Kommission zur Beratung der Frage der Zollrückvergütung w« dieser Tage in Berlm zusammengetreten. Sie ist der Ansicht, daß die Frage als eine hochwichtige und grundsätzliche geklärt werden muffe, ohne Rücksicht auf den Zolltarifentwurf und die handelspolitische Lage.
Alice fuhr zusammen und streckte weit abwehrend die Hände von sich. „Ich kann, ich kann es nicht aussprechen!" sagte sie leise; etwas lauter und beherrschter fügte sie hinzu: „Meine Mutter hat von der traurigen Angelegenheit erst in ihren letzten Lebenstagen mit mir gesprochen; ich glaube, sie ist da nicht mehr ganz klar gewesen und hat für wahr gehalten, was ihr überreiztes Nervensystem ihr an Trugbildern vorgespiegelt, sie hat sonst während der vielen Jahre, die wir zusammen gelebt haben, nie ein Wort fallen laffen, was auf das Schreckliche hingedeutet hätte. Nie habe ich von ihr erfahren, aus welchem Grunde sie sich von meinem Vater getrennt hatte.
„Das beweist die große Willensstärke, die die gnädige Frau bewahrte, bis der herannahende Tod ihre Kräfte brach," seufzte bet Oberverwalter. Ich wünschte, sie hätte ihr Geheimnis mit ins Grab genommen. Und doch, wenn sie geschwiegen hätte, hätte ich rede« müssen! Mich zwingt das Versprechen, daß ich dem reuig Sterbenden gegeben."
Alice fuhr von ihrem Sitze auf. Sie war totenbleich. Ihre Stirn bedeckte sich mit kalte« Schweiß. „Es ist also wahr! Mein Vattt tyat seinen Bruder meuchlings —"
Sie kam nicht weiter, ihre Zunge sträubt« sich, das Entsetzliche auszusprechen; mit g* schlvssenen Augen sank sie gegen die Leh» chuk Stuhles zurück.
(Fortsetzung
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jllnsteirtes Sanntagsblatt.
277
Vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 Mk.„ bei allen Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).
Znsertionsgebühr: die gegoltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Reclamen: die Zeile 25 Pfg.
Marburg
Dienstag, 4. November 1902.
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertage». Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.
Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckers Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
Eine verunglückte Landrats-Hetze.
Bei der letzten Reichstags-Ersatzwahl im Kreise Greifswald-Grimmen ist, wie noch erinnerlich fein dürfte, der Wahlkampf seitens des mit der Sozialdemokratie verbrüderten Freisinns in der leidenschaftlichsten und verhetzendsten Weise geführt worden. Zum Abschluß des Kampfes veranstalteten die Freifinnigen einen Kaiser-Ge- burtstagS-Kommers, der eigentlich als Siegesfeier gedacht war, und dort wurde das Lied eines der gehäsfigsten Wahlagitatoren des Freisinns, eines Redakteurs Brandt, abgesungen, das namentlich in seiner Schlußstrophe schwere Beleidigungen gegen den Landrat des Kreises Grimmen, Herrn Freiherrn v. Maltzahn, enthielt.
Diese Beleidigungen haben nun ihre gerichtliche Ahndung erhalten. Der „Dichter" ist zu einem Monate Gefängnis, der Vorsitzende des Kommerses zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Dadurch ist die Schwere der Beleidigung genügend charakterisiert und es ist demgegenüber völlig gleichgiltig, daß die beiden mindestbelasteten Angeklagten freigesprochen worden find. Durch den Richterspruch
ist somit festgestellt, daß der freifinnige Kaiserkommers dazu benutzt worden ist, gegen den Landrat zu Hetzen und ihn in den Augen der Anwesenden herabzufetzen.
Wer fich der hierauf bezüglichen Verhandlungen im Abgeordnetenhause erinnert, weiß, daß der in Grimmen mit Hilfe der Sozialdemokratie gewählte Abgeordnete Gotheim diese Abficht mit Entrüstung geleugnet und den Landrat, Freiherrn von Maltzahn, beschuldigt hat, Agent einer politischen Partei — der „Agrarier" — zu sein. Hat diese Insinuation schon damals der Minister des Innern angebrachtermaßen mit scharfen Worten zurückgewiesen, so geht auch auG den Greifswalder Gerichtsverhandlungen deutlich hervor, daß Herr Gothein die Unwahrheit gesagt hat.
Der Greifswalder Veleidigungsprozeß sollte, wie die zahlreichen Beweisanträge und dunklen Andeutungen in der liberalen Presse gezeigt haben, zur Veranstalung einer großen parteipolitischen Aktion gestaltet werden. Man beabsichtige eine Landratshetze im großen Stil zu inszenieren und hatte hierzu zahlreiche Vorbereitungen mit langer Hand getroffen. Die Hetze ist aber in allen wesentlichen Punkten mißglückt. Die Beweisaufnahme ergab das Gegenteil von dem, was Gothein und sein Anhang behauptet hatten. Weist nun die liberale Presse darauf hin, daß die Tatsache der Verbrüderung des Freisinns mit der Sozialdemokratie, auf Grund deren die „arme Witwe" Müller vom Landrat „boykottiert" worden sei, im Prozeß nicht bewiesen worden wäre, so ist demgegenüber einfach sestzustellen, daß diese Sache gar nicht unter Beweis gestellt' worden ist. Es handelt fich in diesem Punkte nur um
32 (RaLdruck verboten.!
Verspielt.
Roman von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
Alice erklätte fich augenblicklich dazu bereit. War doch jetzt die Stunde gekommen, vor der sie so lange gebangt und die sie doch herbeigesehnt hatte, die Stunde, die ihr endlich Klarheit bringen mußte. Sie warf eine Hülle um, setzte einen Strohhut auf und verließ in Begleitung des Oberverwalters das Zimmer.
„Sie hat eine Blume aus dem Körbchen mitgenommen," jubelte, in die Hände klatschend, Leonie, „fie glaubte, es ganz verstohlen getan zu haben, aber ich habe es doch bemertt!"
„Und Du glaubst wirklich, daß der Geber Herr von Erbach sei?" fragte mit lebhaftem Interesse Frau Doktor Ehrentraut.
„Ich bin davon überzeugt," erwidette Leonie mit großer Bestimmtheit, „und Alice auch."
„Aber Kind das ist doch eine sehr gewagte Behauptung, der Feind der Familie von Rohr!"
„Wenn er es je gewesen ist, so ist er eS nicht mehr seit der gemeinsamen Fahtt von Jena nach Dornburg," entgegnete Leonie und lächelte fein und klug. „Seit jenem Tage ist die Umgegend von Wiesenberg das bevorzugteste Ziel der Ausflüge des Herrn von Erbach; Sie find auch schon dabei gewesen, Tantchen, wenn er uns begegnete."
„Er hat sehr höflich gegrüßt, aber doch keine Annährung versucht," bemerkte Frau Ehrentraut, „oder ist es geschehen, wenn ich nicht dabei war?"