Augblattverbreitung statt, bei der alle Genosten und Genosstnnen ihre Pflicht zu erfüllen haben. Es handelt sich um eine Propaganda zu gunsten des Parteiorgans, für welches alle, denen da« Wachsen der Partei am Herzen liegt, zu agitieren Gelegenheit haben. Keiner darf bei dieser Arbeit fehlen, feder, der sich Sozialdemokrat nennt, hat pünktlich am Platze zu sein. In den nächsten Tagen werden die Stellen bekannt gegeben, wo sich die Verbreiter einfinden, doch geben wir vom Stattfinden der Verbreitung schon heute Kenntnis, damit ein jeder sich rechtzeitig auf die im Dienste der Partei zu erfüllende Arbeit einrichte."
Es wird hier den „Genoffen und Genossinnen" zugemutet, ihre Sonntagsruhe ohne jedes Entgelt» zu opfern, um dem „Vorwärts" Abonnenten zu verschaffen. Das ist eine Zumutung , die selbst in der Sozialdemokratie einzig dasteht. Wollte das irgend eine andere Parteizeitnng versuchen, so würde über das bürgerliche Äusbeutertum gründlich gescholten werden. Für die Arbeiter aber gilt es als .Pflicht", ihre Dienste „gratis" zur Verfügung zu stellen, um dem „Vorwärts" zu höheren Einnahmen zu verhelfen. Das ist eine Ausbeutung im wahren Sinne des Wortes, die für das Wesen der Sozialdemokratie sehr bezeichnend ist.
Parlamentarisches.
Reichstag.
Bern«, 30. Oktober.
Heute wurde zunächst das Andenken des verstorbenen Abg. Brandenburg (Str.) geehrt und dann bei starker Besetzung des Hauses in der Beratung der Zollvorlage sortgesahren. Der die Gesamtheit der Mindestzollbeschlüffe enthaltende § 1 gelangte mit 158 gegen 128 Stimmen zur Annahme. Eine ansgedehnte Störterung — die aber von geringem allgemeinem Jnterefle war — entstand über die Bestimmungen betr. Zollbefreiungen und Zollermäßigungen. Hier wird dem Bundesrat die Befugnis erteilt, Ausnahmen vorznschreiben. Ein sozialdemokratischer Antrag wollte
Deutsches Reich
Berlin, 31. Oktober.
“ Der Kaiser erschien gestern morgen um »/»11 uhr tm Reichskanzlerpalais und weilte mehrere Stunden beim Grafen Bülow. — Darauf nahm er bas Diner beim Staatssekretär v. Richthofen ein.
. .—, Der Kaiser hörte Donnerstag vormittag militärische Dorträge, worauf er die Botschafter Graf Alvensleben und von Holleben, sowie den neuen hannoverschen Obervrästdenten Wentzel zur Meldung empfing. Später beehrte der Monarch den Reichskanzler mit einem längeren Besuch.
~ Der Kronprinz von Dänemark verabschiedete stch Donnerstag morgen vom Kaifervaar und reifte wo er nachmittags eintraf. Gleich darauf befiajtigte der Prinz fein Husarenreaiment. Rach einem Mahl im Kreise der Offiziere wohnte er im Hoftheater der Over .Wildschütz" bei. Nm Mittel- nacht fetzte der Prinz seine Reife nach Homburg im TaunuS fort, nm dort einstweilen zu verbleiben.
„ . ~ ®«m Empfange des preußischen Gesandten beim Vatikan Freiherrn v Rotenhan soll fich der Papst, wie der ,L.-A." wissen will, eingehend nach dem Ergehen der kaiserlichen Familie erkundigt und die Hoffnung ausgesprochen haben, Kaiser Wilhelm bald in Rom sehen zu können.
— Die Mitglieder des Bundes der Landwirte beab- fichtigen, die Vtrfttionen zum Zolltarif, über welche gestern der Reichstag zur Tagesordnung überging, einzeln bei Beratung der betreffenden Pofitionen wieder eiitzubringen.
—. Das für Gemeindebesteuerung im Steuerjahr 1902 in Betracht kommende Reineinkommen der preußischen Staats, und für Rechnung des Staats verwalteten Effenbk^nen wurde auf 208 744 202 Mk. sestgestellt.
— Der bekannte General v. Spitz, Vorfitzender des dentschen Kriegerbundes, feiert am 1. November fernen 70. Geburtstag.
_ — Abgeordneter Bafsermann ist an einer Herz- ofsektion erkrankt, sodaß er auf Anordnung feines Arztes den Reichstagsverhandlungen fern bleiben muß.
— Der gestern verstorbene Reichstagsabgeordnete Brandenburg (Str.) war s. Z. als Nachfolger Windt- borsts für den 3. hannoverfchen Wahlkreis, Meggen- Lingen-Bentheim gewählt, also 11 Jahre Mitglied des Hauses und stand im 69. Lebensjahre.
— Die Sterblichkeit an Schwindsucht ist in Preußen im letzten Dierteljahrhundert ganz beträchtlich herabgegangen. Von je 10000 Lebenden starben nämlich in den Jahren 1876. 1881 und 1886 nur 31, im Stellte 1901 sogst nur 20. Selbst die einfache Zahl der an Schwindsucht Gestorbenen, die im Jahre 1886 den höchsten Stand mit 88283 erreicht hatte, ist bis 1901 auf 67 292 gefallen. Für die Landgemeinden war die Verhältnisziffer 1876 : 28, 1901: 17, für die Stadtgemeinden 36 respektive 22,
König Georg von Sachsen leidet an Rheumatis- mus, weshalb er seinen für den November in Aussicht genommenen Besuch beim Kaiser Franz Joseph bis zum Frühjahr verschoben hat.
— Nicht unbeachtet darf ein Beschluß bet Petitions- kommisfion des Reichstages bleiben, die Eingabe des Münchener , Journalisten- und Schriftstellervereins auf Erlaß eines Strafvollzugsgefetzes und angemeffene Behandlung politischer Gefangener dem Reichskanzler zu überweisen. Ob sich der Reichstag diesem Beschluß seiner Kommission anschließen wird, bleibt fraglich, sicher aber ist. daß noch geraume Zeit vergelen wird, bi8 der Strafvollzug zusammen mit dem Strafprozeß bte reichsgesetzliche Neuregelung erhält. Einstweilen werden wir weiter von aefcffeTten Redakteuren zu hören haben.
— Die Ergebnisse ter ameeichen Erhebungen über die Fleischnotfrage in Bayern find fast alle ent- gelaufen. Die Regierung ist der Anschauung, daß m Bälde mehr Vieh auf den Markt kommen werde. Die Schweinemästung Hal voriges Jahr unter den Seuchen sehr stark gelitten. Die Regierung glaubt nun auf Grund ihrer Erhebungen, daß auch bald mehr Schweine zu Markte kommen werden, da in diesem Jahre viel Schweine eingestellt worden fein sollen
— ©ine Massenversammlung der berliner Polen beschloß, eine polnisch-kirchliche Gesamtorganisation für Berlin und dessen Umgebung ins Leben zu rufen. In jeder Parochie sollen die polnischen Gemeinde- Mitglieder einen Ausschuß zur Förderung der polnischen Sprache auf kirchlichem Gebiete wählen.
— In Weimar wurde vor einigen Tagen die Frauenrechtlerin Dr. jur. Anita Aupspurg von einem Schutzmann, dem ihr eigentümliches Gebahren auffiel, angehalten und da sie jegliche Auskunft verweigerte, dem Vorstände des Polizeiwesens vorgeführt. Nach Feststellung ihrer Personalien wurde sie sodann wieder in Freiheit gesetzt.
diese Erlaubnis befestigt wiffe«, er wurde indessen mit 192 gegen 86 Stimmen abgelehnt. Der von Der Kommission neu eingeführte § la betr. die Einsetzung von Auskunftsbehörden über Zolltarifsätze wurde einstimmig angenommen. Als § 1b beantragten die Sozialdemokraten, den Bundesrat zu verpflichten, die Waren zollfrei eingehen zu lasten, die deutsche Verkaufsvereinigungen dem Auslande billiger als dem Jnlande liefern. Nach längerer Erörterung, in deren Verlauf gegen die Syndikate gesprochen wurde, vertagte fich das Haus! Abg. Hompesch (Str.) wünschte wegen des Allerheiligenfestes Vertagung bis Dienstag, Abg. Barth (fr. Berg.) Vertagung bis zur Einbringung des Etats, da die Beratung der Zollvorlage aus- fichtslos sei. Endergebnis: Weiterberatung am Dienstag. Schluß nach 7 Uhr.
Ausland
Oesterreich-Ungar«. Au« Wien wird berichtet, daß die österreichische Regierung an alle Parteiklubs die Aufforderung ergehen ließ, raschest die Tagesordnung freizumachen. Die Aufforderung war mit dem Bemerken begleitet, bis Mitte November müsse da8 Schicksal der Wehrvorlage entschieden sein, andernfalls würde die Tagung des Parlaments ein jähes Ende erfahren.
— Im Abgeordnetenhause beschlossen die Alldeutschen die Regierung und den Präsidenten deS Hause« aufzufordern, die Regierungsvorlage über eine Vermehrung de« Rekrutenkontingent« abzusetze», da fie in Ungarn auch nicht zur Verhandlung gelangen werde. Auch die Tschechen erklären fich gegen daS Gesetz. Trotzdem glaubt man, daß die erste Lesung nicht auf ernstlichen Widerstand stoßen toerbe. Abg. Choc interpelliert den Landesverteidigungs- Minister wegen Duellforderungen von Offizieren an Abgeordnete und fordert die Militärverwaltung auf, die Herausforderung Abgeordneter wegen parlamentarischer Aeußerungen zu Unterlasten.
Niederla«de. Der Gesundheitszustand des Präsidenten Krüger, der fich z. 3- in Mentone aufhält, hat fich wesentlich gebessert. DaS südliche Klima bekommt dem Präsidenten ausgezeichnet. Nichts desto weniger besteht er angeblich darauf, nach Südafrika zurückzukehren, sobald er vollständig wiederhergestellt ist. — Die letztere Behauptung trifft Wohl nicht zu. Krüger weiß, daß seine Rückkehr nach Südafrika unbedingt von der Leistung des Untertaneneides abhängt; und zu dieser Konzession an die englische Regierung wird er sich auf seine alten Tage schwerlich entschließen. — General Louis Botha ist durch den plötzlichen Tod seines Bruders, des Generals Christian Botha, in tiefe Trauer versetzt worden. Christian Botha starb nach kurzem Krankenlager zu Kokstadt in Ost- Griqualand an Blinddarmentzündung. — DewetS mehrfach angekündigtes Buch, daS dem General nach seinen eigenen Worten so harte Arbeit gekostet hat, wird in diesen Tagen unter dem Titel „Der dreijährige Krieg" in London erscheinen.
England. Chamberlains Reise nach Südafrika soll durch Berichte über die höchst feindselige, fast an Rebellionsgelüste grenzende Stellung früherer Uitländer (Ausländer) gegen die geplante Heranziehung der neuen Kolonien zur Tragung eines Teils der Kriegskosten veranlaßt worden fein. In einem londoner Telegramm der „Voff. Ztg." heißt es darüber u. a., Generalgouverneur Lord Milner fei bei den Ausländern unbeliebt und nicht mehr Herr der Lage. Da seine Ersetzung gegenwärtig schwierig sei, so ergreife Chamberlain daS Staatsruder in Südafrika, um durch weise Zugeständniffe die Gemüter der Ausländer zu beschwichtigen. Von einer schweren Besteuerung der Goldindustrie werde wahrscheinlich nicht länger die Rede sein. — DaS Leiborgan deS Herrn Chamberlain teilt mit, daß dem Besuche deS König« Karl von Portugal wichtige Aenderungen in Südafrika folgen würden. Bei dieser Meldung dürfte der Wunsch des Jingoblatte« Pathe gestanden haben.
— Die „Contemporary Review" veröffentlicht einen Artikel Bothas, in welchem es heißt, die Äußerungen der Generale seien falsch ausgelegt und ihre Handlungen unlauteren Beweggründen zugeschrieben worden, die von ihnen verfolgten Ziele seien unrichtig dargestellt und verurteilt worden. Die Generale hätten niemals gesucht, fich über die Friedensbedingungen hinwegzusetzen, sondern nur darnach gestrebt, daß den Buren die sofortige Hilfe, deren fie benötigten, zu Teil werde. Hilfe sei nötig sowohl im Interesse des britischen Reiches wie in dem Südafrikas. Botha vetteidigt dann in dem Artikel die Haltung der Generale bei der europäischen Rundreise und erhebt Einspruch dagegen, daß den Burendelegirten die Rückkehr nicht gestattet werde. Er ruft die königliche Gnade für die Rebellen an.
Mittelamerika. Aus Port of Spain wird gemeldet: Das Transportschiff des Präsidenten Castro „Ossun", welches einen Schooner mit Truppen an Bord im Schlepptau hat, geht von hier nach dem Orinoco ab, wie berichtet wird, um mit den venezolanischen Kriegsschiffen „Bolivar", „Restaurador" und „Zum- bador" zusammenzutreffen und die Beschießung der Stadt Bolivar zu erneuern. Die Lage ist im Hinblick auf die dott lebenden Ausländer kritisch.
Marburg und Umgegend
Marburg, 31. Oktober.
O Lrhrervrrsmnmlnnz. Sonnabend den 1. Nov., von 4 Uhr nachmittags ab, findet die Herbstversammlung des „Oberhesfischen Lehrerbundes" im Restaurant Seebode dahier statt.
8 Warm«-. Ein hiesiger Grschästsange- stellter leistete gestern der mehrmals an ihn ergangenen Aufforderung, das Lokal zu verlaffen, keine Folge. Deshalb wurde er wegen Hausfriedensbruch zur Anzeige gebracht und fieht nun seiner Bestrafung entgegen.
8 Ei« seltsamer Fand. In jber Erde vergraben fand gestern ein Mann am Rotenberg einen Betrag von etwa 10 Mk. in Silbermünzen. Da fich eine Anzahl der außer Kurs gesetzten silbernen 20 Pfennigstücke dabei befanden, so glaubt man, daß das Geld vor Jahren dott vergraben wurde und zwar von solchen Leuten, die es nicht auf rechtmäßige Art und Weise erworben.
* Eine Ansichtspostkarten-Statistik wurde auf Anordnung des deutschen Reichspostamts ge- legenÜich der jüngsten regelmäßigen Brief- zählung aufgestellt. Das Ergebniß überstieg alle Erwartungen. Obgleich die Hauptreisezeit bereits vorüber war, find in den fieben Tagen vorn 9. bis 16. August Mittag« 12 Uhr im Reichspostgebiet nicht weniger als 10128569 Ansichtskarten aufgegeben worden, mit im Durchschnitt täglich 1446 838 Stück. Der Pottobetrag für die siebentägige Gesammtmenge der Anfichtskatten stellte fich auf 483075 Mark, für einen Tag auf 69011 Mark.
* Erledigte Stellen. An der ebangeL Schule zu Liekwegen soll alsbald eine Lehrerstelle befehl werden. — Die znm L November d. I. zur Erledigung kommende ev. Schnlstelle zu Mgesdorf bei Rodenberg soll anderweit besetzt werden. — An der evang. Stadtschule zu Obernkirchen soll alsbald eine Lehrer- stelle besetzt werden. — Die 2. Lehrerstelle zu Hailer ist bis znm 1. Dezember d. I. anderweit zu besetzen. — Die Schul- und Küsterstelle zu Niederbeisheim wird infolge Pensionierung des Stelleninhabers vom 1. November d. I. ab vakant. — Bewerber um die am 1. November d. I. zur Erledigung kommende Schulstelle zu Fürstenwald wolle ihre mit den vor» geschttebenen Zengniflen versehenen Meldungsgesuche binnen 3 Wochen an den Ortsschulinspektor, Herrn Pfarrer Fischer zu Ehrsten einreichen. — An der wtholischen Volksschule zu Großkrotzenburg ist eine mit Kirchendienst ^verbundene Lehrerstelle zu besehen. — Die vom 1. Januar 1903 ab zur Erledigung kommende Schul- und Küsterstelle zu Berneburg soll wieder besetzt werden
§ Strafkammer. Der Taglöhner Müller von hier, der heute vor 8 Tagen zu 4 Monaten Gefängnis bernrteilt wurde, ersucht uns, unseren damals im Interesse der drei Angeklagten etwas kurz gefaßten Bericht bezüglich seiner Person zu ergänzen. Wir kommen selbstverständlich diesem ausdrücklichen Wunsch nach und fügen hinzu, daß Müller nur wegen Hehlerei zu der gleichen Strafe wie feine beiden Mitangeklagten zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. — Am Abend des 25. Mai fand in Allen- dors bei Frankenberg eine Tanzmusik statt, der auch der junge Landwirt Heinttch Fackiner aus Dainrode beiwohnte. Als nun im Verlause des Festes ein junger Mann namens Heinrich Kraft mit des Bürgermeisters Töchterlein tanzte, wurde Fackiner eifersüchtig. Mit finsterem Blick folgte er den Beiden und schließlich stürzte er sich auf seinen Nebenbuhler. Es gab eine Balgerei und bei dieser Gelegenheit brachte Fackiner dem Kraft mit irgend einem Instrument oder einem Steine eine blutende Wunde am Kopfe bei. Heute hatte der garte Liebeshandel, und zwar in zweiter Instanz bereits, ein gerichtliches Nachspiel. Gegen die vom Schöffengericht gegen Fackiner erkannte Strafe von 70 Mk war nämlich Berufung eingelegt worden. Dieselbe wurde heute verworfen und so blieb es bei der ersten Strafe. — Der Wirt Heinrich Schäfer aus Wohra stand unter der Beschuldigung, eine Frau Namens Schaub durch Schimpfworte beleidigt und bann noch obendrein ihr Gattengerät zettrümmett zu haben. Schäfer gab an, daß die Frau zu Unrecht auf einem Gartengrundstück geweilt habe, deshalb sei er so böse geworden; er sei eben gereizt gewesen und habe geglaubt, daß er in seinem guten Recht fei. Das Gericht erkannte nur wegen Beleidigung und Sachbeschädigung auf 15 Mk. Geldstrafe und sprach den Angeklagten im llebrigen frei.
n. Niederwald, 31. Oft. Die vor einigen Wochen auch an dieser Stelle gebrachte Nachricht, daß für unsere Schule vorn 1. Januar ab der Lehrer Mergenthal, zur Zeit in Wißmar, in Aussicht genommen sei, bestätigt sich nicht. Vielmehr wird die Besetzung der durch die schwere Erkrankung des Lehrers Fuchs frei gewordene Lehrerstelle so geregelt werden, daß der Schulamtskandidat Groß aus Goßfelden, zunächst aufttagsweise, hier bleibt und, sobald dessen Militärangelegenheit geordnet ist, provi- sottsch angestellt wird. Königliche Regierung entspricht damit dem Antrag des Schulvorstandes und kommt dem lebhaften Wunsch der ganzen Gemeinde entgegen.
6 Schweiusberg, 31. Ott. Der Tagelöhner Friedrich Glitzenhirn von hier wurde bei den Erdarbeiten auf dem Bahnhofe Kirchhain von einem großen Stück herunterstürzender Erde so unglücklich getroffen, daß er schwerverletzt von der Arbeitsstätte getragen und mit der Bahn nach hier übergeführt werden mußte.
Hessen-Nassau und Nachbargebiete
H Vöhl, 30. Oft Während in den letzten Jahren zahlreiche Landwirte fich Holländer und Simmentaler Vieh anschaffen und dadurch einen größeren Nutzen erhoffte, kommt man in neuerer Zeit doch wieder auf die alte Waldecker Raffe zurück. Der Waldecker Schlag eignet fich doch, wie man jetzt erfahren hat, für unsere Gegend am besten.
Oberaula, 30. Oft. Vergangene Nacht brach im Anwesen des Blechschmieds Heinrich Otth hier Feuer aus, welches in kürzester Zeit Scheune und Stall zerstötte und das Wohnhaus stark beschädigte. Durch das tatkräfttge Eingreifen der hiesigen und auswättigen Feuerwehren blieb das Feuer auf seinen Herd be- schräuft.
Kaffel, 30. Oft. Heute Donnerstag, beging Herr Cantor Blackett und Gemahlin das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Das Jubelpaar erfreut fich noch vertrefflicher geistiger und körperlicher Frische. Herr Blackett hat früher als Lehrer in Grebenstein amtiert
und dann seit einigen Jahren fich hier nieder» gelaffen, den wohlverdinten Ruhestand zu genießen.
Kaffel, 30. Oktober. Vergangene Nacht drangen Einbrecher in ein Geschäftslokal bet Spohrstraße ein und zwar dadurch, daß fie das Fach einer nach dem Nachbarhause gelegenen Wand einschlugen und durch die so gemachte Oeffnung in einen Lagerraum gelangten. Von hier stiegen fie auf der Treppe nach dem übet dem Lager befindlichen Kontor. Um in da« Innere desselben zu gelangen, brachen fie aus der Türe eine Füllung heraus und krochen durch die Oeffnung. Trimmen wurde alle« durcheinander geworfen und durchsucht Wenn die Diebe auf Geld und Geldeswett gerechnet hatten, so sahen sie fich jedoch gttäuscht. Den feuerfesten Geldschrank zu erbrechen versuchten die Spitzbuben vergebens und fomit sahen fie fich genötigt, unverrichteter Sache abzuziehen. Dieser Mißerfolg war um so erfreulicher, al« fich in dem Geldschrank außer 400 Mk. in bar auch Sparkassenbücher der Kinder de« BefitzerS, über ca. 25000 Mk. lautend, befanden.
Bebra, 30. Oftbr. Ein Arbeiter au« Weiterode, der hier an einem Hause mit An- streicherarbeiten beschäftigt war, fiel von dem Gerüste herunter auf da« Pflaster, einen Eimer mit Carbolineum nach fich ziehend. Von dieser Flüssigkeit drang ihm in daS Auge, sodaß dasselbe sofott mächttg anschwoll. Außerdem erlitt der Verunglückte anscheinend so schwere Verletzungen, daß er nach Hause gefahren werden mußte.
Steisbach-Halleabers, 30. Oftbr. Von den dem Königlichen Konfistottum präsentierten zwei Bewerbern um das lutherische Diaconat zu Schmalkalden ist die Wahl unseres Herrn Pfarrers Hettling, der die hiesige lutherische Pfarrstelle noch nicht vier Jahre bekleidete, bestätigt worden. Bei der Wahl am 24. September erhielt Herr Hettling 49 Stimmen und Herr Weinreich-Niederasphe 52 Stimmen; da« Alter gab den Ausschlag. Am 1. Dezember wird unsere Pfarrstelle wieder frei. Die Bewerber haben ihre Meldegesuche bis zum 15. November bei dem Herrn Superintendenten Obstfelder in Schmalkalden einzureichen. Der Grundgehalt nebst Stellenzuschuß beträgt 2700 Mark. Ein schön gelegener Marktflecken mit 3500 lutherischen Einwohnern, die sehr ftrchlich gesinnt find, hat eine herrliche Pfarrwohnung mit großem Gatten, hübscher Kirche; zwei ein- gepfarnlle Ottschasten mit ca. 800 Lutheranern liegen nur 20 — 25 Minuten entfernt. Ein tüchtiger Pfarrer, der recht lange Zeit bei uns segensreich wirken möge, totrb allgemein gewünscht. Die Bewerber haben Probepredigten abzuhalten.
OO Hana«, 31. Oft. Ein entsetzlicher, bisher noch unaufgeklärter Unglücksfall ereignete fich gestern morgen gegen 10 Uhr in der Lothringerstraße. Eine dort vorübergehende Frau bemerkte im unteren Stockwerk dichten Oualm und als sie nachsehen ging, fand fie die etwa 70 Jahre Witwe Dorothea Dietrich, welche die betreffende Wohnung allein inne hatte, in Flammen gehüllt. Schnell wurde der Brand gelöscht. Doch war der Körper der Unglücklichen bereits gänzlich verkohlt. Man ist der Ansicht, daß die alte Frau beim Feuerwachen von einem Schlaganfall betroffen worden ist.
O Homberg a. d. O., 30. Oft. Am gestrigen Tage wurde hier unser größter und bedeutendster Marft, der sogenannte „Kalte Marft" abgehalten, mit dem auch großer Dieh- marft verbunden ist. Der Besuch des Marktes war ein sehr starker.
Frankfurt tu M-, 30. Ott. Im Kunstleben unserer Stadt hat fich heute abend ein bedeutsames Ereignis vollzogen: Das alte Schauspielhaus hat seine Pfotten zum letzten Male zu einer Vorstellung geöffnet. 120 Jahre hat e« als Pflegstätte deutscher Schauspielkunst gedient, ehrenvoll durch die dattn gebotenen Leistungen, geheiligt durch seine Beziehungen zu Goethe und der Frau Rat, durch manche Sturm- und Drangpettode immer wieder glücklich hindurch- gefühtt von der Opferfreudigkeit der Bürger Frankfurts. Das Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt und zum Abschied mit Guirlanden geschmückt. Auch die letzte Vorstellung brachte ein GoethescheS Werk: „Iphigenie auf Tauris" mit Frl. Bloch in der Titelrolle.
— Corbach, 29. Ott. Vorgestern sand hier die Generalversammlung der Zentral-Ein» und Verkaufsgenoffenschaft für Waldeck und Pyrmont statt. Die Genoffenschast hat jetzt 650 Mitglieder und besitzt außer dem Zeutral- Kornhaus in Corbach noch drei Zweig-Korn- Häuser in Adorf, Arolsen und Oberschledorn in Westfalen. Demnächst soll ein weiteres Kornhaus im Döhler Bezirk erbaut werden. Der Gesamtverkehr im Betriebsjahre beträgt 3334927,00 Ml. Es wurden umgesetzt an Getreide 118749 Zentner, an Düngemitteln 69 572 Ztr. und an Futtermitteln 60 753 Ztr. Die Genoffenschast zeigt, daß aus dem Wege dieser Att der Selbsthülfe für unsere Bauernschaft noch etwas zu erreichen ist.
X Meugeriaghaufe«, 30. Oftbr. Die landwirtschaftliche Winterschule für Waldeck und Pyrmont eröffnet ihren Unterricht am 4. November unter Leitung des Direktors Dr. Schöne. Die Anmeldungen haben die Zahl 50 bereits überschritten.
Eisenach, 30. Ott. Der ungewöhnliche Fall, daß auf der Polizei eine Haussuchung vorgenommen wird, hat fich hier ereignet, Beide hiesigen Staatsanwälte begaben sich in die Bureaus des Polizeiamtes wie des Gemeinde- Vorstandes und belegten verschiedene Akten mit Beschlag, die sich auf die Ausübung der Sitten-