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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: JNnstrietes Sonntagsblatt.
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Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertag«. Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.
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Marburg
Freitag, 24. Oktober 1902.
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Unsicherheit des Exportgewerbes.
„Unsere Industriellen stehen zur Zeit noch »öllig im Banne des „ExportduselS", obgleich man sich eigentlich angesichts des Einsetzens der wirtschaftlichen Depression mitten in der Aera der Export-Handelsverträge im nationalwirtschaftlich gesinnten Lager der Hoffnung hingeben konnte, daß die Industriellen, belehÄ und bekehrt durch die trüben Ergebniffe des Caprivi- schen Exportindustrialismus nach drinnen und draußen, bereit und geneigt sein würden, an der Hebung und Aufnahmefähigkeit des heimischen Marktes mitzuarbeiten, im wesenüichen vermöge einer verständnisvollen handelspolitischen Förderung der Landwirtschaft und der dadurch bedingten Steigerung ihrer Kaufkraft. Jndeffen in Anbetracht der jetzt vorliegenden, das landwirtschaftliche Gewerbe einseitig benachteiligenden Kommisfionsbeschlüfle und der bekannten Kundgebung des Centralverbandes kann man von den Industriellen nur sagen: „Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen.« Der „Exportdusel' herrscht aus der ganzen Linie!
Vorausgesetzt, daß es einer geschickt geleiteten Zoll- und Handelsvertragspolitik überhaupt gelänge, den deutschen Exportinteressen auf den Auslandsmärkten eine Vergünstigung auszuwirken, fo sollte man sich doch nicht länger absichtlich im Unklaren darüber halten, daß eine derartige Wirtschaftspolitik eine Politik des „von der Hand in den Mund-Lebens' bedeutet. Je eher diese Erkenntnis bei den Industriellen zum Durchbruch käme, desto besser stände e8 um unsere wirtschaftliche Zukunft!
ES ist häufig schon darauf hingewiesen worden, aber eS verdient fortdauernd wiederholt zu werden, daß durch die konsequent be- iriebene Ausfuhr von Betriebsmitteln für In» dustriezwecke, z. B. von Maschinen, die Exportindustrie dem AuÄand die Möglichkeit zur Erstarkung ihrer Industrien, sowie damit wieder
28 Nachdruck verboten !
Verspielt.
Roman von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
„ES ist recht spät geworden, Mütterchen, Wir wollen die lange Sitzung schließ«:.' HAl- muth stand bei diesen Worten aus und legte das Mäntelchen, das herabgeglitten war, wieder um die Schultern der Majorin. Durch einen Druck auf die Glocke rief er den Diener hoch«, der ihnen mit den Windlichtern durch die schwach erhellten Räume voranschritt. Mit einer herzlichen Umarmung trennten fich im Vestibül Mutter und Sohn und begaben fuh in ihre Schlafzimmer; aber e» währte noch lauge, bis sie ihr Lager aufsuchten und noch länger bis sie Schlaf fanden.
Die Majorin war aufgeregt durch die Erinnerung an vergangene Tage, noch mehr aber gepeinixst von einer Furcht, die sie nicht los- lassen wollte. Alice von Rohr erschien ihr wie ein Schreckbild. Glich das Mädchen der Mutter, fo mußte sie schön sein. Wenn es ihr gelang, ihren Hellmuth zu fangen — ihr Hellmuth und Wolf von Rohrs Tochter! Doch sie kannten fich ja noch nicht, und was an ihr lag, so würde fie verhindern, daß die Gefürchtete seinen Weg kreuzte.
Sie ahnte nicht, daß die Begegnung bereits stattgefunden und Alice einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Deutlich stand fie vor seinem Auge, während er der Erzählung der Mutter nachsann und kopffchüttelnd sagte: „In der Geschichte stimmt etwas nicht. Ich glaub« nicht, daß Wolf von Rohr der Mörder
zur erfolgreichen Verdrängung des Importes giebt. Die Erstarkung der fremden Industrie muß aber, wie die wirtschaftliche Entwickelung heute fich vollzieht, eine Sicherung jener Industrien durch steigenden Zollschutz zur Folge haben, d. h. eine Absperrung der Auslandsmärkte gegenüber dem Eindringen von Importerzeugnissen.
Schließlich sieht fich die auf Export gegründete Industrie gezwungen — wie man dies in der Wirtschaftsgeschichte an den Beispielen verschiedener Völker mit industrieller Hochkultur zu verfolgen vermag — um die investierten Kapitalien zu retten, ihre Tätigkeit, sei es auch nur zu einem Teile, in das Gebiet des Auslandes zu verpflanzen: die Industrie wandert aus. Mit Hilfe der heimischen Kapitalien wird iw Auslande die Fowriktätigkeit in großem Stile entwickelt, indem man die notwendige Zahl gelernter Arbeiter und einen Stab von Ingenieuren, Werkmeistern, Monteuren usw. importiert, d. h. Kapital. Arbeitskraft und Intelligenz anstelle fertiger Waren.
Anfänglich pflegen hohe Gewinne erzielt zu toeiben, die zu einem Teile ins Mutterland fließen, aber andererseits gewähren diese einen starken Anreiz zur Ausdehnung der Unternehmungen, bis die künstlich geschaffenen Industrien in die Lage kommen, nicht nur den heimischen Bedarf vollständig zu decken, sondern darüber hinaus den Export zu pflegen, sogar nach dem industriellen Mutterlande hin. Inzwischen hat sich auch der Uebergang der Unternehmungen in den Besitz und die Leitung der Eingeborenen oder die Assimilierung der Eingewanderten volhogen.
Eine derartige Entwickelung haben wir in Deutschland selbst beobachten können, wo englische Unternehmer mit englischem Kapital die Wollen- und Lumpenwaren-, die Gas-, die Wasser'.nstallationSbranche rc. zur lebensfähigen Entfaltung gebracht haben. In ähnlicher Weise betätigen sich deutsche Industrielle zur Zeit in Rußland, Oesterreich und Südamerika.
So werden mit Hilfe des Jndustrieexportes und der Jndustrieauswanderungen nach und nach die industriewirtschaftlichen Verhältnisse in allen Ländern mehr und mehr ausgeglichen. Diese Entwickelung können Handelsverträge wohl hemmen, nimmermehr aber auf- h alt en. Im Wettkampf der Jndustrievölker um den Export-Absatz treten dabei die gröberen und Massen-Produkte mehr und mehr hinter den Luxus- und Spezialartikeln zurück.
An der Hand der letztjährigen krefelder Handelskammerberichte läßt fich die Unsicherheit der Exportindustrie am Beispiele der Seidenindustrie überzeugend dartun. Im Berichte für 1899 heißt es: „Gegen Schluß des Jahres litt das Geschäft nicht nur mit England, sondern auch auf anderen Märkten ganz bedeutend durch
seines Bruders war; hier muß ein Mißverständnis obwalten, an dem sich der Unglückliche verblutet hat.'
„Aber seine Tochter soll nicht darunter leiden, meine Hoffnungen sollen nicht daran zerschellen, ich will, ich muß Licht schaffen!' gelobte er sich, „und wo ein Wille ist, da ist ein Weg!'
8. Kapitel.
„Also Du hast den Menschenfresser in der Rahe gehabt, und er hat Dir nichts zu Leid getan!' scherzte Leonie Helbing, während sie in den silbernen Korb griff und fich einen der darin befindlichen leckeren Kuchen herausholte.
Es war ungefähr eine Stunde nach der Heimkehr Alicens und der Frau Dokwr Ehrentraut aus Jena.
Me in Feldberg die Majorin Erbach und ihr Sohn, so saßen auch in Wiesenberg Vie drei Damen am gedeckten und wohlbesetzten Thee- tisch, der wie dort so aufgestelÜ war, daß fie von der balsamischen Luft umweht wurden und den Ausblick hatten über den Park und das reizvolle Saaletal bis zu den in einem leichten goldigen Nebel verdämmernden bewaldeten Höhen im Hintergründe.'
Frau Doktor Ehrentraut und Alice trugen, wie gewöhnlich schwarze Kleider, die bei der Letzteren durch weiße Spitzen und lila Banb- schleifen etwas gehoben waren; Leonie hatte sich dagegen, wie fie es liebte, ein wenig phantastisch herausgeputzt. DaS an und für sich schlichte weiße Batistkleid war am Ausschnitt und an den Schultern und im Gürtel mit dunkelroten Rosen besteckt, einen Kranz von ben gleichen Blumen hatte fie um das aufgelöste um ihre
den südafrikanischen Krieg.' Für 1900 heißt es: Der Ausfall im Frühjahrsverkauf infolge des anhaltend schlechten Wetters, die Wirren in China, die Fortdauer des südafrikanischen Krieges, sowie die bevorstehende Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten wirkten lähmend auf das Geschäft. . . . Betriebseinschränkungen fanden vielfach statt.' „Das Geschäft mit Amerika war wenig erfreulich.« Im Berichte für 1901 wird hierzu bemerkt: „Amerika verschließt sich infolge der Entwickelung der eigenen Seidenindustrie und der hohen Zölle der hiesigen Industrie immer mehr.« Von der Seidenstoffftbrikotion im allgemeinen sagt derselbe Bericht: „Tas inländische Geschäft wird besonders durch die immer drückender werdende Konkurrenz der Elsässer und der auf deutschem Boden angesiedelten schweizer Fabrikanten erschwert.' .... „Auf diesem (d. h. dem englischen) Markte wird außer der französischen und schweizer Konkurrenz auch die italienische immer fühlbarer."
Wenn man solche Berichte über die Schwierigkeiten liest, mit denen die Exportindustrie zu kämpfen hat, muß man sich wundern, daß die Fabrikanten den sicheren Absatz, den ihnen der Jnlandsmarkt gewährt, nicht verständnisvoll weiterentwickeln helfen wollen. Das würde vornehmlich durch eine verständige paritätische Zollpolitik geschehen, welche der Industrie die dauernde und wachsende Kaufkraft der Landwirtschaft zu verbürgen in der Lage ist. Es giebt eine natürliche Grenze, wo die Berücksichtigung der industriellen Interessen bei den Handelsverträgen ihren Halt finden muß, und das ist die Rücksicht auf das nationale Wohlergehen.
Umschau.
Der nationale Gedanke und der Linksliberalismus.
Auf dem eisenacher Parteitage ist von einer Seite gelegentlich eine Aeußerung des Inhalts gefallen: große nationale Fragen ständen heute nicht im Vordergründe des Interesses, das Deutsche Reich sei gefestigt, für den Kriegsfall sei die Nation selbstverständlich einig. Darum könne die nationale Seite des nationalliberalen Parteiprogramms zur Zeit in den Hintergrund treten. Dieser Meinung find bekanntlich auch die Wortführer der Freisinnigen Vereinigung, und erst vor kurzem hat die „Korrespondenz des Handelsvertragsvereins" sich zu ihr bekannt. Welcher Zweck aber wird mit dieser Zurückstellung der nationalen Frage in der linksliberalen Parieipolitik verfolgt? Einzig dieser: Die Vereinigung der Linken einschließlich der Sozialdemokraten zu ermöglichen.
Schultern fließende Haar geschlungen. Ihr ganzes Wesen sprühte von neckischer Laune und guten Einfällen nicht nur, weil fie fich wirklich sehr wohl in ihrer Haut fühlte, sondern weil fie fich Mühe gab, die Cousine aufzuheitern, die immer ernst und nachdenklich, ihr heute nach der Rückkehr von ihrer Fahrt nach Jena, noch ernster und stiller als sonst-erschien.
Vierzehn Tage weilte Alice von Rohr mit ihren Begleiterinnen in Wiesenberg, und was fie während dieser Zeit erfahren und beobachtet hatte, das war wohl geeignet, den Besorgnissen und Befürchtungen, mit denen fie gekommen war, neue Nahrung zu geben.
Nicht, daß fie etwa zu der Ueberzeugung gekommen wäre, es sei ihr durch Hartung Hab und Gut verschleudert worden. So weit sie eS zu beurteilen verstand, waren die Felder und Forsten in trefflicher Kultur, alle Wirtschaftsgebäude in bestem Zustande, und alle Landleute, mit denen fie fich auf ibren Spaziergängen in ein Gespräch einließ, bestätigten ihr, Wiesenberg sei vortrefflich bewirtschaftet; fie fügten gewöhnlich hinzu, Herr Oberverwalter Hartung verstehe seine Sache aus dem Grunde und werde trotz der für die Landwirtschaft un- günftigen Zeiten doch alljährlich einen hübschen Ueberschuß erzielt haben.
Allerdings hatte sich seine Sorgfalt nur auf die Landwirtschaft erstreckt. Im Stalle standen nur Ackerpferde, die vorhandenen Kutschwagen gehörten einer langen entschwundenen Zeit an, Park und Garten waren zwar nicht verwildert, aber doch nur notdürftig im Stande gehalten. Es gab hier nidjt wie in Feldberg geschorene Rasenfiächm mit eingestreuten Teppichbeeten,
Gerade aber die unzweideutige Bekennung zum nationalen Gedanken hat den Unterschied zwischen den Nationalliberalen und den Freisinnigen ausgemacht. Würde die national- liberale Partei auch nur zeitweise die nationale Seite ihres Programms zurückstcllen, um ein Hindernis des Zusammengehens mit der radi- talen Linken aus dem Wege zu räumen, so würde fie ihre Existenzberechtigung aufgeben. Daß man im Lande über einen solchen verhängnisvollen Schritt der Nationalliberalen nicht im Unklaren bleiben würde, dafür sollte schon gesorgt werden. Ungestraft wendet sich eine „bürgerliche' Partei nicht von der „nationalen , Seite" ab, das zeigt der Schwund des Freisinns uud dessen beschämende Abhängigkeit von der Sozialdemokratie.
Die „Nationalliberale Korrespondenz" handelt demnach nur im Interesse ihrer Partei, wenn fie schreibt, die erwähnte Anschauung beruhe, wenngleich die übrigen Erwägungen richtig seien, auf einer Verkennung des Begriffes „national". Ehrliche Mitglieder der national- liberalen Partei, denen der Kampf gegen das „Junkertum" noch nicht über die Wahrung der alten Parteigrundsätze geht, werden das auch nicht bestreiten können. Der „Hannoversch« Courier" aber ist mit der Bemerkung deS nationalliberalen Parteiorgans sehr unzufrieden, er sieht seine Kreise gestört; denn wie könnt« er den Haß gegen die „Agrar-Konservativen" in dem Sinne predigen, daß diese fast gefährlicher seien als die Sozialdemokraten, wenn e» zugäbe, daß der nationale Gedanke die erste Seite im Parteiprogramm bilde!
Die Anschauungen über den „Ruck nach links" auf dem eisenacher Delegiertentage find demnach sehr geteilte. Der linke Flügel beansprucht die Führung und drängt von den nationalen Parteien ab. Es wird fich nun zeigen, ob die Bemühungen dieses gegen früher erheblich verstärkten Flügels erfolgreich fein werden. Davon dürfte am letzten Ende das Schicksal der nationalliberalen Partei abhängen.
Die Russen in der Mandschurei.
Rußland hat in der Mandschurei bewunderungswürdige Umwandelungen geschaffen, so berichtet der Pekinger Korrespondent der Londoner „Times", der »ine Studienreise durch die Mandschurei gemacht hat, seinem Blatte: Es sind Kasern ements großartigsten Stils eingerichtet worden, Rußland hat zur Befestigung seiner Macht in der Mandschurei nichts unter- lossen, die chinesischen Bewohner der Provinz danken der Tatkraft Rußlands unzählige Wohltaten. Rußland räumt auch die Mandschurei ganz genau seinen Zusagen entsprechend, indem eS die russischen Truppen ?ach seinen Eisenbahnen den Städten
aad) den Konzessionen außerhalb der Mauern — ........ ■
das GraS sproßte vielmehr üppig, lieferte einen reichen Ertrag an Heu und Grummet und war, so lange es die Sichel verschonte, mit weißen und roten Anemonen, gelben Butterblumen und anderen farbigen und duftenden Kindern der Flora bestreut. Die Wege waren schmal und hin und wieder verwachsen, dafür gab eS aber einen prachtvollen, sorgsam geschonten Bestand von alten Bäumen, Bosquets, in denen im Frühling die Nachtigallen sangen, und prächtig« Büsche von Rosen in allen Farben, die Fräulein Leonie unerschöpfliches Material, für ihre Toilette lieferten.
Dank der Sorgfalt der Fra» Ehssen fehlt« es auch im Schlosse an nichts, was die Zimmer behaglich und bequem machen konnte, wenn fie auch nicht die Anforderungen der Neuzeit an eine herrschaftliche Einrichtung stellte, und die Damen hatten allen Grund damit, wie mit der Verpflegung, die die Haushälterin ihnen angedeihen ließ, zufrieden zu sein. Es verging denn auch kein Tag, an dem Leonie nicht ein paar mal erklärt hatte, Wiesenberg sei ein Paradies und sie begreife ihre Cousine nicht, daß dies« säst immer ernst und in sich gekehrt sei und gar nicht die rechte Freude an ihrem schönen Besitztum habe.
Sie tat mit der letzten Bemerkung Ali« gewissermaßen Unrecht. Wiesenberg entsprach noch weit mehr ihrem Geschmack als LeonienS und hatte sich kaum, daß sie ein paar Tag« dort gewesen, ihr völlig ins Herz geschmeichelt. Aber gerade weil dies der Fall war, fühlte fie fich noch stärker beschwert von der Last, die auf ihrer Seele lag, von der die leichtfinnige Leonie nichts ahnte und von der fie nur ur