mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.
JFo 264
Marburg
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Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Univerfitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
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Industrielle und landwirtschaftliche Kartelle.
Das geradezu riesenhafte Anwachsen der Kartelle in allen industriell hochentwickelten Ländern, vor allem in Nordamerika, der gewaltige Einstuß, den fie auf das ganze wirtschaftliche Leben ausüben, hat dazu geführt, daß man auch bei uns in Deutschland neuerdings sich mit großem Eifer der Erforschung des -Wesens der Kartelle sowohl in der Theorie wie in der Praxis zugewandt hat, daß man eifrig bemüht ist, Material sowohl pro als auch contra Kartells zusammenzutragen. So hat sich erst kürzlich der Deutsche Juristentag mit der Kartellfrage beschäftigt, freilich ohne entschiedene Stellung zu nehmen, die Regierung hat ihrerseits in Sachen der Kartelle eine Umfrage mit kontradiktorischem Verfahren veranstaltet und die diesjährige Generalversammlung des Bundes der Industriellen hat in folgender Resolution Stellung zu den Kartellen genommen: „Die Genralversammlung des Bundes der Industriellen erblickt in den Jndustriekartellen eine natürliche Entwicklungsstufe des Wirtschafts- lebens. Sie erscheinen berufen, die Gütererzeugung dem Bedarfs anzupaffen und einem planlosen Unterbieten, dessen Begleiterscheinung eine Verschleierung der Erzeugnisse zu sein pflegt, vorzubeugen. Ihr wirtschaftlicher Vorteil kann daher nicht bestritten werden, sofern sie nicht als ein Mittel zur Ausbeutung abhängiger Konsumenten, sondern zur Regelung der Produktion, zwecks Erzielung einer angemessenen Preislage, vermutlich aber auch zu einer Verminderung der Entstehungskosten und zur Verbesserung des Fabrikats angewendet werden. Die Fertigindustrie im besonderen, welche sich großen Rohstoffkartellen gegenüber in der Abwehr befindet, muß. in deren gegenwärtiger Uebermacht und den sich daraus ergebenden
21 . i°iachdruck verboten.!
Verspielt.
Roman von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
„Doch ich habe vorgegriffen", fuhr die Majorin nach einer kurzen Pause fort. „Dein Vater brachte mich nach Hause und fuhr dann nach Wiesenberg. Wie Du Dir denken kannst, sand er dort alles in der größten Aufregung. Das Verschwinden der Frau von Rohr war erst nach einigen Stunden entdeckt worden, da fie zu Frau Ehffen gesagt, fie wolle der Familie des Pastors, wo die Frau krank war, einen Besuch machen. Erst als fie lange blieb, man sie aus dem Pfarrhause abholen wollte und erfuhr, daß fie gar nicht dort gewesen war, wurde man unruhig und suchte nach ihr, es fiel aber niemanden ein, daß fie zu uns gegangen oder gar nach Potsdam gefahren sein könne. Sowohl nach Feldberg wie nach der Eisenbahnstation bei Dornburg erschien der Weg für die zarte Frau viel zu weit, auch hatte sie für eine Reise nicht die geringste Ausrüstung mitgenommen.
Was Wolf von Rohr veranlaßt hat, sofort einen Selbstmord zu befürchten und von dieser Annahme ausgehend seine Nachforschungen anzustellen, darüber hat er sich nie ausgesprochen, es läßt sich aber unschwer vermuten, daß Hartung ihn auch nach dieser Seite beeinflußt hat. Der Oberverwalter wußte ja, was er der unglücklichen Frau gesagt hatte; es war wohl geeignet, fie in den Tod zu treiben.
Bei der Ankunft Deines Vaters in Wiesenberg war Wolf soeben von einem vergeblichen Streifzug durch den Park und dem angrenzenden
Auswüchsen allerdings einen Niißstand erblicken, der Maßregeln zur Herbeiführung eines wirtschaftlichen Gleichgewichts notwendig erscheinen läßt."
Hier sowohl, wie bei den Beratungen des Juristentages und den Erhebungen der Regierung find unter der Bezeichnung „Kartell" schlechthin immer nur die industriellen Kartelle gemeint, bat sich die absprechende oder zustimmende Kritik immer nur mit letzteren befaßt. Es besteht auch in der Tat ein bedeutender Unterschied zwischen industriellen und landwirtschaftlichen Kartellen, auf die bei dieser Gelegenheit hingewiesen sein mag. — Während die industriellen Kartelle einer beschränkten Anzahl von Großbetrieben die Monopolisierung des Julandsmarktes gewissermaßen garantieren und jedes Aufkommen von Kleinbetrieben unmöglich zu machen suchen, haben die landwirtschaftlichen Kartelle keine begrenzte Mitgliedschaft. Sie lausen nicht darauf hinaus, die kleinen Existenzen des kartellierten Betriebszweiges zu vernichten, sondern Groß und Klein im Kartell zu vereinigen zum Zweck der Einflußnahme des Produzenten auf die Preisbildung seines Produkts. In jedem Handwerk, jedem Gewerbe sind die Produktionskosten für die Preisbestimmung des betreffenden Produkts maßgebend. Bei der Landwirtschaft dagegen haben sich andere, gänzlich außerhalb der Produktion stehende, natürliche Faktoren der Preisbildung bemächtigt. Will der Landwirt einen Zentner Roggen oder ein Stück Vieh verkaufen, dann kann er nicht wie der Handwerker die Preisforderung nach seinen Produktionskosten selbst einkalkulieren, sondern muß im Marktbericht seines Kreisblattes nachsehen, wie viel ihm die Börse für seine Ware zu fordern gestattet. Das Bestreben der landwirtschaftlichen Kartelle geht nun darauf hinaus, diesen ungesunden Zustand zu beseitigen, der Landwirtschaft selbst wieder eine gewisse Einflußnahme auf die Preisbildung einzuräumen und im Gegensatz zu den meisten Jndustriekartellen ohne fühlbare Belastung des Konsumenten durch Ausschaltung des unsoliden und überflüssigen Zwischenhandels dem Produzenten einen möglichst sich gleichbleibenden mittleren Preis für seine Waren zu sichern. Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den industriellen und landwirtschaftlichen Kartellen liegt in ihrer Stellung zu ihren Arbeitern. Die industriellen Kartelle sind gleichzeitig Streikabwehrverbände, Unternehmer- Verbünde, die sich vielfach gegen die Interessen ihrer Arbeitnehmer richten können. Wenn sie auch auf der einen Seite durch Stabilisierung der Produktion bestrebt sind, ihren Arbeitern gleichmäßige dauernde Arbeit zu schaffen, so sind sie andererseits durch die völlige Beherrschung eines gewerblichen Zweiges in der Lage, die Löhne auf dem Arbeitsmarkt dieses
Forst zurückgekehrt und war zuerst überglücklich, als er erfuhr, seine Frau lebe, habe die Nacht bei uns zugebracht und sei mit dem Frühzuge nach Potsdam gereist, dann aber fragte er zornig, was dieser törichte Streich bedeuten solle. Wir hätten seiner, Gott möge wissen, wodurch, so aufgeregten Frau dabei nicht Vorschub leisten dürfen, es wäre unsere Schuldigkeit gewesen, ihn augenblicklich nach ihrem Eintreffen in Feldberg davon in Kenntnis zu setzen."
„Hatte er darin nicht eigentlich Recht, liebe Mutter?" konnte Hellmuth sich nicht enthalten hier einzuschalten.
Die Majorin wurde verlegen. Sie und ihr verstorbener Gatte hatten einander öfter, gestanden, daß sie nach dieser Richtung allerdings einen Fehler begangen hatten, fie mochte das dem Sohn aber nicht zugeben und antwortete deshalb:
„Er würde Recht gehabt haben, wenn er durch sein Verbrechen nicht jeden Anspruch auf ein solches Verfahren von unserer Seite verscherzt hätte. Wir durften ihm die arme Frau, die sich vertrauensvoll zu uns geflüchtet hatte, nicht wieder einliefern."
„Aber wäret ihr denn so fest überzeugt, daß er das Verbrechen begangen hatte?" fragte Hellmuth. „War —"
„Wenn wir noch nicht überzeugt gewesen wären, so diente sein Benehmen dazu, Deinem Vater die Ueberzeugung zu geben," schnitt ihm die Mutter das Wort ab. „Dein Vater schilderte ihm, in welchem Zustande der Verzweiflung seine Frau zu uns gekommen sei und schloß mit den Worten: Ich will Dich nicht fragen, Wolf, was die Arme in einen solchen Jammer gestürzt haben kann, ich habe geschworen, keinem
Industriezweiges direkt zu diktieren. Es liegt also die doppelte Gefahr vor, einmal, daß bei ungünMger Konjunktur die Löhne sofort herabgesetzt werden und vielfache Arbeitsentlaffungen stattfinden, andererseits zur Ausnutzung einer Hochkonjunktur durch unnatürliche hohe Löhne bedeutende Arbeitslüste der Landwirtschaft, wenn auch nur für eine kurze Zeit, entzogen, jedenfalls aber für die Landwirtschsst dauernd untauglich gemacht werden. Bei den landwirtschaftlichen Kartellen ist alles das unmöglich. Es sind daher bei diesen Mißstände und Auswüchse, wie sie bei den Jndustriekartellen beobachtet worden find, für absehbare Zeit ausgeschloffen.
Umschau.
Reichskanzler und Burengenerale.
Dem Reichskanzler Grafen v. Bülow war der Vorwurf gemacht worden, er habe zwar Zeit gehabt, einen ganzen Abend dem berliner „Buntentheater", einer Art Tingeltangel, zu widmen, nicht aber für die Buren generale ein Viertelstündchen übrig gehabt. Darauf antwortet die „Nordd. Allg. Ztg." im Auftrage des Grafen Bülow: Der Reichskanzler hat das genannte Theater nicht besucht. Er würde sich vielleicht ebenso gern die gelegentliche Erholung eines Theaterbesuches gönnen wie andere Leute; aber dazu fehlt ihm die Zeit. „Die Burengenerale haben", so fährt das amtliche Blatt fort, „entsprechend dem von ihnen betonten unpolitischen Charakter ihrer Reife, keinen Empfang bei dem Reichskanzler nachgesucht. Daß sich Graf Bülow, der gewiß die allgemeine Nachachtung für die Tapferkeit und das menschliche Mitgefühl mit dem Schicksal der Generale teilt, seinerseits ihnen hätte nähern sollen, war schon nach dem durch die Generale veranlaßten Scheitern einer Audienz beim Kaiser ausgeschlossen. Uebrigens haben auch die französischen Staatsmänner zu den kurzen von ihnen den Generalen bewilligten Empfängen, soviel wir wissen, nicht die Initiative ergriffen."
Lord Balfour über die Wissenschaft in der Industrie.
Mit den bisher nicht dementirten Aeußerungen König Eduards über Stellung und Zukunft des britischen Handels deckle sich eine Rede, die der englische Premierminister Lord Balfour anläßlich der Eröffnung einer technologischen Unterrichtsanstalt in Manchester gehalten hat und in der er, in weiterem Maße als bisher, die Vermählung dvn Wiffenschaft und Industrie empfahl. Die Zeit sei vorüber, bemerkte der Minister, wo die Engländer hätten sagen können, sie seien das erste Jndustrievolk; von der allgemeinen Vermehrung des Wohlstandes hätten alle Völker
Menschen, auch Dir selbst nie ein Wort darüber zu sagen; ich mag es nicht hören, aber Du wirst es ja am besten wissen!"
„Und was hat er darauf geantwortet?" fragte Hellmuth in atemloser Spannung.
„Er stand zuerst, als habe ihn ein betäubender Schlag getroffen, dann fragte er bebend:
„Sie wußte?"
„Alles!" erwiderte Dein Vater?
„Die arme Fran war nicht zurechnungsfähig", suchte Dein Vater fie zu entschuldigen, aber er hörte schon nicht mehr und schrie:
„Ihr werdet mich nun anzeigen, mich den Gerichten ausliefern, o, ich bin auf alles gefaßt. Tut Euer Schlimmstes, aber das sage ich Dir, Du sollst nicht das Vergnügen haben, mich vor die Schranken zu schleppen. Eine Kugel ist auch für mich noch da!"
„Eine Kugel ist auch für mich noch da!" wiederholte Hellmuth.
„Dein Vater hat es gehört, und es, wie Du nach so vielen Jahren, für ein Eingeständnis angenommen. Dennoch wiederholte er Wolf, daß er von unserer Seite unbehelligt bleiben solle. Mache mit Deinem Gewissen, mache mit Deinem Gott aus, was -Du getan hast, ich werfe mich nicht zu Deinem Richter auf," hat er zu ihm gesprochen, „der Name von Rohr ist mir stets teuer gewesen, ich mag nicht dazu beitragen, daß er beschimpft wird. Unsere Wege freilich
„Heinrich!" hatte er gerufen, „Du willst mich aufgeben!" und hat die Hand nach dem Jugendfreunde ausgesteckt, der aber hat sich abgewendet; es ist ihm unmöglich gewesen, die mit Bruderblut besudelte Hand zu berühren,
Vorteile gehabt, und England könne nichts tun, als seinen Anteil an der großen und industriellen Entwickelung zn behaupten. Dazu sei eine engere Verbindung besonders zwischen den Vertretern der chemischen, physischen und elektrischen Wissenschaften und der Industrie dringend erforderlich; in dieser Beziehung fei England rückständig. „In Deutschland", sagte Balfour, „findet man in jedem industriellen Unternehmen eine Anzahl wissenschaftlich geschulter Assistenten. Zwar hat das englische Prinzip, die eigentliche Ausbildung de8 Industriellen in seine geschäftliche Tätigkeit zu verlegen, unleugbare Vorteile für sich, aber eine völlige wissenschaftliche Schulung kann keinesfalls entbehrt werden, und Theorie und Praxis müssen durchaus nebeneinander hergehen. Lassen Sie uns trotz der veränderten Verhältnisse der Gegenwart unserer Vorfahren gedenken! Wenn wir in ihrem Sinne arbeiten, wird die Verbindung zwischen Theorie und Praxis, die Vermählung von Industrie und Wissenschaft der Allgemeinheit mehr als bisher zu statten kommen und im besonderen der Industrie günstigere Arbeitsund Konkurrenzverhältnisse schaffen."
Einen Siegeszug der Sozialdemokratie
unter dem „Zeichen des Zollwuchers" kündigt der „Vorwärts" wieder einmal an. Das sozialdemokratische Centralorgan berauscht sich an den Wahlerfolgen der „Genossen" in Oldenburg und gerät in Entzücken über die neuen Siege in Schwarzburg--Rudolstadt. Der dortige Landtag zählt 16 Mitglieder, sieben Mandate find bereits von der Sozialdemokratie erobert; die Beteiligung an zwei „ausfichtsvollen" Stichwahlen erweckt in ihr aber die Hoffnung, daß es gelingen wird, im Rudolstädter Landtage die Mehrheit zu erlangen. In Koburg sind die Sozialdemokraten ebenfalls dicht an der Mehrheit. Man kann mit leichter Mühe erkennen, daß es in jenen Kleinstaaten wieder die liberale Vorfrucht ist, welche der Sozialdemokratie den Boden bereitet hat.
Der deutsch-englische Konkurrenzbewerb um die afrikanischen Frachten.
Seit längerer Zeit wird der britische Handelsverkehr nach Ostafrika und Südostaftika vorwiegend durch die Deutsche Ostafrika-Linie vermittelt, und auch nach Beendigung des südafrikanischen Krieges hat sich an dieser Praxis kaum etwas geändert, obwohl seitdem die britische Ausfuhr nach jenen Gebieten sehr erheblich gestiegen ist. Die Ursachen dieser bemerkenswerten und für die deutsche Handels- schiffahrt sehr erfreulichen Erscheinung sind einmal in dem Mangel einer direften englischen Dampferverbindung nach dem östlichen Afrika
und das hat Wolf in einen maßlosen Zorn versetzt. Er hat sich zu den ehrenkränkendsten Ausdrücken gegen Deinen Vater hinreißen laffen."
„Aber Mutter, das sieht wieder nicht wie Schuld au8," wandte Hellmuth ein. „Hätte er das Verbrechen wirklich begangen und gewußt, daß mein Vater darum wisse, so hätte er doch alle Deranlaffung gehabt, ihn zu schonen."
Die Majorin zuckte die Achseln. „Warum fragte er denn nicht, was seine Frau und was Dein Vater ihm vorzuwersen hätten? Warum verlangte er nicht mit Entschiedenheit, sein Freund sollte mit der Sprache herausrücken? Warum verteidigte er sich nicht gegen die wider ihn erhobene Beschuldigung? Nein, er verkroch sich feige und suchte hinter einem ganz unbegründeten Zorn Zuflucht, um jede offene Erklärung zu vermeiden?
Dein Vater, der lange seine Ruhe bewahrt hat, ist zuletzt auch aufgebracht geworden und hat erklärt, zwischen ihm und Wolf von Rohr sei das Tischtuch zerschnitten, sein Fuß werde Wiesenberg nie wieder betreten, der ehemalige Freund sei fortan ein Fremder für ihn.
Damit war er gegangen. O Hellmuth, ich werde nie vergessen, wie er nach Hause kam! Die Ueberzeugung von der Schuld des Freundes, an der er immer noch so gern gezweifelt hätte, hatte ihm eine Wunde geschlagen, die niemals ganz vernarbt ist. Schmerzlicher als Wilhelms Tod beweinte er Wolfs Verlust."
„Und sie find einander nie wieder näher getreten?" fragte Hellmuth.
(Fortsetzung folgt.)