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mit dem Kreisvlatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagshettage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.

Jti 259

Bier'^j H.Ucher Bezugspreis: bei der Erpeditio» 2 Mk., bei allen Postämter« 2,25 Mk. (ejcL Bestel.geld).

JnsertionSgebühr: die gehaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Srettag, 17.0»ober 1902.

Erscheint täglich außer au Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.

Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Nniversitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

37. Jahrg.

Den Burengeneralen Botha, Dewct und Delarey!

Herzlich willkommen! so klingt es heute aus vielen hunderttausend Kehlen den Burengene­ralen Botha, Dewet und Delarey entgegen, die am heutigen Donnerstag nachmittag ihren Ein­zug in die Hauptstadt des deutschen Reiches halten. Die Buren können nicht zu jedem einzelnen kommen, ihm die Hand schütteln und ihm danken für die herzliche Teilnahme und die opferwillige Hilfe, die Deutsche aus allen Gauen des Vaterlandes ihnen dargebracht haben. Sie müssen sich auf einen Besuch der Reichshauptstadt beschränken; dieser Besuch gilt dafür aber doch allen Deutschen ohne Ausnahme, die an der Buren Siegen und Unterliegen so innig teilgenommen, als ob es sich um eine eigene persönliche Angelegenheit gehandelt habe! Der Besuch der Burengenerale in der Reichs­hauptstadt ist daher auch eine Angelegenheit, die Berlin ausschließlich oder doch ganz besonders anginge; an diesem Besuch ist vielmehr das ganze deutsche Volk beteiligt von Memel bis zum Bodensee.

Wir wissen, daß die Burengenerale in einer sehr ernsten und tief traurigen Sache zu un» kommen. Die furchtbare Not ihrer durch den Krieg um Hab und Gut gekommenen Volks­genossen, ihrer Witwen und Waisen, die der furchtbare Krieg der Gatten und Väter beraubt hat, treibt sie zu einem Bittgang durch Europa, nachdem England es abgelehnt hat, weitere Mittel zur Linderung des Elends zur Ver­fügung zu stellen, als der Vertrag von Pretoria vorsieht. Die Summe reicht aber, wie in dem vor einigen Wochen ver­öffentlichten Aufruf der Burengenerale in ebenso schlichter wie überzeugender Weise dargelegt ward, auch nicht entfernt aus, um die Wunden

zu heilen, die der Krieg geschlagen. Die Buren­generale muffen daher, wollten sie nicht still­schweigend zusehen, wie ihr ganzes Volk ver­dirbt, die öffentliche Mildtätigkeit anrufen.

Den Generalen fällt dieser Bittgang un­endlich schwerer als der blutigste Waffengang. Sie haben den Engländern wohl hundertmal die Stirn geboten, ohne daß ihr Herz gebebt oder ihre Besonnenheit und ihr kühler Gleich­mut ins Wanken geraten wären. Jetzt, da sie den Mund öffnen sollen zur Bitte um Linderung der Not und die Hand ausstrecken sollen zur Empfangnahme von Liebesgaben, jetzt kostet sie die Durchführung ihrer Aufgabe die schwerste Ueberwindung. Aber die im Felde Helden waren, sind e8 im Frieden nicht minder. .Es ist so elend, betteln zu müssen," es hat auch für die Burengenerale nichtsSchwereres gegebenals diesen Entschluß, die Wohltätigkeit Europas für ihre bedrängten Landsleute in Südafrika anzurufen. Aber sie haben sich auch zu diesem schwersten emporgerungen, indem sie sich lebhaft über­wanden. Groß und ehrenvoll ist der Sieg über den äußeren Feind, unendlich größer und ehrenvoller aber ist die Selbstüberwindung, sie ist der Triumph der moralischen Vollkommen­heit. Ob sie gleich bittend kommen und hilfe­suchend , find uns die Burengenerale eher doch die großen, die unsterblichen Verteidiger der Freiheit und Erhaltung ihres Volkes. Ja so, wie fie heute auf deutschem Boden erscheinen, erst recht. Ihr Haupt schmückt die Krone doppelten Heldentums.

Von ganzem Herzen und mit dem festen Entschlüsse, so weit es an uns ist, den tapferen Buren zu helfen, heißen wir die Burengeneräle heute willkommen. Wenn irgend etwas geeignet ist, einen Schatten auf diese helle Freude zu werfen, so ist es eben der Umstand, daß cs den Generalen versagt bleiben soll, vor Kaiser Wilhelms Thron zu erscheinen. Und das schmerzt uns um so mehr, als der Kaiser die Generale gern gesehen hätte und diese gleichfalls den glühenden Wunsch hegten, dem deutschen Kaiser vorgestellt zu werden. Haben nun auch Mißverständnisse oder politische Rücksichten der Empfang unmöglich gemacht, so gewinnen wir doch aus der Geschichte dieser Audienzfrage das erhebende Bewußtsein, daß der Kaiser persönlich den tapferen Generalen seine Sympathie ent­gegenbringt, da er geneigt war, sie durch einen Empfang im Kaiserschlosse seines persönlichen Wohlwollens zu versichern.

So seid uns gegrüßt, ihr Helden aus nieder­deutschem Stamme unter den Volksgenossen! Vom ersten Schuß an auf dem südafrikanischen Veldte" bis zum letzten Federstrich unter dem Vertrage zu Vereeniging, wo eines freien Volkes traurig Schicksal sich erfüllte, find bald mit stolzem Triumpfe, bald mit angstvollem Zucken des Herzens, Millionen deutscher Herzen dem

Gange eures Geschickes gefolgt, das viele unserer Brüder und Söhne an eurer Seite auf blutigem Kampfplatz vergebens zum Heile wenden wollten. Die Majorität hat gesiegt, der großen Masse unterlag die hohe Heldenkrast eures Volkes! Geschwunden find viel Tausende eures Stammes, Männer, Frauen und Kinder, andere schmachten heute noch in der Gefangenschaft weit vom Vaterland oder harren in den südafrikanischen Camps" des Tages, der ihnen feie Rückkehr in die Heimat bringen wird. Wenige aber werden fich dieser Heimkehr freuen können! Verwüstet Haus und Hof, der Wohlstand vernichtet, das Glück verloren! Deshalb auf die Hände, deutsches Volk!, damit die vom Un­glück zerrissenen Herzen nicht auch das letzte noch, die Hoffnung, ver­lieren müssen! W.

Umschau.

Die deutschen Bauernvereine und der Zolltarif.

In leicht erkennbarer Absicht wird in der liberulen Presse von Zeit zu Zeit die Anficht verbreitet, daß die deutschen Bauernver­eine keineswegs den Standpunkt desBundes der Landwirte" in der Zollfrage teilten, sondern mit den Zollsätzen des heute noch geltenden Tarife? für landwirtschaftliche Er­zeugnisse zufrieden wären. Demgegenüber ist die Stellungnahme der Delegierten der deutschen Bauernvereine bemerkenswert, die gestern in Berlin getagt haben. Die zu dieser Aussprache über die Zollvorlage susammengetretenen Vor­stände derwestfälischen, badischen, bayerischen, schlesischen, ost- und westpreußischen, nassaui­schen, hessischen, Trierer und elsaß- lothringischen Bauernvereine, ausgenommen den rheinischen Bauernverein, stimmten einer Resolution zu, worin dieselben bedauern, daß die von ihnen gestellten Forderungen zum Schutze der heimischen Landwirtschaft keine Aussichten auf Realisierung haben. Sie müssenaberum so entschiedener auf den Kommissionsbeschlüssen bestehen bleiben, obgleich dadurch die Landwirtschaft keinen ausreichenden Schutz erhalte. Insbe­sondere find die Mindestzölle für Ge­treide, Vieh und Fleisch aufrecht zu erhalten. Die Vereine erwarten daher die Zustimmung des Reichstages und der verbün­deten Regierungen. Der katholische Rheinische Bauernverein hat folgende Resolution be­fürwortet: 1) Wir stehen nach wie vor aus dem Standpunfte, daß die in der Eingabe der christlichen Bauernvereine vom Juni 1901 im Interesse der Gesundung des deutschen Bauernstandes als notwendig be­zeichneten und begründeten Zollsätze für Ge­

treide, Vieh und sonstige Produkte der Land- und Forstwirtschaft unter Aufstellung eines Normaltarifs weder die Interessen anderer Berufsstände schädigen, noch den Abschluß langfristiger Handelsver­träge verhindern werden; 2) wir sprechen die feste Erwartung aus, daß der Reichstag und die verbündeten Regierungen den Wünschen der Bauernvereine nach Möglichkeit entgegenkommen werden. Diese damals geäußerten Wünsche der Bauern­vereine decken fich völlig mit dem vom Bunde der Landwirte geforderten Zollschutz. Wenn wir heute eine Anzahl jener Vereine von dieser Forderung abstehen und sich mit den Sätzen des sogen. Kompromisses begnügen sehen, so ist für dies Zurück­gehen auf jene für die Landwirtschaft nicht genügenden Zollsätze nur die völlige Ver­zweiflung an der Unterstützung der Regierung zur Rettung des Bauernstandes schuld, die fie bereit macht, eine Forderung fallen zu lassen, die allein die Notlage der Landwirtschaft auf­heben könnte. Bezeichnend aber ist es, daß der streng katholische rheinische Bauernverein nichts von einem Kompromisse wissen will, obschon das Zentrum nur zu bereit ist, wenn nötig bis zur Regierungs­vorlage unzusallen. Die rheinischen Bauern glauben eben dasselbe Recht auf Schutz ihrer Existenz zu haben, wie die Jnfenstrie und der Großhandel, und die dummen Leute können und wollen nicht verstehen, warum die Forderungen der Großbankiers und der internationalen Handelsherren wieder einmal unter allen Umständen erfüllt werden sollen, während man die kleinen Bauern in ihrer Not zu Grunde gehen läßt! Es find eben zweierlei Leute, die da in Frage kommen!

Die Si eikbewegung in Frankreich.

Der gegenwärtige Ausstand der fran­zösischen Grubenarbeiter, derenZahldie Hunderttausend bereits überschritten haben dürste und immer noch im Wachsen be­griffen ist, muß als das Ergebnis einer Streik­bewegung betrachtet werden, deren Anfänge bis zum Beginn des vorigen Jahres zurückreichen. Im März 1901 legten die Kohlenarbeiter von Montceau les Mines die Arbeit nieder, jedoch kam es nicht zu einem allgemeinen oder länger andauernden Ausstande, da die von dieser Arbeitseinstellung betroffenen Gesellschaften den Ausständigen eine nicht unerhebliche Erhöhung ihrer Lohnbezüge gewährten. Damit war aber den Führern der sozialistischen Arbeiter und den Arbeitershndikaten nicht gedient, fie er­weiterten deshalb ihre Forderungen in einem Maße, daß es notwendigerweise zu einem neuen Zwiespalt zwischen Arbeitgeb ern

18 Machdruck verboten.)

Verspielt.

Roman von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Sieb Acht", fuhr die Majorin fort, wo jetzt das Fräulein eingezogen ist, werden die alten Geschichten schon wieder aufleben."

Sie vergaß, daß fie vorher zu dem Sohne gesagt, fie wünsche nicht, daß Alice von Rohrs Name vor ihren Ohren genannt werde und dieser hütete sich Wohl, fie daran zu erinnern. Er bat nur:

Weiter, Mütterchen, weiter."

Dein Vater hatte nach dem Tode seines DaterS den Abschied genommen um Feldberg zu bewirtschaften, Wolf von Rohr stand als Hauptmann in Potsdam; es hieß aber schon seit geraumer Zeit, er werde den Dienst ver­lassen müssen, denn er könne sich Schulden halber nicht länger halten. Es gelang ihm aber immer wieder Kredit zu bekommen. Er wußte geschickt zu verbreiten, er sei der Erbe von Wiesenberg und von dem großen Reichtum seines Bruders, und die Sache hatte nichts Un­wahrscheinliches. Es sah ganz aus, als werde Wilhelm im Auslande bleiben und fich nicht verheiraten. Wolf war nach dem Tode des Kinderlosen unbestrittener Besitzer des Gutes, ob ihm Wilhelm aber fein Privatvermögen hinterlassen würde, schien den Eingeweihten sehr Aveifelhaft.

Da plötzlich kehrte Wilhelm ganz unerwartet zurück und man erzählte sich, er habe fich mit einer Engländerin verlobt, er wolle nur in Wiesenberg neue Einrichtungen treffen, um als- bann die junge Frau heimzuholen. Das Schloß

sollte vorher einem Neubau unterzogen werden. Wilhelm, der mehrere Tage nach feiner An­kunft uns einen Besuch machte, bestätigte das Gerücht, er war sehr glücklich, durch die Liebe verjüngt, und beklagte nur, daß er die Hochzeit hinausschieben müsse, da er seine gut gewöhnte Verlobte nicht in den alten Kasten von Schloß führen könne. Er habe fich vorläufig eine Wohnung im Beamtenhause einrichten lassen, und wolle von dort ans den Umbau mit Feuer­eifer betreiben. Schon am anderen Tage wolle er nach Berlin fahren, um sich von dort einen geschickten Architekten zu holen und Bestellungen zu machen.

Wir nahmen die Gelegenheit war, ihn für Wolf zu interesfieren und, milde, wie er ge­stimmt war, zeigte er fich bereit, fich mit dem Bruder völlig auszusöhnen und für ihn und Erika zu sorgen.

Er hat dies Versprechen auch im vollsten Maße gehalten, indem er Wolf in Potsdam ausgesucht, ihn aus seiner mißlichen Lage be- freit und ihm gleich weitere Zuficherungen ge­geben hat. DaS Einvernehmen war so vollständig, daß Wilhelm den Bruder mitbrachte und dieser als fein Gast im Schlosse wohnte. Erika, die Wilhelm auch eingeladen, hatte ihren Gatten nicht begleiten können, da ihre kleine Alice an den Masern erkrankt war.

ES war ein sehr ftoher Tag, als die Brüder uns ihren Besuch machten. Beide schienen so glücklich, daß jeder Schatten, der zwischen ihnen gelegen, gewichen war; Wolf athmete wie erlöst auf, nannte Wilhelm seinen Befreier und war so rührend dankbar! Und am Abend des nächsten Tage»"

Am Abend des nächsten Tages?" wieder-

holts Hellmuth fragend als die Mutter innehielt. Am Abend des nächsten Tages lag Wilhelm von Rohr mit durchschossener Brust "im Park von Wiesenberg!" sagte die Majorin mit dumpfer Stimme und schlug die Hände vors Gesicht.Sterbend ward er nach seiner Wohnung im Beamtenhause zurückgetragen, er soll das Bewußtsein nicht wieder erlangt haben."

Hellmuth fühlte einen kalten Schauder den Rücken hinuntergleiten. Mehr noch als die Tatsache erschütterte ihn die Art und Weise, wie die Majorin erzählte; er wußte sehr wohl, daß er noch Furchtbareres zu vernehmen hatte.

Wer hat ihn ermordet?" brachte er mühsam hervor.

Das ist vom Gericht nie ermittelt worden, es bleibt ja bei so vielen Verbrechen der Schuldige unentdeckt," entgegnete mit großer Bitterkeit Frau von Erbach,wir aber wissen, wer ihn getötet hat. Wolf von Rohr ist zum Kain geworden, er hat die Hand gegen den Bruder erhoben!"

Hellmuth von. Erbach sprang auf. In der ungewissen Beleuchtung, welche die Windlichter gaben, sah fein Gesicht todtenbleich aus, daS Haar klebte ihm an den Schläfen, klappernd schlugen seine Zähne zusammen.

Mutter! Mutter! Sieh Dich wohl vor, das ist eine furchtbare, eine ungeheuere Be­schuldigung, die man nicht erheben darf, ohne die stärksten Beweise dafür zu haben."

Die habe ich!"

Warum bist Du nicht hingegangen und hast den Brudermörder beim Gericht angellagt ?"

Weil ein Eid meine Zunge band, ein Eid, den ich mit Deinem Vater zusammen in die Hände eines Verzweifelten geleistet habe."

Wer war das?"

Die Gatttn Wolfs von Rohr, die ihn am Tage nach dem Begräbnis Wilhelms verlassen hatte, um nie wieder zu ihm zurückzehren."

Und fie hat ihren Gatten bei Euch so schwer verklagt. Wie ist fie dazu gekommen?" fragte Hellmuth.

Das sollst Du erfahren, setze Dich und höre weiter," erwiederte Frau von Erbach und wies mit der Hand auf den Stuhl, von dem Hellmuth aufgesprungen war. Mechanisch ge­horchte er der Aufforderung und fie fuhr fort:

Wilhelm von Rohr war in den Park ge­gangen, obwohl es ein stürmischer, unfreund­licher Abend zu Ende des September gewesen war. Man hatte an seinem ungewöhnlich langen Ausbleiben anfänglich kein Arg gehabt, bis es der Haushälterin doch aufgefallen war, daß der sonst sehr pünktliche Herr zum Abend­essen fich nicht eingestellt hatte. Wolf von Rohr war ausgeritten, und so hatte fie den Ober­verwalter ausgesucht, um dem ihre Besorgnisse mitzuteilen, ihn aber auch nicht im Schlosse ge­funden.

Gerade als fie die Leute ausschicken wollte, war Hartung gekommen und hatte schreckens­bleich verkündet, Herr von Rohr läge im Forst tätlich verwundet. Er kam, um Leute zu holen, die ihn ins Schloß tragen sollten."

Und wo war Wolf?"

Er war nach Jena geritten und kehrte erst eine Stunde, nachdem man den Bruder tötlich verwundet aufgehoben, nach Wiesenberg zurück. Er soll fich ganz ungeberdig angestellt und ge­schworen haben, er werde Himmel und Erde in Bewegung setzen, um den Mörder seines Bruders auf zufinden und dessen Tod zu rächen." (Forts, f.)