Die Toleranz des Liberalismus.
In der Presse wird neuerdings die Haltung "be8 verstorbenen nationalliberalen Parteiführers Rudolf von Bennigsen dem preußischen Volksschulgesetz gegenüber besprochen und von der Linken natürlich über die Maßen als „männlich" und »erprobt" gepriesen. Der Verstorbene war zu jener Zeit bekanntlich Oberpräfident der Provinz Hannover; er hielt damals seine bekannte Rede, die in dem „flammenden" Aufrufe zur Bildung des „Rütlibundes" gegen die Regierung gipfelte. Wie nunmehr von einem Vertrauten von Bennigsens erzählt wird, habe ihm dieser mit Bezug auf seine Reichstagsrede gesagt: „Ich bin darauf gefaßt gewesen, daß am nächsten Tage meine Entlassung als Oberpräsident aus meinem Schreibtische liegen werde. Bei nächster Gelegenheit ist aber der Kaiser mir durchaus huldvoll begegnet."
Aus diesen Worten geht hervor, daß sich Herr von Bennigsen durchaus bewußt gewesen ist, daß er nicht im Einklänge mit seiner amtlichen Eigenschast gehandelt hatte, als er in einer politischen Frage von grundsätzlicher Bedeutung für unser Staatswesen, agitatorisch der Regierung entgegentrat. Gleichwohl fand er und fand eS die Linke als durchaus angemessen, daß er nicht gemaßregelt wurde, und auch die Rechte hat in keiner Weise auf eine Maßregelung hingedrängt.
Me ganz anders aber ist der Standpunkt der Links-Nationalliberalen den Konservativen gegenüber. In der Kanalfrage schürten und hetzten sie bekanntlich gegen jeden Beamten, der
17 iNaädrm! verboten.)
Verspielt.
Roman von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
Dein Vater übernahm es, den Liebenden die 'Wege zu ebnen, was nicht leicht war. Wolf war ein schöner, liebenswürdiger und sehr tüchtiger Offizier, er wußte aber mit seinem Gelbe nie auszukommen, hatte allerlei noble Passionen und nahm die Börse deines DaterS nicht selten in Anspruch. Er fand bei seinen Gesuchen um ein Darlehn nie eine abschlägige Antwort; Dein Vater liebte ihn, wie gesagt, wie einen Bruder und ich, ohne deren Zustimmung er nichts tat, hatte Wolf ebenfalls sehr gern. —
Nun, da Dein Vater bei ihm auf eine offene Darlegung seiner Verhältniffe drang, ergab fich doch, daß er eine ganz bedeutende Schuldenlast besaß. Großmütig erbot fich Dein Vater, fie zu bezahlen, wenn Wolf ihm sein Ehrenwort geben wolle, keine neue Schulden zu machen. Und was hätte er in seinem Glücksrausch nicht alles versprochen!
Nun fuhr Dein Vater als Freiwerber zu Frau von Holm nach Rudolfstadt. Dort hatte er aber einen schweren Stand. Die Dame wollte von einer Heirat ihrer Tochter mit einem armen Offizier überhaupt nichts wiffen und trug Wolf noch ganz besonders nach, daß er durch sein Dazwischentreten ihr die nahe Ausficht auf einen reichen Schwiegersohn zerstört habe. 'Schließlich ist ihr nichts übrig geblieben als ihre Einwilligung zu geben, aber fie hat Wolf und ihrer Tochter gezürnt bis zu ihrem schon nach wenigen Jahren erfolgten Tod.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
SoimtagsbeUager Jllitstrirtes Sonntagsblatt.
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Erstes Blatt.
als Abgeordneter, ohne fich irgendwie agitatorisch hervorzutun, feiner Ueberzeugung gemäß gegen die Vorlage stimmte. Wie Hetzen und höhnen fie noch jetzt, wenn einer dieser infolge ihres Drängens gemaßregelten Beamten wieder reaktiviert wurde. Dabei handelte es fich bei der Kanalvorlage keineswegs um eine grundsätzliche politische, sondern um eine wirtschaftliche Frage von mehr oder weniger lokaler Bedeutung.
Ebenso verhalten fich die Links-Nationalliberalen gegenwärtig in der Zolltariffrage. Da wird von allen Ecken gegen die Konservativen gehetzt, die angeblich von der Regierung bevorzugt würden und ihr doch „politisch schroff" gegenüberständen. Beispielsweise schreibt der „Hannoversche Courier", der Konservative bleibe in der Regel Parteimann, auch wenn er in die Regierung und Verwaltung berufen werde; er halte das für ganz felbstverständlich; als ebenso selbstverständlich werde eS aber, angesehen, daß der ausnahmsweise einmal in die Regierung und Verwaltung eingelaffene Liberale seine Patteiangehörigkeit zurücktreten laffe.
Das ist eine Behauptung, die als absolut falsch bezeichnet werden muß. Wir können sogar getrost behaupten, daß Konservative, die in die Regierung berufen werden, nicht nur ihre Parteiangehörigkeit sofort zurücktreten laffen, sondern auch sorgsam bestrebt sind, sich in keiner Weise als Parteimänner zu betätigen. Reichskanzler Graf Caprivi bezeichnete fich sogar selbst als einen konservativen Mann; hat nicht aber der Liberalismus und leider auch die Sozialdemokratie von seinem Wirken die größten Vorteile genoffen? Hat er nicht seine Vertrauten und Ratgeber gerade im liberalen Lager gehabt?. Fürst Hohenlohe dagegen hat stets seinen Rui als Liberaler bewährt ; von ihm haben die Konservativen nichts zu erwarten gehabt.
Wo wäre es auch jemals den Konservativen eingefallen, von einem ihnen nahestehenden Minister, so wie die Liberalen es von den Herren von Miquel und Möller ausdrücklich erwartet hatten, zu verlangen, daß er für größeren Einfluß der Partei auf die Politik Sorge trage? Der „Hannoversche Courier" aber versteigt sich sogar zu der Behauptung, daß unser Negierungsapparat von einseitig konservativ-agrarischen Anschauungen beherrscht werde. Das müßte man nun aber doch nachgerade in der Zolltariffrage merken!
Am originellsten aber ist wieder die „Köln. Zeitung". Sie bringt eine Zuschrift aus angeblich konservativen Kreisen zum Abdrucks in der dem Grasen von Bülow deshalb die Leviten gelesen werden, daß Herr von Dallwitz als Personalreserent in das Ministerium des Innern berufen sei. Indirekt wird in dieser Zuschrift die ganz gewiß nicht aus konservativen Kreisen .............
Uebrigens hat sie, wie ich hier einschalten will, mit der Heirat ihrer zweiten Tochter noch weniger Glück gehabt. Das junge Mädchen hat mit einem bürgerlichen Musiker von der fürstlichen Kapelle ein Liebesverhältnis angefangen, hat ihn geheiratet, ist mit ihm bald darauf von Rudolfstadt fortgezogen und soll ganz verschollen sein."
Hellmuth dachte an Alice von Rohrs Begleiterin auf der Eisenbahnfahrt und fragte sich, ob diese vielleicht deren Tante gewesen sein möge; laut fragte er:
„Und wie kam die Heirat zu stände?"
„Auf eine Art, die wir uns nicht hätten träumen laffen," fuhr die Majorin fort. „Dein Vater empfing einen liebenswürdigen Brief von Wilhelm von Rohr, mit der Bitte, zu ihm zu kommen, da er eine Angelegenheit seines Bruders mit ihm verhandeln möchte. Er fuhr hin und kehrte voll Staunen zurück. Der als kleinlich, als engherzig und geizig verschriene Wilhelm von Rohr hatte fich als ein echter Edelmann benommen. Er hatte nicht nur darauf bestanden, Deinem Vater die für Wolf gemachten Zahlungen zu erstatten, sondern fich auch verpflichtet, die Kautton für ihn zu stellen und ihm einen recht ansehnlichen Jahreszuschuß zu geben.
War es die Liebe für dm Bruder, war eS die zu der Braut, die ihn verschmäht, was ihn zu dieser Handlungsweise bewogen hatte? Wollte er der Letzteren zeigen, was fie an ihm verloren ? Wollte er beide strafen, indem er sich zu ihrem Wohltäter machte? Niemand ist so recht hinter feine Beweggründe gekommen, Tatsache ist nur, daß er Woks, der zerknirscht zu ihm eilte, am ihm za danken, rächt vor fich
stammt, dem Reichskanzler „Spiegelfechterei" vorgeworfen, um ihn natürlich gegen die „argrarischen Forderungen" scharf zu machen.
Vergleicht man damit das Verhalten Bennigsens und die Toleranz, die tarn der „einseitig ömservativ-agrarischen Regierung" damals geübt worden und gegen die die Konservattvm nicht den geringsten Widersprach erhoben haben, so ersieht man, wie unduldsam der Liberalismus sein würde, wenn er das Regieruvgssteuer in der Hand hätte, und wie anmaßend er auftritt, wenn er durch eigenes Verschulden einflußlos ist.
Umschau.
Die Reise der Burengenerale nach Deutschland.
General Botha hat nunmehr von Paris aus dem deutschen Empfangsausschuß mitgeteilt, daß die Burengenerale am Donnerstag Nachmittag in Berlin eintreffen, jedoch nur bis Sonnabend nacht bleiben, da wichtige Geschäfte sie nach England rufen. Sie kehren aber nach kurzer Zeit zurück und gedmken dann in mehreren deutschen Städten zu sprechen, hierbei jedoch einzeln für ihre Aufgabe tätig zu sein und nicht gemeinsam zu reifen. Obschon die Burengenerale ängstlich alles vermieden haben und vermeiden, was etwa in England Anstoß erregen könnte, sind sie neuerdings nach ihrer bekannten Erklärung, daß sie sehr gern eine Audienz bei Kaiser Wilhelm nachsuchen würden, doch wieder in höchste Ungnade gefallen. Die der englischen Regierung nahe stehenden londoner Blätter drucken ihre äußerste Empörung über das Verhalten der Burengenerale aus, denen sie keinen geringeren Vorwurf als den des Meineids und Hochverrats machen. Au8 der Selbstverwaltung der Burenkolonien werde vorläufig nichts werden. Unter der Brutalität Englands werden die bedauernswerten Buren trotz äußersterLoyalität noch schwer zu leiden haben. Vielleicht ist auch das Verhalten des Präsidenten des französischen Burenbund eS an dieser Gereiztheit der englischen Preffe gegen die Generale mit Schuld. Derselbe soll sich bei dem Empfange derselben so taktlos wie irgend möglich benommen haben, indem er von der Unabhängigkeit der Buren sprach, die nur eine Frage der Zeit sei und möglicherweise durch eine neue Erhebung in Waffen herbeigeführt werden würde. Darauf hin betonten dann, die Generale ihren festen Entschluß, den Frieden ehrlich zu halten. Für das deutsche Empfangskomitee sollte das Benehmen des französischen aber eine Warnung sein. Denn durch solche unangebrachten wenn auch gut gemeinten Redereien schadet man höchstens der Sache der Buren. — Dem „Berl.
ließ und ihm zu verstehen gab, daß er zwischen ihm und sich keine Gemeinschaft wünsche.
Erika von Holms stolzer Sinn hatte sich durch Wilhelms Handlungsweise tief gedemütigt gefühlt und statt Dankbarkeit setzte sich in ihrem Herzen ein Groll gegen ihn fest. Aber auch ein leiser Groll gegen ihren Verlobten und nachherigen Gatten, der sie diese Schmach erleiden ließ, erwachte in ihrem Herzen und die nachfolgenden Ereigniffe dienten dazu, ihn immer tiefer zu machen und ihn in Abneigung und Haß zu verwandeln.
Doch das find Dinge, die einer späteren Zeit angehörten. Jahre hindurch war die Ehe sehr glücklich, wenn die junge Frau auch öfter von Geldsorgen heimgesucht ward, denn Wolf verstand nun einmal nicht hauszuhalten. Außerdem ward sie dadurch getrübt, daß drei Kinder bald nach der Geburt starben. Alice, die zuletzt geborene Tochter, ist das einzige Kind, das den Eltern erhalten geblieben ist."
Die Majorin hielt hier ein paar Minuten inne, wie um frische Kräfte zu sammeln, Hellmuth fand aber keine Veranlassung, irgend eine Bemerkung dazwischen zu werfen; er stand völlig im Banne der Erzählung und wartete mit großer Spannung auf deren Fortsetzung.
„Jahre vergingen, während welcher Zeit Schloß Wiesenburg einsam und leer stand. Der Besitzer war auf Reisen gegangen, nur selten ließ er von fich hören. Sein Oberverwalter mußte ihm stets nach den von ihm angegebenen Orten die Summen, deren er bedurfte, schicken. Emigemale hat ihn, wie er erzählte, der Herr, wenn er sich gerade in der Nähe befunden, kommen und sich mündlich Bericht abstatte» laffen."
Tagebl." zufolge machen sich neuerdings wieder Einflüsse geltend, den Kaiser doch noch z» Gunsten einer Audienz umzustimmen. Mr haben gestern schon etwas AehnlicheS anS der halbamtlichen Note der „Nordd. Allg. Ztg." gefolgert. Vielleicht erfolgt der Empfang nach der Rückkehr der Generale ans England.
Unterstützung von deutschen Mitkämpfern im Burenkriege.
Jnbezug auf die Verwendungen auS der Burensammlung des Alldeutschen Verbandes wurde in der Sitzung deS geschäftsführenden Ausschusses desselben m Eisenach am 28. September d. I. festgestellt, daß die Tätigkeit deS Verbandes in der letzten Zeit hauptsächlich von der Sorge für die deutschen Mitkämpfer in Anspruch genommen war. Der Buren-HilfS- bund hatte die Rückbeförderung der Gefangenen bis zu den deutschen Hafenstädten übernommen. Hier setzte die Tätigkeit deS Alldeutschen Verbandes ein, dessen Mitglieder sich auch an den EmpfangSauSschüffen, die sich in Bremen und Hamburg gebildet hatten, beteiligten. Vielfach war eS nötig, die Rückkehrenden erst mit Kleidung zu versehen, bevor fie überhaupt die Heimreise antreten konnten. Insbesondere die aus Portugal kommenden befanden fich in völlig abgerissenem Zustande. Dann galt eS für die Beförderung in die Heimat zu sorgen und denen, die über keinerlei Hilfsquellen verfügen, durch Unterstützung über die erste Zeit, bis sie wieder einen Lebensunterhalt finden, hinwegzuhelfen. In dieser Weise hat der Alldeutsche Verband 116 deutsche Mitkämpfer mit insgesamt 15 756,70 Mk. unterstützt; hierzu kommen 10591,20 Mk., die früher heimgekehtten deutschen Mitkämpfern zugewendet wurden, sodaß im ganzen bisher 26 347,90 Mk. für diesen Zweck verwendet wurden. Außerdem haben wir für eine Anzahl schwer Erkrankter die lieber« nähme der Pflege durch das Rote Kreuz, dem noch aus der seinerzeit für eine deutsche Ambulanz veranstalteten Sammlung Mittel zur Verfügung stehen, vermittelt. Weitere Ausgaben stehen uns aber noch bevor, da noch größere Gefangenentransporte auS den Lagern in Indien erwartet werden. Ferner wurde beschlossen, 18 sogenannten Kaprebellen die sich gegenwärtig in Amsterdam befinden und vom Verbände unterstützt werden, die Reisekosten nach Deutsch-Südwestafrika zu bewilligen, wo dieselben Aussicht haben, sich auf den Farmen der dott bereits ansässigen Buren zu verdingen; desgleichen sollen 10 deutsche Mitkämpfer demnächst dahin gesandt werden. Was die Pläne betreffs der Ansiedlung deutscher und buttscher Familien, die bisher im Farmbetriebe in Südafrika tätig waren, in Deutsch-Südwest afttka betrifft, so können weitere Schritte in dieser i i = ' M
„Also Hartung" war schon im Dienst br# Herrn Wilhelm von Rohr? fragte Hellmut, He Cigarre, die ihm längst ausgegangen war, ül er die Brüstung des Balkons schleudernd.
„Gewiß, Wolf hat ihn mit dem Besitztum übernommen."
Und er hat ihm volles Vertrauen geschenkt?" „Unumschränktes! Leider!"
„Aber er ist doch auch jetzt noch der Mann, der fich allgemeiner Achtung erfreut."
Frau von Erbach antwortete nut durch ein Achselzucken und Hellmuth fragte weiter:
„Ist Wilhelm von Rohr nie nach Wiesenburg zurückgekehrt?"
Frau von Erbach fuhr auf. „Aber Hellmuth, wie kannst Du so fragen? Du weißt doch, daß er in Wiesenburg ermordet worden ist!"
Hellmuth griff fich an die Stirn. „Verzeih' Mütterchen, das war mir im Augenblick entfallen, ich war, als diese Dinge sich zutrugen, nicht bei Euch und habe nicht viel davon gehött."
„Dein Vater wünschte nicht, daß in Deiner Gegenwart von der Angelegenheit, die ihn selbst so hart betroffen hat, gesprochen wurde," erklärte die Majorin.
„Es ist aber doch verwunderlich, daß in der Umgegend so gar nicht mehr davon die Rede ist, fünzehn, sechszehn Jahre, so lange muß die Geschichte her fein, find doch keine Zeit," be« merkte Hellmuth.
„Sie sind eS!" seufzte die Majorin, „eS geht innerhalb solchen Zeitraumes gor zu viel vor. Zudem erregte Wiesenburg gar kein Interesse. Wolf von Rohr starb schon zwei Jahre nach seinem Bruder, und seitdem ist niemand von der Familie hier gewesen.
(Fortsetzung folgt.)