mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.
M 256
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Marburg
Dienstag, 14. Oktober 1902.
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.
Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UniversitLts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
W neae Quartal Wer bisher noch nicht auf die .Oberhessische Zeitung" abonniert ist und stch mit interessantem und gediegenem Lesestoff für die langen Winterabende versehen hat, möge das Versäumte schleunigst nachholen und die „Ob er Hess. 3tg." umgehend bei der Expedition oder dem nächsten Postamt bestellen.
Dunkle Punkte zwischen Rußland und uns.
Im allgemeinen neigen die Sympathien unserer Manchesterliberalen und Welthandelspolitiker naturgemäß viel mehr nach England als nach Rußland hin; die „Vettern aus England" find ihre Ideale, denen fie in jeder Beziehung nacheifern, denen fie wenigstens alles .nachäffen" möchten. Trotzdem aber verlangen sie, daß bei Neugestaltung unseres Zolltarifs in erster Linie alles vermieden werden müffe, was Rußland, nicht das was England verletzen könnte. Für eine Erhöhung oder Aufrechterhaltung hoher Jndustriezölle find unsere Liberalen bis in die freifinnige Vereinigung hinein zu haben, obgleich die Spitze einer solchen sich wenn nicht in erster so doch in zweiter Linie gegen ihre lieben Engländer richtet. Gegen eine einigermaßen wirksame Erhöhung der so tief herabgedrückten Agrarschutzzölle aber eifern sie alle, um Rußland ja nicht zu kränken. Es dürfe also absolut kein dunkler Punkt unser handelspolitisches Verhältnis zu Rußland stören. Den dunklen Punkt in unfern Beziehungen zu Rußland aber bildeten unsere Getreidezölle, das versichert z. B. die Korrespondenz des Kommerzienrats-Vereins unter Berufung auf ein gleiches Urteil, der angeblich hochosfiziösen „Südd. Reichskorresondenz". Nach unserer volkswirtschaftlichen Anschauung kommt es freilich viel mehr darauf an, die dunkle Wolke zu zerstreuen, welche infolge ungenügender Kornzölle auf unserm landwirtschaftlichen Erwerbsleben lastet, als irgend einen kleinen dunklen Punkt in unfern Handelsbeziehungen zum Auslande. Vertritt man in dieser Frage aber andere Anschauungen, wie es die genannten Korrespondenzen tun, so muß man wenigstens konsequent gegen alle solche dunklen Punkte vorgehen. Das aber tun jene nicht; sie tun es nur auf Kosten der deutschen Landwirtschaft, niemals da, wo industrielle Jntereffen in Frage kommen.
In demselben Artikel über unser handelspolitisches Verhältnis zu Rußland schreibt nämlich das Organ der Handelsvertrags-Kommerzienräte:
„Andererseits ist allerdings die Verstimmung in der russischen Industrie — besonders' der Eisenindustrie — darüber
15 «Nachdruck verboten.)
Verspielt.
Roman von F. Arneseldt.
(Fortsetzung)
Justizrat Geberot hatte ihm allerdings den Plan entwickelt, durch eine Heirat mit Alice von Rohr dem sich schon durch viele Jahre hinziehenden Prozeß ein Ende zu machen; er hatte ihm aber lachend geantwortet, er werde doch nicht um den Besitz einer Waldparzelle heiraten und die Sache weit von der Hand gewiesen.
„Sehen Sie das Mädchen," hatte der Justizrat gesagt, „dann werden Sie anders urteilen," und das Schicksal hatte den Wunsch des alten Juristen schnell in Erfüllung gehen lassen."
Hellmut hatte in Jena in einem Abteil erster Klaffe für Nichtraucher Platz genommen und das dritte Glockenzeichen war soeben gegeben worden, als die Tür noch einmal geöffnet und vom Schaffner zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, welche letzte Halbtrauer trug, hineingeschoben waren. Er hatte sich höflich erhoben und gegrüßt, sich dann aber in seine Wagenecke gedrückt und still verhalten, dabei aber die hohe Gestalt und das edle Gesicht der jungen Dame nicht au8 den Augen gelassen, während fein Ohr mit Entzücken den Wohllaut ihrer Stimme getrunken, denn fie hatte eine halblaute Unterhaltung mit ihrer Begleiteren geführt.
eine sehr große, daß die Exportprämien der deutschen Kartelle die Wirkung der russischen Zölle zum gutenTeil aufheben und die russischen Werke nötigen, mit ihren Preisen auf ein Niveau herabzugehen, bei welchem viele derselben nicht mehr bestehen können."
Hier scheint uns also noch ein zweiter „dunkler Punkt" störend in unsere wirtschaftlichen Beziehungen mit den russischen Nachbarn zu treten. Die russischen Industriellen find sehr verstimmt und fühlen sich z. T. in ihrer Existenz bedroht durch die Exportprämien der deutschen Jndustriekartelle. Diese für die in der Entwickelung begriffene Industrie Rußlands so sehr schädlichen Exportprämien können von unseren Großindustriellen nur gezahlt werden, weil fie auf dem für Jndustrieartikel hochgeschützten deutschen Jnlands- markte den Konsumenten übermäßig hohe Preise diktieren und so große Gewinne einstreichen, daß fie einen Teil derselben zur Zahlung von Prämien für den Export nach dem Auslande opfern können. Dieser „dunkle Punkt" der deutschen Kartell-Exportprämien , welcher die Russen in Rücksicht auf die Zukunft ihrer Industrie beim Abschluß eines neuen Handelsvertrages mit uns vielleicht noch mehr stören wird, als die Höhe der deutschen Kornzölle, wäre leicht zu beseitigen durch eine ausreichende Herabsetzung unserer deutschen Zölle für die von den kartellierten 3nbuftrieu — besonders der Eisenindustrie — produzierten Artikel.
Wiewürees, trennbie „Südd.Reichskorresp." ihre angeblich „hochosfiziösen", die Korresp. der Kommerzienräte ihre liberalen Freunde zu einer dahin gehenden Abänderung der Regierungs- Zolltarifvorlage anstiftete. Wenn in dieselbe an Stelle der so sehr wesentlichen Erhöhungen der Schutzzölle für unsere kartellierte Großindustrie eine Verminderung derselben um — sagen wir — rund 50 Prozent eingefügt würde, dann könnte man auch den deutschen Agrariern eine Einschränkung ihrer Zollforderungen zu- muten. Dann würde der „dunkle Punkt" der deutschenKartell-Exportprämien für Neuregelung unseres handelspolitischen Verhältnisses mit Rußland ganz beseitigt fein. Daneben könnten auch unsere Kornzölle dem von der Reichsregierung als mit Rücksicht auf das Ausland zulässig erachteten Maßstabe so nahe gebracht werden, daß sie sicher selbst von der „Südd. Reichskorresp." nicht mehr als ein schädlicher „dunkler Punkt" angesehen werden dürften.
Umschau.
Der Nichtempfang der Burengenerale durch den Kaiser.
Noch immer steht das Thema des auf gehobenen Empfangs der Burengenerale im Mittelpunkte des öffentlichen Interesses. Amtlicher-
Aus dieser war ihm sehr bald klar geworden, daß die jun ■ e Dame die Besitzerin von Wiesenberg fei und er hatte an die Worte des Justiz- rats denken müssen: „Sehen Sie das Mäden!"
Zum ersten Male in feinem Leben hatte eine Frau beim ersten Anblick einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, zum ersten Male war der Wunsch in ihm rege geworden, sich einer solchen zu nähern, ihr Herz zu gewinnen, sie zu seinem Weibe zu machen.
Taktvoll hatte er sich zurückgehalten, als sie in Dornburg den Zug verlassen und den ihrer harrenden Wagen bestiegen hatten, aber auf der ganzen Fahrt hatte ihn das Bild der jungen Schloßherrin von Wiesenberg begleitet" und er war mit der Absicht zu feiner Mutter gekommen, sie zu bitten, eine Bekanntschaft zwischen ihm und Alice von Rohr einzuleiten.
Und nun diese Abweisung, die in keinem Verhältnis stand zu der durch den Prozeß herbeigeführten Spannung zwischen den beide« Familien! Wa8 mußte da in der Vergangenheit begraben liegen? Seine Mutter war eine gute, wohlwollende Frau, es mußten sehr schwere, gewichtige Gründe sein, die sie zu einem solchen Auftreten bestimmen konnten.
Hellmuth beschloß, diese Gründe kennen zu lernen, sie zu prüfen und nach ihrer Beschassen- heit sein Verhalten einzurichten. Nach den Aeußerungen des JustizratS schien doch ein sehr starkes Vorurteil bei der Mutter eingewurzelt zu fein, das aber sollte fein Glück nicht stören.
seits ist das Wort zwar nicht mehr ergriffen worden, gleichwohl hat das Audienz - Rätsel nunmehr feine Lösung gefunden, so daß die Angelegenheit wohl als erledigt betrachtet werden kann. Die Generale werden trotz des Zwischenfalls nach Berlin kommen, es wird ihren Bestrebungen, Mittel für ihre bedrängten Volksgenossen zu sammeln, von amtlicher deutscher Seite nichts in den Weg gelegt werden. Wie wir einleitend auch noch bemerken wollen, hätte Kaiser Wilhelm die Burengenerale gern kennen gelernt. Weshalb aus der Audienz nichts geworden ist resp. werden kann, geht aus folgender Mitteilung Dewets an den Korrespondenten der „Franks. Ztg." im Haag hervor: Dewet verhielt sich zuerst verschlossen und meinte, man müsse selbst den Freunden gegenüber zurückhaltend fein, weil fönst leicht jedes Wort in Deutschland falsch aufgefaßt würde. Dann aber erklärte er doch, daß die Auslassungen der „Nordd. Allg. Ztg." selbstverständlich nicht pure Erfindungen seien. Die Uebermittelung des kaiserlichen Wunsches wurde uns jedoch von dritter Seite gemacht, die uns nicht direkt genug zu sein dünkte. Einer einigermaßen offiziellen Einladung hätten wir ohne weiteres Folge geleistet und ganz bestimmt hätten wir uns an den englischen Gesandten gewendet, wenn dies offiziell gewünscht worden wäre. Aufforderungen, die uns nicht bestimmt und deutlich genug find, können für uns nicht maßgebend fein. Aber im Grunde genommen muß es uns widerstreben, zu einem Kaiferbefuche genötigt zu werden. Ich wünsche hier nicht mißverstanven zu werden, denn die Persönlichkeit des deutschen Kaisers ist mir außerordentlich sympathisch und sie steht mir und meinen Brudergeneralen hoch und hehr. Wir würden e8 uns zur großen Ehre gerechnet haben, wenn ein so ausgezeichneter Fürst uns einfache Leute hätte sehen wollen. Aber der Besuch beim Kaiser hätte unvermeiblicherweise einen Besuch bei den Staatshäuptern aller Reiche, die wir bereifen, notwendig gemacht. Dadurch würde unsere Reise in das politische Fahrwasser gedrängt, was wir unter allen Umständen vermeiden wollen. Wir sind Privatleute, die herumreifen, um für unsere unglücklichen Landsleute Geld zu sammeln. Dies ganz allein ist unser Zweck, nichts anderes, und an diesem Zweck wollen wir klar und rein festhalten. — Dieser Auslassung Dewets tritt die „Köln. Ztg." in einem zweifellos offiziösen Artikel entgegen, in dem sie erklärt, daß niemand anderes als der Reichskanzler bezw. das auswärtige Amt die Buren von dem Wunsche des Kaisers, sie zu sehen, in Kenntnis gesetzt haben könnte. Außerdem aber lägen Beweise vor, daß die Buren sich unzweideutig geweigert hätten, die Vermittelung des englischen Botschafters anzunehmenl — Wer hat nun Recht?
Erster deutscher Kolonialkongreß.
Sonnabend nachmittag sand die zweite
Plenarsitzung des Kolonialkongresses unter dem
Tas sollte, das mußte aufgeräumt werden. Wunderlich! Er hatte Alice von Rohr nur so kurze Zeit gesehen, fie hatten kein Wort miteinander gewechselt, er wußte nicht, welchen Eindruck er auf sie gemacht hatte, und doch war es ihm, als hänge von ihrem Besitz das Glück feines Lebens ab, als müsse er darum kämpfen wie um fein höchstes Gut.
Selbstverständlich durfte er der Mutter von seinem Zusammentreffen mit Alice von Rohr nichts sagen, um die ohnehin schon Hocherregte nicht noch mehr zu beunruhigen.
Mehrere Minuten herrschte zwischen Mutter und Sohn ein banges, drückendes Schweigen; Hellmuth brach es endlich, indem er mit einer Stimme, in der eine große Erregung nachbebte, begann:
„Liebe Mutter, ich kenne Dich gar nicht wieder! Was muß Wolf von Rohr Dir, was muß er meinem Vater getan haben, um Dich nach so langer Zeit noch in solcher Weise gegen seine Tochter aufzubringen?"
„Er hat Deinen Vater und mich wankend gemacht in unserem Glauben an, in unserem Vertrauen zu den Menschen, er hat sich versündigt gegen göttliches und menschliches Recht! erklärte die Majorin feierlich.
„Möchtest Du mir nicht erzählen, was er begangen hat?" fragte Hellmuth ihre Hand ergreifend. Sie entzog sie ihm, winkte abwehrend und stöhnte:
.Was verlangst Du von mir!"
Vorsitz des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg statt. Von dem Kaiser war folgendes Telegramm eingelaufen:
„Ich habe Mich über den treuen Gruß, de§ unter Ew. Hoheit zufammengetretenen Kongresses und die rege Teilnahme sehr gefreut und ersuche Sie, Meinen toärmften Dank und Meine besten Wünsche für die Arbeiten des Kongresses den Mitgliedern zu übermitteln."
Vottrüge hielten Dr. Jannasch-Berlin übet die praktische Ausgabe der deutschen Auswanderungspolitik, Prof.Zorn-Bonn über die Grundlagen des Kolonialrechts, Prof. Wohltmann - Bonn über die wirtschaftliche Entwickelung der deutschen Kolo nie en und schließlich Superintendent D. Merenskh - Berlin übet die Bedeutung der christlichen Mission für die Entwickelung unserer Kolonieen. Dr. Jannasch meinte u. a., es sei jetzt an der Zeit, in Südbrafilien das deutsche Kapital ausgiebig zu veranlagen; der deutsche Unternehmergeist müsse sich mehr auf Südamerika konzentrieren, dann könnten wir int Handel dorthin mit der Zeit den ersten Platz und die leitende Stelle erringen. Ebenso interessant waren die Ausführungen Professor Wohltmanns über die Entwickelung der Kolonieen. Die großen Hoffnungen, welchen sich in dieser Beziehung wenig unterrichtete Leute hingegeben hätten, seien nur zum Teil in Erfüllung gegangen, nichtsdestoweniger brauchten wir uns der 18 jährigen Arbeit in den seinerzeit vollständig rohen und ungesittete Gebieten keineswegs zu schämen. Eine Auswanderung allerdings wäre nur noch Deutsch-Südwestafrika, wo zur Zeit etwa 1000 Kolonisten, Viehzüchter, Handwerker und Kaufleute seßhaft geworden feien, in beschränktem Maße möglich, dagegen könnte ein Teil der Summe von einer Milliarde Mark, welche alljährlich Deutschland für koloniale Produkte verausgabe, in unseren Kolonien gedeckt werden. Im Verlaufe des Kongresses wurden neben den Vorträgen eine Reihe Resolutionen angenommen, au§ denen besonders solche betr. eine stärkere Berücksichtigung der überseeischen Interessen in den Schulen, Beseitigung der Skaverei, die geologische und baulicheErschließungdesSchutzgebietes undEr- haltung der deutschen Sprache hervorgehoben seien. Gleichfalls wurde einem Antrag des Prof. Hans Meyer, den Kolonialkongreß zu einer ftänbi’gen Einrichtung zu machen, zugestimmt. Der nächste Kongreß wird im Jahre 190» stattfinden; der bisherige Ausschuß bleibt als ständiger Ausschuß bestehen. Am Abend sand ein Festmal im Kaiserhof statt, das 346 Teilnehmer des Kongresses vereinigte.
Das Ende deS Prozesses gegen die „Staatsbürger Zeitung".
In dem berliner Prozeß gegen die „Staatsbg. Ztg." wegen Beleidigung von mit der Untersuchung des konitzer Mordes betrauten Beamten und von Privatpersonen
Nach kurzer Pause, während sie sinnend vor sich hing-'Iickt, fügte sie jedoch hinzu: „Ich sehe ein, Du hast ein Recht zu diesem Verlangen. Du mußt wissen, welche Ereignisse sich in Wiesenberg abgespielt haben. Dein Vater wünschte einst, daß Du nichts davon erführest, aber er hat mir nicht Schweigen geboten, und stände er heute an meiner Stelle, er würde handeln wie ich. Setze Dich und mache Dich auf eine lange, düstere Geschichte gefaßt."
Sie rief durch ein Glockenzeichen den Diener herbei, befahl ihm, den Teetisch abzuräumen und die Windlichter zu bringen, denn es war inzwischen dunkler geworden; sie wollte, ehe sie ihre Erzählung begann, jede äußere Störung beseitigen.
Ter Diener hatte sich schon mehrere Minuten entfernt und immer noch saß Frau von Erbach ihrem Sohne schweigend gegenüber. Die Hände in den Schooß gefaltet, das braune Augenpaar groß aufgeschlagen, als blickte sie in eine weite Ferne, schien fie mit ihren Gedanken einen langen Weg in die Vergangenheit zu durchmessen.
Endlich richtete fie sich etwas höher auf, wandte sich dem geduldig harrenden Sohn zu und begann:
„Damit Du die Dinge, die ich Dir zu erzählen habe, richttg aufzufaffen vermagst, muß ich etwas weiter in die Vergangenheft zurückgehen: Du weißt, daß Feldberg schon recht lange im Besitz unserer Familie ist, und daß