nehmen. Ich wäre ein schlechter Vater, wenn ich es täte. Mein Haus, so schwer - es mir wird, dies auszusprechen, ist der ungeeignetste Ort, Kinder zu erziehen, sie mit Wort und Beispiel zu leiten, den es nur geben kann."
„Ein schönes Zeugnis, das sich Dein Bruder damit ausstellt! Und eine überaus bequeme Art, sich ernste und geheiligte Verpflichtungen abzuschütteln. Ich frage Dich: wen hat die Natur, wen hat das Gesetz zum Hüter eines Kindes ausersehen? Doch wohl die Eltern, — doch wohl Vater oder Mutter, wer von beiden am Leben ist, — nicht aber irgend eine Anverwandte, die aufopferungSsähig genug Ct, den nächsten Angehörigen die schwere Verantwortung abzunehmen, und die dafür von jenen mit unerhörter Selbstsucht ausgenutzt wird!"
Erwins Stimme klang hart, sein Blick flammte in Empörung, sänstigte sich aber, als er wieder das gesenkte, blaffe Gesichtchen traf, das einen so seltsamen, entschlossenen Zug um die Lippen hatte.
„Käthchen," bat er weich, „frag' doch Dich und Dein eigenes Herz zuerst, — Dein Herz, das jung ist und vollen Anspruch auf Glück erheben darf!"
„Es giebt kein volles Glück für mich im Leben ohne die Kinder!" sagte sie leise, aber fest.
„Käthe!" rief er ungläubig und erschrocken. Sie sah ihm mit traurigem Ernst ins Gesicht. „Ich kann mein Wort nicht zurücknehmen. Gott selbst hat mir die Kinder ans Herz gelegt, — bei mir gedeihen sie, wachsen, will'S Gott, zu guten, liebenswetten und tüchtigen Menschen heran, weil sie mich lieben und verstehen, wie ich sie! Ohne mich verkommen und verkümmern sie, geistig wie körpettich, ich hab' es gesehen, ick Weib es! Und ich ioll biuaeben und ein
neues Leben anfangs» und sie dorthin zurückschicken, wo ich doch weiß, es ist ihr Unglück? Da soll ich glücklich sein können ... und .. / sie stockte, errötete, sprach aber dann mutig weiter — „Gott soll mir vielleicht eigene Kinder schenken, die mich täglich daran mahnen, WaS ich den mir anvettraurea angetan! Und ich soll Tag und Nacht den armen, blaffen Schatten vor mir sehen mit seinen flehenden, angstvollen Augen und soll den röchelnden Laut hören, der mich jahrelang verfolgt hat: „Die Kinder: Die Kinder!" Und soll mir sagen muffen: Du konntest helfen, aber Du hast es nicht gewollt, Du bist Deinem eigenen Glück nachgejagt! Schilt mich, — verwirf mich, Erwin,---
ich kann nicht! Ich kann nicht!"
Sie war emporgesprungcn, — nun stand auch et aufgerichtet vor ihr, und sie sahen sich in die Augen. Laut tickte vom Kaminsims her die Uhr, sonst war tiefe Stille im Zimmer.
„So hast Du also — hast Du," begann er heiser, „diese — diese Kinder — lieber als mich?"
Sie machte eine hilflose Gebärde mtt den Händen.
„3dj habe sie anders lieb als Dich! Ich fühle mich an sie und ihr Schicksal gebunden, ich bin verantwottlich für sie."
„Käthe, Käthe, — das ist Fanatismus!
„Rein," sagte sie einfach, „es ist Liebe z» den Kttwern unb Pflichtgefühl. Sie brauchen mich, — ich muß da sein, wo sie find!
„Und ich? Bedarf ich Deiner nicht?
„Gewiß, Erwin! Aber in anderer Weise, als zwei hilflose, heimatlose Kinder. Ich kann mit denken, WaS auS Dir wird, wie Du Wetter» lebst ohne mich — wie ich mit die Kinder ohne müb denken ioll. weiß ich nickt!"
Umschau.
Der „Fonds" der freisinnigen BolkS» partei und die rnünchener Großbrauet.
In bet gestrigen Sitzung der Zolltarif« komrnisfion kam Abg. Dr. Heim auf seine Behauptung zu sprechen, die freisinnige Dolkspartei habe von den Münchener Groß» brauereien Geld erhalten, um gegen die Schutz» zölle auf Hopfen, Gerste, Malz zu agitieren. Er bewies diese Behauptung duuh einen Aufruf, den die rnünchener Brauereim Union, Sedlmayr, Pschorr, Salvator, rnünchener Kindl, Hackerbräu, Zberlbräu an andereBrauereim erlassen haben. Der Aufruf lautet im Auszüge:
„Dem Braugewerbe droht unberechenbarer Schaden, wenn die im Zolltarifentwurf vorgeschlagenen Zollsätze auf Gerste, Malz, Hopsm inkrast treten. Es gilt, weder Mühe noch Kostm zu scheuen, um diese schwere Schädigung vom Braugewerbe abzuwehren. Eine solche Agitation und der damit verbundene Kampf kann nur in engem Anschluß an die für solche Arbeit organisierten politischen Parteien mit Aussicht aus Erfolg geführt werden. Unter diesen Parteien hat die freisinnige Volkspattei stets in erster Linie gestanden. Um durch Wott und Schrift, durch Versammlungen und sonstige Kundgebungen planmäßig im ganzen Lande diese Bewegung weiter zu führen, hat diese Partei einen besonderen zur Abwehr erhöhter Lebensmittelzölle, insbesondere auch der Braustoffe, bestimmtm Fonds: „Gegen den Brotverteurer" gebildet. Für diesen Fonds find sehr große Mittel erforderlich, um der gewaltigen, über Hunderttausende verfügenden Agitation deS Bundes der Landwitte, der Feinde der Handelsverträge entsprechend entgegentreten zu können. Die Unterzeichneten wenden sich deshalb an Sie mit der Bitte, der gemeinsamen Sache, nicht bloß des Braugewerbes, sondern des gesamten Volkslebens, einen Ihnen angemeffen erscheinenden größeren Betrag zuzuwenden und bei Ihren Freunden befürwotten zu wollen. Geldbeträge nimmt die brutsche Genossenschaftsbank Soergel, Parrisius a. Co. an." — Wenn das so weiter geht, dürften wir bald bei den Zuständen Amerikas angelangt sein, wo die Parteien mehr oder weniger von Großkapitalisten ausgehalten werden und demzufolge in deren Diensten stehen.
mit beut Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham.
Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.
_ Vierteljährlicher Bezugspreis: bet der Expedition 2 ML,
M 238 bei alle» Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).
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Marburg
Freitag, 26. September 1902»
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertage». Sonnabends m Morgen- und Abmd-AuSgabe. Druck und Verlag: Joh. Äug. Koch, UmversttätS - Buchdruckers Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
Mouvements - Einladung.
Damit in der regelmäßige« Zustellung der „Oberhesfischen Zeitung' keine Unterbrechung Eintritt, ist eS rüttich, dieselbe sofott zu bestellen. Denjenigen unserer Abonnenten, die unsere Zeitungnicht durch die Post erhalten, wird dieselbe, sofern fie nicht abbestellt wird, auch fernerhin ohne wetteres zugehen. Die .Oberhessische Zeitung" mit dem .Amtlichen KreiSblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain", .dem Illustriert en Sonntagsblatt' und den .Ziehungslisten der Preußischen Klassenlotterie" kostet nach wie vor pro Quattal 2,25 Mk. Einesteils, um den Inserenten und andererseits, um de« ländliche« Lesern entgegenzukommen, haben wir die Einrichtung getroffen, daß für Stadt und Land unsere Zettung am Sonnabend in zwei Ausgaben und zwar morgens und nachmittags expediert wird.
Jeden, der etwas zu inserieren hat und in de« Kreisen Marburg, Kirchhain, Frankenberg, Biedenkopf, Ziegenhain und Umgebung Jntereffenten sucht, bitten wtt, einen Versuch mit einem Inserate in unserem Blatte und in anderen Zettungen zu machen! Wir find überzeugt, daß er mü einem Inserate in der .Oberhessischen Zeitung" den größten Erfolg haben wird! Tenn die .Oberhesfische Zeitung" ist nicht in einzelnen verstreuten Nummern über das gesamte deutsche Reich verbrettet, sondern mtt ihrer ganzen groben Auslage in dem Landgerichtsbezirke Marburg, zu denen die obigen Kreise gehören und in denen die Zeitung auch wegen der ausfühttichen Schwur- und Strafkammer» berichte und der Mttteilungen über größere landwirtschaftliche und sonstige Veranstaltungen usw. überall gelesen wird.
Die .Oberhessische Zeitung" hat es sich in erster Reihe zur Aufgabe gestellt, einzutreten für die Macht und das Anfehen von Kaiser und Reich, für Tron, Vaterland und Altar! Sie orientiert kurz und erschöpfend über alle Fragen der inneren und äußeren Polittk und vertritt eine kräftige Mittelstandspolitik nach dem Prinzip, daß jeder Arbeiter seines Lohnes wett ist. Außerdem strebt die „Oberhesfische Zeitung" eine Förderung aller produ- zierenden Stände und Berufe au und will einen freien Bauernstand auf feinem eigenen Brund und Boden erhalten wissen.
Im Laufe dieses Vierteljahres beginnt der Reichstag feine Arbeiten wieder und feine hauptsächlichste Tätigkeit wird in der Beratung der Zolltarifvorlage bestehen. Die Oberhesfische Zeitung wird dieser Vorlage ganz besonders ihre ständige Aufmerk- samkett widmen und fie nach allen Richtungen hin in Leit- und Umschau-Artikeln ausführlich erörtern. Ihre Leser werden daher stets genau über den Stand der Beratungen dieser für die P r o - duzierenden Stände so brennend wichtigen Vorlage orientiert sein. Die gleiche
Berückfichttgung werden aber auch alle anderen wichtigen Fragen erfahren.
Da die .Oberhesfische Zeitung" in ständiger Verbindung mit dem größten deutschen, aus amtlichen Quellen bedienten telegraphischen Büreau steht und ein weitverzweigtes Netz von Korrespondenten in ihrem Verbreitungsbezirke und wett darüber hinaus unterhält, so ist fie in der Lage, bei der großen Zahl von interessanten, neuesten Nachttchten, die fie täglich veröffentlicht, ficher für jedermann etwas zu bringen, was deffen Jnterefle ganz besonders in Anspruch nimmt. Außerdem ist fie immer bemüht, die Zahl ihrer Nachrichten aus Stadt und Land zu vermehren, da der fich beständig vergrößernde Leserkreis der „Oberhesfische« Zeitung" dies erfordert und ermöglicht. Der Auswahl der zur Veröffentlichung kommenden Romane und Erzählungen werden wir erhöhte Aufmerksamkeit widmen.
Zum Schluffe bitten wtt noch unsere zahlreichen Freunde und Leser, in ihrem Bekanntenkreise zum Abonnement aus unsere Zeitung aufzufordern! Diese Mühe kommt ihnen selbst wieder zu gute! Denn je mehr Abonnenten eine Zettung hat, desto mehr kann fie im Interesse ihrer Leser für die Ausgestaltung ihres redakttonellen Telles aufwenden und diesen immer inhaltsreicher, belehrender und intereffanter gestalten!
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Redaktion uud Verlag der » Oberhefsifche« Zeitung".
Eine zweckmäßigere Methode bei Begebung von Reichsanleihen.
Wie eS scheint, fallen in der nächsten Zeit mehrere ausländische Anleihen auf den deutschen Markt gebracht werden; man rechnet also offenbar mit einer Vorliebe des Anlagen suchenden Publikums für ausländische Wette. Diese Tatsache befremdtt auf den ersten Blick. Denn dem deutschen Publikum bietet sich in den Konsuls des Reichs und Preußens ein Anlagepapier, das an Sicherheit die meisten ausländischen Staatspapiere weit übettrifft, ohne doch soviel höher im Kurse zu stehen, wie dies der größeren Sicherheit entspräche. Jedenfalls stehen diejenigen ausländischen Papiere, welche den deutschen und preußischen Konsols an Sicherheit gleich sind, ohne höher verzinslich zu sein, wie u. a. die englischen Konsols und die französische Rente, im Kurse beträchtlich höher als jene. Gerade aber dieser Kursunterschied völlig gleichwertiger Papiere weist darauf hin, daß besondere äußere Gründe die Nachfrage nach jenen inländischen Anlagewetten beschränken und ihnen die Gunst des für seine Ersparnisse
Anlagen suchenden Privatpublikums in hohem Maße entziehen. Forscht man dm Ursachen dieser Erscheinung nach, so springt alsbald ein erheblicher Unterschied zwischen den in» und ausländischen Papieren der in Rede stehenden Art inS Auge. Im Gegensatz zu England und Frankreich nimmt das Reich so ziemlich alljähttich, zumeist in den ersten Monaten des Jahres, den Geldmarkt für sein Kreditbedürfnis in Anspruch. Das ist die natürliche Folge der im Reiche bestehenden Uebung, die Anleihen mit dem Etat und stets nur in Höhe des jeweiligen Jahresbedarfs zu bewilligen. Damit wird, zumal bei den knappen Betriebsfonds der Reichskaffe der Reichsfinanz- verwaliung die Bewegungsfreiheit und somit die Möglichkeit, die für die Begebung von Anleihen günstigen Lagen des Geldmarktes voll auszunutzen und umgekehrt die Inanspruchnahme desselben in ungünstigen Zeiten zu vermeiden, in höchst erwünschter Weise beschränkt. Sie muß auch dann, wenn der Eeldstand nichts weniger als dazu einladet, den Geldmarkt in Anspruch zu nehmen, um ihre Verbindlichkeitm erfüllen zu können. Die preußische Finanzverwaltung ist in einer besseren Lage; hier werden die Anleihen für ihre ganze Zweckbestimmung auf einmal bewilligt und der Finanzminister ist völlig frei in der Wahl des Zeitpunktes, zu welchem die Kredite flüssig zu machen find. Die bessere Ausstattung der Staatskasse mit Betriebsmitteln und die Möglichkeit, die zur Schuldenttlgung bestimmten Anleihen auf laufende Kredite zu verrechnen, verleihen der preußischen Finanzverwaltung das zur zweckmäßigen Begebung der Anleihen erforderliche Maß von Elastizität, das aber der Reichsfinanzvrrwaltung fehlt. Ist diese daher genötigt, Jahr aus Jahr ein mit ihrem Jahresbedarf an Konsols an den Markt zu kommen, so wirkt diese Tatsache allein schon sehr nachteilig auf die Nachfrage von Konsols im übrigen Teile des Jahres. Wer z. B. am Schluß des ersten Halbjahres Geld anzulegen hat, wird sie nur zu häufig von dem Ankauf von Reichskonsols durch die Erwägung abhalten lassen, daß er solche in einigen Monaten bei Begebung der nächsten Anleihe zu billigerem Kurse werde ankaufen können. Diele Kapitalisten wenden fich daher, wenn auch zum Teil nur mit der Absicht zwischenzeitiger Anlegung ausländischen Papieren zu, fitzen dann zumeist auf diesen fest und find somit als Kundschaft für die Reichskonsols verloren. Die preußischen Konsols teilen dann, wie bei dem engen Zusammenhänge beider Papiere nicht anders zu erwarten ist, deren Schicksal. So wird infolge der durch die Finanzwittschast des Reiches bedingten alljährlichen Inanspruchnahme des Geldmarktes den inländischen Papieren die Kund
schaft des Ersparnisse anlegenden Publikum- vielfach entzogen und dafür exottschen Anleihe« geradezu zugefühtt, und es wirst fich daher die Frage von selbst auf, ob es fich nicht empfehle« dürste, durch den Üebergang zu einer zweckmäßigeren Methi^e der Begebung der Anleihe«, etwa nach preußischem Muster, diesem Mißstande abzuhelfen.
39 «Nachdruck verboten.)
Die Kinder.
Novelle von Marie Bernhard.
(Schluß.)
„Was heißt das?" fragte er zuletzt langsam.
„Ich habe gelobt —" begann fie, da unterbrach er fie voller Ungeduld.
„Guter Gott, Käthchen, was gelobt der junge, unerfahrene Mensch nicht alles in Stunden seelischer Erregung! Du hast mir einmal angedeutet, daß Du Deiner verstorbenen Schwägettn auf ihrem Totenbett versprochen hast, Dich der Kinder anzunehmen! Run, Du hast das nach Kräften gethan, — sogar über Deine Kräfte! Du hast die arme Sterbende beruhigen wollen, und da8 war richttg von Dir, — Tu hast Dein Gelübde treulich erfüllt, so lange die Verhältnisse eS gestatttten. Und als fie eS nicht mehr gestatteten, — nun, da ist eS eben auch so gegangen!"
„Das ist es nicht, Erwin! Ich sagte und ich schrieb Ihnen —"
„Es heißt nicht mehr „Ihnen", Käthchen, eS heißt „Dir". Und die Strass —'
Er wollte fie an fich ziehen und küssen. Sie errötete bis unter ihre duftigen, blonden Stirnlöckchen und wehtte ängstlich ab.
„Nein, nein! Ich — ich — um Gotteswillen, Erwin. . . Sie muffen mich anhören, es ist mit heiliger Ernst mtt dem, was ich Ihnen zu sagen habe!"
„Ich will Dich ja auch anhören, Liebchen! Und glaubst Du, mir wär? es nicht Ernst?"
Auch jetzt noch versuchte Erwin Rothe zu lächeln, aber es mißlang ihm einigermaßen.
„Die Kinder — fie können unmöglich in
Pension leben. Walter, der fich eben erholt, den wir mit Mühe und Opfern soweit gebracht haben, würde bei der kleinsten Vernachläsfigung augenblicklich wieder rückfällig werden. Für Liddh ist eine fremde Umgebung geradezu Gift. Beide Kinder würden körperlich wie geistig zurückgehen, wenn fie in ein Pensionat kämen."
„Gut, — so ist es eben kein Pensionat! So kommen fie dahin, wohin fie von Rechtswegen gehören: in ihr Elternhaus!"
„Das wäre beinahe noch schlimmer. Margot hat kein Herz für sie, versteht und liebt fie nicht, behandelt sie launenhaft und ungerecht, Hermann kann fich wenig um fie kümmern —'
„Warum kann das der Herr Baumeister nicht?" In dem hübschen, offenen Geficht des Oberlehrers begannen die Äugen zu blitzen, eine kleine, blaue Ader an seiner rechten Schläfe straffte fich und schwoll an. „Was ist daS für ein Vater, der keine Zett, sagen wir, der keine Lust hat, sich um seine Kinder zu bekümmern und seiner zweiten Frau gegenüber deren Rechte zu vertreten und seinen Willen durchzusetzen? Es hat bisher kein „Muß" vor ihm gestanden! Ist das einmal da, so pflegen auch gewissenlose Eltern merkwürdig rasch zu begreifen, was ihre Pflicht ist und zu welchem Zweck ihnen daS Schicksal Kinder geschenkt hat!"
„Nennen Sie Hermann nicht gewissenlos!" rief Käthe angstvoll. „Das ist ein hartes Wort, daS verdient er nicht. Er war hier, — gestern nur, auf der Durchreise! — er hat die Kinder gesehen, sich an ihnen gefreut und mir wöttlich, als wir eine halbe Stunde unter vier Augen waren, gesagt: „Gerade weil ich die Kinder jetzt mehr, viel mehr liebe, als früher, darf ich nickt daran denken, sie wieder iu mir iu