Noch einmal:
Die angebliche Fleischnot!
IL
Wenn wir erwähnten, daß das Schlachtvieh gegenwärtg etwas höher im Preise steht, wie sonst, so wollen wir doch gleich nochmals bemerken, daß der P r°e i s u n t e r s ch i e d, um den in diesem Jahre durchschnittlich A. B. die Schweinepreise höher find als in der gleichen Zeit des Vorjahres, nicht mehr als 1—3 Mk. pro 100 Pfund Schlachtgewicht beträgt, daß also dem Züchter das Psund Fleisch nur 1—3 Pfennige teurer bezahlt wird wie damals. Wir wollen aber ebenfalls hinzusügen, daß nach den Marktberichten, die nebenbei höchst selten einmal von einem flotten Geschäft zu melden wissen, die Preise für Schweinefleisch zwischen 60 — 6 7 Mk. pro 100 Pfund Schlachtgewicht je nach Qualität schwanken und daß z. B. im Jahre 1882 für dieselbe Fleischart die 100 Pfrmd Schlachtgewicht 72 Mark, also ea» 5 Mark mehr kosteten, wie heute, wo die Händlerpreffe über den Fleischwucher zetert. Die Fleischpreise, die der Bauer heute bezahlt bekommt find also sowohl obfolnt noch relativ bedeutend niedriger als jene im Jahre 1882, als wir noch keine Grenzsperren kannten und wo man nichts vom Fleischwucher hörte. Als Bismarck dagegen im Jahre 1883 das Einfuhrverbot für amerikanisches Fleisch in Kraft treten ließ, gingen die Diehpreise so herunter, daß 1885 Schwei ne pro 100 Pfund Schlachtgewicht nur 40 — 45 Mark kosteten, und das trotz der Grenzsperre! Hier h<tt also die Grenzsperre eine Wirkung gehabt, die genau der entgegengesetzt ist, die die Händler von ihr erwarten: nach ihrer Einführung wurde das Fleisch nicht teurer, sondern billiger, und heute würde nadj ihrer Abschaffung sicher das Fleisch nicht billiger, sondern teurer werden!
Denn die Konjunktur hat fich etwa seit Jahresfrist aus dem Weltmarke vollständig geändert. Die billigen amerikanischen Vieh- und Fleischpreise gehören der Vergangen-
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.
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Marburg
Freitag, 19. September 1902.
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Abend-AuSgabe.
Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, NniversitLtS-Buchdruckerei Marburg, Markt 2L — Telephon 55.
37. Jahrg.
Vergessen Sie nicht die „Oberheffifche Zeitung" in Marburg, die eutschiedeufte Vertreterin des Mittrlftandes in Stadt und Land für das
IV. Quartal 1902 zu bestellen!
heft an, sie waren abfichtlich durch die ameri- kanischen Großspekulanten, die Herren Armour und Consorten, so niedrig in den vergangenen Jahren gehalten worden, um daL selbständige Fleischergewerbe, das dieser mit ungeheuerem Betriebskapital arbeitenden Konkurrenz nicht gewachsen war, erst einmal gründlich zu ruinieren und von dem Spekulantentum völlig abhängig zu machen. War dies geschehen, dann konnten die amerikanischen Großhändler nach Belieben die Fleisch preise festsetzen, und nun es geschehen ist, jetzt, wo die früher selbständigen Metzger ruiniert und nur noch willenlose Angestellte der Großspekulanten sind, diktieren diese die Preise und zwar so, daß den Amerikanern die Augen übergehen. Nach dem Chikagoer Marktberichte vom 30. August haben Rinder gegen den gleichen Tag des Vorjahres eitle Steigerung des Preises nm 40 "/ft pro 100 Pfd. Lebendgewicht und Schweine eine solche von 30 % erfahren! Und das alles in einem Zeitraum von einem einzigen Jahre! In Amerika beherrschen demnach die Großspekulanten bereits den Fleischmarkt und zweifellos haben fie auch schon ihre Arme nach England auSgestreckt, um dort dem selbstständigen Fleischerhandwerk ebenfalls den Garaus zu machen und fich dann der Herrschaft auf dem englischen Markte zu bemächtigen. Wenigstens deutet die Tatsache, daß in England eine große Anzahl Fleischergeschäfte geschlossen, d. h. bankerott find, darauf hin, daß die amerikanischen Vamvhre auch dort ihre Tätigkeit begonnen haben. Sollten in Deutschland nun auch die paar wenige n.. aus veterinären Gründen eingerichteten Schutzmaßregeln gegen das minderwertige amerikanischeFleisch fallen, dann werden die amerikanischen Händler fich auch sehr bald des deutschen Marktes bemächtigen und zunächst unser deutsches Fleischergewerbe zu Grunde richten, um dann selbstherrlich den deutschen Konsumenten die Preise vorzuschreiben! Dann aberwehe uns! — Aus diesem einfachen Gedankengang heraus ist es uns unerklärlich, wie die deutschen Fleischer bei dem Geschrei nach Oeffnung der Grenzen mit dem internationalen Händlertum an einem Strange ziehen können, wo dieses zunächst darauf ausgeht, daS Metzgergewerbe zu ruinieren!
Die gegenwärtige Preissteigerung auf dem amerikanischen und> englischen Fleischmarkt muß aber, da wir ja in Deutschland nur teilweise Grenzsperren haben, not
wendig auch auf die deutschen Marktverhältnisse zurückwirken und hier ein, wenn auch durch die den Lebensbedarf deckende eigene Diehproduktion gemäßigtes Steigen der Preise Hervorrufen! — Und dies ist der 2. Grund des Anziehens der Fleischpreise!
Die 3. Ursache des Steigens der Fleisch preise ist das in der liberalen Presse unaufhörlich geflötete Lied von der Fl eis ch- not und der Fleischteuerung, wodurch die Landwirte, die jene Blätter lesen, zu dem Glauben verleitet werden, daß die Vieh- preise noch weiter steigen werden. Es ist nur natürlich, daß fie im Hinblick auf diese durch die Händlerpreffe an die Wand gemalte Möglichkeit ihr etwa vorrätiges Schlachtvieh noch mehr zurückzuhalten geneigt sind, um für den Verkauf erst noch höhere Preise abzuwarten! Einen ähnlichen Vorgang haben wir ja vor 2 Jahren bei der sogen. Kohlennot erlebt! Durch das törichte Märchen der Fleischnot also, das die Händler und ihre Presse in die Welt gesetzt haben, tragen fie selbst dazu bei, die Fleischpreise weiter in die Höhe zu treiben.
Den 4. endlich und letzten Grund des Anziehens der Fleischpreise lernen wir aus einer Erklärung be8 Obermeisters der Fleischerirmvug z« Ruhrort, Herrn Heinrich Stachel haus, kennen. Derselbe führte in einer Replik gegen den Obermeister Mvhrmann (Hannover) folgendes aus:
„Der jetzige Dorfchlag des Kollegen Mohr- mann ist ganz unentschuldbar. Denn wenn wirklich die deutschen Fleischer nach seinem Vorschläge 14 Tage lang »nicht schlachten" wollten, so würden die Hamburger Fleisch- import eure und die inländischen Fleischwarensabriken, welche bisher aus amerikanischem Boraxfleisch »deutsche Fleischwaren" fabrizierten, sofort ihr ganzes Lager zweifelhafter Ware zu den höchsten Preisen räumen können. Mit dem 1. Oktober tritt das Verbot in Kraft, welches verbietet, Fleischwaren in Verkehr zu bringen, welche mit Borax und Borsäure bearbeitet sind. Wenn also bis zum 1. Oktober die Vorräte des Boraxfleisches und der daraus hergestellten Fleisch- und Wurstwaren nicht geräumt find, so können die Inhaber diese Ware, was sie ja auch eigentlich ist, nur noch als Hundefutter verwetten. Es wäre deshalb sehr wertvoll, wenn amllicherseitS festgestellt würde, welche Vorräte von amerikanischem Boraxfleisch als Spekulationsware noch in den Speichern des Hamburger Freihafens aufgestapelt liegen. Nach dem 1. Oktober können damit nur noch die von Hamburg abgehenden Seeschiffe versorgt werden; daS übttge
muß wieder nach dem Auslande ausgeführt werden. Das giebt natürlich einen großen Verlust für die Herren Jmpotteure, und deshalb machen fie jetzt die krampfhaftesten Anstrengungen, noch schnell ihre Ware in Deutschland an den Mann zu bringen. In gleicher Lage find die zahlreichen großkapitalistische« Wurstfabriken, die noch Massen von borsäure- haltigen, minderwettigen Fleischwaren amerikanischen Ursprungs auf Lager haben. Diese Leute jubeln natürlich über die augenblicklichen hohen Viehpreise und jede Mark, um welche die Schweinepreise noch weiter steigen, wandett auf Umwegen in die Taschen dieser Spekulanten. Deshalb glaube ich auch, datz die gegem wärtige Steigerung der Viehpreife gerade von derjenigen Spekulanten« gruppe ausgeht, welche au den «och vorhandene« Beständen boraxhaltiger Fleifchware« beteiligt ist. Und ich bedauere sehr, daß die organisierte deutsche Land- wittschaft nicht bereits gegen dieses Treiben eingeschritten ist und durch eine eigene Organisierung des Schlachtviehverkaufs die Viehpreise auf eine feste, den tatsächlichen Züchtungskosten entsprechende Höhe gesetzt hat. Und
dies ist der 4. Grund der Steigerung der Fleischpreise!
Man hätte Wohl erwatten dürfen, daß der Vorstand des Deutschen Fleischerverbandes auf diese klar formulierten Vorwürfe antwotten werde. Bis jetzt ist es aber nicht geschehen, offenbar ein Beweis, daß die Angaben des Herrn Stachelhaus einwandfrei sind.
Auch die Händlerpreffe hat von diesem Schreiben keine Notiz genommen, warum — werden fich unsere Leser wohl selbst sagen. Aber man fieht, daß Obermeister Stach.el» h a u § ein Mann von klarem Verständnis ist, der einfieht, daß das selbständige Fleischergewerbe zu Grunde gehen wird, wenn di« Fleischer fich nicht von dem Einflüsse deS Händlertums befreien können.
In den vorhergehenden Ausführungen haben wir anerkannt, daß tatsächlich ein Steigen der Fleischpreise zu bemerken ist, wir haben aber auch gleichzeitig zu erklären gesucht, welches die Gründe dieser Erscheinung find. Zur Beruhigung der Konsumenten können wir nach eingehender Untersuchung der 4 gefundenen Gründe erklären, daß fie alle 4 kaum vermögen werden, xin weiteres Steigen der Viehpreis« für den kommenden Winter herbeizuführen, sondern daß fie bei der natürlichen Abwickelung der Dinge in einiger Zeit von selbst wieder hinfällig werden, ausgenommen vielleicht allein den 2. Grund: die ungünstige Einwirkung des amerikanischen Händler- ringeS aus den deutschen Markt! Aber auch dieser Grund wird bei der zur Ernährung
33 - (Nachdruck verboten.)
D i e K i n d e r.
Novelle do» Marie Bernhard.
(Fortsetzung.»
Der kleine Junge hat einen sehr geraden, rechtlichen Sinn, alles Drehen und Ausreden ist ihm ftemd. Er kann sein ttesstes Empfinden viel schwerer äußern, als Liddy, er hat uns zum Beispiel nie mit klaren Worten gesagt, wie lieb er Sie hat oder daß er fich nach Ihnen sehnt, wird aber Ihr Name nur ausgesprochen, so wftd er sofott rot, die Augen fangen an, ihm zu leuchten, und sowie er Fieber hat und phantasiert, heißt es fast ununterbrochen bei ihm: »Mama Käthe! Schöne — liebe Mama Käthe!"
Das junge Mädchen reichte der atten Dame gerührt die Hand hinüber. Die Hellen Tränen standen ihr in den Augen.
»Wie gütig von Ihnen, mir das alles zu sagen! Sie find sehr gut gegen die Kinder gewesen, ich danke Ihnen!"
»Ich war gegen die Kleinen wie gegen meine übrigen Pflegebefohlenen, aber meine Aufgabe Hvar hier schwerer und ist mir nicht so gelungen, wie ich es wünschte. Kommen Sie jetzt mit mir, liebes Fräulein, ich denke, unser klerner Kranker wird inzwischen wach geworden sein. Er schläft immer nur in kurzen Absätzen."
»Mein Sorgenkind!" seufzte Käthe.
„66 wird bester mit ihm werden, wenn « ganz bei Ihnen ist!"
„Weiß er, daß ich komme?"
„Nein, wir haben die Kinder überrasche« wollen!"
Die beide« Damen nahmen ihren Weg durch verschiedene Zimmer, He den Zöalinam ge
hörten. Die Kinder waren sämtlich in der Schule, die Stuben waren sauber und aufgeräumt, aber eine gewisse Nüchternheit in Anordnung und Ausstattung war unverkennbar.
Im letzten Zimmer — dem ruhigsten, da es nach hinten gelegen war, wie die Vorsteherin bemerkte, während fie vorfichtig die Tür öffnete, — lag Walter in einem schmalen Bettchen zwischen weißen Kiffen. Sein Geficht war der Wand zugekchrt und er mertte es nicht, daß jemand inS Zimmer gekommen war.
Die alte Dame neigte sich über ihn.
„Er wacht!" sagte fie mit halber Stimme. Dann fügte fie laut und freundlich hinzu: „AvS- geschlafen, mein kleiner Walter? Möchtest Du Dich nicht einmal umdrehen? Ich will Dir etwas zeigen!"
Das Kind lächelte matt und drehte sein kleines, gleichgültig blickendes Geficht mechanisch zur Seite. Im nächsten Augenblick kniete Käthe neben seinem Bett und hielt ihn in ihren Armen.
„Mein Walterchen!" sagte fie schluchzend.
AuS seiner kranken Brust brach ein heiserer ©tfctei hervor. Er griff mft beiden Händen nach Käthes Geficht, als könne et nicht glauben, was er sah; die Augen — ganz seiner toten Mutter Augen weiteten fich ihm und glänzten, wie von einem inneren Feuer durchleuchtet. Der unscheinbare, elende Heine Junge, den die Menschen „eher häßlich als hübsch' nannten, . . . in diesem Augenblick war et schön!
„Mein Herzenskind, — Walterchen, — ich komme, um Dich zu mit zu holen!" sagte Käthe zärtlich.
„Kommst, um mich zu Dir zu holen!" wiederholte er leise, wie ftn Traum.
„Ja, — und Du sollst ganz bei mit bleiben, — fttr immer!"
„Ach, Mama Käthe!"
Er sagte nichts weiter, es bedurfte dessen auch nicht. Das kleine Geficht wat verklätt, als täte es einen Blick ins Paradies.
Und durch die anstoßenden Zimmer kam eS in wildem Lauf, — warf hier etwas polternd zu Boden, stieß dort etwas um, schmettette eine Tür ins Schloß, ließ die nächste offen stehen, — und ein reizendes, schlankes Kind fegte wie ein Wirbelwind hinein, rannte die Penfions- vorsteherin fast über und warf fich in Käthes Arme.
„Ich hab' Deinen Hut und Mantel im Vorzimmer hängen sehen!" stieß Liddh atemlos heraus. „Deinen Hut und Mantel! Kommst Du uns holen? Dürfen wir zu Dir?"
„Ja, Liddhchen ja!"
„Und bei Dir bleiben?"
„Ja, — Ihr bleibt, Papa wird es schon erlauben!"
„Ach, — der 1 Der hat gar nichts zu erlauben! Du — Du bist für uns Papa — und Mama — und alles, — und alles! Und ich werde so attig seirt, so fleißig, — so — so — Du sollst sehen, Tante Käthe!"
Sie hiett fie beide an ihr Herz gedrückt und wat glücklich.
* * *
IX.
Ein Tag im Oktober. Aber einer von den fettenen Tagen, wie der Sommer fie dem Herbst gelegentlich schenkt, recht wie mit Abficht, um den Menschen das Scheiden der schönen Jahreszeit boppeü schwer zu machen. Flammenden Mänteln gleich umhing pupurrotes und leuchtend gelbes Blätterwerk die Bäume, und daS gleißte im Hellen, freudigen Sonnenschein — ein bunte» Farbenwunder! Ank dem blänlübtn Wakler-
spiegel des Sees, an welchem die Stadt P. lag, tanzten goldene Funkengarben einen augenblendenden Reigen, und nahe am Ufer, wo viele von den schönen, alten Bäumen standen, spiegelte fich in der leise zitternden Flut ihr prangendes Bild, daß es aussah, als wachse so märchenhafte Pracht aus der feuchten Tiefe herauf.
Der brünette Herr, der soeben mit einem paar Dutzend anderer Reisenden dem Schnellzug entstiegen war, winkte den Gepäckträgern und Hoteldienern etwas ungeduldig ab. Er war vor einigen Jahren einmal hier gewesen, er würde fich zurechtfinden können, und da» Heine Handköfferchen trug er wie ein Spielzeug in der Linken, baS beschwerte ihn nicht. Eine hübsche, malerisch gelegene Stadt, und weich' ein entzückendes Wetter! Wenn alles übrige so günstig war . . .
Baumeister Frehtag, denn er war es, bog in eine neue Straße ein, die ihm von seinem früheren Aufenthalt nicht erinnerlich war. Natürlich» hier hatten fie auch gebaut, da» taten fie überall. Mietskasernen, versteht fich, aber wenigstens ganz ansehnliche, und mit Gärtchen vor den Thüren.
Aus einem großen, aus roten Backsteine« erbauten Hause, da« etwas zurückwich, drang der laute Schall einer weithin tönenden Glocke, und unter ziemlichem Lärm quoll eine ganz» Schar von Jungen verschiedenen Alters wie verschiedener Größe aus dem Hauptpottal uni zwei NebenauSgängen.
Eine Knabenschule! Vielleicht diejenige, welche fein Junge besuchte! Er hatte nicht acht gehabt auf den Namen bei Straße, immtte« wÄcher er fich befand» fSortiefcuna rolat)