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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Mnftrirtes Sonntagsblatt.
M 226
Bierteljöhrlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 ML, 9Ätt 1f fl
bei allen Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).
Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg. Sonnabend, 13. September 1902
Reclamen: die Zelle 25 Pfg. . _______________________________________
Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertage». Sonnabends in Morgen- und Abend-Ausgabe.
Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, Umverfitäts-Buchdruckers Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. J-chrg.
Mtttag-Ausgave.
Die inmänische Petroleumindustrie.
Die Entwickelung der rumänischen Petroleumindustrie hat auch im vergangenen Jahre weitere Fortschritte gemacht. Besonders im ersten Halbjahr 1901 erfolgte durch Erbohrung neuer Quellen und infolge Neubildung von Betriebsgesellschaften eine weitere Steigerung der Produktion. So entstanden die Telega-Gesell- fchaft, die in Telega mit belgischem und englischem Kapital arbeitet, die londoner Pojana- Gesellschaft, die rumänische Vereinigte Petroleum- Gesellschaft und eine Reihe anderer Vereinigungen vorwiegend rumänischer Unternehmer. Der Mehrertrag der Ausbeute gegen die ersten 6 Mon. des Vorjahres belief sich auf 25000 Tonnen Petroleum, die zum größten Teile von der Steaua Romana-Gesellschaft gewonnen wurden. Im zweiten Halbjahr 1901 gestalteten sich die Verhältnisse wesentlich ungünstiger, da ein großer Teil der neubegründeten Unternehmungen wegen Mangels an ausreichenden Betriebsmitteln und infolge schlechter Verwaltung nur sehr geringfügige Ausbeute erzielte und daher in schwere finanzielle Krisen geriet, Selbst die Steaua-Romana-Gesellschaft, die etwa die Hälfte der Gesamtproduktion aus sich vereinigte und durch ihre bedeutende Produktion in erster Linie dazu beigetragen hat, daß ein Mehrertrag gegen das Vorjahr erreicht wurde, hat ihre Aktionäre schwer enttäuscht, indem eine Dividende, deren Betrag seit 1897 von 5°/0 auf 9% gestiegen war, im letzten Jahre nicht verteilt wurde. Der Gesamtbetrag der rumänischen Petroleumproduktion, stellte sich, wie gesagt, etwas höher als im Vorjahr, dessen Produktion 241000 Tonnen betrug. Don den 1901 gewonnenen 270 000 Tonnen wurden 195000 Tonnen imLande s elbst verarbeitet, 8000 Tonnen verblieben als Rohpetroleum in den Lagehäusern der Gesellschaften, und 67 000 Tonnen wurden ins Ausland exportiert. Aus dem im Lande verarbeiteten Quantum wurden gewonnen 13,1 °/0 Benzin oder 25 600 Tonnen, 27,5 % Petroleum- Raffinade oder 53 700 Tonnen, 6,4 °/o oder 12 600 Tonnen mineralische Oele, und 85000 Tonnen verblieben als Rückstände. Doch sind diese Rückstände bei der gewerblich tätigen Bevölkerung Rumäniens, da an anderem Feuerungsmaterial empfindlicher Mangel besteht, als Heizmittel sehr begehrt und mit 36 Mk. für die Tonne nur um 8 Mk. billiger als das Rohpetroleum. Weniger verbreitet ist dagegen der Verbrauch des Petroleums zu Beleuchtungszwecken, auch der Benzinkonsum ist geringfügig, dagegen
finden die ausgeschiedenen mineralischen Oele zu landwirtschaftlichen Zwecken Verwendung und stehen daher gut im Preise. Die Ausfuhr rumänischen Petroleums erreicht in der Matte des Jahres ihren Höhepunkt; so kommt der Export der Monate Januar bis März nicht über 1800 Tonnen im Durchschnitt hinaus, dagegen wurden im März-April fast je 5000 Tonnen, im Juni 4500. im Juli 6000, im August-September 7100 bezw. 8300 Tonnen ausgeftihrt, während der Export im November und Dezember wieder auf den dritten Teil dieses Betrages zurückging. Der größte Teil der rumänischen Petroleumausfuhr geht nach Deutschland und Oesterreich-Ungarn, die 18 200 bezw. 16150 Tonne» importierten. Mit nennenswerten Beträgen folgen England mit 12600 Tonnen, die Türkei mit 3300 und Belgien mit 2500 Tonnen. Von der Ausfuhr ist etwa ein Drittel Rohpetroleum, der übrige Teil Petroleumraffinade, Benzin und mineralische Oele.
Umschau.
Widerstand gegen die Staatsgewalt und Rechtsprechung.
Eine auffällige Entscheiduog ist in den letzten Tagen von der Ferienkammer zu Dortmund gefällt worden, indem dieselbe einen Angeklagten sreisprach, welcher in einer öffentlichen Maurer- versammlung zum sofortigen Streik ohne Rücksicht auf die Kündigungsfrist aufgefordert hatte, weil eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze civilrechtlicher Natur nicht kriminell strafbar sei.
Nun hat aber das Reichsgericht schon seit Jahren dahin erkannt, daß unter Gesetze oder rechtsgiltige Verordnungen oder obrigkeitliche Anordnungen zu deren Verletzung in Gemäßheit des § 110 des Reichsstrafgesetzbuchs nicht öffentlich aufgefordert werden darf, auch die Civilge- setze fallen, denn es werde freilich — wie der oberste Gerichtshof durch Erkenntnis vom 28. November 1899 ausführte — durch die Nichtbesolgung einer civilrechtlichen Vorschrift deren Bestand nicht erschüttert, dasselbe gelte aber auch von jedem anderen Gesetz; die Strafbestimmung des § 110 beruhe auf dem Gedanken, daß ein öffentliches Jntereffe daran bestehe, daß nicht die Achtung vor dem Gesetz und vor der Autorität der Obrigkeit im Volk erschüttert, der gesetzliche Sinn im Volke untergraben und dadurch Veranlassung zur Störung der Rechtsordnung gegeben werde; eine Verletzung dieses öffentlichen Jntereffes finde das Strafgesetz in öffentlich vor einer Menschenmenge ergehenden Aufforderungen zum Ungehorsam gegen Gesetze und gegen Anordnungen der Obrigkeit; es stelle deshalb solche Aufforderungen unter Strafe, gleichviel, ab das einzelne Gesetz, zu dessen
Nichtbefolgung aufgereizt werde, an sich dem Schutz öffentlicher oder privater Jntereffen diene.
Es hat das Reichsgericht weiter dahin erkannt, daß auch die irrige Annahme, daß die Obrigkeit zu der fraglichen Anordnung nicht zuständig gewesen sei, die Strafbarkeit nicht ausschließe, da die obrigkeitliche Autorität dem Ermeffen des Einzelnen nicht untergeordnet werden könne, und es hat ferner der oberste Gerichtshof dem Tatbestand dieses Vergehens auch in einem Fall angenommen, in welchem der Angeklagte an eine größere Anzahl von Rekruten die öffentliche Aufforderung gerichtet hatte, nach ihrem bevorstehenden Eintritt in das Heer die sozialdemokratischen Lehren während ihrer Dienstzeit unter den Kameraden zu verbreiten, weil dies den militärischen Ordres, die sich gegen die revolutionären und sozialdemokratischen Kundgebungen richten, widerstrebe.
Wir stehen somit vor der Tatsache, daß em Gericht sich in bewußter Absicht gegen diejenigen Entscheidungen des Reichsgerichts auslehnt, die der deutschen Gerichtsverfaffung gemäß als Normativentscheidungen zu gelten haben. Die Sozialdemokratie und der Freisinn find freilich mit dieser Entscheidung außerordentlich zufrieden. Es fragt sich aber, ob auf diese Weise das Fundament unserer Rechtsprechung durchlöchert werden darf.
Ein englisches Urteil!
Unter Bezugnahme auf die Anwesenheit englischer Offiziere bei den deutschen Manövern sagen die .Times':
„Die Vorteile, die aus der Anwesenheit einer Anzahl unserer Offiziere bei den Manövern der am meisten ausgebildeten der kontinentalen Armeen erwachsen können, liegen auf der Hand. Es kann bei solchen Gelegenheiten von denjenigen Leute«, die die nötige Intelligenz und Kenntnis befitzen, die richtigen Schlußfolgerungen aus dem zu ziehen, was fie sehen, stets viel gelernt werden, und es ist besonders wünschenswert, daß englische Offiziere, die die verantwortlichsten Stellen bekleiden, eine Gelegenheit haben, alles zu lernen, was sie lernen können, besonders in einer Zeit, in der eine gründliche Reform unseres Militärshstems der Nation vor allen Dingen am Herzen liegt, Unser Militärsystem kann natürlich, wie wir kaum zu erwähnen brauchen, niemals nach den Systemen der kontinentalen Mächte umgestaltet werden. Das deutsche System bringt prachtvolle Resultate zu stände, die den Zwecken, denen es dienen soll, in bewundernswerter Weise angepaßt find. Aber selbst, wenn wir durch die Uebertragung dieses Systems nach England ähnliche Resultate erreichen könnten, so würden das doch nicht die Resultate sein, die wir wünschen. Der verschiedene Charakter der beiden Reiche bedingt auch eine Verschiedenheit der Armeen. Die deutsche Armee hat in Europa, in ununterbrochener Verbindung mit dem Vaterlande durch Eisenbahnen und Heerstraßen, zu arbeiten. Die Arbeit der englischen Armee liegt zumeist Tausende von Meilen von der Heimat entfernt. Die China-Expedition hat in unzweifelhafter Weise dargetan, wie fraglich es ist, ob irgend eine Aenderung des deutschen Systems jemals in der Lage sein wird, eine
Armee zu schaffen, die den Anforderungen, emes Weld> reiches, wie das mrsrige es ist, entspricht. Selbst wenn man in jeder Weise in Betracht zieht, dafi Deutschland bei dieser Gelegenheit zum ersten Male eine beträchtliche Acknee über die Meere schickte, und daß die Truppen in Eile zusammengerafft warm, kann der wärmste Bewunderer der deutschen Organisation nicht mehr leugnen, daß das Resultat enttäuschend war. Der Landtransport, der wie alle Soldaten, die mit derartiger Arbeit vertraut finiy wiflen, eine der schwerwiegendsten Schwierigkeiten von Expeditionen dieser Art ist, brach beinahe zusammen und wäre vollständig zusammengebrochen, wenn wir nicht glücklicherweise in der Lage gewesen wären, den Deutschen die beträchtliche Hilfe zu leistet^ die fie erbaten. Die sogenannten Strafexpeditionem die Graf Waldersee anordnete, wurden häufig mir einer Unvorsichtigkeit durchgeführt, die das Erstaunen der Offiziere anderer Mächte hervorrief, und die sicherlich Verderben nach sich gezogen hätten, wenn die deutschen Truppen chinesische Truppen von der Qualität vor sich gehabt hätten, wie die^ welche die übrigen Verbündeten in der Nachbarschaft von Tientsin und auf dem Wege nach Pcking vor Waldersees Ankunft trafen und schlugen. Die Expedition enthüllte einen Mangel bei den Deutschen, der vielleicht von noch größerer Bedeutung ist, oI8 der Zusammenbruch des Transportwesens oder die Irrtümer des Oberkommandierenden, einen Mangel nämlich, der sich vielleicht noch unmtttelbarer auf die Ausbildung zurückführen läßt. Es wurde bemerkh. daß Offizieren und Mannschaften die Fertigkeit fehlte sich den Verhältnissen anzupaffen und sie nach Möglichkeit auszunutzen, eine Fähigkeit, die schon lange für unsere Truppen charakteristisch war, und die sich niemals besser bewährt hat, als in dem soeben beendeten Kriege. Wir haben von dem deutschen System viel zu lernen, aber was wir von ihm übernehmet^ müssen wir mit Vorsicht übernehmen. Das ist eine Tatsache, die wir in unserem Eifer, nach deutschem Vorbild zu arbeiten, in der Vergangenheit zu oft vergaßen.' ______
Haiti und Portugal.
Strenge Maßnahmen gegen Ungerechtigkeit des Auslandes sollen nicht nur gegen kleinste Staaten unternommen werden. Anläßlich des schneidigen Vorgehens des .Panther' erinnert der Reichsbote an daS laxe Verhalten Deutschlands gegen das zahlungsunfähige Portugal:
„Es ist ja ganz erfreulich, daß die Räuber an deutschem Eigentum so rasch und so energisch bestraft worden sind; aber was will diese Schädigung eines deutschen Handelsschiffes durch den Raub einigen Kriegsmaterials bedeuten z. B. gegen die ungeheure Schädigung der deutschen Nation durch Portugal, welches mehr als hundert Millionen Mark deutsches Kapital durch große Versprechungen aus Deutschland an sich zog und dann, als es dasselbe eingesteckt hatte, die versprochenen Zinsen auf ein Drittel herabsetzte und jetzt seinen Gläubigern eine Bestimmung aufzwingt, in welcher es bett versprochenen Zinsfuß von 414 pCt. auf 3 pCt. herabgesetzt und von vier Schuldscheinen immer nur drei verzinst, sodaß der vierte so gut wie keinen Wert mehr hat; denn was bedeutet es, daß er an der Verlosung teilnehmen soll? So werden die Gläubiger nicht nur der Zinsen, sondern auch des vierten Teiles ihres Kapitals beraubt. Und wo bleibt hier der Schutz für diese großen nationalen Jntereffen? Kein Hahn kräht danach, und doch ist unsere Regierung keineswegs schuldlos an dieser ungeheuren Schädigung der deutschen Nation; denn der deutsche Gesandte in Liffabon hätte damals, als jene Anleihen gemacht wurden, die deutsche Regierung über die
(Nachdruck verboten.)
Nach Brasilien.
Reisebriefe von T a n e r a.
In Sao Paulo und bei Campinas.
Wiederum bin ich auf einer hervorragend schönen Eisenbahn gefahren, nämlich auf der von Santos nach Sao Paulo. In Beziehung auf Material und bauliche Anlagen übertrifft sie noch die Eisenbahn von Paranagua nach Curithba. Sie ist zweige- geleifig und überwindet den Höhenunterschied von 889 Metern mit Hülfe einer Drahtseilbahn Daher fehlt ihr aber die Masse der Kehren, Schleifen, zahlreichen Brücken und ähnlichen Kunstbauten, welche jene Bahn so intereffant machen. Um so gewaltiger erscheinen hier die wenigen Brücken und Tunnels und die Anlagen der aus zwei doppelgeleifigen Linien bestehenden Bahn selbst. Die Erbauer und Leiter sind Engländer. Sie wissen sehr gut ihren Vorteil durch die Höhe der Fahrpreise zu wahren, z. B. gibt es keine Rückfahrkarten zu ermäßigtem Preis und die einfachen Karten find sehr teuer. Die Leute müssen doch zur Heimkehr diese Bahn benutzen. Also sollen fie die ganze Taxe zahlen. Unverhältnismäßig hoch find die Frachtsätze berechnet. Die Bahnhöfe find groß und hübsch ausgestattet, was man von der Curithba-Bahn nicht sagen kann, und die kleinen Arbeiterhäuser der S. P. R. (Sao Paulo Railway, machen einen sehr wohnlichen und reinlichen Eindruck.
Aber in landschaftlicher Beziehung fällt die Fahrt nach S. Paulo ganz bedeutend gegen die Fahrt nach Curithba ab. Man dringt bei ersterer zwar auch durch den dichtesten Urwald, die Blicke aus die romantischen SerraS fehlen
jedoch, denn das Gebirge ist hier eintöniger, nur eine Art von Abschluß des Hochplateaus, ohne Felsenspitzen und ohne wilde Steilabfälle. Alles bedeckt der endlose Urwald, und der verleiht von obeu gesehen den Bergabhängen einen, ich möchte sagen, zahmen Charakter. Die ganze Landschaft scheint unter einer grünen Sammetdecke zu liegen. Dann fehlen hier auch die weiten Ausblicke, welche sich bei den Windungen und Schleifen der Curityba-Bahn darbieten.
Wenn man die Höhe bei Alto da Serra erreicht hat, fährt man noch an einigen mit hübschen Landhäusern versehenen Dörfern vorbei und hält nach dreistündiger Reise in dem großen und schönen Bahnhof von Sao Paulo. Nun find wir in einer neuen, bedeutenden Stadt von mehr als 220 000 Einwohnern. Man kann fie aber nicht Großstadt nennen. Dazu fehlt der gewaltige Verkehr, den oft viel kleinere Handelsstädte haben. Die Stadt ist sehr weitläufig und gesund angelegt und hat dadurch eine un- verhältnismäßige Ausdehnung, daß man hier das große Mietshaus europäischen oder nord- amerikanischen Stiles gar nicht kennt und mit Ausnahme der inneren Viertel fast nur Familienhäuser ohne obere .Stockwerke hat. Der ganze Verkehr drängt sich in ein Dreieck zwischen dem largo S. Bento, dem Regierungspalast und dem Viadukt zusammen. Hier findet man schöne Kaufläden, stattliche Bankgebäude, als eines der schönsten, das der deutschen Bank, die großen Geschäftshäuser der Export- und Importfirmen, unter denen ebenfalls die Deutschen wie Zerrenner und Bülow, Hermann Stoltz, Wille und Comp., Hasenelever, Panzer, Heidenreich usw. die bedeutendsten find, und man sieht einige recht hübsche Regierungsge- gebäude. Bei längerem Umheüvandern stieß ich
öfters auf weite mitten in der Stadt gelegene, ruinenhafte Reste von Neubauten. Sie stammen aus der sogenannten Gründerzeit der Jahre 1891, 92 und 93. Dann folgte die magere Zeit; die großartig geplanten Unternehmungen verkrachten, und die halbfertigen Anlagen wurden ihrem Schicksal überlassen. So war z. B. mitten in der Stadt der Bau eines gewaltigen Hotels begonnen worden. 500000 Mk. hatte man bereits für den Unterbau verwendet. Da kam der Krach, und noch heute prozessieren die Leute, wer die Anlage übernehmen muß. Seft 10 Jahren liegt diese Neubauruine unbetreten da. Noch interessanter ist der Fall mit einer Fabrik. Die Grundbauten waren fertig, eine gewaltige Dampfmaschine wurde gerade eingefahreu, da entstand auch bei dieser Gesellschaft der Krach. Man ließ im Torweg die Maschine liegen, und hier ruht fie unter den Ruinen ebenfalls nun schon 10 Jahre. Ein anderes merkwürdiges Bild ist die große Avenida Paulista, eine Prachtstraße ersten Ranges. Hier stehen einzelne reizende Landhäuser, umgeben von entzückenden Gärten. Noch 2 oder 3 Jahre wie zur Gründerzeit, und die Avenida wäre fertig geworden. Don dem Augenblick des Krachs an hörte aber fast jede Bautätigkeit auf. Daher find zwischen den prächtigen Villen öde Strecken, und die Straße selbst ist verwahrlost und unglaublich schmutzig. Dem entgegen haben die inneren Straßen von S. Paulo ein gutes, sehr reinlich erhaltenes Master, welches dem von Rio de Janeiro als leuchtendes Beispiel bienen kann.
S. Paulo ist eigentlich keine brasilianische, sondern mehr ttalienische Stadt. Hier leben etwa 90000 Italiener und ungefähr 10000 Dttcksche. Erstere bilden die Kreise der Ar
beiter und Kleinbürger, letztere find die vornehmen Kaufherren und was mit ihnen zusammenhängt. Unseren fleißigen und tüchtigen Landsleuten ist es gelungen, die englische Konkurrenz hier in Südbrafilim wenn auch nicht ganz zu verdrängen, so doch auf ein sehr bescheidenes Maß zurückzuführen. Der deutsche Kaufmann und der Deutsche im allgemeinen stehen hier weitaus im höchsten Ansehen von allen Fremden und spielen die erste Rolle. Das liegt nicht nur in der deutschen Tüchtigkeit, Ehrlichkeit und Verläsfigkeit, sondern auch in der taktvollen, klugen Art, mit der sich unsere Landsleute in politischer Beziehung in Brasilien verhalten. Sie mischen sich in die polititschen Landesverhältniffe gar nicht ein, vergeben sich aber in keiner Weise etwas, bestehen zwar auf ihren Rechten, verlangen jedoch in Streitfällen nichts, was nicht auch nach deutscher Ansicht berechtigt wäre. Die italienische Regierung hat in dieser Beziehung manche Unvorsichtigkeit begangen und z. B. stets statt einer Statisfaktion eine Geldentschädigung verlangt. Daher sagt man jetzt hier: Hütet Euch Deutsche zu verletzen. Dor diesen müssen mir uns dann beugen. Bei einem Italiener kommt es nicht so genau darauf an. Wenn man von denen einen todtschlägt, muß man dafür zahlen. Das macht nicht viel. Unbedingt verdanken wir dieser klugen Art des Dorgehens unserer diplomatischen Vertreter und der Deutschen selbst die große Achtung, welche unsere Landsleute in Brasilien genießen.
Hier in S. Paulo bestehen drei deutsche Zeüungen. In erster Linie die „Deutsche Zeitung", welche sehr gut geleitet wird und darum großen Einfluß besitzt. Dann die etwas weiter links stehende „Germania" und ferner