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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Allnstrirtes Sonntagsblatt.

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vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Spedition 2 Mk., bei all« Postämter» 2L5 Mk. (excl. Bestellgeld).

Jus»rtio»Sgrbühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg. R ccl anreu: die Zeile 26 Pfg.

Marburg

SomiabaL, 23. August 1902.

Erscheint täglich außer an Sonn- »ad Feiertag«. Somuckends in Morgen- und Lbend-AuSgabe.

Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, vmverfitätS-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.

37. Jahrg.

Mittag-Ausgabe.

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Rußland als Exportstaat. n.

Wie oft haben Gelehrte hbexug auf die «oßen Getreide * Ausfuhrländer, besonders hin- tchtlich Amerikas, erklärt, deren Export würde Nachlassen. Indessen, statt nachzulassen, ist er en Getreideausfuhr ständig gewachsen. So mb nicht anders find auch die Verhältnisse in Rußland anzusehen, denn alle Beobachtungen »» daS wirtschaftliche Getriebe dieses Stacftes offen die Vermutung deS Gegenteils von dem H, was Rohrbach in seinem Aussätze verficht.

In Rußland tritt der innere Verkehr voll- jiändig hinter die Export-Interessen zurück. Für eben Mnanzmiiuster gibt eS im wesentlichen -ne politssche Kardinalfrage: wie bet Getreide- «Port zu beleben sei, um bem Auslande auf Hefe Weise soviel bares Geld wie irgend mög- jich zu entziehen, damit die Bilanz deS rusfischen Nnanzhaushaltes aufrecht erhalten bleibe. Rohr­bach spricht das selbst aus, indem er behauptet: ^Das ganze gegenwärtige rusfische Finanz- und Wirtschaftssystem beruht auf der Aufrechter- altung der Zahlungsbllanz vermittels der Ge- sreideausfuhr." Noch schärfer an anderer Stelle, too eS, dem Sinne nach, heißt: »Denn wenn Rußland kein Getreide mehr exportiert, so hat es nichts weiter, um seinen Verpflichtungen gegenüber dem Auslande gerecht zu werden, und muß sein Gold in Zahlung geben. Damit .aber werde aus der Wirtschaftsknfis die wirt­schaftliche Katastrophe."

Es stand allerdings nicht immer so um Rußland Die Exporttütigkeit dieses Landes mit der daraus sich ergebenden wirtschaftlichen Zwangslage datiert erst seit der Bauern­emanzipation her. Mit dieser Epoche hielt bei Kapitalismus in Rußland seinen Einzug, in­dem Staat und Volk durch den Bau von Eisenbahnen, die Einführung deS Bankwesens und die Herrschaft der Anleihe- und Papier- geldwirtschast in die Abhängigkeit von den gleichen kapitalistischen Momenten gerieten, wie fie in Westeuropa mächtig warm. Die Eigen­art der rusfischen Finanzwirtschaft und die Erfordernis, das Papiergeld einzuläsen, gebaren alle jene staatlichen Maßnahmen, welche den Zweck hatten, einen Teil bet bäuerlichen Eetreideproduftion übet die Grenze, ins Aus- lanb zu drängen, von wo man basüt bas heiß begehrte Bargeld zu beschaffen hatte. Die Be­deutung beS rusfischen Getreideexports veran­schaulichen wenige Zahlen: von 1860—1864 betrug die Ausfuhr 26 Millionen Hektoliter, im Jahre 1890 dagegen 99 Millionen Hekto­

liter. ®iefe Steigerung der Getreideausfuhr vollzog sich auf Kostmi des rusfischen Bauer r.- starwes, den man zwang ei» Siebentel seines unentbehrlichen NahrungSmittelqi'.antums au den Handel abzugeben, um das Gleichgewicht in der mlsfischen Zahlungsbilanz und Finanzwirtschaft zu sichern. Zugleich erhob man hiermit die Hungersnot zu einer bleibenden Erscheinung im rusfischen Reiche.

So kann es in der Tat im Zarenreiche auf die Dauer nicht weiter gehen, wenn nicht der völlige Zusammenbruch erfolgen soll. Hierin pflichten wir Rohrbach bet Jedoch stellen wir unS den ferneren EntwickelunaSgang der rus­fischen Volkswirtschaft wesentlich anders vor. Die rusfische Regierung wird fich gedrungen fühlen, dem Bauernstände beizuspringen, über­haupt eine politische Reformtätigkeit um­fassendster Art einzuleiten. Bei der tem­peramentvollen Art des jetzt regierenden Zaren, in Anbetracht der wirtschaftlichen Wirrnisse im ganzen DsM- und Staatsleben, angesichts der Verzweiflung der Bauern, der gelegentlichen elementaren Ausbrüche ihres politischen Un­mutes wie der einhelligen Sehnsucht des ganzen Volkes fast ohne Ausnahme aus bett jetzigen unhaltbaren Zuständen endlich herauszukommen, ist sogar anzunehmen, daß wir dem neuen System der Reformen vielleicht näher find, als wir wähnen.

Wenn dann die heute noch schlummernden produktiven Kräfte Rußlands in tätige Wirck- samkeft gefetzt find, werden wir erkennen, daß wir uns heute nicht am Ende der Exportfähig- keit bet rusfischen Landwirtschaft, vielmehr erst am Beginn derselben befinden. Hierin find fich fast alle rusfischen Schriftsteller einig, ©o lesen wir in Stepniaks „Der russische Bauer": „Unsere Agrikultur läßt eine fast unbegrenzte Verbesserung zu. „Wären die Felder des euro­päischen Rußlands kultiviert wie die Englands", sagt El. RSclus, „so könnte Rußland statt 650 DUllionen Hektoliter Getreide jährlich fünf Milliarden erzeugen, genug für eine Bevölker­ung von 500 Millionen Seelen." Dazu nehme man, daß noch eine enorme Fläche Boden als Reserve für künftige Generationen zur Ver­fügung steht. Im europäischen Rußland stehen nur 21 pCt bet Gesamtfläche unter Kultur, in Englanb aber 61 pCt. und 83 pCt. in Frank­reich. Der Bodenreichtum Rußlands ist riesig und reicht vollkommen auS, um es auS einem Lande von Bettlern in ein Land des Ueber- flusses zu verwandeln.... Eine einfache Reorganisation unseres wahnwitzigen Agrar- shstems würde dem ein Ende machen und dm Bauern die Bahn ökonomischen Fortschrittes und Wettbewerbes eröffnen."

Hier ist ein Zukunftsbild gegeben. Aber eine Aenderung in der Getreideexporttätigkeit

Rußlands ist demnach schwerlich zu erwart«. Ja, man kann füglich behaupten, je schwieriger die Fi. anzlage des Staates fich gestalte, desto umfangreichere Dimensionen toetbe die Getreide­ausfuhr annehmen. DaS dürfte die wirtschafts­politische Situation fein, mit der unsere Re­gierung in Fragen der Zoll- und Handelspolitik Rußland gegenüber zu rechnen haben wird. Die russische Getreidekonkurrenz stellt für unsere Landwirtschaft eine nur zu fühlbare Tatsache dar, der man von unserer Seite durch zweck­dienliche Zollmaßnahmen erfolgreich zu be­gegnen haben wird. Rohrbachs Anschauung ist eine unhaltbare Vermutung, welche keine Basis für die hlmdelspolitischen Abmachungen des Deutschen Reiches mit unseren flavischen Nachbarn abgeben darf. Ob gewisse Sympathien für unsere Expottindustrie den 3bcengang des Verfassers einseitig beeinflußt haben, lassen wir dahin gestellt fein. Unzweifelhaft ist die Bedrohung unserer deutschen Landwirtschaft durch die russische Konkurrenz eine Tatsache, die nicht hinweg disputiert werden tarnt.

Umschau.

Die Verkürzung beS Seeweges nach Südafrika.

Zu de« mannigfachen Derkehrsprojekteu für Süd­afrika, die noch während der Dauer des südafrikanischen Krieges in britischen Finanz» intb Handelskreisen leb­haft erörtert wurden, ist der Plan einer Eisenbahn. Verbindung hinzugetrrten, die, wenn fie zur Aus­führung gelangt, eine beträchtliche Verkürzung deS Seeweges nach Südafrika mit sich bringen und die neugewonnenen britischen Kolonien Transvaal und Oranjestaat unter wesentlich verbesserten Zeit» und Transporwerhältnisten an den atlanttfchen Seeverkehr anschließen würde. Nachdem die ursprüngliche Abficht, als Ausgangspunkt der projektierten Bahnstrecke bte britische Walfischbai anzunehmen und bte Linie in nordöstlicher Richtung über Omaruru intb Okuput» nach Tsumeb unb von' ba bis Pretoria zu führen, fich infolge der benachbarten brutschen Bahn Swakop» mund Windhoek als unzweckmäßig erwiesen zu haben scheint, haben fich die britischen Interessenten für Port Alexandra, in der portugiesischen Kolonie Angola, als Küstenstation der Projektierten Bahn entschieden, die bann in südlicher Richtung verlaufen und nach Ueberschreitung des Kunene, teilweise beutsches Gebiet berührenb, in noch zu bestimmenber Trace gleichfalls bis Tsumeb geführt werden soll. Die dadurch erreich­bare Wegkürzung für Pretoria erscheint, ba Port Alexandra um ca. 2000 km Seeweg England näher liegt als Kapstadt und annähernd gleich groß die Entfernung Port Alexandra—Pretoria auf der pro­jektierten Bahnstrecke ist, immerhin beträchtlich, wenn man nicht nur die Ersparnis von 315 km Eisenbahn von Kapstadt bis Prewria, sondern auch bte schnellere Beförderung aus dem Ueberlandweae in Rechnung zieht. Jedenfalls würde nach Verwirklichung des Port Alexandra—Tsumeb—Pretoria-Projekts die Hauptstadt Transvaals von England aus auf schnellerem und näherem Wege zu erreichen sein als Kapstadt, währetw gegenwärtig die VerhälMisse umgekehrt liegen. Sprechen diese Erwägungen für die Zweckmäßigkeit der geplanten Anlagen, so besteht andererseits eine Reihe von erheb­lichen Bedenken, unter denen die Kostenfrage noch als

die geringste Schwierigkeit bezeichnet werden darf. ZunAhst sind die Verhandlungen zwischen der britisch«» und der deutschen Regierung betrefferw der Konzemo» uierung der projektierten Route ans deutschem Ge­biete, tote englische Blätter berichten, zwar m volle« Gange, aber noch nicht zum Abschlüsse gelangt. Es ist deshalb nicht wahrscheinlich, daß das Nnterächmen in Angriff genommen wird, bevor diese Seite der Sache völlig geklärt ist. Andererseits ist zu bedenke«, daß der europäische Handelsverkehr nach Südafrika fich mehr und mehr bem kürzeren Transportweg» zuwenden unb so KapstM zu Gunsten von Port Alexandra schädigen würde. Ob diese unerfreulich» Aussicht dem Unternehmen sicherlich sein wird, ist ficherlich zweifelhaft; jedenfalls würden die Bewohn« der Kaplolonie mit einer solchen Durchkreuzung ihr« Interessen kaum einverstanden fein, unb es darf da­her angenommen werden, daß der Wunsch, die eben erst neu bekräftigte Einigkeit zwischen den Kolonien unb bem Mutterlaude aufrecht zu erhalten, bte vor­läufige Zurückstellung bes zweifellos bedeutsamen Pro­jektes veranlassen wird.

Heeresverwaltung und Landwirtschaft.

Die von konferdativer Seite gegebene Anregung, daß unsere Heeresverwaltung fovtel wie mögltch be Bedürfnisse für die Armee von heimischen Produzenten, insbesoudere direkt von den Landwirten decken möchte hat erftenlicherweise steigende Berückfichtigung ge­funden. Wie berichtet wtrd, ist in der neuen In­struktion für die Verwaltung der Müftärlücheu an- geordnet, daß nur Naturbutter, keine Margarine zu» Verwendung kommen darf, daß Schinken von im Ja- laude geschlachteten Tieren stammen, Konserven in­ländisches Fabrikat sein müssen. Amerikanische» Schmäh und ausländische Konserven dürfen nicht verwandt werden. Diese Maßnahmen find sehr er» ftenlich; möchten nur auch andere Zentralbehörden — soweit es angeht — denselben Standpunkt wahren. Im Auslände, beispielsweise in Oesterreich und Rufi» land, sorgt die Regierung schr auSgiebig für bw heimische Produktion.

Oberst Schiel über bett Burenkrieg.

Wie in Rhemland und Westfalen, so hat Oberst Schiel, welcher tn den nächsten Tagen in Frankfurt a. M. sprechen wird, fich mich in Sachsen über den Burenkrieg geäußert. Wir entnehmen darüber den ,Leipz. Reuest. Rachr.":

Den Mangel an strategischer Initiative der Buren zu Beginn des Krieges erklärte Oberst Schiel nnt bex allzu lockeren Disziplin in dem improvifierten Miliz­heere. Der Posten eines Feldkornets ist sehr et» träglich: außer einem festen Gehalt von 300 Pfund (6000 Mark! bezieht Jein Inhaber noch 5 Prozent der eingehenden Beträge der von den Koffern zu zahlende Hüttensteuer. Dieses bedeutende Einkommen erklärt es, daß ein Feltckornet alles daran setzt, um bei d« nächsten Wahl — die alle drei Jahre ftattfinbet - das Amt wieder zu bekommen. Unb um nun fern» Wähler günstig für sich zu stimmen, nimmt er -S nicht allzu streng mit der Disziplin, sieht sogar über direkte Gehorsamsverweigerungen hinweg unb ist in der Erteilung von Urlaub sehr liberal. Außerdem hatte der leichte Erfolg der Buren bei bem Eiwall Jamesons bas Vertrauen der Buren auf bie Unüber» windlichkeit ihrer Defenstvstrategie in einem geradezu verhängnisvollen Maße gesteigert. Die Fechtwecke ber Buren unb inSbefonbere Jouberts charakterisierte Oberst Schiel sehr treffenb, inbem er sagte: Lieber liegen bte Buren sechs Wochen um eine Position, als daß fie bet einem Angriff auch nur einen Mann riskieren. Der

(Nachdruck verboten^

Nach Brasilien.

Reisebriefe von Tau em.

(Schluß.)

Nach Curityba im Staate Paranä.

Das Bild, welches die Stadt bietet, ist ein von einer gleichgroßen deutschen Stabt völlig verschiedenes. Gerade Straßen schneiden fich rechtwinkelig wie in Nordamerika, ein denkbar schlechtes Master, ebenso schlttht angelegte Bürgersteige verraten die neue, noch unfertige Anlage von Verkehrslinien; Kanalssation und Wasserleitung fehlen ganz, und von Straßen- reiniguug bemerkt man sehr wenig. Doch halt! Ah habe etwas übersehen, die Urubu. Er find dies kleine Aasgeier, die nach Hunderten, genau wie über den indischen Städten, auch hier ihre Kreise in der Lust ziehen und alles holen, was auf den Straßen an Abfällen zu finden ist. Eie bilden die Regierungspolizei, werden da­her nicht nur nicht gejagt, sondern sogar ge­schont und sehen auch gut genährt und weit sauberer, ja ich möchte sagen, appetitlicher aus wie ihre Kollegen in Vorderindien. Trotz der vielen Mängel macht aber Curityba einen sympathischen Eindruck. ES gibt viele hübsche Häuser, einen öffentlichen Garten, mehrere große Plätze und eine Menge origineller Etraßenbilder. Dazu gehören in erster Linie die großen 6- und 8spännigen Leiterwagen, die trotz der Eisenbahn den Frachtverkehr nachdem weiteren Innern bewältigen. Sie waren einige Jahre ganz verschwunden, als nämlich die Bahn vernünftige Frachtsätze einführte. Nun find aber letztere wieder so gestiegen, daß viele Frachten, wie der Pataquay-Tee (Herba Mate) und andere diese nicht mehr tragen können, und

darum blüht der Wagenverkehr von neuem auf. Die Romantik hat dadurch sehr gewonnen. Andere Straßenbilder find die vielen, von den Campos hereinkömmenden Reiter, natürlich stets im Galopp, die gut und martialisch auSsehen- ben, aber erbärmlich reitenden Offiziere unb Solbaten, bie großen, aufrecht gehenden Neger­innen und auch hier die vielen gut gelleidetenHmen Aber bie Geschäfte find verödet, viele Fabriken stehen still, man merkt überall bie gedrückte Lage. „Woher kommt ein solcher Zustand in einem Land mit so herrlichem Klima und so vorzüglichem Ackerboden?"

„Woher das kommt? DaS will ich Ihnen sage», Mein Herr, und das bitte ich Sie in Deutschland und überall zu verkünden. Land unb Klima finb ausgezeichnet, bas Volk, selbst bas inbolente brasilianisch unb lusobrafiÜanische (Lusobrafilianer heißt ber auS Portugal einge­wanderte oder von portugifischen Eltern stammende Brasilianer.) ist gut. Aber bie Regierung ist erbärmlich, bumm, unfähig, nichts­würdig und direkt schädlich. In Brasilien kommt nie der Mann an bie Stelle, ber bafflr paßt, sondern nur der, welcher bei den Macht­habern Verwandte oder Freunde hat. Die Richter unb Advokaten werden grundsätzlich be­stochen, eine vaterländische Politik gibt es nicht sondern nur eine Jnteressenpolitik einzelner Familien und Personen, eine maßgebende Polizei existiert nicht, das Militär ist eine miserable, unfähige Söldnerbande von Negern und euro­päischem, heruntergekommenem Gesindel, mit machtlosen, unfähigen Offizieren. Die Zoll­politik verhindert jede Ausdehnung von Handel unb Wandel, selbst die einzelnen Staaten ver­nichten einen größeren Väckehr untereinander burdj Zollschwieriakeiten. der Mangel au

Straßen, Bahnen und Kanälen erschwert eine Ausschließung des Hinterlandes, und wo Bahnen find, verhindern bie zu hohen Frachtsätze ihre Derwenbung. Das Verbot ber Küstenschiffahrt für frembe Dampfer läßt keine Küstenent­wicklung aufkommen, unb bie allgemeine Un­fähigkeit ber Brasilianer für eine moberne, großstaatliche Entwicklung bringt bie ganze Finanzlage dieses von der Natur fo gesegneten Landes immer mehr herunter. Das find bie Verhältnisse Brasiliens. Daran geht eS zu Grund."

Sv hat man mir nicht von einer Seite, sondern von den verschiedensten, aus diplomat­ischen, kaufmännischen und hanbarbeitenden Kreisen, aus beutschem, österreichischem, italien- ischem unb französischen Mund erzählt unb bie eigene Beobachtung bestätigte baS Gehörte. Ich muß noch eins ber vielen Stückchen ber Regierung von Parana zur Beleuchtung bei­fügen. Vor Jahren würbe eine schöne Fahr­straße von Curfthba an bie Küste nach Paranagua gebaut, bie viele Millionen kostete. Weitere Gelbsummen wurden zur Instandhaltung ber Straße ausgesetzt. Damit aber bie französische Gesellschaft ber Eisenbahn auf ber Strecke bessere Einnahmen erzielte, machte sie mit ber Regierung einen Geheimvertrag, bie Straße nicht zu erhalten, fonbern wieder ver­fallen zu kaffen. Darauf ging bie Regierung ein unb erfüllte ihre Verpflichtung, nämlich bie Straße verfallen zu lassen, redlich. Wo das Geld für bie Jnstanbhaltung hinkam, weiß kein Mensch.

Kehren wir nach Curityba zurück. Ich ritt über die CampoS ber Umgegend. Prächtiger HumuS, aber eine kaum nennenswerte Ver­wendung. Etwas Vieh grast herum, sonst ficht

man nur Geier. Eine Ausnahme bilden einige Chacaras, b. h. Landgüter europäischer Colonisten. Einer Einladung folgend, ritt ich auf die beste, nämlich die des Herrn Schaffer. Obwohl schon in Brasilien geboten, ist bei ihm doch alles deutsch geblieben. Da sieht man, was fleißige Leute mit deutscher Ausdauer unb Geduld erreichen, und was ber vorzüglich» Boben bei guter Behandlung leisten kann. So von Früchten strotzende Orangenbäume sah ich einmal in ber conca d’oro bei Palermo. Hier wachsen Wein, Weizen, Gemüse, Kartoffeln usw. Die Bienenzucht blüht sehr gut, alles verrät Wohlhabenheit unb Zufriedenheit. Freilich, Herr Schaffer ist nahe bei ber Hauptstabt Curfthba, wo er seine Produkte absetzen tann, unb betreibt nebenbei ein Warengeschäft. Ich will gleich von unseren Colonien im benach­barten Santa Catharina erzählen. Hier in Curityba leben viele, bie bort jahrelang waren, Ftauensinb bort geboten, welche hierher heirateten, Kaufleute welche nach diesen Kolonien handeln unb anbere Kenner bes Landes. Deren Aeußer» ungen lassen fich wie folgt jufammenfaffen: „Jtzdet Deutsche, welcher fich in den vollständig deutschen Bezirken von Santa Catharina aI8 Landbebauer anfiedelt, kann fich, auch wenn er ganz arm kommt, bald soweit empotatbeften, daß er als freier Bauet auf eigenem Grund und Boben fitzt unb fich zwar bescheiden, aber gut genug zu ernähren vermag, wenn er unb seine Familie, je zahlreicher desto besser, fleißig Hand anlegen. Damit aber ist es aus. Reich wirb keiner, ber bort bleibt. Lanbprodukte im Großen verkaufen kann er nicht, weil Verkehrs Wege fehlen, weil kein Absatz möglich ist und well die btafilianische Regierung in ihrer kurz» sichtig beschränkten Art jedes EmPotblühe»