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r Sommbeod, 23. August 1902. *"** ®SL®"kS41e,*«£M1'e,*°,teÄ

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87. Jahrg.

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Rußland als Exportstaat. L

Rußlands Produktivkräfte find enorm. Zu­folge seiner riesigen territoriale» Ausdehnung über fast alle Zonen hin und wegen seines unermeßliche« Reichtums an Naturschätzenaller Krt müßte es diesem Lande eigentlich ein Leichtes sein, sein volkswirtschaftliches Leben völlig ent­sprechend den Bedürfnissen des inne«« Verkehrs, des heimische« Markte« zu organisieren, sodaß eS ffth all feiltet schweren Sorgen hinsichtlich der ungehemmten Zulassung seine« Exporte« aus den Auslandsmärkten mühelos zu entschlagen vermöchte. Neben Rußland erfreut sich nur Nord-Amerika einer gleichen DorzugSstrilung, der Möglichkeit, fich al« sogenannte«geschloffenes Wirtschaftsgebiet" zu etablieren. Jude« Nord­amerika hat es, hierin ungleich Rußland, meister­haft verstanden, die ihm zu Gebote stehende» Vorzüge tatsächlich zu nutzen: Die Stellung der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ist in der moderne« Weltwirtschaft eine überragend herrschende. Gewiß, auch der nordamerikamfche Export steigt von Jahr zu Jahr, mit Begier, alle Märkte der Welt, und vorzugsweise die­jenigen Europas, aussuchend. Jedoch es besteht ttn Vergleich mit Rußland ein fundamentaler Unterschied in diesem Drange, das Wirtschafts­leben über die nationalen Grenzen hinaus zu forcie«n. E« scheint fest zu stehen, daß in de» Vereinigten Staaten von Nordamerika treibende Elemente am Werke find, die darauf hinarbeften, der dortigen Volkswirtschaft den Charakter d«S Exportstaates aufzuzwiugen, um den Markt der Welt in die Abhängigkeit von der amerikanischen Produktion zu bringen. In Rußland dagegen ift der Export eine ernste und bittere Not­wendigkeit, ja die Voraussetzung der Existenz des Staatsganzen: ohne die Möglichkeit der Beschickung des AuSlcmdmarktes mit Get«ide, dem ruffischeu Hauptausfuhrartikel entsprechend dem Agrarcharakrer be« Landes, hört der russische Staat auf, zu sein, in solch einem Maße ist der Getreideexport da« Lebensprinzip der ge­samten Staatsmaschinerie. Darum werden die übrigen Staaten, voran Deutschland als Nachbar­land und Konsument für Roggen, mit dem Ex­portbedürfnis Rußland« für absehbare Zeit wenigstens wie mit einem ehernen Natur­gesetze zu rechnen haben.

Umsomehr Interesse und Aufmerksamkeit muß der Versuch teS Schriftsteller« Paul Rohrbach errege», de« Nachweis zu erbringen, daß hn russischen Getreideexport bald eine einschneidende rückläufige Bewegung einfetzen müsse. Gewiß eine alarmierende Nachricht, die in handels­politischer Hinsicht von großem Selange ist. Rohrbach stützt fich zur Begründung seiner Auf­fassung auf folgende Momente. (Mr folgen

12 'Nachdruck verboten)

Die Kinder.

Novelle von Marie Bernhard.

KortfetzrmsS

De»» nicht mild und erbarmend war der TodeSengel herangeschwebt, um mit gesenkter Fackel die« arme Dasein zu löschen, nein, herb und mitleidlos war er gekommen, ein Feind aller leidende« Kreatur, die er packen wollte, packen mußte und doch nicht sterben ließ, dje fie nicht den letzten Tropfen des ihr ausge­sparten Schmerzenskelches getrunken.

Die letzte Lebenskraft in der kaum dreißig- Mrigen Frau wehrte sich verzweifelt, und dem Tode ging eine Agonie voraus, die die gonge Umgebung der Sterbenden maßlos folterte. Die Kinder wurden sortgebracht, und doch war alles, was als Bewußtsein in dieser Frau «och lebte, der letzte glimmende Funken ihres Seins und Seelenleben« zitternde Angst und Sorge um ihre Kinder.

Zwei Nächte vor ihrem Tode hatte fie noch zu sprechen vermocht. Sie hatte Kampher be­kommen, Käthe batte fie in ihren Kissen auf­gerichtet und in eine fitzende Stellung gebracht. Der Abend war niedergesunken, ein so lauer, schwüler Sommerabend, die Sonne war in einer Dunstwolke zur Ruhe gegangen; ein Nachglühen stand am westlichen Himmel, beinahe zornig tot Die offenen Fenster des Krankenzimmers gingen aus den Garten hinaus, um das Laub der hohen Ahorn- und Kastanienbäume webte eine schwach verdämmernde Goldglorie. Ein paar Linden standen in Blüte, sie schickten, mit den hoch­stämmigen Rosen im Verein, süßesten Dust in bas Zimmer, und eine kleine Schwarzamfel flötete unermüdlich. Hin und her kam der bet«

einem Artikri desBcrl. Tagbl." D. R.) Nach einem Werk Lochtin« über die russische Land' wirtschaft weist Rohrbach zunächst nach, daß der ruffifche Ackerbau, trotzdem in den äußeren Existenzbedingungen für die Landwirtschaft merk­liche Unterschiede zu Ungunsten Rußland« gegen­über anderen Ländern nicht existieren, unter- hältmSmäßig gering lohne. Während in den übrigen Kulturländern der Ernteertrag pro DeSnrtine (er. 1,1 ha) im Durchschnitt 83,7 Pud (1 Pick» = 16,4 kg) auSmache, betrage er im europäischen Rußland nur 38,8 Pud, aber bei genauer Beachtung gewisser Umstände gar nur 29,8 Pud. Als Erklärung für die Minder- wertigkeit russischer landwirtschaftlicher Kultur werden nachstehend mitgeteilte Faktoren ange­führt: Die Erschöpfung de« Boden« durch den fortgesetzten Getreidebau bei mangelhafter oder übnchaupt nicht geübter Düngung infolge des minimalen Viehbestands Rußland«. Zweiten«, die Minderwertigkeit aller technischen Hilfsmittel des ruffifchen Bauern, namentlich der Mangel an Eise«. In der wetteren Argumentation be­tont Rohrbach die seltsame Tatsache, daß Ruß­land, obgleich e« pro Kopf der Bevölkerung weniger zu dessen Ernährung zur Verfügung habe cckS Deutschland (22,4 Pud gegen 24,2) dennoch entgegen der Sachlage bei uns, wo noch impornert werde, eine umfangreiche Ge­treideausfuhr unterhalte (von 1885 bis 1900 wurden 7 Milliarden Pud im Werte von 6 Milliarden Rubel exportiert). Wetter wird der Blick auf die ungewöhnlich hohe Sterblich- kett der ruffifchen Bevölkerung gelenkt, die fich al« die natürliche Konsequenz einer solchen un­geheuerlichen Getreidepolitik ergebe. Nun folgert Rohrbach, von diesen Unterlagen aus schließend, in der Weise: »Es könne demnach nur noch die Verblendung wahr haben wollen, daß der russtsche Getreideexport fich noch längere Zeit auf ähnlicher Höhe wird halten können/

Wenn die Rohrbach'sche Auffassung begründet «, so würde damit, wie leicht einzufehen, die Stellung der deutschen Landwirtschaft und damit auch der deutschen Regierung zu Rußland eine gegen heute gänzlich veränderte werden. Sobald Rußland aufhören sollte, die deutsche Landwirtschaft durch Getreidekonkurrenz zu be- dro^n, in demselben Augenblick würde die HandelsvertragSfrage ein anderes Gesicht be­kommen : Die deutsche Regierung könnte dann ohne Gefahr für die heimische Landwirtschaft, dem Verlangen der Industrie nachgebend, ihr Absatzgebiet in Rußland erweitern zu wollen, in die Normierung der Getreidezölle auf einer Rußland genehmen Basis willigen.

An« diesem letzteren Grunde betrachten wir es als eine, in ihrer Tragweite unübersehbare Gefahr, fall« eine berortige Auffassung in An­lehnung an bie Rohrbach'sche Darlegung

lorene Laut einer Kinderstimme dazu, LiddH und Walter saßen mit dem Zimmermädchen am äußersten Ende des Gartens auf einer kleinen Bank und erzählten selbstersundene Geschichten.

Und wie nun ein Helles, glockenreines Lachen zu hören war, bas kleine Mädchen warS ge­wesen, das der Vater so oft seineLachtaube" nannte da verzog sich das arme, abgezehrte Gesicht dort im Bett in Jammer unb Schmerz, und die hohle, röchelnde Stimme, die schon so fremd, so verändert klang, fragte dicht an Käthes Ohr: »Wirst Du nie nie meine Kinder ver­lassen ?" Ach, selbst in diesem Augenblick, da deS jungen Mädchens Herz überströmte in Erbarmen unb Mitgefühl, schoß e« eine Sekunde lang durch Käthes Sinn, wie folgenschwer solche Ge­lübde, die man Sterbenden gegeben, für den Uebertobenben fein konnten, wie man nie die Verhältnisse überblicken, den eigenen Lebens- gemg und de« anderer beliebig bestimme« könne, wie dem reinste« Willen fich ost hundert Hinder­nisse entgegenstellten, und sie stammelte unter stürzenden Thrünen:Ich ich will alles tun, was ich nur kann, Helene, alles, was Hermann"

Hermann weiß nicht, waS den Kindern gut tut! Er verwöhnt Liddh, und Walter ver­steht er nicht!" Was die Lippen der kranken Fra« all' die Monate hindurch verschwiegen hatten, jetzt, angesichts des Todes, sprachen sie es auS:Du Käte, Du kannst helfen! Verlaß' meine Kinder nicht! Meine Seele wird bei Dir fein unb Dich segnen I"

Ihr Haupt sank an Kätes Brust, es waren die letzten zusammenhängenden Worte, die fie sprach, unb Kätes feierlichesJa!" war der letzte Hauch, den ihr Ohr vernahm. Der Arzt tat, was er konnte, um dies Sterben 3» et-

im Deutschen Reiche die landläufige werde» sollte. Die deutsche Landwirtschaft würde für fich sehr schwe« Zeiten Heraufziehen sehen, denn sie allein hätte die schwerwiegende» Folgen einer von falschen Voraussetzungen an­hebenden HandelSpotttik zu tragen. Wir halten die Behauptung Rohrbach« für falsch unb un­zutreffend. Sie findet weder in der historische« Entwickelung deS russischen Wirtschaftsleben« rwch auch tn der Gestaltung der sog. Weltge- treidekonkurrenz eine Stütze oder Bestätigung.

Umschau.

König Victor Emanuel in Berlin.

Man schreibt au« Rom: Die Presse und die politischen K«ise beginnen fich lebhafter mit dem Besuch zu beschäftigen, den König Victor Emanuel HL in der letzten Augustwoche dem deutschen Kaiser in Berlin und Potsdam abstatten wird. Dir bevorstehende Reise hebt fich wesenttich ab von der, die der König An­fang Juli nach Petersburg machte. Damals handelte fichs um den Akt einer erstmaligen Anknüpfung regerer Beziehungen, um die Be- feüigung von Mißverständnisse», die sich in die diplomatischen Beziehungen eingeschlichen hatten. Die Reife nach Berlin ist dagegen der Ausdruck aller herzlichen Beziehungen, die zwischen den beiden Fürstenhäusern und zwischen beiden Ländern fett langem bestehen und ihren Ausdruck in dem Dreibünde finden. Man ist in Rom sichtlich befriedigt gewesen über be» herzlichen Empfang, ben ber Gras von Turin, be« Königs Vetter, bei dem Besuch in Berlin und Attengrabow in ben letzten Tagen gefunden hat. Der jugendliche Savoherprinz, ber als Oberst ein Florentiner Kavallerie - Regiment kommanbiert unb besten Hofhaltung ben alt- ehrwürbigen Palazzo Pitti mit neuem Leben erfüllt, ist mit Freuden einer kaiserlichen Ein­ladung gefolgt, die ihm und seinem Bruder, dem Herzog von Aosta, Generalleutnant und Divisionär in Turin, galt. Daß er bet Ein­ladung bann allein nachgekommen ist, hatte seinen Grund in dem Wunsche, bie Gastfreund­schaft des Kaiser« nicht unmittelbar vor dem italienischen Königsbesuch zu sehr in Anspruch zu nehmen.

Me deutsche Einladung hat übrigens auch ein politisches Nachspiel gehabt. Der stet« fprungbereite französische Botschafter, Herr Barräre, hatte in seinen Berichten seit Jahren auf eine ftanzöfische Einladung an die Brüder Aosta unb Turin hinwirken wollen, eS aber nicht durch gesetzt, weil man besonders dem Herzog von Aosta gegenüber Bedenken trug. Er ist bekanntlich ter Schwager des Herzogs von Orleans, und bie franzöfifch-legitimistische

leichtern, dies Sterben, daS wie mtt nacht- schwarzen Flügeln lähmend, erdrückend üter dem ganzen Hause schwebte beschleunigen durste er eS nicht! Immer aber, sobald fich eine Spur ausdämmernden Bewußtseins durch die Betäubung rang, die die schwere Narkose verursacht hatte, stammelten bie Lippen ber armen Mutter mühsam, kaum verständlich: Die Kinder! Die Kinder!"

Me konnte, nie toütbe Käte das ver­gessen ! Me wenn alle Mutterangst unb Mutter­liebe in dieser sterbenden Frau fich verkörpert hätten, st tönte dieser Ruf im Herzen deS Mädchen« nach, ein letzte Ausklingen ber stärksten Empfindung, die in ber scheitenden Seele gelebt. Blind unb taub bereit« für alles, was ihre Umgebung betraf, eine Hülle, auf der be« Totes eisige Hand fest unb erbarmungslos lag, aber immer das eine Wort, schwächer und schwächer vernehmbar:Die Kinder!" Und im letzten Seufzer, im Hinüberschlummern noch versuchten die Lippen dies Wort zu bilden, bis endlich, endlich ber zitternde Hauch entfloh.

Wie Käte da an dem Lager gekniet, welch' ernste Fragen, welch' hellige Gelübde durch ihre Seele gezogen waren, das konnte ihr ganzes spätere« Lebe« nie mehr an« dem Herzen tilgen, über baS schon so früh bie Weihe des Schmerze« gekommen!

Es verstand sich von selbst, daß fie bei ben Kindern blieb; sie hatte ihrem Bruder mitge* teilt, welch' ein Versprechen fie ber sterbenden Schwägerin hatte geben müssen, unb er hatte bie junge Schwester in bie Arme gezogen, ge­küßt unb mtt wankender Stimme gesagt! Natürlich bleibst Du! Natürlich geschieht alles, wie mein armes Leuchen e« gewünscht hat! Das Han«. die Kinder, tu. was Du

Gesinnung feiner Gattin, ber Prinzessin Helene, ist bekannt. Als nun ater bie Annahme bex deutschen Einladung erfolgte, war 83arr6re sogar auf ber Consulta eifrig benritt, darzu­legen, daß man durch Entsendung eine« Mit­gliedes ber königlichen Familie zv den franzö­sischen Manöver« ein Gegengewicht schaffen sollte. ES Derlautet in sonst gut unterrichteten Kreise«, baß ihm eine sehr kühle Antwort mtt bem Hinweis zuteil geworden sei, die Manöver- besuche italienischer Prinzen erfolgten auf freundfchaftliche Einladungen befreunbeter Staatsoberhäupter hin, aber nicht al« politische Demonstration« - unb Kompensationsmittel. Nimmt man diesen Vorfall zusammen mit bet Erneuerung be« Dreibundes unb der sranzöfisch- ttalienifchen Finanzkatastrophe der letzten Woche, dann begreift man, daß Sattere kürzlich einmal meinte, er müsse feinen Posten wechseln, er habe in Rom kein Glück mehr.

Der König von Italien wird in Berlin mit einem sehr ansehnlichen Gefolge einziehen. Außer bem Minister Prinetti wird dabei die beutfche Hauptstadt die beiten eiustußreichsten Männei des italienischen Hofe« kennen lernen, de> Minister de« königlichen Hause«, Senator Generalleutnant Ponzio-Daglia, und den ersten Generaladjutanten, Generalleutn.Brusatt. Dieser letztere ist al« der eigentliche intime Vertrauens­mann des Monarchen zu betrachten, dem viri­leicht auch noch einmal eine leitende Staatsstelle zusallen kann. Im Jahre 1897, kurz nach der Hochzett des damaligen Prinzen von Neapri, kam ber Oberst Brusati in seine Umgebung, unb er ist in diesen fünf Jahren, besonder- nach bem jähen Thronwechsel, der wirb liche Freund seines Monarchen geworden. Ihm fiel daher auch das Amt des ersten Generaladjutanten zu, das seit dem Uebergang Ponzio-Vaglia« ins HauSministerium, 1. Januar 1900, erledigt war, und zu dem der verstorbene König Umberto den berliner Botschafter, General­leutnant Grafen Lanza bestimmt hatte. Der Mord von Monza änderte alle«, und König Mktor Emanuel ließ ben Posten zwei Jahre verwaist, bi« et Brusati befördern konnte.

In Berlin werden alle Vorkehrungen zu einem würdigen Empfange getroffen. Die Pracht­straße vom Brandenburger Thor die Linden entlang bis zum Lustgarten soll festlich geschmückt werten. Die Stadtverordnetenversammülng wird demnächst eine außerordentliche Sitzung abhalten, um die Mittel dazu auszuwerfen. Die echten Demokraten, die sonst so gern den Männerstolz vor Königthronen im Munde führen, befinden sich in der Geberlaune. Mit Frau und Töchtern auf der reservierten Tribüne zu fitzen, wenn ber König durch bas Brandenburger Tor ein­zieht, um da« Stadtoberhaupt sowie die Häupter ber Stabtterorbnetenberfammtung zu begrüßen,

willst, Käte! Du hast freie Hand, und ich toiifj. Du wirst alles in ihrem Sinn tun!"

Er war sehr gebeugt, tief erschüttert, der leichtlebige Baumeister, so daß seine Bekannte» fich wunderten unb meinten, fie alle hätten ben Mann gar nicht recht gekannt unb vorschnell beurteilt: jetzt sehe man erst, weich' ein tiefes ©emflt er habe, ba ihn ter Tod ber unheilbar kranken, durch Jahre hinfiechenten Frau so hart an­fasse. Gleich allen Augenblicksmenschen hatte auch Hermann Frehtag ein überaus lebhaftes Em- pfinbungSvermögen. Er litt wirklich unb es tat ihm in in seinem Innersten gewissermaßen wohl, baß er litt, er betrachtete bie« al« einen Tribut, ten er ter toten Frau schuldig zu sein glaubte, unb er versteckte auch seinen Schmerz nicht vor anderen, im ©egenteil! Es war jo nicht« Gesuchte«, Geheucheltes dabei,--

mochten doch die Leute sehe», daß er sich grämtet Er sagte fichs immer vor, er habe seine Frau unendlich geliebt und sei ihr ein sehr treuer, zärtlicher Gatte gewesen, es war ihm schön und tröstlich baS z» denken. Er hatte nie, trotz ber jahrelangen Krankheit unb des zurückge­zogenen Lebens, baS Helene führte, seine Auge auf eine anbere Frau geworfen, sein Herz war nie in bie Irre gegangen; ba« rechnete er fich gleichfalls al« ein besondere« Verdienst an, ohm zu bedenken, daß gar keine Versuchung an iHv herangetreten, von irgend welcher Ueberwindrmg mithin keine Rede gewesen war. Er trieb wochenlang einen ostensiblen Kultus mit 4>riene8 Andenken, ließ ein großes Porträt von ihr un­fertigen, pflanzte eigenhändig Rosen auf ihr Grab und kam regelmäßig jeden Abend in« Kindeitzimmer, um zu hören, wie Liddy unb Walter zu ihrer Mama im Himmel betete».

(Fortsetzung folgt)