mit dem Meisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.
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Marburg
Freitag, 22. August 1902.
Die Bedeutung der Landwirtschaft und der Industrie in Deutschland.
Unter dieser Ueberschrist hat Dr. Carl Ballod in Schmoller'S Jahrbuch einen außerordentlich intereffarrtmr Aufsatz veröffentlicht. Das reichhaltige statistische Material, welches er beibringt zur Beurteilung der Frage, ob Deutschland bereits ein Industriestaat sei, bezw. ob eine heilsame Wirtschaftspolitik feine weitere Entwicklung zum vorwiegenden Industriestaat fördern müsse, gewinnt dadurch au Wert und Bedeutung, daß Schmoller der Ballod'schen Arbeit eine Bemerkung hinzufügt, aus der zwischen den Zeilen unschwer herauszulesen ist, daß ihm die agrarfreundlichen Folgerungen, zu denen Ballod gelangt, wenig angenehm find, wobei er indessen zu der Anerkennung sich genötigt ficht, daß Ballod, wo es sich um Größen- bestimmungen, um Statistik handeft, solche in so fachkundiger Weise, wie wenig andere, zu liefern weiß.
Die Voraussetzung einer weiteren Ausdehnung der Industrie in Deutschland ist zweifellos die Möglichkeit, die Mehrproduftion von Jndustrieerzeugnissen im Auslande abzusetzen und dafür das zur Ernährung der vermehrten industriellen Bevölkerung benötigte, infolge des Rückganges der heimischen Landwirtschaft fortwährend wachsende Quantum an Nahrungsmitteln von dort kaufen zu können. Und zwar kamen naturgemäß dabei in der Hauptsache nur diezenigenLänder inBetracht,welche einen Überschuß von Nahrungsmitteln haben.
Auf die Frage, die infolgedessen in den Ztardergrund tritt, ob eine so bedeutende Hebung des Exportes nach Nahrungsstaaten möglich, daß Deutschland eine stärkere industrielle Bevölkerung ernähren kann, antwortet die Statistik mit der Tatsache, daß schon jetzt die Industrie den Nahrungsausfall in Deutschland nicht annähernd z« decken im stände ist, daß vielmehr zu *lt der Rentenbezug, auswärtige Handelsgewinne usw. es find, welche den starken Import von Nahrungsnntteln und Rohstoffen ermöglichen. Dabei find es die Nahrungsstaaten, die in der Einfuhr nach Deutschland gewaltig überwiegen, während bei den Industriestaaten Ein- und Ausfuhr annähernd balanciert. Hierin liegt nun aber, wie Ballod hervorhebt, der Kern de» ganzen Problems. Den Nahrungsstaaten hat Deutschland 1892/95 im Mittel 808 Millionen Mark weniger Waren geliefert als es von ihnen empfangen hat. Nun volhieht fich aber neuerdings rn rapider Weise in diesen NahrungS- stasten eine fortschreitende industrielle Entwicklung, verbunden mit außerordentlich starker Kapitals Vermehrung. Es ist vorauszusehen, daß sie eS in absehbarer Zeit dahin bringen werden,
ihre Schulden abzustvßen und mit zunehmender Bevölkerung kerne Nahrungsmittel mehr auS- führen, resp. solche nur zu exorbitanten Preisen liefern werden. Allen voran in der industriellen Entwicklung ist Nordamerika gegangen, daS bereits anfängt an Kapitalsüberfluß zu leiden. In einem Menschenalter wird fich die dorttge Bevölkerung verdoppelt haben, die rusffche um 50 bis 60 % gestiegen sein. Ob diese heuügen Exporlländer alsdann noch Getreide auSführen werden, ist ftaglich, wenigstens wird es dann mit dem extensiven Ackerbau und den billigen Preisen dott zu Ende fein. Auf den von verschiedenen Setten dieser Eventualität gegenüber geltend gemachten Hinweis, daß es noch andere dünn bevölkette Ackerbauländer gebe — so fei Argentinien allein int stände den Einfuhrbedars Europas zu decken — antwortet Ballod: „ Ob die südamerikanischen, nicht mit Unrecht als ,Raubrepubliken" bezeichneten Staaten in Zukunft loyal gegen ihre europäischen Gläubiger auftreten werde», ist mindestens zweifelhaft, wir haben da nach wie vor eine Reihe von Staatsbankerotten zu erwatten. Da außerdem auch alle südamettkanifchen Staaten durch geradezu wahnfinnige Schutzzölle die stärkere Entwicklung einer einheimischen Industrie begünstigen, so entsteht die Frage: womit werden dann die „blamierten Europäer" ihren Getreidebedarf bezahlen? Die Pankees werden es sicher an ihrer Unterstützurig der Südamerikaner nicht fehlen lassen, haben sie doch längst das „Amerika für die Amerikaner" auf ihre Fahne geschrieben. Will man fich nun nicht zu einer auswärtigen Polittk großen Sttls entschließen, die in bet gemäßigten Zone belegeneu Länder Südamerikas, wenn nicht zu annektieren, so doch zu einem festen Zollbunde zu zwingen, jedem künftigen SchuldenabschüttlungSverfuch mit offener Gewalt zu begegnen, evt. es auf offene Feindseligkeit mit den Pankees ankommen zu lassen, so ist nicht abzusehen, wie der Fehlbetrag an Nahrungsmitteln gedeckt werden soll."
Auf Grund dieser Erwägungen kommt Ballod zu dem Schluß, daß man bei Zetten daran denken müsse, die inländische Nahrungsmittel- produttion so zu heben, daß sie wieder in stärkerem Maße für die einheimische Bevölkerung ausreicht.
Umschau.
Die Enthüllung des Kaiser Friedrich- Denkmals in Cronberg.
Unmittelbar auf die Enthüllung des Kaisettn- Fritt>rich-Denkmals in Homburg sollte die Enthüllung des Kaiser Friedrich - Denkmals in Cronberg folgen. Während, wie wtt schon betont hatten, die Homburger Feier hauptsächlich einen lokalen Charakter trug, nahmen an der
cronberger nähere und wettere Kreise regen Anteil. Vom Bahnhof herauf über die Frank- fmcter- und Hainstraße bis zum Denkmalsplatz grüßten 160 Flaggenmast«! mit Guirlanden und Wimpeln. Den Denkmalspark selbst umspannten ebenfalls geschmückte Masten. In der Bleichstreße und am Frankfutter Tor wurde die Mastenreihe durch Kandelaber unterbrochen; sie trugen an dem lchtgenannten Platz heraldische Standatten mit den Wappen der Tannusotte. In mächtigen Kränzen erblickt man den preußischen Adler, sowie die hessischen und badischen Schilder. Hessen und Baden sind darum be- , sonders berücksichtigt, weil Prinz yttedttch "Karl von Hessen jetzt der Schloßherr von Fttedttchshvf ist und der Großherzog von Baden im Jahre 1897 die Schirmherrschaft über daS Denkmal übernommen hat.
Trotz des unfreundlichen Wetters kamen die Bewohner zu tausenden, Frcmkfntt und Homburg sandten viele Gäste mit fahrplanmäßigen und Extrazügen. Das Mflttär zog mit klingendem Spiel zum Denkmalsplatz. Der Kommandeur des 80. Infanterieregiments, Oberst Jakobi, war der Leiter des AbsperrungS- und Sicherheitsdienstes. Außer diesem Regiment war ein Bataillon des 166. Infanterieregiments und zwei Eskadronen der 13. Husaren am Platze. Auch die Kapelle des 81. Infanterieregiments wirkte unter Musikdirektor Kalkbrenners Leitung am musikalischen Programm mit. Schutzleute und Gendarmen aus den benachbarten Städten und Ottschaften waren für diesen Tag nach Cronbsra obkonnnandiett.
Der Festplatz bot ein prächtiges landschaftliches Bild. Der Blick schweift über Schloß Fttedttchshvf auf die Berge und, wenn man fich rückwättS weudtt, über von Gebüschen besetzte Wiesen ins fruchtbare Tal. AuS dem Hintergrund rechts oben grüßt die malerische cronberger Burg. Die Ftter begann mit der größten Pünktlichkeit. Um */* 11 Uhr verkündeten Böllerschüsse und Fanfarensignale daS Heran- nahen der fürstlichen Gäste von Homburg her. Mit Hochrufen begrüßt, fuhr das Kaiserpaar durch die Reihen der Menge. Der Wagen hielt vor dem Kaiserzelt. Sodrmn begab sich der Kaiser hinüber auf die Wiese unb schritt die Ehrenkompagnie ab, die von der 1. Kompagnie des 80. Infanterie-Regiments unter Hauptmann v. Bardeleben gestellt war. Der Kaiftr ging sodann zurück zum Zett und begrüßte das groß- herzogliche Paar von Baden. Er küßte beide auf die Wangen. Fanfaren bliesen den „Kaifer- gruß" von Roßleck, der Maiu-TaunuS-Sänger- bnnd fang mit Orchesterbegleitung die Hymne „Seht, er kommt" aus „Judas MakkabäuS". Der Vorsitzende des OttsausschusseS, Landrat von Meister, ergriff nun daS Wort, um unter strömenden Regen folgende Ansprache zu halten:
Wir stehen hier auf geweihtem Boden, auf ein« Stätte, die geheiligt ist durch die Erinnerung an die Erhabene Fürstin und Frau, welche hier „Frideriei Memoriae“ wie es die Jnfchrift über dem Schloß- Portal antündet, daS Schloß Fttedttchshvf all Allerhöchst ihren Witwenfitz errichtet hatte, um von dort aus über die nähere und fernere Umgebung den Zauber Ihrer einzigen Persönlichkeit walten zu taffen ms der unerbittliche Tod fie abberufen hat. Zu früh für alle, die Ihr nahe gestanden, zu früh für alle, die Sie bewundert und verehrt haben! Und ans diesem Grunde kann der erste Gedanke bei der heutigen Feierlichkeit nur bei der Hochfeligen Kaiserin unb Königin Friedrich Majestät verwetten, die wir gerade heute aufs schmerzlichste vermiffen. Möge Ihr verklärter Geist segnend über den Taunusbergen unb über diesem Wiesengrunde schweben, auf welchem der Blick Ihrer klaren Augen mit so besonderer Liebe zu verweilen pflegte.
Wenn schon lange im deutschen Volke der Bebaute rege war, Allerhöchst ihrem Gemahl des Hochseligen Kaisers und Königs Fttedttch in. Majestät außerhalb des Lärms und Treibens der große» Städte unb nicht auf den Schlachtfeldern, auf denen Sein siegreiches Schwert die deutsche Einheit erfochten, ein Denkmal zu errichten, so lag es nahe, diese Wicht der Dankbarkeit hier zu erfüllen. Hier in den Taunusbergen, in denen der geliebte Kaiser so oft und gerne verweilt, hier zu Cronberg zwischen Schloß FttedttchS- hos und der alten Stammburg derer .von Cronberg". welche auch in der Ahnmrethe unseres Preußische» Königshauses einen Platz gesunden und unfern bet .Saalburg", die unser Allergnädigster Kaiser zum Andenken an Seine Erhabenen Eltern zur Zeit Wied« auf bauen läßt.
So ist dieses Denkmal entstanden und auf«« wachsen, begleitet von dem kunstverständigen Interesse der dahingeschiedenen Kaiserin, welche Allerhöchstselbst die erste Skizze für dasselbe entworfen und unter ber treuen Schirmherrschaft eines der Großen aus b« gewaltigen Zeit unserer nationalen Wiedergeburt: Seiner Königlichen Hoheit des Eroßherzogs von Baden. Es sei mit gestattet, Seiner Königlichen Hoheit hierfür namens des Ottsausschusses bei ber heutigen feierlichen Gelegenheit die Versicherung nuferes untertänigsten Dankes zu Füßen zu legen.
Seine Königliche Hoheit hat dem Ortsausschuß in schwierigen Verhältnissen stets hilfreich und tatkräftig zur Seite gestanden. Denn die Grundidee ber ganzen Denkmals-Anlage erfaßte auch ben Erwerb unb bie toütbige Herrichtung des unterhalb bei Denkmals sich hmziehenben Wiefengrunbes zu einem Denkmalspatte, welcher nunmehr vollendet vor ber Festversammlung daliegt. Seine wohlgepflegten Wege und ferne mit Sträuchern unb bunten Blumen gezierten Anlagen werben ben Wanderer erfreuen und erheben, wenn er aus bet Ebene hinaufsteigt, nm seinen „unvergeßlichen Kaiser Friedrich" als Leuchte und Krone des Ganzen im Bilde zu betounbertt.
Ja, seinen unvergeßlichen Kaiser Fttebttch! Denn unbergeffen lebt ber Erhabene Monarch in uns allen! Jrn Tosen und Brausen ber Feldschlacht ist er all „Unser Fritz" eingezogen in bie Herzen unserer tapferen Äneget unb als hochherziger Förderer von Kunst und Wissenschaft hat feine Heldengestalt all „Unfer Kronprinz", als .Unser Kaiser Friedrich" bei der Betätigung bet Werke des Friedens im Gemüt und in der Seele seines Volkes einen unverrückbaren Platz gefunden!
Aber wie von den Braven des großen Krieget schon viele nicht mehr unter uns weilen, so werd« auch wir dahingehen und der Rebel der Vergangen» hett wird allmählich seinen Schteier ziehen über das, waS uni lieb und teuer gewesen. Deshalb fei dieses Derckmal für den teueren Kaiser vorzugsweise für
11 Nachdruck verboten.)
Die Kinder.
Novelle von Marie Bernhard.
(Dvaiqputfi.)
Aus die Länge der Zett aber trug fich dieser Kummer schwer und schwerer für bte ohnehin vorn Schicksal hatt Geprüfte. Ost meinte fie, dies Dasttn kaum mehr wetterführen zu können, und fast am Abend jedes Tages erleichterte fich ihr gepreßtes Herz in stürzenden Tränen.
Da kam Käthe ganz ins HauL und waltete darin ganz in dem Sin» und Geist, wie d« arme Kranke eS in früheren Tagen selbst geträumt, glühend gewünschst und dann mit trostlosem Weh als undurchführbar aufgegeben hatte. Ordnung und Behagen kehtten in die verstörte Häuslichkeit zurück, die Kinder wurde» nicht nur notinhtfttg angHogen und abgefüttert, sondern liebevoll beobachtet und erzogen. DaS geängstigte Mutteicherz kam allgemach zur Ruhe, Frau Helene ließ fich pflegen und gern pflegen, denn fie sah, daß Käthe wirklich mit ihrem Herzen dabei war, — ach, und eS war doch seine Schwester, die Schwester des einst so heiß begehrten und auch jetzt noch geliebten, wenn auch mit Schmerzen geliebten Mannes, die ihr dies alles tat. Ein Gefühl des Ausruhens kam über die Kranke, die fortwährende innere Anspannung ließ nach, es trat eine so augenfällige Besserung im Befinden der Patientin ein, daß fich das Gerücht anfing Bahn zu brechen, fie könne am Ende ganz wiederhergestellt werden.
Nur zwei Menschen waren es, die es anders wußten, die fich über die Natur dieses trügen« schen AufflackernS nicht täuschten: der lang- jähttge Hausarzt der Familie und die Leidende
selbst. Wenn ihr Mann, der jetzt, da es im Krankenzimmer so wohnlich und hübsch aussah und seine Frau nicht mehr diese hoffnungslose Leidensmiene aufsetzte, die ihn so verstimmte, manches halbe Stündchen für fie übttg hatte, wenn er in seiner sanguieischen Att Pläne für den Sommer, für eine Badekur, einen Landaufenthalt machte, wenn er von Ausflügen sprach, die fie gemeinsam unternehmen wollten, von Kleidern, in denen er fie zu sehen wünschte ... dann bebte ost ein eigentümliches Lächeln um den Mund der kranken Frau, ein gewisses Lächeln gleichsam, das sagen zu wolle» schien: „Rtt>e nur, — rede? Ich weiß eS besser!"
Der Baumeister sah wohl daS Lächeln, verstand eS aber nicht zu deuten; Käthe jedoch schnitt es jedesmal ins Herz, und einmal, es war ein wundervoller, warmer Frühlingsabend, als die beide» mit einander allein waren, als Käthe auch vom Sommer sprach und ihre Schwägerin so ruhig und selbstverständlich erwiderte: „Ich werde den Sommer schwerlich erleben !" da brach das junge Mädchen in fassungs- lsfe Tränen aus.
Die Kranke hatte wehmütig genickt und das Weiche, aschblonde Haar gestrerchM, das ihr so nahe war. „Wein' doch nicht so, mein Käthchen, bitte, bitte! Dachtest Du wirklich in allem Ernst, ich würde »och ganz gesund werden?"
„Wenn auch nicht daS, liebe Helene, wenn auch nicht ganz gesund, aber doch wenigstens einigermaßen! Der Professor — der Professor sagte doch zu Hermann —"
„Ach, der gute Professor! Der will bloS Hermann bei gutem Mut erhalten; er selbst glaubt ja kein Wott von all den Geschichte», die er Euch vorerzählt! Aber mein Käthchen.
nein, wenn Du so weinst — wünschest Du es denn so sehr, daß ich lebe» bleibe?"
Daraus hatte Käthe die wttße, abgezehrte Hand geküßt, an ihre Brust gebtiuti: und «tt zärtlicher Inbrunst gesagt: „Ich hab' Dich so sehr lieb, Helene!"
Ach, wie hatte daS der tarnten Frau wohlgetan ! Wie hatten die wenigen Worte ihr süß geklungen, — so süß, daß mäh ihr die Tränen kamen, aber es waren gute, ettösende Träne». Gleich lindem Tau fielen fie herab und woben zwischen den beiden Herzen ein Band, das dauern sollte bis zum Grab, — nein, Aber daS Grab hinaus!
Ohne viele Worte verstanden fich die beide»; keine von ihnen hatte ein anklagendes Wott für den Gatten, für den Bruder, ihre gan^ Sorge, ihre ganze Liebe vereinigte sich in den Kinder». Wenn Addh eigensinnig war, wen» fie mutwillig ihr Spielzeug verdarb und zerbrach, wenn fie in irgend einem neuen Putz wie ein kleines Aeffchen vor dem Spiegel stand und ihr zierliches Persönchen nach Herzenslust wendete und drehte, . . . dann tauchte» die Augen der Mutter angstvoll und flehend in die KäteS: „Hier liegt eine Gefahr — und hier, — und hier! Stchst Du sie? Wirst Du fie ein- dämmen, — unterdrücken, wenn ich nicht mehr bin?" Und wenn der zatte, Seine Wolter all' die Turn- und Schwungübungen, die Liddh mit unermüdeter Kraft und Südlicher Anmut zum besten gab, — am liebsten vor bewundernden Tanten und Onktts! — nicht mümachen, wenn er das Gedichtchen, das die Schwester im Fluge erlernt, durchaus nicht behalten tonnte und. lieber still für fich saß und Bilder besah, - wenn der Hausarzt äußerste Schonung und
Pflege für tue „Seine Treibhauspflanze, de» Walter", befahl, — — wie wanderten bann wieder diese geängstigten Mutteraugen zu Käte hinüber: „Auch hier ein kommendes Schicksal! Auch hier eine Ä>rge! Wirst Du suchen, fie zu bannen, wenn ich meine armen, sKvachen Hände nicht mehr auSbretten tarnt über meinen Liebling?"
Und Käte verstand die Sprache dieser Auge», — verstand fie immer, und leistete ein Versprechen Über daS andere, obschon ihre Lippen stumm blieben. Sie war, bei aller Siebe, streng gegen Liddh und steuerte gegen deS Vaters blinde Bottiebe und willküttiche Verwöhnung aus allen Kräften. Sie lernte unermüdlich mit Walter, pflegte und stärkte ihn auf jede nur denkbare Weise und war über^lülStch, als der Kleine ausgesprochene Begabung und ausgesprochene Lust zum Zeichnen bewies. Wenn dann zuweilen mitten in der Nacht, da Käte der tranken Frau Medizin ein« nab oder das Bett zurecht schüttelte, .Helme die hilfreiche Hand ergriff und halb verschämt wottlauS an ihre Lippen zog, dann wußte das junge Mädchen genau, toofär dies der Dank sein sollte, und sie murmelte gerührt: „Ich tue es so sehr gern, liebste Helene!"
So ging daS Frühjahr hin und nahm die letzten Kräfte der Kranken mit. Sie verfiel in überraschender Weise, unb ber heranrückende Sommer, so warm, so wonnig, so blütenreich, wie lange nicht, fand eine Sterbende.
Noch heute ging es wie ein heißes, zitterndes Weh durch Käthes Herz, wmn fie an dies Sterben gedachte.
(Fortsetzung folgt)