mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
*$-
4;
5
Äk
* 4
Sonutagsdeilage: JUuftrirtes Sanulagsblatt.
jn 2oi
Vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 Ml., bet allen Postämtern 2,25 Mk. (ercL Bestellgeld).
Jusertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Reclamen: die Zeile 25 Pfg.
Marburg
Mittwoch, 20. August 1902.
Erscheint täglich außer cm Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Abend-AuSgabe.
Druck und Verlag: Joh. Ang. Koch, Univ erfitätS - Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg. -
Oppofitionsplcm der Sozialdemokraten für die nächsten Landtags- Wahlen»
Nachdem die Sozialdemokraten sich ent- fchlofferr haben, bei den nächsten Landtagswahlen in Preußen sich als Partei an den Wahlen zu beteilig«:, veröffentlicht jetzt ihr leitendes Blatt den Opposttionsplan. Aus demselben find zwei PunÜe der Beachtung wert. Zunächst wird angekündigt, daß, während bisher in denjenigen Wahlkreisen, in denen die Sozialdemokraten bereits an den Wahlen teilgenommen haben, die sozialdemokratischen Wahlmänner ohne Weiteres ihre Stimmen den Freifinnigen und Demokraten zugewandt hatten, diese künftig in denjenigen Wahlkreisen, in denen die Entscheidung bei den sozialdemokratischen Wahlmännern liegt, nur dann auf deren Stimmen zu rechnen haben, wenn bet Sozialdemokraten eines der betreffenden Mandate abgetreten wird. Nicht mit Unrecht bezeichnet das sozialdemokratische Blatt dieses Vorgehen als eine wichtige Probe in Bezug auf die wirkliche Natur unseres Liberalismus. Don seinem Standpunkte will es natürlich in erster Linie erproben, ob die Linksliberalen fich in seinen Augen dadurch wirklich ihres Namens wert erweisen, daß fie in öffentlicher Abstimmung für sozialdemokratische Kandidaten eintreten. Aber auch von ganz entgegengesetztem Standpunkte wird, wenn, woran wohl schwerlich zu zweifeln ist, die Sozialdemokraten in der Lage find, ihren Anspruch aus Ueberlaffung von Mandaten durchzufetzen, die betreffende Wahl eine überaus interessante Probe aus die Natur des fortgeschrittenen Liberalismus darstellen. Man muß sich vergegenwärtige», daß die Sozialdemokratie eine spezifisch antimonarchische Partei ist und daß fie speziell das Königshaus der Hohenzolleru mit der giftigsten Feindschaft verfolgt. Für Kandidaten einer solchen Partei werden also die freifinnigen Wahlmänner in öffentlicher Abstimmung tm nächsten Herbste eintreten sollen. Wie die Probe ausfällt, wird namentlich in Bezug auf diejenigen Linköliberalen von Jntereffe sein, welche ihre Partei für besonders regierungsfähig erachten und von dem dringenden Wunsche beseelt find, diese ihre vermeintliche Regierungs- fühigkeit möglichst bald betätigen zu können.
Sodann wird angekündigt, daß die Sozialdemokraten planmäßig darauf ausgehen werden, in den stark bevölkerten Wahlkreisen durch Obstruktionsmanöver aller Art den Vollzug der Wahlen zu verhindern, um so den Nachweis der angeblichen Unhaltbarkeit des preußischen Wahlsystems zu erbringen. Dabei handelt es sich indeffen um leere Drohungen, durch welche niemand fich bange machen zu laffeu braucht.
Denn man darf vertrauen, daß die Staatsregierung, nachdem der sozialdemokratische Ob- stmktionk^ldzug offen angekündigt worden ist, die nötigen Maßnahmen, insbesondere auch durch Aerürerung der Ausführungsbestimmungen, für die Wahlen treffen wird, um Obstruktivnsbe- strebungen schon von vorneherein die Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Wohl aber werden diejenigen Prückeien, gegen die die Wahlbetätigung der Sozialdemokraten sich richtet, darauf achten müffen, daß überall da, wo mit sozialdemokratischen Stimmen zu rechnen ist, die Wahlbeteiligung in der dabei allein in Betracht kommenden dritten Abteilung stark genug ist, um zu verhüten, daß etwa eine kleine, aber vollständig anwesende Minderzahl sozialdemokratischer Urwähler den Sieg davonträgt. Bisher hat man fich in der Ueberzeugung, daß die Wahlen in der dritten Abteilung von vorne- herein völlig sicher sei, die Sache vielfach sehr leicht gemacht. Die Beteiligung ist oftmals eine geringe, ja minimale gewesen. Mit dieser lässigen Uebung muß naturgemäß überall da gebrochen werden, wo Sozialdemokraten an den Urwahlen sich beteiligen, und es werden dem- zuftlge diejenigen Parteien, welche von der sozialdemokratischen Wahlbeteiligung bedroht werden, rechtzeitig dafür sorgen müffen, daß im entscheidenden Momente ihre Anhänger auch bei den Urwahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus vollzählig zur Stelle sind.
Utttldjon.
Eine preußenseindliche Polenversammlung.
Ueber 2000 Polen veranstalteten am Sonntag in den Germania Sälen eine Protestkundgebung gegen dis „Anti-Polenpolitik der preußischen Regierung."
Der Referent, Redakteur Wrobel, bezeichnete das Germanentum als den Erbfeind der Polen, die immer mehr zur Einsicht kämen, daß alle deutschen Parteien, das Zentrum so gut wie Freisinnige und Sozialdemokraten, ihre Gegner seien und germanisatorische Gelüste hegten. Nur eine innere Reorganisation, die mit der Pflege des polnischen Nationalbewußtseins, die soziale Hebung des Volkes zu fördern bedacht sei, könne den Polen helfen und ihnen eine freie, selbständige Zukunft verbürgen. In der Debatte wurde wiederholt betont, daß die Polen die Teilung ihres Mutterlandes nicht anerkennen; für sie gebe es innerhalb des ehemaligen Polenreiches keine Grenzfäble. Sie müßten von ihren Abgeordneten im Parlamente verlangen, daß sie sich als Vertreter des ganzen, unteilbaren Polen fühlten. Die rücksichtslose Bekämpfung des Polentmns durch die Regierung sei teilweise der Erstarkung des
polnischen SetouftfeinS förderlich, verleite aber andererseits die Feigen und Lauen zum Abfall. Dies „Aas" könne man den deutschen Geigern und Raben überlasten. Die Polenfraktion hätte fich clls unfähig erwiesen; ihre Mitglieder seien „Streber" und „unbeholfene politische Idioten." Die „Kaninchen-Fruchtbarkeit" sei nur ein Zeichen der ungebrochenen Kraft des polnischen Doketz gegenüber dem degenerirten Deutschtum (!). Preußen werde früher von der Landkarte verschwinden, che es ihm gelinge, die Polen zu germanisieren und ihnen die Hoffnung auf die Wiedereistehung Polens zu nehmen. Das neue Polen werde nicht mehr eine Beute der Schlachta und des Klerus, sondern ein freies demokratisches Reich sein. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: „Die versammelten berliner Polen protestieren auf? entschiedenste Sgen die polenfeinöliche Politik der preußischen egiermrg, insbesondere gegen die Derwendimg polnischer Steuergelder zur Bekämpfung derer, die sie aufgebracht haben. Sie erklären den Verkauf polnischen Landes an die Anfiedelungs- kommissiou für einen Verrat an der polnischen Nation und geloben, allen Germauifations- bestrebungen den schärfsten Widerstand entgegen« zusetzen. Es ist ihr unabänderlicher Entschluß, das Poleutum in jeder Weise zu unterstützen, die Entwickelung des polnischen Handels und der heimischen Industrie zu fordern, den polnischen Boden den Polen zu erhalten und ihre Kinder im polnisch-nationalen Sinne zu erziehen." Mit einem dreimaligen Hoch auf die polnische Demokratie wurde die Versammlung geschloffen.
Ueber die Gesinnung, die das Polentum gegenüber dem Deutschtum und dem preußischen Staats hegt, hat diese Versammlung alle wünschenswerten Ausschlüste gegeben. Daß den Vertretern des polnischen Unteilbarkeitsgedankens gestattet wurde, ihren Hoffnungen auf das „Verschwinden Preußens von der Landkarte" so deutlich Ausdruck zu geben, muß allerdings auffällig berühren.
Senator Griwahn in Grimmen.
In liberalen Kreisen hat man viel Aufsehen von der Disziplinarstrafe gemacht, die gegen den Senator Griwahn in Grimmen verhängt worden ist. Der genannte städtische Beamte war beschuldigt worden, an der Verhöhnung des Landrats Freiherrn von Maltzahn wegen feines Verhaltens bei der Wahl in Greifswald - Grimmen teilgeiwmmen zu haben. Er erhielt deshalb vom Regierungspräsidenten die Aufforderung, fich zu seiner verantwortlichen Vernehmung an der von diesem bezeichneten Stelle einzufinden. Da er dieser Aufforderung nicht Folge leistete, belegte der Regierungspräsident ihn mit einer Ordnungs
strafe von 30 M., und die Klage, welche ex gegen die entsprechende Verfügung erhob, ist nunmehr vom Oberverwaltungsgericht enbgültig zurückgewiesen worden. In der liberalen Presse wird nun die Behörde wegen des Vorgehens gegen Griwahn schwer getadelt, Der eigentliche Grund der Bestrafung wird aber geflissentlich umgangen. Als Mftglied eines Magistrats mußte Griwahn in dem zuständigen Regierungs- Präsidenten seinen Vorgesetzten erblicken und gern Befehle desselben zu seiner amtlichen Vernehmung Folge leisten. Der Einwand, daß der Ton der Vorladung ein wenig höflicher gewesen sei, entschuldigt ihn nicht. Fühlte er sich durch diesen Ton beschwert, so mochte er sich über den Regierungspräsidenten bei dem Minister des Innern beschweren. Er hat dem Befehle seines Vorgesehen den schuldigen Gehorsam versagt und ist deshalb mit vollem Rechte bestraft worden, und diejenigen fteifinnigen Blätter, die ihn in Schutz nehmen, können sich dem Vorwurfe nicht entziehen, daß sie für frei» finnige städtische Beamte eine durch die Gesetze nicht gerechtfertigte Ausnahmestellung in Anspruch nehmen. Das entspricht allerdings ihrer Gepflogenheit, den Begriff der Selbstverwaltung im Sinne einer Loslösung von der staatlichen Gesetzgebung zu mißbrauchen.
Der Bericht des deutschen Konsuls auf Haiti, der soeben eingegangen ist, hat angesichts des inzwischen ausgebrochenen Bürgerkrieges erhöhtes Jntereffe, namentlich, weil er zeigt, wie lebhaft die Handelsbeziehungen find, die Deutschland mir der Negerrepublik unterhält. Der Bericht sagt:
Die Geschäftslage. hat sich im Jahre 1901, im Vergleich zum Vorjahre, nicht gebessert. Die Einfuhrhäuser hatten noch große Bestände von Manufakturwaren auf Lager und waren genötigt, zu niedrigen Preisen zu verkaufen, um zu räumen. Der Bedarf war infolge deffen gering, und die Einfuhr blieb bei weitern hinter der des Vorjahres zurück. Dagegen find Lebensrnittel in reichlichen Mengen aus den Vereinigten Staaten von Amerika eingeführt worden und schlank zu leidlichen Pwifen verkauft worden. Die Witterungsverhältniffe waren zu Beginn der neuen Kaffeeernte ungünstig. Anhaltendes Regenwetter hatte die Wege im Innern fast unpassierbar gemacht, und die Landlente konnten nur mtt großer Mühe ihre Erzeugniffe an den Markt bringen. Aus demselben Grunde war es den Leuten unmöglich, größere Einkäufe zu machen, und fie begnügten sich demnach, das Notwendigste zu entnehmen. Durch solche Ver- hältniffe litt der Handel selbstredend. Hierzu kam noch, daß die Prämie auf Gold fich während des ganzen Jahres hochhielt, und der Kaufmann
Nachdruck verboten.)
Die Kiuder.
' Novelle von Marie Bernhard.
«Fortsetzung.)
Damit ging fie, um gleich darauf neben dem Deinen Bett von neuem Platz zu nehmen. Sie überzeugte fich, daß der Umschlag fest war, und rührte ein Pulver in ein Glas Zuckerwaffer. Walter »erfolgte jede ihrer Bewegungen mft wachsamen Augen.
„Der Onkel Professor darf nicht zu mir kommen, nicht wahr?"
„Ich hoffe nein!”
„Du machst mich wieder ganz allein gesund. Du bist viel beffer, als der Onkel Doktor, meine schöne, schöne Mama Käthe!"
„Kleine Schmeichelkatze! Mach' jetzt die Augen zu, vielleicht stimmt dann der Schlaf zu Dir!"
Und er kam, wenn auch erst allmählich. Eine zeitlang sah das Kind schweigend auf die fleißig stickenden Hände, schob den Kopf auf dem Kiffen hin und her, seufzte ein wenig, — dann sanken die Augen zu, — öffneten fich von neuem — schloffen fich wieder, — und Walterchen schlief.
Käte saß und sah auf das abgezehrte, kleine Geficht, und ihr Herz bebte in schmerzlicher Liebe. Wie das Kind seiner Mutter ähnlich sah, ihrer Schwägerin Helene!
Als Hermann Frehtag fich vor nunmehr jtoölf Jahren verheiratet hatte, war feine Braut ein hübsches junges Mädchen gewesen, — etwas zart freilich, aber durchaus nicht tränt Die damals zwölfjährige Käte hatte die junge Schwägerin aufrichtig bewundett und war sehr
stolz und glüchlich gewesen, mit kaum vierzehn Jahren schon Tante einer so reizenden kleinen Nichte zu sein. Sie kam damals fetten zu ihrem Bruder ins Haus; erst, als sie ewachfen war, geschah dies öfter, und da fand sie das Bild der jungen Häuslichkeit mit jedem Male gewandelt, — und r icht zum Votteil! Es wird wenig Männer geben, die es mit Geduld und Liebenswürdigkeit ertragen, eine beständig kränkelnde Frau zu haben. Und Hermann Frehtc^ machte keine Ausnahme von der Regel. Er war eine heitere, lebenslustige Natur, sehr gesellig, sehr mitteilsam, ziemlich eitet und lehr egoistisch. Anstatt ost Gäste bei fich zu sehen, fein HauS als Mittelpunkt regen Verkehrs zu wissen, mit seiner hübschen jungen Frau Gesellschaften und Theater zu besuchen und recht Staat mit ihr zu machen, mußte er Doktor und Apotheker in Nahrung setzen, verhängte Fenster und verdunkelte Lampen sehen, in ge- dämpfwm Ton sprechen und auf den Fußspitzen einhergehen. Der Haushalt kostet ungeheuer viel Geld, und dabei war kein Behagen und kein geregettes angenehmes Leben drin zu finden, die Dienstleute waren nachlässig und sorglos, weil niemand fie kontrollieren konnte, — man durfte sie aber nicht hatt anfaffen, weil sie sonst bett Dienst, der durch die häufigen Krank- heiten der Hausstau ziemlich anstrengend war, ohne weiteres gekündigt hätten. Das kleine Mädchen, das sich prächtig entwickelte, wurde weder vernünstig gewartet, noch"vernünftig erzogen; der Knabe, deffen Geburt der Mutter fast das Leben gekostet, war ein elendes, kümmerliches Geschöpfen, und schrie Tag und Nacht. Das waren alles höchst unerquickliche Zustünde, die dem Baumeister die Häuslichkeit stark verleideten ; er fühlte sich weder zum Krankenpfleger,
noch zum Kinderwätter berufen, trat im Laufe jedes Tages ein-, zweimal an das Lager feiner Frau, stteichette ihr Haar ober ihre Hand, fragte, was denn der Arzt gesagt habe, und ermunterte fie, die Geduld nicht zu verlieren, küßte sein Töchterchen ab, warf einen gering« schätz, gen Blick nach dem wimmernden Söhnchen in der Wege und ging seines Weges, um irgendwo mit guten Freunden Skat oder Billard zu spielen. Seine kranke Frau bat ihn zuweilen: „Bleib doch ein Weilchen bei mit, Hermann!" Dann setzte er fich mit sichtbarem Zwang in Gebetde und Menen zu ihr, sprach ein paar Worte oder hörte zerstreut auf das, was sie ihm sagte. Zuwellen wies er sie ungeduldig ab: „Aber Kindchen, was soll ich bei Dir? Reden greift Dich an, Sprechen hören ist Dir auch nicht viel beffer, und sag mal, wovon sollen wir uns auch unterhalten? Du kommst aus Deinen vier Wänden nicht heraus, — und ich — na, was ich erlebe, kann Dich doch wahrhaftig nicht interessieren! Mein Berns, sagst Du? Ach, um Gotteswillen, bilde Dir nur kettle Schwachheiten ein! Da ist viel mehr Aerger als Vergnügen dabei! Ihr Frauen denkt Euch das immer so schön und poetisch, in Eurer Männer Beruf hineinzusehen; aber erstens lieben wir das garnicht und zweitens ist gewöhnlich nichts damit los!"
Helene hätte ihm erwidern mögen, daß sie freubig bereit sei, auch seinen Aerger, seine Enttäuschungen mtt ihm zu teilen — dafür sei fie eben seine Frau — aber fie unterdrückte es. Er hatte eine amüsante und bequeme Frau haben wollen, und sie war ihm weder das eine noch das andere. Immer seltener kam es vor, daß sie ihn bat: „Hermann, bleib doch bei mir!" Zuletzt ließ fie es ganz.
Es kamen Tage, ja Wochen, da fie das Bett berlaffen, mit ihm bei Tisch fitzen, fich der Häuslichkeit und der Kinder ein wenig mehr annehmen konnte; aber an völlige Genesung, an Lust und Lachen war nicht zu denken, die zarte, blaffe Frau banfte schon Gott, wenn am Tage kein neuer Anfall gekommen war und fie sich des Abends, nach mühsam erfüllter Pflicht, totmüde zu Bett legen konnte. Ach, fie ertappte fich jetzt öfter und öfter auf dem stillen Wunsch, so einschlafen, so ruhen zu dürfen, ohne je wieder zu erwachen. Hermann bedurfte ihrer nicht, er würde sie nicht entbehren , vielleicht sogar insgeheim erleichtert aufahnen — aber die Kinder — die Kinder! Jemehr Helene fich von ihrem Gatten, der fie aus Neigung gewählt, den fie aus Liebe geheiratet, vernachläsfigt sah, um so fester klammerte fich ihr Herz, dos tie’ey, leidenschaftlichen Empfindens fähig war, an die Kinder. Sie konnte wenig für sie tun, mußte fie meistens bezahlten Händen überlassen, — und wie stark war ihre Mutterliebe, wie rein und groß ihre Opferwilligkeit, wie heiß ihre Sorge um diese zwei hilflosen Geschöpfe, die Gott ihr ans Herz gelegt! Sie konnte ihrem Mann diese Sorge nicht anvertrauen, er würde fie mit einer beruhigenden Redensatt abgefunden haben. Jahrelang hatte fie niemanden, dem fie diese beständig an ihr zehrende Angst hätte mitteilen können.
Das wurde anders, als Käthe, ihre junge Schwägerin, heranwuchs. Früh aus fich selbst gestellt, von Natur ernst und mehr nachdenklich beanlagt, war Käthe innerlich viel gereifter, als manches Mädchen, das doppelt ihre Jahre 8 (Fortsetzung folgt.)