Einzelbild herunterladen
 

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: JUnftrirtes Sonntagsblatt. _______________________________________________ 'g-

ja« Bterteljührlich«r Bezugspreis: bei der Expedition 2 3RL, M 197 bd allen Postämter» 2,25 Mk. (excl. Bestellgeld).

JusertionSgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

HMBMB—E—MB—i■fiSHRBBCwB ggfiSSSi

Marburg

Sonnabend, 16. August 1902.

Erscheint täglich außer an Sonn- und Feiertagen. Sonnabends in Morgen- und Wend-AuSgabe. Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UuiverfitätS - Buchdrucker«!

Marburg, Markt 21. — Telephon 55.

87. Jahrg.

Die Ergebnisse der ersten Lesung der Zolltarifkommission.

Die Zolltarifkommission des Reichstags, der die schwierige Aufgabe der Vorbereitung der beiden zollpolitischen Gesetzentwürfe für die weitere Beratung im Plenum zufiel, ist an einem Ruhepunkte angelangt. Sie hat die erste Lesung der Vorlage beendet, eine mehr­wöchige Pause gemacht und Vorsorge getroffen, daß am 22. September die zweite Lesung be­ginnen und bis zur Wiederaufnahme der Plenar­sitzungen des Reichstags durchgeführt werden kann. Es war ein überaus langer und müh­seliger Weg, den die Kommission zurücklegen mußte, um bis zu diesem Ruhepunkte zu ge­langen. Mehr als sechs Monate find darüber ins Land gegangen, nicht weniger als 102 Sitzungen waren zum Abschluß dieser Arbeiten erforderlich, eine Arbeitsleistung, die bisher keine parlamentarische Session, auch nicht dir Kommission zur Vorbereitung des Bürgerlichen Gesetzbuchs, aufzuweisen hatte, und die natur­gemäß auch einen starken Verbrauch der Kräfte zur Folge gehabt hat. Besonders schwierig gestaltete sich die Arbeit sür die Mitglieder und vor allem für den Vorsitzenden durch die Obstruktion, mit der der Freisinn und die Sozialdemokratie in den ersten Stadien der Kommissionsarbeiten zu verschleppen suchten, um das rechtzeitige Zustandekommen des Zoll­tarifs zu verhindern. Wir erinnern nur an die geradezu lächerlichen Anträge, die in jener Zeit täglich von der Sozialdemokratie mit freundlicher Unterstützung des Freisinns gestellt und in endlosen Dauerreden besprochen wurden. Wir erinnern an die heftigen, von den Sozial­demokraten und Freisinnigen vom Zaune ge­brochenen Eefchäftsordnungsdebatten, die auch keinen anderen Zweck verfolgten, als den, die sachlichen Beratungen zu verhindern. Die Dinge wurden nachgerade zu einem öffentlichenAergerniS, sodaß Herr v. Kardorff sich veranlaßt sah, den Vorsitz niederzulegen. Herr Rettich trat an seine Stelle, der sich auch fast täglich mit den Gegnern auf der äußersten Linken herumschlagen mußte. Die noch während der Osterferien vor­handene Hoffnung, die Kommisfionsarbeiten rechtzeitig zum Abschluß bringen und den Zoll­tarif im Reichstage noch vor Eintritt der Sommerferien zu verabschieden, erwies sich sehr bald als trügerisch. Es wurde der Ausweg gewählt, den Reichstag bis zum Oktober zu vertagen und die Zollkommisfion gegen eine angemeffme Entschädigung während der Sommer­pause weiter arbeiten zu lassen. Dank dieser Anordnung ist jetzt begründete Aussicht vor­handen, daß der Reichstag, wenn er am 14. Oktober zusammentritt, den Bericht der

Kommission vorfindet. Freilich find bei der ersten Lesung des Tarifs Schwierigkeiten, die dem Abschluß des Werkes entgegenstanden, nicht ganz überwunden. Die Abänderungen, die von der Kommission am Zolltarif und Zolltarifgesetz vorgenommen wurden, stießen bekanntlich bei der Regierung fast immer auf sehr scharfen Widerspruch. Wie dieser gelöst werden wird und ob die Lösung im Jntereffe des werktätigen Volkes erfolgt, bleibt abzu­warten, die Hoffnung ist sehr gering.

Schon bei dem Zolltarifgesetz traten klaffende Gegensätze zwischen der zollpolitischen Mehrheit und der Regierung zutage, eS verging kein Tag, an dem nicht von den Vertretern des Reichskanzlers in der Kommission daS Wort .Unannehmbar" fiel, und diese Unannehmbars häuften sich derart, daß wiederholt die Frage aufgeworfen wurde, ob daS Weiterarbeiten überhaupt noch Zweck habe. Die wichtigsten Aenderungen, die am Zolltarifgesetz vorge- vorgenommen wurden, find die nachfolgenden:

Die Mindestzölle, die § 1 des Zolltarif­gesetzes für das Getreide festlegt, wurden durch­weg um 50 Proz. erhöht, beim Roggen von 5 Mk. auf 5,50 Mk., beim Weizen von 5,50 Mark auf 6 Mk., bei der Gerste von 3 auf 5,50 Mk. und beim Hafer von 5 auf 5,50 Mk. Diese Erhöhung entspricht bekanntlich einem Kompromißantrag Graf Schwerin-Herold, er ist von der Regierung für unannehmbar, von den berufenen Vertretern der Landwirtschaft für nicht ausreichend erklärt worden, und eS läßt sich nicht absehen, wie eine Verständigung erzielt werden soll. Dieser Erhöhung der Mindestzölle entsprechend wurden auch im Tarif selbst die autonomen Getreidezölle erhöht, und zwar der Roggenzoll von 6 Mk. auf 7 Mk., der Weizenzoll von 6.50 auf 7,50 Mk., der Gerstenzoll von 4 aus 7 Mk., der Haferzoll von 6 auf 7 Mk. usw. Unter den übrigen im Zolltarifgesetz vorgenommenen Aenderungen find die hauptsächlichsten die folgenden:

Einführung von Ursprungszeugnissen für Waren, welche nach dem Lande ihrer Herstellung verschiedenen Zollsätzen unterworfen find,

Erhöhung der Kampfzölle dadurch, daß der Zollzuschlag bis zum doppelten Satze gegen Länder eintreten soll, die deutsche Ware un­günstiger behandeln,

das Verbot der Oktrois, d. h. der kommunalen Getreide-, Mehl- und Fleischabgaben,

Aufhebung der gemischten Transit­läger,

weitere Einschränkung der Zoll­kredite und endlich

die Festlegung des Termins für das Inkraft­treten des Gesetzes auf den 1. Januar 1905.

In allen diesen Punkten setzte die Regierung den Abänderungsvorschlägen der Kommission ein .Unannehmbar" entgegen. ES wäre also ein Optimismus ohnegleichen, wollte man jHt beim Abschluß der ersten Lesung sagen, die Hauptschwierigkeiten seien beseitigt.

Nicht minder zahlreich find die Abänderungen, die die Kommission am Zolltarif vorgenommen hat. An der vom Reichskanzler gezogenen Diagonale find so erhebliche Ausbuchtungen nach links bezw. nach rechts vorgenommen worden, daß die Herstellung einer neuen mittleren Linie Wohl sehr schwer werden dürste. Erfreulich ist zunächst die Ein­setzung von Zöllen zum Schutz der deutschen Gärtnerei, die die Regierung auS Rückficht auf Italien schutzlos gelaßen hatte. Aber auch hier erfolgte am Regierungstisch daS bekannte Un­annehmbar, sodaß man auch nicht weiß, waS da noch werden mag. Sind auf der einen Seite sonach erfreuliche Ergänzungen des Zoll­tarifs vorgenommen worden, so muß auf der anderen Seite hervorgehoben werden, daß viel­fach unfertiges, im Zufall entstandenes Flick­werk zu stände gekommen ist, bei dem der Meißel des Bildhauers noch manche Korrektur vornehmen muß, wenn jener schöne Marmor­block zu stände kommen soll, den Graf Posa- dowskh als das Ziel seiner Arbeit skiziert hat.

Umschau.

Die Versicherung der Arbeiter.- Witwen.

Trotz allgemeiner Zustimmung zu dem Ge­danken der Förderung der Witwen- und Waisen- verficherung der Arbeiter mit Reichsmitteln ist der hierauf bezügliche Zentrumsantrag zu dem Zolltarifgesetzentwurf abgelehnt worden. Zur Zeit ist, wie der Staatssekretär des Reichsschatz­amts an der Hand eines reichen Zahlenmaterials in der Kommission im einzelnen nachgewiesen hat, die finanzielle Lage im Reiche so wenig llar und übersichtlich wie möglich. Nur eins ist völlig gewiß, daß auch ohne die Ueber- nahme so großer und neuer Aufgaben, wie der finanziellen Förderung der Witwen- und Waisen­versorgung, die Einnahmen des Reichs weitaus nicht zureichen, um das Gleichgewicht im Reichshaushalt dauernd sicher zu ftdlen. Un­sicher aber ist sowohl, wie hoch sich der Mehr­bedarf stellen wird, als auch wieviel davon in den aus dem neuen Zolltarif zu erwartenden Mehreinnahmen Deckung finden kann. Endlich läßt sich zur Zeit weder übersehen, wie hoch der Ausfall an Reichseinnahmen sich stellen würde, wenn die Mehrerträge der landwirt­schaftlichen Zölle der etatsmäßigen Ver­wendung im Sinne des Zentrumsantrages

entzogen würden, noch in welchem Betrage Er­satz für diesen Ausfall durch Erschließung neue, Einnahmequellen zur Schaltung des Gleich­gewichts zwischen Einnahmen und Ausgaben zu gewähren sein würde. ES unterliegt daher, so wird in einer offiziösen Korrespondenz ausge- führt, keinem Zweifel, daß der Zeitpunkt, um in verantwortlicher Weise die Förderung der Witwen- und Waisenversorgung der Arbeiter in die Aufgaben deS Reichs zu übernehmen, noch nicht gekommen ist, sonder« daß frühestens daran im Zusammenhangs mit der Neu- regelung der Finanzverhältnisse deS Reiches herangetreten werd« kann, welche nach dem Abschluß der Verhandlung« über den Zoll­tarif und die Handelsverträge in Aussicht steht. Bis dahin wird man sich bei Konstatierung deS grundfittzlichen Einvernehmens der gesetzgebenden Faktor« des Reichs damit begnügen müffen, daß, sobald die finanziellen Verhältnisse deS Reiches eS gestatten, die Reichs-Arbeiterver­sicherungs-Gesetzgebung durch die Fürsorge für die Witwen und Waisen der Arbeiter unter finanzieller Mitwirkung deS Reiches zu erfolgen hab« wird.

Die Entwickelung der Großbanken.

Ein sehr anschauliches Bild, zu welcher un­geheuren Kapitalmacht, sich bis jetzt die deutscher Großbanken entwickelt haben, giebt eine vom .Berliner Aktionär" veröffentlichte Statistik. Danach ist die Zahl der Kreditbanken in Deutsch­land von 118 Ende 1900 bis auf 125 1901 gestiegen. Die in der Verwaltung dieser Banke» Ende befindlichen eigenen und fremden Kapitalien beliefen sich am Jahresschluß 1901 auf 6643,4 Mill. Mk. gegen 6958 Mill. Mk. Ende 1900. Davon entfallen auf die Berliner Banken Ende 1901 3689 Mill. Mk. (3821 Mill. Mk.), und auf die Provinzialbanken 2954 Mill. Mark (3137 Mill. Mk.), indes ist hierbei zu berück­sichtigen, daß alle Provinzialinstitute jetzt mehr oder weniger von den Berliner Groß­banken abhängig find. Der Bruttogewinn aller Banken betrug 258,40 Mill. Mk. (262,02 Mill. Mk.), der Reingewinn 152,64 Mill. Mk. (185,27 Mill. Mk.) und die Dividende betrug 110,52 Mill. Mk. gleich 5,66% (185,27 Mill. Mark gleich 7,19%). Die Dividende stellte sich also durchschnittlich bei allen Banken auf 5,66%, bei den berliner Banken allein auf 5,75 %. Aus das gesamte arbeitende Kapital (Aktien-Kapital und Reserven) entfiel in den Jahren 1901,1900, 1899 und 1898 eine Dividende von 4,70%, 5,95%, 6,88% und 6,71%. Es find das imposante Ziffern, welche die Kapitalmacht im Bankwesen kennzeichnen und insbesondere be­kunden, daß das Bankgewerbe trotz der indu­striellen und verbrecherischen Heimsuchungen im ganzen relativ vorteilhaft gearbeitet hat, und

S Machdruck verboten!

Die Kinder.

Novelle von Marie Bernhard.

lFortsetznng!

Damals seufzten Sie leise und sagt« vor sich hin: »Ach Gott, — und ich kann auch nicht lateinisch!" — DaS wißen Sie wohl gar nicht mehr, Fräulein Käthchen, — tote?"

Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann mich wirklich nicht mehr darauf befinnen l"

„Aber ich befinne mich! Und eS hat Ihnen Sorge gemacht!"

„Die macht es mir auch jetzt noch und zwar oft; ich wußte nur nicht, daß ich in Ihrer Gegenwart davon gesprochen hatte!"

„Mich freut eS, daß eS geschah, — ich möchte alles wißen und teilen, was Sie ernsüich be­schäftigt. Nun also, ... wie wärS, Fräulein Käthe, wenn ich Ihnen lateinischen Unterricht geben würde?"

„Sie? Mir?"

„Ich! Ihnen!"

„Ist das Ihr Ernst?'

„Sehe ich aus, als scherzte ich?'

„Nein, — dar nicht! Mr ist das auch eine so ernste Angelegenheit!"

„Nicht minder mir! Alles Wa8 Sie be­trifft —"

„Dies betrifft doch Walterchen!'

„Ach, — Walterch«! Der ist lediglich Mittel zum Zweck, — will sagen, also — ich meine, natürlich liegt mir auch dran, daß der Junge etwas lernt, schon weil er ihr Liebling ist! Was sagen Sie nun zu meinem Vorschlag?"

„Es ist sehr gut von Ihnen —'

„Na, in meiner Güte steckt 'ne gehörige Portion Egoismus. Ich denke mir das einfach reizend, Sie zur Schülerin zu haben!"

„Geben Sie sich nur keinen Illusionen hin! Ich habe im ganzen einen guten Kopf, aber ob ich gerade gut lateinisch werde lernen können — "

„Natürlich werden Sie! In einem Semester bringe ich Sie bis Untertertia, wenn Sie fleißig find —"

„Aber ich habe gar nicht so sehr viel Zeit. Der Haushalt und die Kinder und meine Hand­arbeiten, die nehmen mich ganz ordentlich in Anspruch."

„Wenn man wirklich Lust zu einer Sache hat — haben Sie die?"

„Sehr sogar!"

„Dann findet fich auch Zeit und Gelegenheit dazu. So gegen Abend, zwei- bis dreimal in der Woche

„Werden Sie denn das mit Ihren Korrek­turen und Privatstunden vereinigen können?"

„DaS laffen Sie nur getrost meine Sorge sein!"

„Und ob Hermann damit einverstanden sein wirb . . .'

„Machen wir! Machen wir alles! Den Baumeister übernehme ich, — der wird ganz glücklich sein, wenn wir seinem Stammhalter tüchtig auf die Sprünge helfen. Und wenn der Junge dann hübsch aufrückt und gute Zeugniffe bringt, dann beffert fich auch daS Verhältnis zwischen Vater und Sohn, das sollen Sie nur sehen!"

„Gott woll' es geben!"

„Also ja!"

„Ja, — wenn —'

„Kein Wenn! Bedingungslos!'

.Meinetwegen auch das!"

Käthes Hand wanderte in Erwin RotheL offen hingehaltene Rechte hinüber und wurde zur Besiegelung deS Vertrages nachdrücklich geküßt. Des jungen Mannes Augen strahlten. Solange schon hatte er nach einem Vorwand gesucht, um regelmäßig in Käthes Nähe zu kommen, — nicht nur so dann und wann als sogenannter Freund des Bruders! So übergroß war seine Freundschaft für Baumeister Frehtag gar nicht, wenn er's sich recht bedachte. Gewiß, Käthes Bruder konnte ein sehr liebenswürdiger, unter­haltender Gesellschafter sein, aber erstens war er dies durchaus nicht immer, sondern hatte seine Launen, denen er ziemlich unbeschränkt die Zügel schießen ließ, zweitens hielt der Philologe ihn für einen Egoist«, der seine Angehörigen ost rücksichtslos behändeste, und endlich lagen die Interessen der "beiden Herren auf zu verschiedenen Gebieten, als daß fich ein besonders starkes Band zwischen ihn« hätte knüpfen laßen. Sie mochten einander gern und standen äußerlich in sehr guten Beziehungen, das war alles.

Das stärkste Band aber, das Herzen bindet, bestand unausgesprochen zwischen Käthe Frehtag und dem Doktor Erwin Rothe. Die zwei hatten fich zu einander gefunden, bald nach ihrem ersten Beisammensetn, und es kostete dem jungen Mann die stärkste Ueberwindung, nicht vor- zeittg mit seinen Absichten hervorzutreten. In­direkt aber, mit Blick und Ton, warb er um das Mädchen, das er liebte, jedesmal wenn er e8 sah. So auch heule. Und als er, da seine Pflicht ihn rief, jetzt von ihr ging, war der Plan mit den lateinischen Stunden eine goldene Brücke mehr, die ihm ihr aufs neue näher­brachte.

n.

Da saß nun Käthe Frehtag mit ihrer Hand­arbeit am Fenster des Wohnzimmers, ganz wie zuvor. Und doch so ganz anders. Träumend ließ sie die fleißigen Hände finken und sah vor sich hin; ein weiches, gerührtes Lächeln lag um ihre Lippen, die Augen bekamen feuchten Glanz. Sie seufzte etwas betlommen, aber eS war ihr nicht traurig dabei zu Sinn, — das durchaus nicht! Sie tat es mehr, um die Brust frei zu bekommen, es lag ihr etwas auf dem Herzen. Ihr glückliches Geheimnis war'S das sie gern mit jemanden hätte teilen mögen. Nicht in deuttichen Morton darüber reden, bewahre 1 Aber hätte sie eine liebende und geliebte Mutter, ... die würde sie sicher auch ohne lange Erörterungen verstehen. Ach ja, — — die Mutter! Dunkel, ganz dunkel tauchte ein Bild aus den Tiefen ihrer Erinnerung hervor: eine blonde, schlanke Frau, die ihr leise vorge- sungen hatte, in deren Armen sie eingeschlafen war, die sie „mein kleines, süßes Käthchen, mein HerzenStöchterchen" genannt hatte. Bruder Hermann, der soviel älter war als sie und sich so gut auf die Eltern besann, hätte dies dunkle, verschwommene Bild auffrischen könnnen, aber daS tat er nicht. Die Vergangenheit spielte keine Rolle bei ihm, er war ein Mann der Gegenwart, er nannte eS sentimental, in Er­innerung zu schwelgen. Käthe wäre ihm so dankbar gewesen, wenn er ihr zuweilen etwas von seinem Seben mit seinen Eltern erzählt hätte; nach einigen schüchternen Versuchen, ihn dazu zu bringen, gab sie ihr Bemühen tu» erfolglos auf.

(Fortsetzung folgt.)