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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jlluftrirtes Sonntagsblatt.
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37. Jahrg.
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Die Reisen des Königs von Italien.
Am 29. d. Mts. werden eS zwei Jahre, »aß König Humbert, ein treuer Freund unseres Kaiserhauses, in ruchloser Weise ermordet wurde. Wie erinnerlich, war er im Begriff, dem Schützen- 'eft in Monza einen Besuch abzustatten, als der anarchistische Mordbube Angelo Bresci ihn durch tret Revolverschüsse tödlich verletzte, noch auf )em Wege von der Mordstätte zum Schloß bauchte der edle König sein Leben auS. Der Thronerbe Viktor Emanuel, sein ältester Sohn, <fanb sich gerade aus einer Fahrt in den ; djifdjen Gewässern. Er eilte zurück und . -.nahm am 3. August mit einer Proklamation ui die Nation die Regierung, die ihm in den rsteu zwei Jahren viel Sorge und wenig Freude »ereitet hat. Der Kampf gegen den Anarchismus und gegen eine böse Korruption, die selbst höhere Kreise angefressen hat, sowie Partei- virren und Ministerkrisen nahmen die Aufmerksamkeit des Monarchen fortgesetzt in Anspruch, und diesem Umstande ist eS wohl auch zuzuschreiben, daß König Viktor Emanuel III. nft jetzt daran denkt, den europäischen Fürstenhöfen den üblichen Antrittsbesuch abzustatten. Der Weg führt ihn zunächst an den Hof des Zaren. Der König wird sich drei Tage als Gast am russischen Hofe aufhalten, einen Tag in Peterhof, dem herrlichen Landaufenthalte deS Zaren, einen Tag in Petersburg selbst und einen Tag im Manöverselde. Der Gegenbesuch les Kaisers von Rußland wird im Oktober in Rom erfolgen.
Die Besuchsreise des Königs Viktor Emanuel hat nicht nur den Bierbankpolitikern, sondern auch der ernsthaften Presse und anscheinend auch hier und da zünftigen Diplomaten mancherlei Kopfschmerzen gemacht. Man hat eS einigermaßen verwunderlich gefunden, daß der König zuerst nach Petersburg geht, obwohl eS doch näher gelegen hätte, zunächst seinen Verbündeten, dem Kaiser Franz Josef von Oesterreich und dem deutschen Kaiser Besuche abzustatten, denen er infolge des neuerdings verlängerten Dreibundes näher steht. Politische Gründe liegen jedoch, wie man erzählt, hierbei nicht vor.
12 Machdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
Roman von L. Haidheim.
lFortsetzuug.)
Die Diakonissin weckte den alten Mann.
„Wo wohnt der Hausarzt? Er muß sofort wieder kommen.'
Gleich darauf trat der junge Mensch auS >em Hause.
Vor der Gartenthür traf er seinen Herrn.
Obwohl in der Küche, trotz des alten Henke grimmigen Schweigens, von dem übrigen Personal die Vorgänge deS Abends mehr als genügend besprochen worden und der achtzehnjährige Karl längst schon mit den Mädchen und der Köchin allerlei Betrachtungen über des gnädigen Fräuleins „merkwürdigen Einfluß" im Hause angestellt hatte, so war er doch weit entfernt, sich die unmittelbaren Folgen der Scene im Frühstückszimmer klar zu machen.
Er riß respektvoll die Mütze vom Kopfe und öffnete die Thür weit, um feinen Gebieter eintreten zu laffen.
Es war HanS, als presse sich eine Eisenfaust um sein Herz; für ihn stand, wie mit unsichtbaren, feurigen Lettern über dieser Thür von heute an „Verbotener Eingang" geschrieben.
War es denn möglich? Wie hatte ihn seine Torheit so wahnsinnig dumm machen können? „Alles verloren! Unwiederbringlich verloren!" schrie eS in ihm. Aeußerlich spielte er gewohnheitsmäßig seine Herrenrolle.
„Wohin willst Du, Carl?" fragte er, neben ihm hergehend.
„Zum Herrn Sanitätsrat. Der Herr Doktor, der zurst da war, konnte nicht bleiben und als
Die Unterlassung einer Fahtt König Viktor Emanuels nach Wien wurzelt in den Verhältnissen des Vatikans zur Kurie. Seit der Aushebung des Kirchenstaates erscheint der Papst in der römischen Tradition als ein Gefangener, er erblickt in dem Könige von Italien seinen Erzfeind und er gestattet nicht, daß katholische Fürsten nach Rom kommen und dem Könige von Italien einen Besuch abstatten. Als getreuer Sohn der katholischen Kirche hält sich der Kaiser von Oesterreich an diese Tradition gebunden, die moralische Autorität deS Papstes ist mächttg genug, um Könige und Fürsten zu bestimmen, seinen Wünschen und Empfindungen Rechnung zu tragen. Wie PiuS XL, so erwartet auch Leo XIII. von allen katholischen Herrschern, daß sie dem „entweihten Rom", vor allem aber dem jetzt vom Könige bewohnten Quirinal fernbleiben. Und weil nun der Kaiser von Oesterreich aus Rücksicht auf den Papst dem Könige von Italien einen Gegenbesuch in seiner Residenzstadt nicht abstatten kann, so unterbleibt auch nach höfischer Etiquette der Besuch König Victor Emanuel's in Wien. Mag nun sonstwo eine Zusammenkunft der beiden Herrscher stattfinden oder wahrscheinlich unterbleiben so wird vorerst dadurch an dem Verhältnis der Staaten zueinander nichts geändett. Die Erneuerung des Dreibundes hat das sreundschast- liche Verhältnis beider Mächte für die nächste Zeit besiegelt.
Näher liegt für uns die Frage, weshalb der König von Italien nicht vor seiner Fahtt nach Petersburg oder wenigstens unmittelbar nach der Rückkehr von dott dem deutschen Kaiser einen Besuch abstatttt. Auch hierüber haben sich viele Leute bereits die Köpfe zerbrochen, und zwar ohne Grund. Der Besuch in Berlin wird im August stattfinden. Ursprünglich wünschte der König von Italien, unser» Kaiser aus der Fahrt nach Petersburg zu besuchen. Der Neiseplan mußte geändett werden, weil sich im Juli bekannllich unser Kaiser aus der Nordlandsfahrt befindet und weil andererseits Berlin zur Zeit der berüchtigten Straßenbuddeleien sich wenig zum festlichen Empfange fremder Fürstlichkeiten eignet. Hierzu kommt, daß zur Zeit gerade die Feststraße Berlin's, die Straße Unter den Linden vollständig aufge- riffen ist. AuS diesen rein äußerlichen Gründen wurden die Reisedispofitionen dahin geändett, daß König Victor Emanuel Ende August in Berlin zum Besuch eintreffen wird. Er ist den Berlinern kein Fremder mehr, als Kronpttnz ist er ost dott gewesen und hat mit unferm Kaiser, dem damaligen Pttnzen Wilhelm, engere, freundschaftliche Beziehungen angeknüpft, er wird ebenso wie sein Vater in Berlin eine herzliche Aufnahme finden.
die gnädige Frau einst lief — der Herr Sanitätsrat hat ihr Morphium unter die Haut ge« spritzt, sagte Elise — da ging er auch fort. Aber jetzt soll ich sagen, das Fieber stiege — es hätte schon 39,7 und er müßte wieder kommen."
„Wer ist sonst noch im Hause, Carl?"
„Die Diakonissin und Fräulein Burghausen find bei der gnädigen Frau — der Herr Geheime Oberregierungsrat und der Herr Schwiegervater wachen im Salon."
„Und wo ist mein Bruder? Der ist wohl auch dagebliebm?"
Der Bursche wollte nicht recht mit der Sprache heraus. Endlich berichtet er auf verschiedene Fragen: „DaS gnädige Fräulein Burghausen — so habe Elise in der Küche erzählt — wolle nichts mehr von dem Herrn Leutnant wissen, die Verlobung sei aufgelöst — wegen dessen — was heute pasfiett wäre, der gnädige Herr möchte es nicht übel nehmen, daß er das so sagte. Aber Elise und die Köchin hätten erzählt — ein Offizier könnte das nicht auf seiner Ehre fitzen laffen. Und die Weibsbilder — Gott, die machten ja immer gleich auS der Mücke einen Elephanten! Der Herr Leutnant — daS habe er, Carl, gesehen, — fei weggegangen und als er Wein heraus gebracht, da habe der Herr Geheime Kommerzienrat gesagt: „Burghausen, danken Eie Gott, daß Ihre Tochter ein so vernünftiges Mädchen ist; fie hätten sich ja beide das ganze Leben ruiniert. * Und dann hätte der alte Herr die Hände vor das Gesicht geschlagen und geweint: „Ich wollte mein einziges Kind glücklich machen und was nutzt mir nun mein vieles Geld — fie verwindet den „Schlag" nie — niemals."
Carl sagte die letzten Worte im Tone schüchternen Vorwurfs. Daß sein Herr mal
Umschau.
König Eduard und die Krönung.
Die „Times" kündigt im ersten Leitartikel an, daß der König, wenn nichts Unerwartetes dazwischen komme, im August gekrönt werde. Es spreche sehr viel dafür, daß der König die Krönung durchmache, ehe er zur Herstellung seiner Gesundheit sich für längere Zeit von der Arbeft zurüHishe. Wenn die Krönung im August stattfinde, müsse das glänzende Zeremoniell bedeutend verkürzt werden, doch würden dann die Soldaten aus den Kolonieen und die indischen Soldaten noch hier sein und bei dem Krönungsaufzuge verwendet werden. — Der „Daily Mail" zufolge spttcht man davon, daß die Krönung am 12. oder 19. August stattfinden solle. Der „Standard" bttngt eine offenbar von einem Arzte geschriebene Darstellung deS gegenwättigen Zustandes des Königs, worin es heißt: Man könne nicht von einer baldigeu Krönung sprechen, wenn die Zeremonie nicht säst ganz pttvater Art sein solle. Ein Mann mit einer offenen Wunde, die noch immer stark absondere, könne keine öffentliche Zeremonie durchmachen, die anstrengeno sei, auch wenn man sie noch so abkürze. — Der „Manchester Guardian" schreibt, dem Könige sei sehr darum zu thun, so bald wie möglich gekrönt zu werden. Er könne die Luftveränderung und die Ruhe nicht völlig genießen, ehe die Krönung nicht stattgefunden habe. Der König werde darum, wenn alles gut gehe, gekrönt, ehe sich ba3 Parlament im August vertage.
Freihandel und Schutzzoll.
„Die „Kreuzzeitung" hatte in ihrem Wochenbericht tüber die Aussichten des Zolltarifs bemerkt :
„Scheitert aber das Werk an der Abneigung, der Landwirtschaft in gleicher Weise wie der Industrie den zur ihrer Existenz notwendigen Zollschutz zu gewähren, so wird — das ist unsere feste Meinung — für die Konservativen Grund genug gegeben sein, auf die Rückkehr zum uneingeschränkten Freihandel hinzuwirken."
Dazu fragt die „Freisinnige Zeitung":
„Wie paßt diese Ankündigung zu sonstigen Artikeln der konservativen Preffe, in denen Freihandel mit Demokratie und Sozialdemo- kratte als untrennbar zusammengeworfen wird."
Es scheint, als ob die „Freisinnige Zeitung" ganz vergessen hat, daß auch ein großer Teil der Konservativen in früheren Zeiten Anhänger des Freihandels war und daß die Demokraten in Frankreich und Amerika Schutzzöller find. Die Frage nach Freihandel und Schutzzoll ist lediglich eine Zweckmäßigkeitsfrage und hat mit der Parteipolitik an sich garmchts zu thun. Wenn die Demokratie bet uns in Deutschland
ein anderes Fräulein küßte — das fand er nicht so schlimm, aber die eigene Frau dann auch noch zu schlagen, wenn sie Krakehl über die Bagatelle macht — das ging ihm trotz seiner Liberalität doch reichlich weit.
Und dann bat er ganz mitleidig: „Ach, Herr Regierungsrat, stöhnen Sie doch nicht so! Das ist ja alles nur halb so schlimm! Die gnädige Frau ist viel zu gut, die brauchen Sie ja nur ein bißchen zu bitten, so thut fie alle», waS Sie haben wollen — und morgen oder übermorgen ist fie wieder gut."
Carl hatte ungestört weiter geredet, weil sein Herr den Kopf tief gesentt hielt und schweigend neben ihm her schritt.
Nun waren fie am Hause des SanitätSratS. Hans hatte den alten Herrn sprechen wollen, als Carl jedoch die Nachtklingel zog, packte ihn eine schreckliche Feigheit und ein grauenhaftes Gefühl der Scham — und ohne ein weiteres Wort lief er wie gejagt davon und hätte nur noch, wie da oben ein Fenster klirrte und der alte Herr fragte, wer da fei.
Wieder irrte er umher und nach einer halben oder ganzen Stunde fand er sich abermals, wie magnetisch angezogen, vor „seinem" Hause.
Dott oben im Salon bewegten sich wieder Schatten. Es war so still jetzt, daß ihm war, als müsse er verstehen können, was da gesprochen wurde, aber dar Oeffnen der Hausthür hörte er wirklich.
Es war der SanitätSrat, der jetzt erst ging. Schon machte HanS wieder ein paar Schtttte, um sich eiligst zu entfernen» dann aber nahm er seinen Mut zusammen und trat dem alten Herrn entgegen, der vor ihm zurückfchrak und wortlos an ihm vorbei gehen wollte.
freihändlerisch gesinnt ist, so hat das im wesentt lichen seinen Grund darin, weil fie nicht wünscht, daß die Landwirtschaft gestärkt werde. Sie erblickt mit Recht in der ländlichen Bevölkerung ihren größten polittschen Gegner. Bei den Demokraten ist also der Freihandel aus polittschen Gründen Prinzip. Das geht auch daraus hervor, daß die sie gegen industriellen Schutzzölle nur auS einem gewissen Anstandsgefühl heraus Front macht und sie nicht zur Agitation benutzt, wogegen fie die Agrarzölle als wichtigstes Hetz- mittel gebraucht.
Der Zusammenbruch -der Leipziger Bank vor dem Schwurgerichte.
Es gelangt das Protokoll der AuffichtSratS- sitzung vom 21. Februar 1901 zur Verlesung, welches eine vertrauliche Erklärung zu dem Geschäftsbericht und bet Bilanz übet das Iaht 1900 enthält. Desgleichen kommt der Geschäftsbericht für 1900 zur Verlesung. Der Vorsitzende bemerkt, daß der Bettcht eine irrige Vorstellung über den Gang des Geschäfts erwecke. Man vermisse das schwere Engagement der Leipziger Bank mit der Trebergesellschaft. Es scheine, als ob die Leipziger Bank in der Hauptsache nur zu Gunsten bei sächsischen Industrie gearbeitet und hierbei Gewinne erzielt habe. Exner sagt aus, daß der Bericht seiner Feder entstamme. Es sei unrichtig, wenn dis Anklage behaupte, daß die Ausdehnung des Geschäfts der Trebergesellschaft allein zuzuschreiben sei. Wenn der Bericht die Verbindung mit der Trebergesellschaft nicht erwähne, so fei dies aus dem Grunde geschehen, weil man in der Re;el nur dann Verbindungen erwähne, wenn sie notleidend geworden seien. Auf den Vorhalt bei Vorsitzenden, wie die Bank denn eine Dividende von 9 pCt. habe vetteilen können, während doch das ganze Aktienkapital und die Rchttve in der Trebergesellschaft investiert waren, erwidern die Angeklagten Exner und Genhsch, daß die Bank doch in der glücklichen Lage gewesen sei, diese Dividende zu zahlen. Der Vorsitzende bemerkt, daß die Berechnung der Dividende auf einer vollständig falschen Grundlage erfolgt wat. Don 95 Millionen Debitoren feien 83 Millionen als gedeckt bezeichnet worden. Welchen Wett diese Deckung hatte, könne man an der Bonität Cassels wohl bemessen. Der Geschäftsbericht enthalte lauter Phrasen. Gentzsch sagt, et habe das vollste Dettrauen zur Bank gehabt und auch sein ganzer Vermögen in Aktien derselben angelegt.
Ein geschichtlicher Irrtum?
In einem sehr erregten Artikel gegen die „kirchenpolittsche Reaktion in Baden", zu dem der „Hannov. Kurier" veranlaßt. toorben ist durch die Zulassung von zwei Klöstern in
„Herr Sanitätsrat, ich habe hier aus Ei» geto ortet — Sie begreifen —"
„Bitte, nein! Ich begreife Sie nicht! Und ich glaube, Sie werden schwerlich jemanden finden, der anders urteilt", erwiderte der alte Herr mit schneidender Schärfe.
„Werfen Sie Ihren Stein auf mich, wie alle es thun werden, aber bitte, begreifen Sie nur meine Qual, sagen Sie mit, wie es Anna — wie es meiner Frau geht", bat et ganz demütig.
„Schlecht genug, Herr! Können Sie eS anders erwarten? Seht schlecht! Wir stehen vor einer Gehirnhautentzündung — und wie ich die Sache ansehe, so wäre bet Tob nicht bas Schlimmste. Wenn so letngefunbe Naturen so vollständig und so unvorbereitet auS bet inneren Harmonie herausgeschleudert werden, bann ist es schlimm um fie bestellt. Selten sah ich so eine prächtig urwüchsige Frau! Ich möchte nicht an Ihrer Stelle fein!"
„Großer, barmherziger Gott!" hatte Hanl in feine Worte hineingestöhnt und die Hände ineinander gekrampft.
„Jawohl, nun rufen wir Gott und seine Barmherzigkeft an, Herr Regierungsrat I Sie redeten da eben vom Steinigen. Ich habe keine Lust, mich daran zu beteiligen, daS werden andere schon besorgen. Aber mir, Ihrem Hausarzt, der so allmählich bei Ihnen eine Art FreundeSrecht einnahm, mir können Sie die bittere Entrüstung nicht verdenken. Ich muß leidet Gotte! recht viel Widerwärtigkeit, Gemeinheit und Leichtsinn sehen und dazu schweigen, aber wenn mit einer so in den Weg läuft, wie Sie. der kriegt meine Meinung ehrlich zu Hörem
(Fortsetzung folgt.)