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Grauen vor dem Parlamentarismus.
Die erzfreifinnige „Weserzeitung" stellt Betrachtungen über den Parlamentarismus an, die als ein Zeichen der Zeit wohl zu beachten find. Hätte irgend ein konservatives Blatt fich in so despektierlicher Weise über die Entwickelung unseres Parlamentarismus ausgesprochen, so würde die Linke auf der ganzen Linie von Entrüstung getrieft und von allerhand dunklen Plänen der „Reaktionäre" gemunkelt haben. Wir geben deshalb mit einer begreiflichen Genugthuung das Wesentliche aus den Auslassungen des genannten sreifinnigen Blattes
Die Gewalt ist und bleibt die ultima ratio der Sozialdemokratie.
Zur größten Enttäuschung der Mauserungspolitiker hat die unter der Leitung von Rosa Luxemburg erscheinende „Leipziger Volkszeitung" die Legende zerstört, als ob die Sozialdemokratie den Gewaltthaten grundsätzlich abgeneigt sei, und der „Vorwärts" hat diese Anschauung parteiamtlich bestätigt. Nunmehr veröffentlicht
die Leipziger Redaktrice in der „Neuen Zeit" einen Aufsatz, in welchem die folgende beachtenswerte Stelle fich befindet:
„Die deutsche Sozialdemokratie hat unbetreitbar eine äußerst wichtige Revifion der ozialistischen Taktik vor Jahrzehnten vollzogen rnd sich damit ein ungeheures Verdienst vor rem internationalen Proletariat erworben. Die Revission bestand darin, daß der alte Glaube an die gewaltsame Revolution als die einzige Methode des Klassenkampses und als das jederzeit anwendbare Mittel zur Einführung der sozialistischen Ordnung verabschiedet wurde. Heute ist es, wie die Pariser Resolution von Kautsky wieder formuliert hat, herrschende Ansicht geworden, daß die Ergreifung der Staatsgewalt durch die Arbeiterklaffe erst das Ergebnis einer mehr oder weniger langen Periode des regelmäßigen täglichen Klaffenkampfes sein könne, in dem Bestrebungen zur fortschreitenden Demokratifirung des Staates und des Parlamentarismus ein äußerst wirksames Mittel zur geistigen und zum Teil materiellen Hebung der Arbeiterklasse darstellen.
Das ist aber auch alles, was die deutsche Sozialdemokratie praktisch nachgewiesen hat. Weder ist damit die Gewalt aus der Geschichte überhaupt, noch gewaltsame Revolutionen als Kampfmittel des Proletariats, ein für alle Mal wegdekretiert und der Parlamentarismus zur einzigen Methode des Klassenkampfes erhoben worden. Ganz im Gegenteil, die Gewalt ist und bleibt die ultima ratio auch der Arbeiterklaffe, das bald in latentem, bald in aktivem Zustand wirkende oberste Gesetz des Klaffenkampfes. Und wenn wir durch die parlamentarische wie jede andere Thätigkeit die Köpfe revolutionieren, so geschieht es, damit schließlich im Notfall, die Revolution aus den Köpfen in die Fäuste hinuntersteigt."
Es ist gar nicht daran zu zweifeln, daß die sozialdemokratische Eesamtpartei bis zu Bernstein und Schippel diese Ansichten teilt; es dürfte ihnen darum in der Parteipreffe keinesfalls widersprochen werden. Für die Mauserungspolitiker ist freilich diese klare Darstellung des Wesens der Sozialdemokratie unbequem, sie suchen noch immer mit der Entwickelung der Sozialdemokratie zur Resormpartei zu krebsen und dadurch den Philistern die Bündnisfähigkeit der Sozialdemokraten vorzugaukeln. Die obigen Sätze zeigen aber, in welchen Grenzen sich die sozialdemokratischen „Mauserungen" bewegen, und daß sie die Revolutionsgesahr nicht vermindern, sondern verstärken.
wieder. <
„Nicht ohne ein gewißes Grauen — so heißt es dort — können wir daran denken, daß in wenigen Tagen die parlamentslose, die erquickliche Zeit vorüber sein und die Stille der Ferien dem Lärm der politischen Arena Platz machen wird. Uns Deutschen ist es in diesem Punkte eigentümlich ergangen. Ganz alte Leute können sich noch sehr wohl der Zeit erinnern, wo es unser schwärmerischer Wunsch war, in unserm Vaterlande ein Ab- und Ebenbild der Institutionen ausgerichtet zu sehen, die in London und in Paris den Mittelpunkt des politischen Interesses für ganz Europa bildeten, eine Volksvertretung, wie sie in England die Geschicke der Nation leitete oder überwachte, eine Tribüne, von der, wie in Frankreich, eine Beredsamkeit erscholl, die das Leben des Staats mit hoher geistiger Bewegung zu erfüllen schien. Mit welchen herrlichen Farben malte fich damals, in der Zeit Metternichs und in den ersten Regierungkjahren die deutsche Phantasie das Bild einer Zukunft aus.....
Und nun? Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Die alten Wünsche find verwirklicht, die kühnen Hoffnungen sind erfüllt; wir find mit einem Reichtum von Repräsentativkörpern gesegnet, wie kein anderes Land Europas, und wir finden es nicht leicht, uns der auf uns herabgeschüttelten Wohlthaten zu freuen. Wir müßen erst reiflich nachdenken, erst sorgfältig das Alte und das Neue vergleichen, ehe wir dahin gelangen, die Wohlthaten als Wohlthaten anzuerkennen. Außer den Ständeversammlungen der Mittelstaaten und der Kleinstaaten, die ja auch vor sechszig Jahren eine gewiße Rolle spielten, haben wir nebeneinander zwei Parlamente großen Stils, den Reichstag und den preußischen Landtag, deren jedes eine Großmacht vertritt und deren jedes ausreichen würde, die vorhandenen Talente und Kräfte einer Nation ersten Ranges vollauf in Anspruch zu nehmen und vollauf zu beschäftigen.
er schuldig gesprochen werden wird: was liegt ihm an den Reden, die Staatsanwalt und Verteidiger halten? Zungendrescherei.
Die Moral ist, daß, wenn wir uns eines gewißen Grauens beim Wiederaufgehen des Vor- ;anges nicht erwehren können, dies Grauen überwunden werden muß. Zu hohe Dinge tehen auf dem Spiel — für uns alle."
Diesem freisinnigen Stoßseufzer brauchen wir nichts hinzuzufügen als die Frage, ob denn auch die „Weserzeitung" glaubt, daß die Zahlung von Diäten die von ihr so trefflich geschilderte Misere abstellen würde. Die „Zungendrescherei" ist die berechtigte Eigentümlichkeit der Berufs- larlamentarier der Linken, deren überwiegende Mehrzahl heute schon aus der Parteikaße Diäten empfängt. Sollte die allgemeine Barzahlung an die Volksvertreter nicht das Uebel vergrößern statt es einzuschränken? Es muß wohl an den Grundlagen unseres deutschen Parlamentarismus etwas faul sein, wenn er selbst auf freisinniger Serie nicht Achtung sondern Grauen einflößt.
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Ja — sie hatten fich verlobt. Wildling liebte Leo, seit er sie in Haselberg kennen gelernt. Er hatte, um in jeder Hinsicht seine Pflicht zu thun, fich zunächst seiner einzigen Verwandten anvertraut, die zufällig in demselben Stift mit Fräulein von Kantrupp, der freigebigen Klostertante, wohnte. Die alte Dame hatte ihrem Neffen nur zustimmen können, die Kantrupps waren von tadellosem Adel und ebenso tadellos war der Ruf beider Eltern. An Geld und Gut hatte Wildling selbst genug, jetzt fehlte also nur noch die Gelegenheit, Leontine wiederzusehen und die verhängnisvolle süße Frage zu stellen.
Und das war vor einer Stunde geschehen. ---
Die Hochzeitsfeier schien kein Ende nehmen zu sollen, denn die letzten Gäste gingen nicht nur erst bei Einbruch der Nacht fort, sondern der Festgeber hatte auch für eine reizende Nachfeier Sorge getragen: eine Bootfahtt auf den schönen Havelseen sollte den Schluß derselben bilden.
Es war Leontine in ihrem Glück ein Herzensbedürfnis gewesen, ihrer mütterlichen Freundin und dem Onkel Oberstleutnant von ihrer Verlobung sofort Mitteilnng zu machen.
Der letztere nahm aber trotz der heimlichen Freude, die ihm auS den Augen lachte, die Neuigkeit keineswegs fo unbeanstandet aus, wie das junge Mädchen es erwartete.
„So? Verlobt? So mir nichts, Dir nichts?" schalt er. „Vater und Mutter gar nicht erst in aller Bescheidenheit und kindlicher Demut gefragt? Keinen Segen erbeten und nichts?
(Fortsetzung solgt.)
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meint er mit dieser Bevorzugung? Wer ist fie?" Da aber sowohl Wolzin, als auch Ulla vollkommen unbefangen und heiter aussahen, begnügte man fich mit der Auskunft: „Sie ist die beste Freundin Annas, seit diese sich mit Hilde von Lenzen erzürnte."
Niemand wußte so recht den Grund dieser Entfremdung, denn Hilde war ein armes Mädchen, das gar nicht in Betracht kam — Anna Wolzin war verheiratet und somit als verloren für alle anderen Pläne anzusehen. Es fiel keiner Seele ein, fich näher für beide zu interessieren.
Nachgerade erinnerte fich Ulla auch wieder an Leontine und Stella von Kantrupp. Ein jeder hatte so viel mit den eigenen Angelegenheiten zu thun, daß es schon verzeihlich war, daß sie garnicht zu Ulla kamen. Dennoch fühlte diese eben einen kleinen Aerger in sich aufsteigen, als Leontine, rot wie eine Rose, mit ihrem Leutnant aus einem der Gartenwege trat.
Sie stutzten beide nicht, sondern liefen ihr rasch und froh entgegen.
„Komm fünf Minuten mit uns, Ulla! Wir haben Dir etwas sehr wichtiges anzuvertrauen!" bat Leontine, fich an ihren Arm hängend.
„Wir?" dachte Ulla verwundert, und sah heimlich von Leontine aus den jungen Offizier und dann wieder auf Leontine. Die zwei waren für die Verstellung durchaus nicht geschaffen. Und da sie jetzt eben wieder die kleine Laube erreichten, in der sie vorhin geweilt, fiel ihr Leontine um den Hals und Wildling küßte ihre Hände — natürlich hatte sie da die ganze Geschichte sofort erraten.
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Marburg
Sonntag, 8. Juni 1902.
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Umschau
Des Kaisers scharfe Aeußerungen gegen die Polen
anläßlich der Marienburger Feier, die fich ähnlichen, vor mehreren Jahren in Thorn gefallenen Bemerkungen des Monarchen anreihen, find, wie wir erfahren, auf den genauen Einblick zurückzuführen, den der Monarch aus den ihm seitens der zuständigen Refforts vorgelegten aktenmäßigen Berichten über den Umfang und den Charakter der staatsfeindlichen Agitation in unseren Ostprovinzen gewonnen hat. Es ist vor Allem diese verderbliche, in das eigene Fleisch der Polen schneidende Agitation der Presse, Volksversammlungen usw., welche die Staatsregierung gezwungen hat, den Kampf gegen die großpolnische Bewegung mit allen verfügbaren Mitteln auszunehmen und bis zum Aeußersten durchzuführen. Würde das nicht geschehen, so würde der Staat fich in kritischen Zeiten den schwersten inneren Gefahren aussetzen.
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(Nachdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
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lFortsetzung.)
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Immer scherzend, plaudernd und Ulla zum Plaudern veranlaßend, ging er mit ihr von Zimmer zu Zimmer, hier ein schönes Bild, dort ein paar Broncen, eine herrliche Marmorfigur zeigend. Nirgends macht fich hier sein Reichtum ausdringlich geltend, man sah nicht gleich, wie kostbar die Einzelheiten waren.
Da gingen sie wieder hinunter. Wie durch Zauber waren die Säle in Ordnung gebracht, wo etwa noch ein Diener abstäubte oder ein übersehenes Gerät hinaus trug, verschwand er sofort beim Anblick seines Herrn.
Die Hochzeitsgäste tranken den Kaffee im Garten, aus den Balkons, in den beiden großen Veranden, die ganze Bewirtung machte fich wie von selbst.
Und Ulla schritt noch immer am Arm des Hausherrn einher; ihre Wangen glühten, die schönen Augen strahlten über all die Schönheit, die erste hatte genießen und schauen laffen.
„Welches unendliche Glück, fich so mit den Meisterwerken der Kunst umgeben zu können. Selbst der Anblick so viel herrlichen Hausrats in den prächtigen Zimmern — welch ein Genuß muß das sein! Und dar schönste dabei — es herrscht hier überall Harmonie! Es fehlt nichts, nirgends fällt ein Zuviel störend in die Augen," sagte fie bewundernd.
,O doch, liebes Kind, eS fehlt daS beste, und ich leide darunter —: eine liebevolle Gattin,
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(3016 nn, d a.
Daß mit ihnen eine Bewegung ins Leben unseres Volkes gekommen ist, von der unsere Väter keine Ahnung hatten, ist nicht zu„ leugnen, aber daß von ihnen ein erhöhtes Glücksgefühl ausgeströmt sei, könnte höchstens behauptet werden, wenn man den Blick auf die erste kurze Zeit des Aufschwunges, seit dem Jahre 1866 bis gegen das Ende der siebenziger Jahre, beschränkt. Während jener kurzen Jahre hatte es wirklich den Anschein, als ob die jugendlichen Hoffnungen Wahrheit würden und auch die Talente und Kräfte fehlten nicht. Beides, die Aufgaben, die gelöst wurden, und die Art, wie gearbeitet wurde, beides erweckte in den Gemütern ein frohes Gefühl der Befriedigung, eine feste Zuversicht zu der politischen Kraft )es Landes, und fand einen lauten Widerhall in der öffentlichen Meinung, die mit gespannter Aufmerksamkeit, mit lebendiger Teilnahme den in Berlin gepflogenen Verhandlungen folgte.
Das ist alles vorbei. An die Stelle der gespannten Aufmerksamkeit und des lebendigen Interesses ist Gleichgiltigkeit und Ueberdruß getreten, und dem Wiederzusammentritt der Volksvertreter, den man einst mit ähnlichem Gefühl wie das Aufgehen deS Vorhangs im gefüllten Schauspielhause erwartete, sieht man, wie gesagt, mit einem gewiffen Grauen entgegen, um nicht zu sagen mit Ueberdruß und Widerwillen. Man könnte ja dem ganzen Getriebe das Ohr verschließen, sich weiter mcht darum kümmern, aber der erregte Lärm ist zu laut und dringt auch in die stillste Zurückgezogenheit. Und dann handelt es fich bei diesem Lärm schließlich um Entscheidungen, von denen unser eigenes Wohl und Wehe, die Geschicke des Vaterlandes aufs empfindlichste, vielleicht verhängnisvollste berührt werden. Grund zu aufmerksamer Teilnahme ist genug vorhanden, aber ob sie noch wie einst in weiten Kreisen wach genug bleibt, das einschläfernde Gefühl des Ueberdrußes zu überwinden?
Vor einem Menschenalter gab es auch schon Leute, die, wenn die Rede auf die parlamentarischen Verhandlungen kam, Ausdrücke wie Zungendrescherei und Katzbalgerei in den Mund nahmen, aber das waren die starren Reaktionäre, denen jede Mitwirkung des Volks ein Greuel, deren Leitmotiv im Staatsleben die Losung „Order parieren" war. Heute kann man solche Ausdrücke von Leuten hören, die sehr erstaunt sein würden, wenn man fie für reaktionär halten wollte. Sie möchten wohl, daß es anders und beffer würde, aber sie haben die Hoffnung aufgegeben, sie denken: es hilft doch alles nichts. Sie find wie der Angeklagte aus seiner Bank, der ganz sicher vorher weiß, daß die Herrin dieses Hauses fehlt! Es ist auch ein Zuviel da: zu viel Einsamkeit, Oede, Stille !"
„Ja, da haben Sie recht! Daran dachte ich nicht! Aber, wenn Sie darunter leiden, warum helfen Sie dem Mangel nicht ab?"
Sie ahnte ja nicht, daß er dies hatte hören wollen.
„Wer yreiß! Vielleicht thu ich's noch einmal. Es wundert mich oft, wie ichs ertragen hab, ohne mir der großen Vereinsamung bewußt zu werden. Jetzt, wo auch Anna fort ist: kann mich der Gedanke nicht mehr hindern, daß zwei gleichberechtigte Frauen in meinem Hause nicht gut thun. Wenn ich jetzt ein junges, liebes Weib in dies schöne Heim führe, wenn ich ihr meinen Reichthum zu Füßen lege, der ihr einen Lebensgenuß ohne Schranken bietet — dann ist fie ganz alleinige Herrin über das alles!"
Wie konnte Ulla ahnen, daß er fie meinte! Er sprach so ruhig, ohne jede Erregung; fein Ton war warm und sympathisch; aber er hielt jede persönliche Anspielung aus seinen Worten fort.
„Ich darf fie nicht verscheuchen! Vögel, die man fangen will, darf man nicht laut anschreien!" sagt Heinrich. ,
So hatte fich Wolzm fein Benehmen vorgezeichnet und genau so ging er Schritt für Schritt seinem Ziele zu, ohne Hast, ohne Ueber- Uebereilung.
Jetzt trat er mit Ulla' wieder zu deren AltersgenosfiRnen. Die älteren Damen, teilweise mit langgestielten Lorgnetten bewaffnet, schautm auf die beiden und flüsterten: „Was
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