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Leutnant von Wildling hatte inzwischen durch Ulla von der trostlosen Armut der Kantrupps gehört. Er verstand also vollkommen, und sein Herz schmolz in Mitleid, besonders für Leontine.

gewährt wurden, fehlt für die Weiterexistenz gemischter Transitläger jeder Grund. Die Vor­teile, welche auS demselben auch jetzt noch dem Großhandel und den Großmühlen zustießen, stellen sich daher als eine „Liebesgabe" im vollsten Sinne des Wortes dar. Und unbe­deutend ist diese Liebesgabe wahrlich nicht, wie die oben mitgeteilte Summe der in einem einzigen Jahre gewährten Zollkredite zeigt. Und doch liegt in dieser noch nicht der wert­vollste und für die Landwirtschaft bedenklichste Teil dieser Liebesgabe. Das Ausschlaggebende ist vielmehr, das der Staat mit den Zollkrediten dem Handel Hunderte von Millionen Betriebs­kapital zuführt, welche dieser in ausgedehntem Maße zu lediglich spekulativen Zwecken dienen­der Einfuhr ausländischen Getreides benutzen kann, und thatsächlich in erheblichem Umfange benutzt, um die Preisbildung auf dem inländischen Getreidemarkt durch den Druck seiner großen, in den gemischten Tranfitlägern angehäuften Vorräte ausländischen Getreides beeinflussen zu können.

Die Zolltarifkommisfion hat in erster Lesung die Bestimmungen der Regierungsvorlage be­treffend die gemischten Tranfitläger zwar nicht abgeändert. Dal ist aber nicht geschehen, weil die Mehrheit denselben sachlich zustimmte, sondern allein deshalb, weil von den verschiedenen Ab­änderungsanträgen keiner eine Mehrheit fand. In der zweiten Lesung wird dieser Fehler sicher korrigiert werden, und man sollte erwarten, daß die Freisinnigen und Sozialdemokraten, jene grimmigen Eiferer gegen die angeblich den Agrariern gewährten Liebesgaben, sich bei dieser Korrektur lebhaft beteiligen müßten, aber — dann heißt es — ja Bauer, das ist etwa! anderes I na.

Auch eine Liebesgabe.

Zu den seit langer Zeit von den Vertretern der deutschen Landwirtschaft immer wieder geltend gemachten Forderungen gehört bekannt­lich die Abschaffung der Muhlenkonten und die Beseitigung der gemischten Tran­sitläger. Bei diesem Verlangen steht die gesamte Kleinmüllerei den Landwirten zur Seite, während der Großhandel und die Exportmühlen sich demselben mit aller Kraft widersetzen. Welches große Jntereffe diese beiden letztge­nannten Erwerbsgruppen an der Weitergewähr­ung zinsfreier Mühlenkonten und an dem Fort­bestehen der gemischten Tranfitläger in der That haben, das zeigt uns eine soeben dem Reichstage von der Regierung mitgeteilte Nach­weisung über die im Rechnungsjahr 1900 für die Haupteinfuhrartikel gewährten Zollkredite. Die Gesamtsumme derselben hat fich darnach auf nicht weniger als 238088 881 Mark be­laufen. Nun will zwar der neue Zolltarif- gesetzentwurf die zinsfreien Mühlenkonten für Getreidemühlen abschaffen, die gemischten Tranfit- läger aber, deren Beseitigung von fast sämt­lichen Volksvertretungen Deutschlands wiederholt und nachdrücklich gefordert worden ist, find auftecht erhalten worden. Das heißt mit der andern Hand nehmen, was die eine Hand ge­geben hat. Denn die Mühlenkonten werden durch die gemischten Tranfitläger ersetzt werden, weil die Jmportmühlen künftig ihr Getreide nicht früher aul den gemischten Tranfitlägern herauSnehmen werden, als bis es eben direkt in ihren Verbrauch übergehen kann. Trotz dieser klaren Sachlage hat sich aber die Re­gierung der in der Kommission beantragten vollständigen Beseitigung der gemischten Tranfit­lager mit Entschiedenheit widersetzt.

Wer die Geschichte der gemischten Privat­tranfitläger und ihre Einführung bei Erlaß deS jetzt geltenden Zolltarifgesetzes vom Jahre 1879 kennt, weiß, daß dieselben nur deshalb einge­führt wurden, weil daS damalige Zolltarifge­setz für alles vom Auslände eingefthrte Ge­treide bei dessen Wiederausfuhr den Nachweis der Identität obligatorisch machte und somit die Getreidehändler, wenn fie auf die zur Aus­fuhr unentbehrliche Mischung von ausländischem mit inländischem Getreide nicht verzichten wollten, ohne die Zulassung von gemischten Tranfitlägern den bei der Einfuhr ausländischen Getreides gezahlten Zoll hätte einbüßen müssen. Nachdem aber der Identitätsnachweis in Folge des deutsch-rusfischen Handelsvertrages aufge­hoben worden und vollwertige Einfuhrscheine

wollen. [ (3t ann irba.

Umschau

Der Gesetzentwurf, betr. Maßnahmen zur Stärkung deS Deutschtums in den Provinzen Westpreußen und Posen, ist gestern gegen Mittag dem Abgeordnetenhause zugegangen und fordert an neuen Mitteln 150 Millionen Mark zu Zwecken des AnfiedelungS- fonds und 100 Millionen für den Ankauf von Domänen, also 250 Millionen Mark im Ganzen. Der Begründung entnehmen wir folgende Aus­führungen: In den Provinzen Westpreußen und Posen ist seit einer Reihe von Jahren das Deutschtum wirtschaftlich und politisch in besonders gefahrvoller Weise zurück­gedrängt worden und die Staatsregierung daher genötigt, in Abwehr dieses Angriffs mit dem

„Wir machten unS das Haar immer i der Modenzeitung, die Frau Oberstleutnant____

lieh, und meinten auch, eS wäre sehr chic — bis Du kamst, Ulla! Da ging unS plötzlich ein Licht auf."

Die Equipagen Wolzins holten die ganze Gesellschaft ab und der Leutnant kam gleich als „Reisebegleiter" für die jungen Damen mit, denn das Breack hatte «och einen freien Platz.

Der ganze Tag war eine Kette von Freuden für die Baroneffen, denen Leutnant von Wild­ling gar nicht von der Seite wich.

DaS Brautpaar wanderte viel allein umher. Hanl sah auffallend bleich und ernst aus, seine Augen lagen tiefer all sonst in ihren Höhlen und glühten fieberhaft.

Ulla bemerkte es, und als die Frau Oberst­leutnant fie darauf aufmerksam machte, mußte fie eingestehen, dal eS so war.

Jede Erwähnung seines Befindens wies der Assessor aber ärgerlich zurück.

Bei Tisch kam dal Gespräch wieder aus Hilde. Ulla hatte mehrfach wahrgenommen, daß Anna eine gewisse RückfichtSlofigkeit be­kundete, indem fie, unbekümmert um andere, stet! sprach, was fie eben wollte — auch wenn fie ganz genau wußte, daß es jene verletzte oder verdroß.

So war es mit ihrem ewigen Geldthema — so war es mit Hilde. Und Hans war ohnehin schon gereizt, weil er fie ein paarmal hatte mahnen müssen: „Lieber Schatz, nicht so protzen!" bisher hatte er das lachend und freundlich ge- than. Jetzt jedoch zog fich seine Stirn in Falten, und er sagte:

„Ich war in Herrenstatt —'

„Du? — in Herrenstatt? Wie kam denn bol? Hast Du Hilde gesehen?"

„Ja, fie sah bildschön aus!"

„Da guck' einer?" lachte fie. „Fährt zu meiner intimsten Freundin und findet fie, die er sonst nicht ausstehen mochte, mir zu Ge­fallen bildschön! Wie fand denn Hilde Dich, Hans?"

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Leontine sah es seinen strahlenden Blicken sofort an, daß er mit ihrem Aussehen zufrieden war. So ging es mit Lachen und Scherzen zum höchsten Triumph der Baronessen durch die Stadt, wo eben die Kirchgänger ans der Kirche kamen und starr vor Staunen den beiden Wagen nachsahen.

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Nachdruck verboten.)

Eine Geldheirat.

Roma« von L. Haid heim.

(Fortsetzung.)

* _ r „Das ist ihnen gesund", jubelte Stella rach- MSS süchtig und sah dabei, trotz ihrer auflodernden 1) Schadenfreude, ganz reizend aus. „Sonst 1/ wollten fie nicht mit uns verkehren, fie thaten immer so fremd zu uns und wir waren oft bis

tonen. — Wir würden es lieber sehen, wenn diese Betonung des Wunsche! nach herzlichen Be- ztehungen nicht immer von neuem so einseitig von deutscher Seite geäußert würde. Man ftllte doch lieber die Herrn Franzosen, Engländer und Amerikaner einmal unsere Freundschaft suchen lassen - aber davon hat man bislang leider nichts gemerkt. Wir Deutsche brauchen doch niemand nachzulaufen?! —

Professor Schmoller und dal Ur­heberrecht.

Wegen Vergehen! gegen dal neue Urheber­recht hatte fich gestern vor der 8. Strafkammer del berliner Landgerichts I der stud. phil. ÖTidj Woth zu verantworten. Er hat im letzten Wintersemester bei Prof. Schmoller ein Privatkolleg über praktische Nationalökonomie gehört. In seinem Schlußvortrage berührte Schmoller die Frage de! künftigen Schicksals der Zolltarifvorlage. Woth hatte einige charak- terrstifche Aeußerungen zu einem Zeitungsartikel benutzt, den er verschiedenen Zeitungen gegen Honorar zusandte. Schmoller stellte Strafantrag gegen den Studenten Woth. Letzterer bestritt, fich gegen das Urheberrecht vergangen zu haben. Der Angeklagte stellte fich auf den Standpunkt, daß sein Artikel nur die Ausarbeitung gehörter Gedanken sei. Dr. Schmoller erklärte, daß er nicht im Stande sei, den Strafantrag zurück­zuziehen. Daß Hörer der Vorlesungen Aeußerungen, die die Professoren im Rahmen rhrer Vorlesungen lediglich für die Hörer be­stimmt haben, durch die Zeitungen an die Oeffentlichkeit bringen, sei eine der empfind­lichsten Klagen der Univerfitätslehrer.

Die Dozenten hätten gewiß das größte Inter­esse daran, fich ganz frei vor den Schülern auszudrücken. Was fie der Oeffentlichkeit über­geben wollen, bringen fie selbst in diese hinein. Er stelle den Strafantrag durchaus im Einver­ständnis mit den Univerfitätsbehörden. Wenn ein entstellter Ausspruch von ihm in die Deffenti lichkeit lancirt werde, in der Erwartung, daß derselbe eine gewisse Sensation erregen werde, so werde er durch ein solches Verfahren kom- promittirt. Der Staatsanwalt hielt in sub­jektiver und objektiver Beziehung den § 38 del neuen Nachdruckgesetzes für verletzt. Da der Angeklagte hier nicht auS idealen Gründen ge­handelt und fich eines DertrauenSmißbrauchs dem Professor gegenüber schuldig gemacht habe, so beantrage er 300 Mk. Geldstrafe und Ver­nichtung des betreffenden Teils deS Kolleg­heftes. — Der Gerichtshof hielt einen Nach­druck im Sinne deS § 38 für vorliegend und verurteilte den Angeklagten mit Rücksicht aus wie ein väterlicher alter Freund — wie es eigentlich zugehe, daß fie noch frei sei.

„Mich hat eben keiner gewollt, Herr Geheim­rat!" gab fie lachend zurück.

„Unglaubwürdige Angaben nehme ich nicht an, Fräulein Ulla. Einem Manne in meinen Jahren darf eine junge Dame schon mal ihre Geheimnisse anvertrauen, das heißt, wenn fie so viel Sympathie für ihn hat, daß fie ihn als Freund betrachtet."

„Dennoch muß ich auf meiner Aussage be­harren — mich wollte keiner, der mir auch gefallen hätte!"

Cie find wirklich nicht verlobt, Fräulein Ulla?" „Keine Spur, Herr Geheimrat!" „Aber hier — hier fitzt doch gewiß so ei« hermlrch angebetetes Bild?" meinte er, auf ihr Herz deutend.

„Weder in Oel, noch Photo- oder Helio­gravüre! Augenblicklich und seit längerer Zeit schon ist die Stelle vakant! Meine letzte Schwärmerei — natürlich ein Offizier von einem Garderegiment — brannte Schulden halber durch. Sie sehen, praktisch angelegt bin ich nicht, aber auch, Gott sei Dank, nicht so unpraktisch, als daß ich mich von dem schmerz­lichen Schrecke« nicht bald erholt hätte."

„Das freut mich, Fräulein Ulla! Bei reif­licherer Ueberlegung werden Sie fich wohl da- ür entscheiden — und dazu kann Ihnen jeder Wohlgesinnte nur raten — einem jugendlichen Sausewind und Schuldenmacher einen ver­mögenden ruhigen Bewerber vorzuziehen, der Ihnen ein Leben voll Behagen und Genuß bieten kann." (Fortsetzung folgt.)

vorliegenden Gesetzentwürfe schon bestehende, ihr aufgenötigte Verteidigungsmaßnahmen weiter auszugestalten. In dieser Hinficht ist e! bring- lidj geboten, ber fich fortgesetzt zu Ungunsten bes Deutschtums vollziehenben Verschiebung bei Nationalitätenverhältniffes Einhalt zu thun burch Bereitstellung von Mitteln in einem solchen Umfange, baß burch eine deutsche Besiedelung jener Provinzen ein ausreichendes Gegengewicht gegen das Anwachsen des polnischen Grund­besitzes geschaffen wird.

Angesichts der Thatsache, daß in den letzten fünf Jahren die deutsche Hand in den An- fiedelungsprovinzen unter Berücksichtigung ihres Landgewinnes immer noch rund 31000 ha, also etwa 5,5 Quadratmeilen, verloren hat, erwächst für die AnfidelungSkommisfion vor Allem die Aufgabe, ihr vorhandenes Grund­stückslager schneller zu besiedeln und zu diesem Zweck in kräftiger Propaganda für die Heran­ziehung arbeitsamer und zuverlässiger Land- wirte nach den Anfiedelungsprovinzen Sorge zu tragen, die, wenn sie nicht ausreichende Mittel zum Ankauf einer Stelle besitzen, wohl aber in ihren Eigenschaften die Gewähr für wirtschaftliches Fortkommen bieten, als Pächter mit der Aussicht aus späteren eigentümlichen Erwerb des Pachtlandei anzusetzen sein werden.

Immerhin wird die Hauptaufgabe der An- fiedelungSkommisfion den Absichten del Gesetzes entsprechend «ach wie vor die Aufteilung größerer Güter in bäuerliche Stellen bleiben. Die Staats­regierung sieht jedoch ein ferneres bedeutsames Mittel zur Befestigung und Förderung des Deutschtums in den Anfiedelungsprovinzen in der Erhaltung der dort vorhandenen Domänen- befitzes und in dessen Vermehrung.

Deutsche! Liebeswerben.

Das „Bür. Lassan" verbreitet unter gestrigem Datum aus Washington nachstehende Meldung: Dar Deutsche Reich hat die Vereinigten Staaten ersucht, fie möchten ihre Seestreitkräfte am Isthmus von Panama anweisen, ihre deutschen Reichsangehörigen während der dortigen Un» ruhen zu schützen. Die amerikanische Regierung hat fich hierzu sofort bereit erklärt und ent­sprechende Weisungen an den Kommandanten der bei Bocas del Toro liegenden Kanonen­bootes „MachiaS" gekabelt. Es wird darauf hingewiesen, daß daS Deutsche Reich in diesem Falle zum ersten Male um den Schutz der Vereinigten Staaten für Deutsche bittet. Man schreibt diesen Schritt der deutschen Regierung in Washington dem Wunsche Kaiser Wil- helmlzu, sein Verlangen nach herzlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu be-

„ Anscheinend unausstehlich! Denn fie wollte nicht viel von mir wissen, machte fich aus dem Staube und ließ fich nicht wieder sehen!"

Anna amüsierte fich.

„Ist er nicht unbegreiflich, daß die beiden, die doch so gut zu einander paffen, geradezu eine Antipathie gegen einander haben?" rief fie Ma zu.

„Ja, finden Sie das nicht auch, gnädiger Fräulein?" lachte der Affeffor. Aber es war kein natürliches Lachen.

„Ihr hattet wohl Geschäfte da?" ftagte Anna.

„Dal Stift wird von uni aus verwaltet." „Ist es hübsch dort? Hat Hilde mich nicht grüßen lassen? Wie lange bleibt fie dort? Ist ihre Tante noch krank?"

„Ihr schreibt Euch ja oft genug, frage fie nur das alle! selbst."

„Bist Du brummig, meiu Hans? Ich weiß, Du siehst meinen Verkehr mit ihr nicht gern, aber sieh, Liebling, Hilde ist so arm und Papa und ich konnten ihr so viel Freude machen —"

Jetzt erst bereute fie, ihm schon wieder mit Hilde gekommen zu sein.

Er rückte ungeduldig hin und her, seine Lippen zuckten.

Ulla sah das alle! und wunderte fich über seine Erregung, aber für den Augenblick blieb diese Wahrnehmung doch nicht viel mehr, als ein vorüberhuschender Gedanke.

Soeben redete der Herr des Hauses fie wieder an und bewies durch eine längere Unterhaltung, die vom Scherz in de» Ernst hinüberspielte, abermals seine Vorliebe für sie.

Schließlich fragte er fie — natürlich wieder

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Jn US Mlttrvrrrg Sonntagsbeilage: JlluflrirteS S-««tagsbl°tt.

* Freitag, 23. Mai 1902. *■*-