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Duck »ad Verlag: Ioh. Sag. Sach, Universitäts-Buchdrucker«

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Marburg

Sonntag, 18. Mai 1902

vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 ML, HZ AAT\ bei allen Postämtern 2I5 Mk. (tret Bestellgeld).

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Reclmuen: di« Zeil« 26 Pfg.

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Mit -em Kreisblatt für die Kreise Marbara «ad Kirchhai«.

Pfingsten.

Laßt läuten die Glocken Fern und nah, eie sollen frohlocken: Der Lenz ist da!

Was diese Dichterworte aussprechen, das ist auch ein gut Stück der Pfingstfrende, und hat seine christliche Berechtigung von dem Stand­punkt des anbetenden Glaubens an die Herrlich­keit deS Schöpfers, der in dieser Pfingstenzeit die Gestalt der Erde erneuert. Aber das Haupt stück unsres heiligen Festes ist das noch nicht. Die eigentliche Pfingstfeier ist die Sottesfeier des heiligen Geiste«, der einst wie geistiges Frühlingswehen über der Jünger Herz kam, und besten heiligende, erneuernde, läuternde Macht uns not thut für unser VolkS^ leben und für unser persönliches Leben. Mancherlei Geister treiben ihr Wesen: gottloser Weltgeist und ausklärerischer Zeitgeist, stolzer Menschen­geist und vielgerühmter DolkSgeist — aber fie find alle mehr oder weniger feindselig gegenüber dem Gottesgeist des Gottvertrauens und wahr­hafter Nächstenliebe. Und so wenig zu ver­kennen ist, daß man einerseits darüber sich klar zu werden beginnt: es kann ohne Gott und Religion nicht lange mehr so weiter gehen, während andererseits ein Sehnen und Ringen der Volksseele nach Klärung, Versöhnung, Heilung der Verhältniste immer stärker oben und unten sich geltend macht, so gewiß ist die Thatsache, daß nicht menschliche Begeisterung oder Veranstaltung den religiös-sittlichen Um­schwung herbeizuführen imstande sein wird, sondern nur ein Pfingsten, durch das Gott unser evangelisches Volk mit neuem Glaubens­und Gebetsgeist erfüllt. Was die kommenden Tage bringen werden, weiß Gott allein. Aber eins ist allen Christen gewiß, daß der heilige Geist sein Gnadenwerk weiter treiben wird durch treuer Zungen Mund, ob fie nun Glauben finden oder nicht. Und wer aus eigener Er­fahrung weiß, daß es nicht eigenes Verdienst, sondern Gottes Macht war, die das neue Leben in feiner Brust wachrief, der kann auch von der Hoffnung nicht lasten, daß auch noch einmal Pfingsten in unserem deutschen Vaterlande werde und der heilige Geist die Geister aus dem Ab­grunde siegreich verscheucht.

Kurzsichtige Großstadtpolitiker.

Zwei Erscheinungen, die bei der Versamm­lung freihändlerischer Stadtvertreter in Berlin zu Tage getreten sind, haben unsere« Erachtens noch nicht überall die notwendige Würdigung gefunden. Die erste und bezeichnendste davon

15 Nachdruck verboten.)

Eine Geldheirat.

Roma« von L. Haidheim.

Gortsehung.)

„Ich bitte Dich, Anna, Redingius ist ein Kretin, ein widerlicher Mensch —"

„Aber alle Welt nennt ihn brav und ehren­haft, und Hildes Vater ist totkrank — fie hat keinen Pfennig Vermöge«, wenn er stirbt —*

„Aber dann ständen ihr doch andere Wege offen! Sie war eine der Klügsten und würde mir herzlich leid thun, wenn fie unglücklich werden sollte."

„Diese Ma!" lachte Anna Wolzin überlegen. „Als ob man absolut unglücklich würde, wenn man nach Geld heiratet! Ich sage Dir, e« geht nun einmal nicht ohne Geld in unseren Berhältniffen! Ich werde Hilde dringend zu­reden, wenn ich ihr schreibe!"

„Das wirst Du nicht thun, Anna! Mische Dich nicht da hinein," fuhr Hans auf und seine Finger legten sich fest um ihr Handgelenk. Aber schon nach den ersten Worten schien er sich zu besinnen, seine Stimme wurde mit jedem Wort wilder.

Tiefer berührte diese Angelegenheit weder Ulla noch Anna. Inzwischen hatte sich die Unter­haltung der drei Herren auf Burghausens Be­sitzung und die Aussicht auf Verkauf derselben gerichtet.

„Grenzt der Lahnhof unmittelbar an Ihr Grundstück?" fragte Wolzin soeben.

ist die starke Beteiligung der Sozialdemokratie an jenem Protest und deren inniges Einver­ständnis mit der Aktion der von ihr sonst so verächtlich behandelten „liberalen Bourgeoisie". Die andere Erscheinung ist der Haß gegen daS platte Land, der unter dem jubelnden Beifall der Versammlung in dem Referat des Stutt­garter Oberbürgermeisters zum Ausdruck kam, und um so drastischer wirkte, als der Redner dabei die Stirn hatte, die Zolltarisreform als einen Ausfluß des „alten Hasses gegen die Städte" auszugeben.

Die Zahl der Teilnehmer an der Protest­versammlung belief sich, wie in dem von be­teiligter Seite gelieferten Berichte behauptet wird, auf sechs- bis siebenhundert. Darunter waren mindestens zehn Prozent Sozialdemokraten; denn einer Mitteilung des „Vorwärts" zufolge waren die sozialdemokratischen Gemeinde­vertreter in der stattlichen Zahl von nicht weniger als 68 Mann erschienen. DaS ist in Anbetracht der an sich verhältnismäßig geringen Zahl sozialdemokratischer .biitgliebeT ix Ge­meindeverwaltungen ein außerordentlich hoher Prozentsatz.

Wenn die Sozialdemokratie in einer solchen Stärke sich offiziell an einer von „lieberalen Borgeois" einberufenen Konferenz beteiligt, so ist das bemerkenswert. Bis jetzt hat die Sozial­demokratie es noch immer abgelehnt, derartige Konferenzen zu beschicken. Noch bemerkens­werter aber ist es, daß die sozialdemokratischen Gemeindevertreter am Montag vollständig darauf verzichtet hatten, auch nur eine Er­klärung über ihren Standpunkt abzugeben. Sie beteiligten sich an dem Beifall, der den „bour­geoisen" Berichterstattern so reichlich gespendet wurde, fie stimmten einmütig für die Resolution, die unter anderen Berhältniffen vom „Vorwärts" sicherlich als „verschwommen" und „waschlappig" bezeichnet worden wäre, — und schwiegen.

Was konnten die „Genoffen" aber auch Besseres thun. Ihre Geschäfte wurden von den Oberbürgermeistern Berlins und Stuttgarts auf das Beste besorgt. Die beiden Stadthäupter betrachteten sich augenscheinlich als Vertrauens­männer auch der Sozialdemokratie, die ja in der würtembergischen wie in der Reichs-Haupt­stadt eine so erhebliche Rolle spielt und deren Bevölkerung im Reichstage vertritt.

Der „Vorwärts" begründet die Haltung der Sozialdemokratie zu der Protestversammlung wie folgt: „Für unsere Parteigenossen, soweit sie den Stadtverordneten - Versammlungen als Vertreter der Arbeiterschaft angehörten, war die Stellung zu dieser Versammlung klar: sie hatten alle Ursache zu zeigen, daß fie die eigentlichen Träger deS Paniers gegen den Brotwucher

„Es liegt noch der Kantruppsche Garten dazwischen, der dann auch weg müßte," gab der Oberstleutnant Auskunft.

„Kantrxpp? Baron Kantrupp?" fragte Wolzin aufhorchend. „Ist er derjenige, der bei den H-schen Kürassieren stand? Er hatte einen Stiefbruder, der böse Geschichten —"

So kam die Bürgschaftsgeschichte zur Sprache, auch die bittere Armut und die würdevolle Zu­rückgezogenheit der Familie. Da Wolzin mir Interesse zuhörte, berichtete man Einzelheiten aus dem Leben der Eltern und Kinder.

Sie waren das, waS man im Städtchen spottend „richtige Hungerleider" nannte; aber Schulden machten fie niemals und von den un­erhörten Entbehrungen, die fie fich auserlegen mußten, um »ur das Leben zu fristen, erfuhr niemand. Die sechs Töchter trugen die alten Kleider, die ihnen eine Verwandte aus ihrem Dammstift schickte, offenbar trugen die sämt­lichen Stistsdamen allen alten Plunder aus Koffern und Kisten zusammen und die Baronessen kleideten sich damit an, so gut fie e8 eben konnten. Die beiden ältestm Schwestern hatten eine vernünftige Schulbildung genoffen und aller gelernt, WaS man mit siebzehn Jahren gelernt haben kann; die vier jüngeren waren dann, da die Eltem inzwischen verarmt, von den älteren unterrichtet worden, so gut diese er verstanden. So waren die älteren Schwestern verblüht, ohne je das Glück kennen gelernt zu haben, immer nur darbend und entbehrend und die vier jüngeren gingen einem ähnlichen Schick­sale entgegen.

auch hier am Platze waren; und sie konnten, ohne ihrer grundsätzlichen Stellung zur Zoll­politik im ganzen etwas zu vergeben, mit gutem Gewiffen der vorgeschlagenen Resolution zur Annahme verhelfen." Die Sozialdemokratie konnte in der That mit dem Vorgehen der frei' finnigen Großstadtpolitiker vollkommen zufrieden sein; denn den Nutzen von der Propaganda, die auch auf Grund des angeblichen „Protestes der Städte gegen den Lebensmittelwucher" ge­trieben wird, wird fie ganz allein haben.

Man muß fich fragen, ob es nicht für die Großstadtpolitiker weit wichtiger und erssprieß- licher gewesen wäre, wenn fie fich in einer Konferenz zusammengefunden hätten, ix denen fie über Mittel, die ihnen über den Kopf wachsende Sozialdemokratie zurückzudämmen, berieten. Für die den Gemeinwesen von dieser Richtung her drohende Gefahr aber haben die freisinnigen Oberbürgermeister und Stadträte kein „Sentiment". Sie treiben bequeme Augen­blickspolitik nach dem Grundsätze: apres nous le deluge. Zur Zeit halten sie es für nützlich, mit den Sozialdemokraten gemeinsame Sache zu machen — aus Haß gegen das platte Land.

Der Stuttgarter Oberbürgermeister hat diesen Haß deutlich gezeigt; er hat sich dabei aber zu der heimischen Landesvertretung, in der selbst ein Teil der Demokraten für die Ge- treidezollerhöhung gestimmt hat, in Gegensatz gestellt. Er hat aber auch dem gemeinsamen Beschlüsse der Stuttgarter Gemeindekorpora­tionen zuwidergehandelt, denn dieser vertrat den Standpunkt, daß eine Stellungnahme zur Zollsrage abzulehnen sei. Herr Gauß hat aller­dings die Genugthuung von der Sozialdemo­kratie hoch gefeiert zu werden; aber gerade das ist ein Beweis, daß er die Gesamtintereffen seines Gemeinwesens vollständig außer acht ge­lassen hat. Dabei spielte das Stuttgarter Stadtoberhaupt fich als Freund des Mittel­standes auf — und die Protestgesellschaft klatschte Beifall! Wie stehen denn aber die Großstadtpolitiker zum thatsächlichen Lebens­mittelwucher der Händler-, Diehhof- und Marft- Hallen-Ringe? Wie stehen fie zum Wohnungs­wucher? Wäre eS nicht für sie ratsamer, in ihren vier Phälen dafür zn sorgen, daß diesem wirklichen und haarsträubenden Wucher der Boden entzogen werde?

Den Mittelstand und die Arbeiterbevölkerung der Großstädte drückt nichts so stark, wie der Wohnungswucher; daß aber die Stadtvertreter eine Konferenz einberufen wollten, die fich mit diesem Krebsschaden zu beschäftigen hatte, ver­nimmt man nicht. Der Mittelstand leidet unter den hohen Gemeindesteuern; daß die

„Und es find so liebenswürdige, natürliche, feine Mädchen", sagte Ulla lebhaft und schilderte Herrn Wolzin jene erste Bekanntschaft.

Der reiche Mann war nachdenklich und still geworden. Warum — das sagte er nicht. Mußte er fich doch selbst erst besinnen, inwie­fern er vor Jahren mit dieser Bürgschafts­geschichte zu thun gehabt. Sie schwebte ihm nur noch unbestimmt vor. Bald darauf plauderte er wieder lebhaft mit Ulla und diese hatte das angenehme Gefühl, als wäre er ein alter Freund vor ihr, dem fie mit Offenheit auf alle Fragen antworten konnte.

Als fie dann am Abend, nachdem die Gäste längst geschieden waren, mit dem Vater und Julchen im Garten umher ging und fie die kleinen Erlebniffe deS Tages besprachen, berührte Burghausen die Eigentümlichkeiten, die ihm bei der Braut ausgefallen waren.

„Sie ist nicht häßlich, ihre Augen find sogar schön und doch wirft der erste Eindruck beinahe abstoßend durch den Mangel an Anmut und feinem Geschmack. Ich glaube nicht, daß der Regierungsaffeffor Sympathie für fie fühlt; fie ist so recht ein Mädchen unserer Großstadtkreise, völlig kühl und nüchtern in ihrem Urteil."

„Aber ihren Verlobten liebt fie mit aller HerzenSwärrne", wandte Ulla ein.

Nach meinem Gefühl macht fie ihm zu sehr den Hof. Sie wirbt um ihn — nicht er um fie — daS thut nicht gut. Der Assessor muß fich ihrer Leidenschaft gegenüber Reserve aufer­legen.'

liberalen Stadthäupter aber Schritte thäten )en Grundbesitz und die mit ihm getriebene Spekulation, die von allen städischen Verbesser­ungen und Verschönerungen den größten Vor­teil hat, höher heranzuziehen, daran ist nicht zu denken. Das sind unS schöne MittelstanbS- freunde, die die Sozialdemokratie fördern, die das Bazarwesen und den Lebensmittelwucher der Börsenspekulanten, der Marfthallen- und Diehhof-Ringe begünstigen, die den Grundstück­wucher schalten lassen und die noch obendrein die Landwirte, die nur um den gerechten Lohn für ihre Arbeit kämpfen, beschimpfen.

Umschau

Deutsche und englische Dampfer.

In der heutigen „Truth" wird einmal die Frage erörtert, warum die deutschen Dampfer­linien so vielfach von englischen Passagieren vor den englischen bevorzugt werden. Ein auS Ostasien zurückgekehrter Passagier teilt der „Truth" mit, daß Engländer, welche in Japan leben, ihre Familien auf deutschen Dampfern nach England schicken, weil Unterkunft und Verpflegung auf denselben besser ist und die Passagiere auf denselben höflicher behandelt werden. In Melbourne und Sydney lebende Engländer bevorzugen die deutschen Schiffe aus den gleichen Gründen. In Melbourne wurde (nicht von deutscher Seite) die Geschichte erzählt, daß ein reicher englischer Kaufmann seine Tochter in der Jahreszeit, in der starker Ver­kehr war, nach England schicken wollte und ihm aus den Bureaux der englischen Dampfer­linien gesagt wurde, die Dampfer seien voll und man könne seiner Tochter keinen Platz ver­schaffen. Auf dem Bureau der deutschen Dampfer­linie wurde ihm auch gesagt, alle Kabinen seien belegt, aber man machte es doch noch möglich, seiner Tochter Unterkunft zu besorgen. Der Kaufmann war so erfreut darüber, daß er alle seine Frachten der deutschen Dampferlinie über­trug. Die „Truth" spricht im Anschluß daran die Erwartung aus, es könnte eines Tages ein­mal eine deutsche Paflagierdampferlinie nach Indien eröffnet werden. Der Dienst der Peninsular and Oriental» Linie nach Indien sei seit Jahren ein Gegenstand dauernder Beschwerde aller Engländer in Indien und seit Kurzem sei in Indien eine organisierte Agitation für Schaffung einer Konkurrenzlinie im Werke. Hinzugefügt wird, daß die Fahrpreise der Peninsular and Oriental - Gesellschaft außer­ordentlich hoch seien. Man könne auf den aus­gezeichneten Dampfern der japanischen „Nippon Yusen Kaisha" für geringeren Preis von Europa

Während fie so im Garten auf und ab marschirten, sah Ulla, wie das Mädchen von Oberstleutnants mit einem großen Korb am Arm und einem größeren, sauber in eine Serviette geschlagenen Packet fich durch den Garten nach dem Loch in der Hecke schlich und dort verschwand.

Es war nicht daS erste Mal, daß fie sah, wie die armen Kinder von den beiden lieben Alten versorgt wurden. Und immer erst, wenn die Nacht solche Liebeswege verbarg.

Am anderen Tage saß Ulla mit ihren vier neuen Freundinnen im Schatten großer, alter Ulmen am Berge und mußte den jungen Mäd­chen von der „Millionenbraut" — wie der Bäckerjunge Anna Wolzin heute früh genannt, als er dar Brot ablieferte — erzählen.

„Ich habe immer so ein dunkles Gefühl, als müßte fie ganz anders auSfehen, wie wir Armen! sagte Lina. „Wissen Sie, Utto, so wie im Kindermärchen, mit „goldenen Kleidern angethan."

Sie lachten harmlos dabei und hörten mit staunendem Interesse zu, tote Ulla ihnen er­zählte, Anna Wolzin sei keineswegs hübsch, aber ein kluges, lieber Mädchen mit treuen blauen Augen.

Was fie „an hatte" — der Hut, der aus lauter Blumen zu bestehen schien — alles mußte beschrieben werden — dann kam die Frage: ob Anna wohl in einem goldenen Lette schliefe und in einer Wanne von weißem GlaS badete? Und wie die Villa Wolzin in Berlin wohl sein möchte? (Fortsetzung solH.)